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Segeln als Digitale Nomaden

Nachtsegeln nach Ebeltoft

Nov• 19•17

Noch hebt sich die Silhouette der Küstenlinie schwarz vor dem etwas helleren Himmel ab. Ich stelle das Ruder fest und schalte die Positionslichter ein, um schnell wieder an die Pinne zurück zu kehren. Halber Wind. Néfertiti schäumt durch die See und nimmt auch die höheren Wellen mit einer Leichtigkeit, die mich in eine stille Form von Ekstase versetzt. So segeln wir in die Nacht.

Nachtsegeln, Sonnenuntergang

Wir segeln in die Nacht hinein


Die nächsten Stunden vergehen im Rausch. Mit hoher Fahrt laufen wir südwärts an der dunklen Küste entlang. 6,5 Knoten… 6,8… Stockfinstere Nacht. Kein einziger Stern am Himmel. Nur der Wind ist zu hören und das Rauschen Néfertitis. Schönstes Nachtsegeln. Allerdings segeln wir auf Legerwall. Voraus blinkt schon eine Weile lang die rote Leuchttonne ihre Kennung in die Nacht hinaus. Jetzt kommt das rote Blinken in Deckung mit dem Leuchtturm Hjelm. Ich sollte also dringend navigieren. Naja. Dazu müsste ich von der Pinne weg. Also den Genaker bergen… Denn das Pendelruder der Windfahnensteuerung ist trotz meiner Bemühungen auf Anholt immer noch zu groß. Solange wir mit Genaker und hoher Fahrt segeln, steuert sie nicht. Könnte auch schnell den Niedergang hinunter springen und mir die Karte ins Cockpit holen…
Plötzlich wird Néfertiti von der Seite angestrahlt. Im ersten Moment glaube ich an einen Suchscheinwerfer. Dann realisiere ich, dass der Vollmond durch die Wolken gebrochen ist. Rings um uns herum weiße Schaumkämme. Ich bin mit dem Genaker längst over the edge! Hätte ich mir bei DER Fahrt auch denken können: Fast sieben Knoten bei dem bewachsenen Unterwasserschiff! Aber ich war im Rausch! Außerdem krängt Néfertiti trotz er gewaltigen Segelfläche kaum.

Ich rigge die Windfahnensteuerung für einen Kurs mit Raumen Wind, um den Genaker im Windschatten des Groß zu bergen. Alles gut. Ich werfe die Halsleine los. Der Genaker fällt in sich zusammen. Gebe die Schot nach. Schnell nach vorne, um den Bergeschlauch herunterzuziehen. Aber Néfertiti ist die Rauschefahrt zu Kopf gestiegen. Übermütig luvt sie an. Als ich vorne ankomme, weht der Genaker knatternd vom Masttop fast waagerecht aus. Wie eine riesige flatternde Flagge. Der Mond versteckt sich wieder und uns umgibt undurchdringliche Finsternis. Ich höre den Genaker mehr, als dass ich ihn sehe. Schlinge die Bergeleine um die Halteaugen am Mast und stürze zurück ins Cockpit. Bringe Néfertiti wieder auf Raumen Kurs. Eile nach vorne. Nicht genug abgefallen. Der Genaker weht immer noch aus. Aber etwas fehlt: Die Bergeleine ist weg! Einen Moment bin ich geschockt. Wie kriege ich das riesige Ding jetzt runter?! Außerhalb meiner Reichweite meine ich die weiße Endlosleine baumeln zu sehen.

Instrumentenbeleuchtung bei Nacht

Nachtsegeln mit blauer Kompassbeleuchtung. Man ist die ganze Nacht geblendet und auf dem Foto ahnt man auch warum…

„Klaus?! Klaus?! Was machst du da für einen Mist?“ Ich eile zurück an die Pinne. Bringe uns richtig vor den Wind. Patenthalse hin oder her. Trimme die Windfahnensteuerung und eile wieder nach vorne. Ich bin bass erstaunt, als ich vor dem Mast ankomme: Der Genaker hängt lasch im Windschatten des Groß. Der Bergeschlauch ist von alleine bis auf die letzten zwei Meter herunter gerutscht. Selbst die Bergeleine schlenkert jetzt in Reichweite.
„Danke Néfertiti!“ Ich greife nach der Endlosleine. Schnell ist der Genaker auch im Finstern abgeschlagen und verschwindet im Segelsack. Ich setze die Genua, trimme die Selbststeuerung und verstaue den Segelsack in der Vorpiek. Jetzt ist Navigationsarbeit gefragt. Wenig später habe ich einen ungefähren Standort und genehmige mir einen heißen Tee. Sitze im Cockpit, die heiße Muck mit den Fingern umfassend. Köstlich.

