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Wie man seine Frau (zum Segeln) verführt

Der gerissene Genaker

Aug• 17•17

Morgens. Naja. Vormittags. Uwe von der Perithia und ich stehen auf dem Steg. Uwe schaut zum Himmel hinauf:
„Was ist nur mit dem Wetter passiert?“ Ich gucke ihn fragend an. Er sagt:
„Der Wind ist weg und die Sonne auch! Es waren drei bis vier Windstärken vorhergesagt.“
„Wir sind in der Windabdeckung Anholts.“ Uwe schüttelt den Kopf:

Meer, Wellen, Hohe See

Wogen


„Siehst du die Wolken: Die ziehen so langsam… Da ist kein Wind.“ Die tiefer hängenden Wolken scheinen tatsächlich gerade am Himmel zu stehen. Darüber ist eine graue Stratusschicht, so konturlos, dass man darin eh keine Bewegung ausmachen kann. Andererseits habe ich das Phänomen gestern den ganzen Tag beobachtet: Weiter draußen herrschte Wind, während der Hafen in Lee des Berges still und heiß in der Sonne lag… Die Frau von der Grenzenlos kommt vom Brötchen-holen zurück und gesellt sich kurz zu uns, denn bei ihr an Bord scheint noch nicht der wilde Frühstücksaktivismus ausgebrochen zu sein.
Uwe fragt mich:
„Du willst trotzdem los?“
„Ja, auf alle Fälle. Ich nehme es, wie es kommt.“ Genau genommen liebe ich ja Segeln bei Leichtwind.
Die Frau von der Grenzenlos fragt mich:
„Wo willst du denn hin?“
„Wenn es läuft, nach Ebeltoft. Oder zur Not nach Grena.“
Wir schnacken noch ein bisschen. Langsam kommt Unruhe in die Seglerschar. Alle wollen weiter… Ein Boot am Nachbarsteg hat losgeworfen und strebt langsam der Hafenausfahrt zu. An Bord herrscht leise Aktivität. Fender werden verstaut und Leinen aufgeschossen.
„Gute Fahrt!“
„Danke. Euch auch:“
Nach einer Verabschiedungsrunde über den Steg und vielen gegenseitigen Gute-Fahrt-Wünschen, klettere ich an Bord Néfertitis und löse die Leinen.

Kaum sind wir außerhalb des Hafens, wuschelt Rasmus zur Begrüßung durch mein Haar. Gute drei Windstärken. Dabei sind wir noch im Windschatten Anholts! Ich setze Groß und Genua. Ob der Wind durchsteht? Oder ist es nur eine Bö? Ich rigge die Windfahnensteuerung und setze Kurs auf Ebeltoft. Néfertiti marschiert mit vier Knoten gen Südwesten. Halber Wind. Ich stehe im Niedergang, den Rücken bequem gegen das Luk gelehnt und betrachte mein schönes Boot, das seinen Weg durch das kaum bewegte Wasser pflügt. Im Schutz Anholts sind die Wellen nicht nennenswert. Das wird sich vermutlich bald ändern, denn der Wind hatte tagelang Zeit, Seegang aufzubauen.

Nach einer halben Stunde ahne ich, dass der Wind durchstehen wird. Keine Ahnung, warum die Wolken über Anholt still standen. Uwes Beobachtung schien mir scharfsinnig und logisch… Vielleicht eine optische Täuschung? Waren die Wolken höher als gedacht? Zu gerne würde ich ihm eine Nachricht zukommen lassen. Vielleicht wirft er ja einen Blick über die Mole und zieht seine Schlüsse… Das Paar in Elternzeit ist mit mir ausgelaufen. Längst sind sie weit voraus. Sie wollten (wenn ich mich richtig erinnere) nach Mommark. Die Navigation ist einfach. Ich habe die Position des Windparks vom GPS Handy gestern auf die alte Seekarte übertragen. Die riesigen Windmühlen sind hässliche aber verlässliche Seezeichen. Der Wind nimmt zu. Auch der Seegang. Néfertiti schickt sich an den Windschatten Anholts zu verlassen. Vier Windstärken. Fünf Knoten. Mein Herz jubiliert. Für alle Fälle binde ich mich ein. Wäre doch zu doof an so einem schönen Tag über Bord zu fallen und sein Leben zu verlieren…

Auch eine Stunde später habe ich weder die Perithia noch die Grenzenlos auslaufen sehen. Vielleicht war ich aber auch nur zu sehr mit mir beschäftigt… Ich stehe an meinem Lieblingsplatz im Niedergang. Gut verkeilt brauche ich die Bewegungen Néfertitis nicht auszugleichen. Schaue ins Kielwasser. Folge mit Blicken den Blasen, die eben noch unseren Pfad markierten und einen Moment später schon vergangen sind.

