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Segeln als Digitale Nomaden

Von der Eisbeere versägt

Nov• 27•17

Ich wache früh auf, strecke den Kopf zum Luk hinaus. Der Wind hat auf Nordwest gedreht. Es ist kalt. Die Luft riecht nach Herbst. Ich ziehe den warmen Pullover an, koche einen Tee für später und steige den Niedergang hoch an Deck. (Übrigens immer mit Schwimmweste und Lifeline, auch auf so einfachen Etappen wie heute) Die Eisbeere wird uns unterwegs einholen. Vielleicht können wir dann gegenseitig Fotos unter Segeln machen…

Schauspiel am Himmel

Unter Genaker läuft es ganz gut


Ich hole Néfertiti kurzstag, löse die Zeisinge, mit denen das Groß auf dem Baum fest gebändselt ist und heiße das Groß vor. Flatternd steigt es nach oben. Ich löse die Dirk, gehe vor auf das Vorschiff und breche den Anker aus. Während ich den Anker festlasche, fällt Néfertiti von alleine ab. Obwohl die Großschot losgeworfen ist, bekommt das Segel Druck. Néfertiti nimmt Fahrt auf und dreht wieder in den Wind. Ich gehe ohne Hast zurück ins Cockpit und rolle die Genua aus. (Back) Néfertiti fällt ab. Genua über und Groß dicht holen. Leise plätschernd nimmt Néfertiti Fahrt auf. Läuft mit zweieinhalb Knoten hoch am Wind. Immer dicht an der Untiefe entlang.

Augapfelnavigation im Norden: Man kann am hellen Grund sehen, wo es flach wird. Schließlich hat Néfertiti die letzte grüne Tonne zu fassen und ich kann abfallen. (Da man die Untiefe so deutlich sehen kann, schnibbele ich und lasse die Tonne deutlich auf der verkehrten Seite.) Windfahnensteuerung trimmen, Genua einrollen und Genaker setzen. Schon segeln wir mit dreieinhalb bis fünf Knoten südwärts. Heidewitzka! Mein Blick wandert zurück, aber die Eisbeere ist noch nicht unterwegs. Erst, als ich mich der Huk nähere, taucht in der Hafenausfahrt ein Segelboot auf. Das könnten sie sein.

Segeln in Dänemark

Die Eisbeere holt stetig auf

Ich luve an und laufe (etwas zu dicht) unter der Steilküste entlang. Gerate in den Windschatten. Die Fahrt nimmt ab. Immer wieder geht der Blick zurück, aber noch ist die Eisbeere hinter der Huk verborgen. Wenn sie es denn war. Zeit, um endlich meinen Tee zu genießen. Ich schenke mir einen Schluck des köstlichen Tranks ein. So fühlt sich Glück an!

Néfertiti passiert den Leuchtturm Sletterhage und in der Ferne ist die Stadtsilhouette von Arhus in Sicht gekommen. Es ist aber noch weit. Mit dem Genaker kann ich nicht hoch genug am Wind segeln, um Arhus anliegen zu können. Also segele ich etwas zu tief, mit der Absicht den Genaker später zu bergen und das letzte Stück unter Genua hoch am Wind zurückzulegen. Toller Plan. Als ich den Genaker schließlich herunter hole, werden aus den vier Knoten zwei…und aus den zwei Knoten anderthalb… Die Eisbeere (inzwischen ist klar, dass es sich bei dem Segel hinter uns um die Eisbeere handelt) holt rasant auf.

Als würden wir stehen

Die Eisbeere versagt uns

Dann sind sie da und überholen uns, als würden wir stehen. Sie wenden, fallen ab, segeln um uns herum… Wildes Fotoschießen. Schließlich wendet die Eisbeere ein letztes Mal für einen weiten Schlag nach Norden, während ich mein Glück auf geradem Weg versuche. Auf den Sendemast zu. Wenig später schläft der Wind bei mir vollkommen ein. Die Drei von der Eisbeere beweisen das bessere Gespür für den Wind. Während ich irgendwann die nicht einmal mehr flappenden Segel berge und den Motor starte, segeln sie bis kurz vor die Hafeneinfahrt. (Und sind trotzdem vor mir da!)

Im Hafen finde ich nach einigem Suchen ein Plätzchen für Néfertiti. Kaum ist das Boot versorgt, überfällt mich der Große Hunger. Ich mache mir ein paar Brote und koste den Käse, den ich in Ebeltoft gekauft habe. Der Yachtausrüster hat geschlossen, bei dem ich die Batterie erstanden habe, die bis heute nicht ein einziges Mal richtig geladen hat, auch nicht mit Ladegerät. Ich verschiebe die Auseinandersetzung notgedrungen auf morgen früh… Bin lose mit Hans Christian verabredet, den Ima und ich in Hals kennengelernt hatten. Allerdings schafft er es nicht und sagt mir am Nachmittag ab.

Abends lädt mich Lucky wieder auf die Eisbeere ein. Als ich an Bord komme, sitzen die drei beim Abendessen. Auf dem Salontisch steht ein viertes Gedeck. Schöne Geste. Eigentlich sollte ich ja satt sein, aber ich koste trotzdem den leckeren Salat. Zuerst aus Gesellschaft, aber dann kann ich doch nicht widerstehen und nehme mir noch ein zweites Mal … Der Ton zwischen uns ist inzwischen flachsend und kameradschaftlich und ich fühle mich in der Runde sauwohl.

Segeln nach Artus (Dänemark)

Der Wind schläft ein

Lucky erzählt sehr bescheiden über seine Regattaseglerzeiten:
„Da gab es einen, DER konnte wirklich segeln. Dagegen waren wir…“ Ich denke mir meinen Teil: Trainingslager in Hyères. Wer dahin eingeladen wird, kann segeln. Wirklich segeln. ;)

Es ist spät, als ich die fröhliche Runde verlasse. Morgen werden sich unsere Wege trennen. Die Drei wollen nach Juelsminde. Ich werde nach Endelave segeln. Was für eine schöne Begegnung! Beschwingt stapfe ich über die Stege um das ganze Hafenbecken herum, denn Néfertiti ist hinter der Hafeneinfahrt rechts abgebogen und die Eisbeere links…

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Dieser Blog Eintrag spielt am 20.9.

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2 Comments

  1. Lucky sagt:

    War wirklich schön mit dir!

    Als ich nach unserem Treffen in deinem Buch weiter gelsen habe, meine ich mich zu erinnern, dass ich eine ähnliche Geschichte auch dort gelesen hab. Aber jetzt kann ich sie nicht mehr finden. Es ging ja im Kern darum, dass ein anderer bei der Testregatta einen Eimer hinter sich her gezogen – und trotzdem gewonnen hat. Also DER war wirklich schnell ;).

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