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Leben als Digitale Nomaden

Ebeltoft oder: Die Uhr tickt

Nov• 22•17

Trotz der langen Nacht bin ich am nächsten Morgen früh auf den Beinen. Ich pumpe das Dingi auf und rudere an Land. Die gestrige Hochstimmung schwingt immer noch in mir weiter. Ebeltoft, das bedeutet anheimelnde mittelalterliche anmutende Straßen, Kopfsteinpflaster und Fachwerk. Menschen scheint es hier nicht zu geben. Jedenfalls nicht um diese Zeit. Schließlich begegnet mir doch ein eiliger Frühaufsteher. Ich frage ihn nach einem Café. Er bleibt stehen und überlegt.

Ebeltoft Stadtansicht

Noch keiner unterwegs


„Or a bakery?“ Er überlegt weiter. Mit einer Ruhe, die völlig im Gegensatz zu seiner eben gezeigten Hektik steht. Dann sagt er:
„I have a good tip for you!“ Er fasst mich väterlich am Arm und dreht mich in Richtung einer schräg bergan führenden Gasse.
„Take that street, than turn to the left. There is a kwickly. You can buy bread and coffee.“
„Mange tack.“
„You are welcome.“

So finde ich mich am hässlichsten Platz des wunderschönen Ebeltoft wieder, trinke bester Laune meinen Kaffee und schreibe. Quasi im Eingangsflur eines Supermarktes. Hier stehen drei Tische. Nach einer Weile setzt sich eine Großmutter beschwerlich und umständlich an den Nachbartisch.
„Hej.“ grüßt sie, als sie endlich sitzt.
„Hej.“ In ihrem Einkaufswagen liegt nur eine riesige Kiste Kekse. Ich schreibe weiter. Nach einer Weile erhebt sie sich wieder ebenso umständlich und leise stöhnend. Ich lächele ihr zu und sie überschüttet mich mit einem Wortschwall auf Dänisch. Ich verstehe kein Wort.
„Sorry, but I don’t speak much Danish.“ Sie hält sich an ihrem Einkaufswagen fest und fragt:
„What are you writing?“
„I travel with a small sailingboat and write my diary.“ Die Enttäuschung steht ihr ins Gesicht geschrieben.
„Oh. I thought, you are a writer.“ Ich will sie nicht so enttäuscht gehen lassen und sage:
„Actually I am a writer. My first book was published in August.“ Sie lächelt breit:
„I knew that, the moment I saw you.“ Sie scheint ganz beglückt einen „Writer“ gefunden zu haben, also frage ich sie:
„Do you write, too?“
„Yes, I am on my way to my desk now. I am writing about Tantra. Do you know about Tantra?“
Zehn Minuten später kommt mir die Absurdität der Situation zu Bewusstsein. Ich frage mich, ob ich hier tatsächlich irgendwo am Arsch der Welt von einer Großmutter in die Geheimnisse des Tantra eingewiesen werde… Der direkte Weg für extrovertierte Menschen… Am Ende verabschieden wir uns wie alte Freunde. Die alte Dame ist ganz beglückt einem „Writer“ begegnet zu sein.

Auf dem Weg zurück zum Boot ruft Ima an:
„Wegen des Films: Du hattest Recht. Ich habe losgelassen. Sollen die beiden Festivals das miteinander ausmachen.“
In der Kajüte plane ich die Etappen für die nächsten Tage. Zusammen mit der Langzeitwetterprognose. Die Uhr tickt. Meine Zeit läuft ab. Ich kann es kaum glauben. Ich will nicht zurück!!! Morgen Arhus, um die Batterie zu reklamieren. Da klingelt das Handy. Eine SMS von Lucky. Sie sind auf dem Weg nach Ebeltoft und morgen nach Arhus. Das passt doch perfekt! Mal sehen, ob ich dort etwas in Sachen Batterie ausrichten kann, die einfach nicht ordentlich lädt.

Ebeltoft Fischerhafen

Am Hafen

Eigentlich wollte ich jetzt das Serienkonzept ausarbeiten, das mir in Göteborg in den Sinn gekommen ist. Aber da sind auch noch ein paar Rostflecken, die ich neulich mit Rostschutz bearbeitet habe, über den jetzt weißer Lack gehört. Etwas Aufräumen sollte ich auch, der Motor will gewartet werden. Ich mache mich an die Arbeiten… Ich bringe gerade die Motorabdeckung wieder an, da summt das Handy. Eine neuerliche SMS von Lucky:
„Néfertiti in Sicht! Kommen vorbei!“

Ich strecke den Kopf zum Luk heraus. Im Fahrwasser nähert sich die Eisbeere. Ich texte zurück: „Wassertiefe 3,80 m“ Dann baue ich in Windeseile die Motorschots zurück. Mein Blick wandert durch die Kajüte. Ja. So können wir uns sehen lassen! Als ich den Niedergang hinauf steige, ist die Eisbeere weiter gen Hafen gefahren. Wieder meldet sich mein Handy und ich kann der Nachricht entnehmen, dass meine SMS, die ermutigen sollte, eher eingeschüchtert hat. Also steige ich ins Dinghy, um die drei im Hafen zu besuchen. Ich lande an und laufe immer am Wasser entlang Richtung Hafen. Derer gibt es einige in Ebeltoft. Auf dem Weg klingelt das Handy. Ima! Ich nehme das Gespräch an. Sie ist ganz aufgeregt:
„Du glaubst es nicht: Ich habe losgelassen und schon haben sich die Festivals geeinigt. Jeanne d’Arc Masraya wird seine Premiere in Dubai haben!“ Das ist Imas Wunschfestival. Sie ist überglücklich. Da kommen mir Lucky, Thomas und H.M. auch schon entgegen. Die Begrüßung ist herzlich. Wie alte Freunde. Wir schlendern gemeinsam durch den hübschen Ort und finden uns in einer Eisdiele vor einem riesigen Eisbecher wieder. Jeder einen! ;)