Der Mond ist wieder hervor gekommen und wirft ein gespenstisches Licht. Ich habe etwas wichtiges über Néfertiti gelernt. Wusste immer, dass sie mehr Segelfläche verträgt, aber nicht, dass wir die Segelfläche fast verdoppeln könnten… Um uns herrschen satte fünf Windstärken. In Böen sicher mehr. Obwohl wir immer noch um die fünf Knoten laufen, habe ich das Gefühl zu zuckeln… Auch gebärdet sich Néfertiti ohne Genaker sehr luvgierig. Diese Luvgierigkeit ist mir in der Vergangenheit immer Anlass gewesen zu reffen. Auch das Rollen setzt wieder ein… Wenn auch lange nicht so schlimm, wie beim Windpark.

Wir passieren die zweite rote Tonne und ich taste mich auf der 6 m Linie um die Huk. Wenn das Segeln auch noch so schön ist: Ich bin jetzt rechtschaffen groggy. Die vielen Stunden Rudergehen fordern irgendwann doch ihren Tribut…

In Sichtweite dr Lichter Ebeltofts berge ich die Segel. Muss jetzt nicht auch noch das letzte Stückchen zum Ankerplatz kreuzen. So starte ich die Maschine und laufe über das flache Wasser auf das Ufer zu.

Gegen zwei Uhr morgens fällt der Anker auf herrlichem Sandgrund. Wassertiefe 3,90 m. Ich lösche die Positionslichter und schalte das Ankerlicht ein. Wir liegen hier geschützt, fast bewegungslos. Ich versorge Néfertiti. Mache klar Schiff. Setze den Ankerball für morgen früh. Sitze schließlich im Cockpit und genehmige mir eine letzte Tasse Tee. Wohlig ermattet lasse ich meinen Blick schweifen. Schaue hinüber zu den Lichtern Ebeltofts. Sie spiegeln sich auf der nächtlichen Wasserfläche. Ich bin angekommen. Nach einem der schönsten Segeltage meines Lebens. So lasse ich den Tag nachklingen, bis der letzte Schluck Tee in der Muck erkaltet ist. Schütte ihn über Bord und gehe unter Deck. Stelle den Becher in die Spüle. Das werde ich morgen abwaschen… Kuschele mich in die warme Koje. Was für ein Glück, den heutigen Tag erlebt haben zu dürfen! Sekunden später bin ich eingeschlafen.

♦♦♦

Kajüte Néfertitis

Am Ankerplatz

Dieser Beitrag meines Segelblogs spielt in der Nacht vom 18.9. auf den 19.9.

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8 Comments

  1. Lucky sagt:

    Schön, dass es weiter geht bei dir!

    Die endlosleine ist bei uns auch immer trickey. Habe sie einmal außen um den Spi geführt, dann war er kaum zu bergen. Man muss da immer sehr genau gucken.

  2. Carsten sagt:

    Moin Klaus,
    Prima das Du wieder Berichte schreiben kannst. Da fehlte doch etwas. Ja , die großen Segel können einen schon schaffen, selbst auf unserem kleinen Kat ist Gennakersegeln immer auch ein Leinenabenteuer.

    Gruß Carsten

    • Klaus Klaus sagt:

      Wenn ihr das ausreitet. Das kann ich mir vorstellen! So gesehen ist es bei uns wahrscheinlich sogar einfacher…
      Liebe Grüße
      Klaus

  3. Klaus sagt:

    Moin Klaus,

    das Problem mit der Bergeleine und überhaupt der Einhandbedienung des Bergeschlauches ist lösbar. Verlänger die Bergeleine so, dass sie über eine Umlenkung am Bug bis ins Cockpit reicht. Dann ist die hin und her Tanzerei zwischen Vorschiff und Pinne vorbei. Du kannst dann mit Pinne zwischen den Knieen dein Boot auf Kurs halten und gleichzeitig den Bergeschlauch bedienen.

  4. Sebastian sagt:

    Huch, da schaut man mal paar Tage bei dir nicht rein und schon geht es weiter. Da kann die Wintersaison ja endlich anfangen. Ich hoffe das ganze IT-Drama hat sich zumindest ein wenig gelegt. Nach dem was du in Hamburg erzählt hast, habe ich erst mal ein BackUp gemacht :D
    Viele Grüße,
    Sebastian

    • Klaus Klaus sagt:

      Das ist bestimmt die bessere Idee … Ich wünschte ich hätte mehr Backups gemacht… Ja, schön, dass wir uns gesehen haben, als Du in Hamburg warst…
      Liebe Grüße
      Klaus

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