Segeln unter Genaker

Unter Genaker

Langsam bekomme ich Hunger. Zeit die Suppe zu wärmen. Aber ich kann mich von dem Anblick der heranrollenden Wellen nicht losreissen. Wunderschön. Der Wind steht mit drei Windstärken durch und Néfertiti klettert anmutig auf die Wellen hinauf und hinab. Weniger anmutig rollt sie aber auf jedem Wellengipfel von Steuerbord nach Backbord und im Wellental wieder zurück. Besonders wenn der Wind gerade etwas schwächer weht. Denn der Seegang kommt von der Seite. Vielleicht sollte ich den Genaker setzen? Allerdings nähern wir uns jetzt dem Windpark. Werden bald in unmittelbarer Nachbarschaft der riesigen Windmühlen segeln. Sozusagen auf Legerwall. Strom scheint uns entgegen zu setzen und leicht in den Windpark hinein. Muss also die Abdrift einrechnend etwas höher halten, auf einen Kurs, der mit Genaker grenzwertig wäre. Nach kurzem Hin und Her habe ich mich entschieden: Mir ist die Manövrierbarkeit unter Genua lieber als die Geschwindigkeit unter Genaker. Aber wenn wir erst den Windpark passiert haben…

Nach einer Weile greife ich nach dem Fotoapparat und mache Jagd auf Wellen. Aber keines der Fotos spiegelt die Anmut und Schönheit der vergänglichen Gebilde wieder. Nicht annähernd. Deren Lebhaftigkeit und auch erstaunliche Höhe lässt sich nicht in Bits und Bytes bannen.

Nach einer gefühlten Stunde reiße ich mich los und verstaue den Fotoapparat. Anholt verschwindet langsam am Horizont. Nicht, dass wir uns auf Hoher See fühlen dürfen. Auf der anderen Seite kommt gleichzeitig Grena in Sicht. An Steuerbord liegt der riesige Windpark. Keine hundert Meter entfernt passiert Néfertiti eines der großen Windräder nach dem anderen. Sicher eine zivilisatorische Errungenschaft, aber keine ästhetische… Die Sonne lugt durch eine Wolkenlücke und der Wind nimmt etwas ab. Drei Knoten kommen mir plötzlich schnarchend langsam vor, dabei habe ich in der Vorbereitung mit drei Knoten gerechnet.

Ich begebe mich zur Pantry und setzte endlich die Suppe auf. Es dauert nicht lange bis sie warm ist. Hmmmm! Am zweiten Tag schmecken Eintöpfe immer noch ein bisschen besser. Heute auch. Ich klemme mich wieder an meinen Platz am Niedergang und lasse meinen Blick schweifen. Löffele Linseneintopf und fühle mich wie ein König. Noch ein Schälchen…

Irgendwann nähern wir uns doch noch dem Ende des Windparks. Ich steige den Niedergang hinunter und arbeite in der Karte. Néfertiti rollt von einer Seite auf die andere und wieder zurück und wieder vor und wieder… Ich muss mich am Kartentisch abstützen. Bin ja erst am späten Vormittag losgekommen. Deswegen werden wir auch erst Abends vor Grena stehen. Wenn ich weiter nach Ebeltoft will, werde ich Morgen früh ankommen. D.h.: Wenn der Wind durchsteht und der nordsetzende Strom nicht noch stärker wird. Néfertiti rollt und rollt und ich spüre eine leichtes Unwohlsein. Den ersten Vorboten der Seekrankheit. Werde mich entscheiden, wenn wir vor Grena stehen. Bis dahin ist es auch noch ein weiter Weg. Ich gehe durch die Kajüte zur Vorpiek und hole den Genaker aus der Segellast.

Meer, Wogen

Kann mich nicht losreissen

Begebe mich wieder an Deck und bereite das bunte neue Segel vor. Kurz zurück ins Cockpit, um die Genua einzurollen und die Windfahnensteuerung auf einen Raumen Kurs zu trimmen. Schnell wieder auf’s Vorschiff. Vielleicht hätte ich mir mehr Zeit lassen sollen…! Ich ziehe den Bergeschlauch hoch und erwarte, dass sich der Genaker mit einem satten Plopp öffnet, aber Néfertiti rollt auch auf dem neuen Kurs wild. Der Genaker schlägt. Anstatt sich zu öffnen wickelt er sich um das Vorstag. Ich habe den Bergeschlauch derweil ganz nach oben gezogen und eile an die Pinne. Luve an. Das große bunte neue Vorsegel kriegt Druck, wickelt sich vom Vorstag ab und öffnet sich endlich mit einem satten Plopp. Im Vorliek ein dreißig Zentimeter langer Dreiecksriss!