„Hast du Lust mit uns zu Abend zu essen?“ Klar. Habe ich. Lucky hat den Ruf ein begnadeter Koch zu sein. Vorher wollen die drei noch einkaufen. Ich begleite sie. Während Lucky und H.M. voraus laufen, komme ich mit Thomas in ein Auf-einer-Wellenlänge-Gespräch. Der Arzt fotografiert und filmt viel. So stehen wir noch auf dem Steg, während Lucky im Cockpit anfängt Kartoffeln zu schälen.
„Wollt ihr nicht mal helfen?“ Eigentlich ja, aber wir sind gerade ins Gespräch vertieft… Thomas sagt:
„Ach nicht jetzt.“ Ich bin beeindruckt, wie klar er das ausdrückt, was ich auch gerade gedacht habe, aber niemals gesagt hätte. Würde mir gerne ein Scheibe von dieser Authentizität abschneiden. Wenig später klettern wir dann doch an Bord, um zu helfen, aber da ist die Arbeit schon getan. Lucky nimmt es uns nicht krumm. Es wird ein wunderschöner Abend. Es gibt einen Brokoli-Kartoffel-Auflauf… Allerdings ohne Brokoli, der im Laufe des Tages an Bord unbemerkt verdorben ist. Dafür mit Champions. War echt lecker, Lucky! Als ich schließlich zum Dinghy zurück laufe, ist die Nacht längst herein gebrochen. Überall brennen die Laternen, und wo sie nicht brennen, ist es stockfinster. Wer denkt nachmittags daran, für die Nacht das Ankerlicht zu setzen?

Ebeltoft

Am Hafen

So stehe ich etwas ratlos bei unserem Dinghy und schaue in die Nacht hinaus. Vor mir liegt schwarz und konturlos die Bucht von Ebeltoft. Eingerahmt von Wald und Ufer. Néfertiti ist auf der weiten Wasserfläche nicht auszumachen. Hm! Zur Not kann ich sicher auf der Eisbeere unterkommen, aber erst einmal beschließe ich in die Richtung zu rudern, in der ich Néfertiti vermute. Wenn ich näher dran bin, entdecke ich sie vielleicht. Ich rudere vorwärts schauend, um freien Blick zu haben. Bei jedem Ruderschlag leuchtet das Meer auf. Nicht grün oder blau glitzernd, sondern milchig weiß. Meeresleuchten. Fische, die vor Ben Nemsis flüchten, ziehen meterlange Schweife hinter sich her. Atemberaubend schön. Wusste gar nicht, dass es hier so viele Fische gibt. Während ich auf den vermeintlichen Ankerplatz Néfertitis zu rudere, kann ich mich an diesem Wunder der Natur kaum satt sehen. Langsam müsste ich allerdings Néfertitis Ankerplatz erreicht haben… Irre ich mich?! Da fällt mir ein, dass ich ja das Handy dabei habe. Sprich das GPS. Da wird zwar Néfertitis Position nicht angezeigt, aber vom Kartenbild her glaube ich relativ genau zu wissen, wo Néfertiti ankert. Kaum habe ich das gedacht, gewahre ich vor mir einen Schemen in der Dunkelheit: Néfertiti. Ich gehe längsseits und klettere erleichtert an Bord. Schalte als erstes das Ankerlicht ein, bevor ich Ben Nemsis auf das Vordeck hieve und fest lasche.

Bald habe ich mich gemütlich in meine Koje gekuschelt. Die Uhr tickt: In anderthalb Wochen muss ich arbeiten. Es gibt nur ein Problem: Ich will nicht zurück. Ich will nicht! Wer einmal diese Freiheit gekostet hat…

♦♦♦

Dieser Eintrag meines Segelblogs spielt am 19.9.

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8 Comments

  1. David sagt:

    So schön endlich wieder von dir zu lesen!

    Liebe Grüße

  2. Martin sagt:

    Hallo Klaus,
    Schön dass es mit dem Blog weitergeht, immer wieder schön geschrieben. Das „Ich will nicht“ find ich sehr verständlich:-)
    Zum Thema Ankerlicht ein kleiner Tipp: es gibt (zumindest hier im Süden) wasserdichte Blinklichter mit Dämmerungsschalter für ca. 5,- Euronen. Made in China und natürlich nicht Bsh zugelassen ;-) aber da findet man sein Boot wieder wenn man mal das Ankerlicht vergessen hat oder in der vollen Bucht das Boot vor lauter Masten mit Ankerlichtern nicht wiederfindet. Gruß Martin

  3. Lucky sagt:

    Ja, mit dem Brokkoli stehe ich in letzter Zeit irgendwie auf Kriegfuss. Allgemein ist die Lagerung von Gemüse auf dem Boot ja nicht immer ganz leicht. Bei uns hat sich einfach ein offener Karton unter dem Tisch bewährt. Da steht es sicher und kriegt gut Luft. Aber trotzdem geht immer mal wieder was kaputt…

    • Klaus Klaus sagt:

      Mangels Platz unter dem Tisch haben wir einen großen Korb mit Obst und Gemüse auf dem Tisch… Allerdings essen wir an Bord meist beduinisch, sitzen auf der Koje, die Schüssel in der Hand und, wenn es ein Gläschen Wein dazu gibt, dieses auf dem Tisch abgestellt. Zwar könnten wir den Tisch für jede Mahlzeit in den Gang drehen, aber das machen wir nur bei außergewöhnlichen Anlässen. Denn der ausgedrehte Tisch versperrt den Weg zum Vorschiff…
      Liebe Grüße :)
      Klaus

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