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Wie man seine Frau (zum Segeln) verführt

Engelchen und Teufelchen

Dez• 05•17

Als ich morgens aufwache, herrscht strahlender Sonnenschein… und herrlicher Segelwind! Drei Windstärken. Engelchen und Teufelchen liegen sofort im Clinch.
„Los, los! Man lässt keinen guten Segelwind ungenutzt verstreichen!“
„Ach nee. Du möchtest doch gerne Endelave kennenlernen.“ Die Luft ist zwar herbstlich frisch, aber die Sonne wärmt. Sicher ist es schön durch das Örtchen zu schlendern.
„Nachmittags soll Flaute herrschen!“
„Aber Endelave ist so schön.“
„Das Segeln wird auch schön sein. Um nicht zu sagen: Großartig!“

Schlauchboot am Landeplatz

Dinghy in Endelave

Die Segler wird es verwundern, die Mitsegler vielleicht weniger: Endelave gewinnt. Ich könnte ein paar frische Sachen einkaufen. Mache Ben Nemsis klar und rudere zur Hafenmole, wo eine Leiter ins Wasser führt. Mache das Beiboot fest und klettere hinauf. Auf einem großen Schild am Hafen steht, dass der Kobmand erst um 10 Uhr öffnet. Das dauert noch. Aber jetzt bin ich schon mal hier. Ich schlendere vom Hafen in den Ort, finde mich plötzlich vor dem Kobmand wieder. An der Tür hängt ein anderes Schild. Demzufolge öffnet er sogar erst um 11 Uhr …

Ich nehme es gelassen und schlendere weiter. Fühle mich im Innersten beglückt, durch die Straßen des verschlafenen Örtchens zu stromern. Auf einer Terrasse stehen ein paar Tische und Stühle. Eine Frau sitzt in der Sonne und trinkt ihren Kaffee. Wer hätte gedacht, dass es in diesem verschlafenen Nest ein Café gibt? Sind doch nur ein paar Häuser… Schade, dass ich mein Tagebuch nicht dabei habe. Auf dem Rückweg kann ich nicht widerstehen und kehre ein. Vielleicht kann mir jemand Papier und Stift geben… Das vermeintliche Café entpuppt sich als Hotel. Ich stehe in der Lobby und drücke die Klingel. Daraufhin eilt eine Frau mittleren Alters herbei, mehrere Tatoos auf den Waden. Es stellt sich heraus, dass sie selbst Gast des Hauses ist. Trotzdem versucht sie mir zu helfen, geht die Treppe hinauf, ruft, kommt zurück, öffnet verschiedene Türen. Niemand da.
„Was wolltest du denn?“
„Ach, nur einen Kaffee trinken.“
„Achso. Dann lade ich dich ein. Ich habe noch Kaffee.“ Sprichts und eilt in einen Esssaal, kommt mit Thermoskanne und Becher zurück. Ich setze mich draußen zu ihr auf die Terrasse. So hilfsbereit sie eben war, ein Gespräch kommt nicht so recht in Gang. Also freue ich mich hier schön in der Sonne zu sitzen. Kurz darauf entschuldigt sie sich und ich bleibe gemütlich auf der Terrasse zurück. Bin voller stillem Glück. Aber der Wind lockt. Ich trinke aus. Finde niemanden, um mich zu bedanken und breche auf. Schlendere zum Hafen zurück.

Kirche von Endelave

Endelave, vom Ankerplatz aus gesehen

Ich rudere hinüber zu Néfertiti, setze das Groß, hole den Anker auf und rolle die Genua aus. Genua back. Néfertiti fällt ab. Genua über. Néfertiti nimmt Fahrt auf. Wir segeln am Ufer entlang. Eigentlich sollte es tief genug für uns sein, aber vor mir scheint das Wasser so hell… Wie eine Untiefe … Laut Karte sollte es tief genug sein… Zweifel befallen mich: Ich sehe doch, dass es vor uns flach wird… Langer Rede, kurzer Sinn: Ich misstraue der alten Karte und falle ab. Sicher ist sicher. Also halten wir auf die Untiefentonne Nord zu, die da wohl auch nicht zum Spaß ausgelegt wurde. Zücke das Handy. Eigentlich sollte es auch laut Navionics bei der Untiefe tief genug sein. Aber ganz deutlich sehe ich die Sandbank hell durch das Wasser scheinen. Jetzt haben wir auch schon den halben Weg zur Tonne zurückgelegt. Heute wird nicht geschnibbelt. Punkt.

Wenig später runden wir die Untiefentonne auf der richtigen Seite und laufen mit vier Knoten gen Fredericia. Als die Fahrt eine halbe Stunde später unter drei Knoten sinkt, rolle ich die Genua ein und setze den Genaker. Das Aufwändige dabei ist die Schotführung. Immer wieder verkrangeln sich die Schoten und müssen zeitraubend klariert werden. Seit einiger Tagen lasse ich deshalb die Schoten und Niederholer angeschlagen und löse sie vom Schothorn bzw. Hals des Genakers. Das spart viel Zeit.

Das Glück ist perfekt. Sogar die Windfahnensteuerung bequemt sich zu steuern. Ich stehe im Niedergang und starre auf die vorbeiziehenden Blasen. Mein Blick folgt ihnen und bleibt am Kielwasser hängen, dieser naja.. gerade etwas weniger schaumigen Bahn, die stetig vergeht. Ich liebe meine kleine heimelige Welt. 229°. Geschätzte 5 – 10° Abdrift. Kaum Welle. Das Leben ist so schön.