Schon vor Ewigkeiten hatte ich mir vorgenommen, die in einen Schäkel eingehängte Schot der Genua in zwei Schoten zu zerschneiden, aber die geknoteten Schoten hatten sich früher immer an den Unterwanten verhakt. Deshalb habe ich mich in den entscheidenden Augenblicken nie dazu durchringen können… Zwar hatte ich darauf geachtet, dass sich die Genua so aufwickelt, dass sie durch den Schäkelbolzen nicht beschädigt werden kann, aber ich hatte nicht an den Genaker gedacht…

Komisch. Obwohl das Loch im Genaker eindeutig meiner Dummheit zuzuschreiben ist, ficht es mich nicht an. Auch nicht, dass das Pendelruder der Windfahnensteuerung immer noch zu groß zu sein scheint. Denn schlagartig hat das zermürbende Rollen aufgehört. Trotzdem trimme ich die Windfahnensteuerung noch einmal auf einen Kurs fast vor dem Wind. Schnappe mir Segeltape, ziehe den Bergeschlauch herunter, flicke das Loch, ohne den Genaker ganz herunter zu nehmen und setze das bunte Leichtwindsegel wieder. Was Sebastian, unser Segelmacher, wohl dazu sagt?! Ich habe seinen schönen Genaker gleich auf der ersten Fahrt zerrissen! Tröste mich mit dem Gedanken, dass mein Genaker jetzt unverwechselbar ist… (Er wird sinngemäß sagen: „Das passiert jedem mal. Kriegen wir wieder hin. Kein Problem…“)

Ich muss von Hand steuern. Bin im ersten Moment etwas enttäuscht. Vier Knoten ist nicht soviel mehr als dreieinhalb. Ich luve etwas an. Plötzlich fängt der Genaker an zu ziehen: 4,3 kn … 4,5 kn … 4,7 kn … Wow! … 5,2 kn … 5,5 kn … Ich falle etwas ab und die Logge geht wieder nach unten. Anluven… Mit satten fünf + Knoten pflügen wir die Wellen hinauf und hinab. Ich fühle den Rollbewegungen nach und habe ein Aha-Erlebnis: Zieht der Genaker richtig, hört das Rollen vollkommen auf! Obwohl der Seegang eher noch zugenommen hat. Néfertiti krängt trotz der großen Segelfläche (70 m²) nur wenig.

Stunden später. Der Himmel steht in orangen Flammen. Atemberaubend. Wir stehen weit vor der scherenschnittartigen Silhouette der Küste. Grena liegt querab. Ich habe mich mittlerweile auf den Genaker eingegroovt: Néfertiti schäumt mit meist 6 Knoten durch die bewegten Seen. Wir könnten Feierabend machen und auf Grena zuhalten. Aber jetzt?! Wo es gerade so gut läuft…?!

Ich bleibe auf Kurs. Langsam senkt sich die Nacht auf eine glückliche Néfertiti herab…

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Dieser Blog Eintrag spielt am 18.9.

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4 Comments

  1. Carsten sagt:

    Hallo Klaus,

    nachdem ich die letzten Tage viel aufgeholt habe, bin ich bei Deinem Blog wieder „online“. ;-)

    Und ich muss sagen, ich bin immer noch hin und weg, wenn ich die die tollen, teilweise sehr persönlichen, Beschreibungen von Deinen Erlebnissen auf See und in den Häfen/Buchten lese.

    Meine Vorfreude auf unseren Törn Ende September von Athen aus wächst auf jeden Fall durch Deinen Blog noch viel stärker. Dankeschön!

    Und wie immer, lieben Gruß auch an die Crew!

    Carsten

    • Klaus Klaus sagt:

      Sorry, dass meine Antwort sooo lange auf sich warten ließ.
      Liebe Grüße an Deine Frau. Bist du die Tage mal auf der Hanseboot? Vielleicht können wir uns ja da treffen?
      Liebe Grüße
      Klaus

  2. Klaus sagt:

    Hallo Klaus, du kannst ruhig bei einem Schäkel an der Genua bleiben, solange er aus Dyneema ist. So einen benutze ich seit Jahren und habe allerbeste Erfahrungen damit. Damit geht nichts kaputt.

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