Das Ding mit „Kaum Welle“ ist allerdings so eine Sache: Denn eine Stunde später nimmt der Wind gewaltig ab. Plötzlich reicht der Winddruck auch für den Genaker nicht mehr aus und Néfertiti beginnt zu rollen. Bei jedem Überholen schlagen die Segel. Dabei haben wir immer noch den Ankerplatz auf der Westreede vor Aebelö in Sicht. Irgendwie habe ich das Gefühl rückwärts zu segeln.

Wind und Flaute in einem Bild

Die Windgrenze

Nach einer Weile zücke ich das Handy. Tatsächlich. Ein Gegenstrom zieht uns mit 0,7 Knoten rückwärts. Notgedrungen berge ich den Genaker (Lasse ihn aber für alle Fälle angeschlagen, um ihn schnell wieder setzen zu können) und starte die Maschine. Engelchen (oder ist es Teufelchen) ist großzügig genug keinen Kommentar abzugeben. Zehn Minuten später berge ich auch das Groß, das nur nutzlos hin und her schlägt. Aber es ficht mich nicht an. Bin ja sehenden Auges in diese Situation gesegelt. Endelave ist es alle Male wert gewesen. Habe meiner Chefin eine SMS geschickt. Sie antwortet und räumt mir ungefragt noch das Wochenende als Puffer ein. Danke. Aber das werde ich nicht in Anspruch nehmen. Nehme ich mir fest vor. Morgen kommt David. Obwohl gerade alles bestens läuft, freue ich mich auf die Gesellschaft. Mal sehen wie es ihm geht… Und wie wir miteinander auskommen…

Eine Stunde später. Néfertiti tuckert vor sich hin. Mit einer Leine habe ich das Ruder festgestellt und suche mit dem Fernglas nach der nächsten Tonne. Was ist das? Vor uns sieht das Meer irgendwie schmutzig aus. Als würden wir auf einen riesigen Flecken voller schwimmenden Mülls zu segeln. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass da nichts im Wasser schwimmt. Das sind Wellen.
„Windsee, Klaus!“ Es ist genauso wie gestern. Da vorne ist die Flaute zu Ende! Wenig später überfahren wir die magische Linie und befinden uns im Bereich des gelobten Windes. Drei bis vier Windstärken. Südwest. Werden wohl kreuzen müssen. Aber wen ficht das an, wenn er nach langer (naja) Motorfahrt wieder segeln kann?

Ich setze Genua und Groß und gehe hoch an den Wind. Wir können sogar anliegen! Vier bis fünf Knoten. Mein Herz jubiliert. So laufen wir auf Fredericia zu. Ich will nicht in den Hafen, sondern jenseits des Fahrwassers ankern, bzw. an die Muringboje gehen, die ich auf der Karte entdeckt habe.

Segeln in die Nacht hinein

In die Nacht hinein

Die Dämmerung setzt ein. Wir haben noch fünf Meilen vor uns. Néfertiti läuft in die hereinbrechende Nacht hinein. Ich schalte die Positionslichter ein. Im engen Sund setzt der Gegenstrom sicher noch stärker. Will es gar nicht so genau wissen. Voraus mache ich ein seltsames Richtfeuer aus, das nicht in der Karte eingezeichnet ist. Wo soll das hinführen?! Längst haben wir den Leuchtturm Strib ausgemacht. Ich orientiere mich erst einmal an ihm. Trotzdem irritiert mich dieses seltsame Richtfeuer, dass in der Karte nicht eingezeichnet ist. Der Wind hat mit Einbruch der Nacht nachgelassen. Wir stehen jetzt im Sund und machen gegen den starken Strom nur wenig Raum gut. Ich muss schließlich noch aufräumen, das Schiff für David vorbereiten. Schließlich wollen wir einen guten ersten Eindruck machen. Ima würde schmunzeln, wenn sie mich jetzt sähe (Ich schmunzele auch): Ich berge die Segel und starte die Maschine. Es ist mittlerweile stockfinster. Endlich begreife ich, was das für ein Feuer ist. Kein Richtfeuer sondern die Flugwarnfeuer der Sundbrücke. Die Lichter an Land blenden und ich kann die Tonnen kaum ausmachen…

Im Schap finde ich das Handy und schalte das GPS ein. Wenn es wirklich auf drei Meter genau ist, sollte ich die Muringtonne vor der Landzunge von Strib finden. Inzwischen ist der Wind eingeschlafen. Trotzdem ist es kalt. Noch hundert Meter. Ich drossele die Geschwindigkeit. Fünfzig. Nichts zu sehen. Laut GPS sind es noch Dreißig Meter… Zehn… Nichts… Wir sind vorbei. Ich stoppe auf. Suche. Fahre weiter zur zweiten Tonne. Die Lichter an Land blenden. Zwanzig Meter… zehn… aufstoppen… Die Tonne müsste direkt querab liegen. Nichts. Da! Da ist ein Schemen. Ich fahre vorsichtig darauf zu. Tatsächlich eine Tonne. Kann aber keine Möglichkeit entdecken, daran festzumachen. Ich gehe unter Deck und hole den Handstrahler hervor. Wo ist jetzt die Boje? Leuchte in die Richtung, in die das GPS weist und entdecke tatsächlich die Boje ein paar Meter ab. Keinerlei Möglichkeit eine Leine zu befestigen. Die vermeintlichen Muringbojen sind gar keine!

Also laufen wir Richtung Ufer ab und ankern in sicherer Entfernung. Auf 3,80 Meter Wassertiefe. Ich lösche die Positionslaternen und schalte das Ankerlicht ein. Bin mehr müde als hungrig und kuschele mich bald in den Schlafsack. Aufräumen kann ich auch morgen noch…

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Dieser Blog Eintrag spielt am 22.9.

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