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Wie man seine Frau (zum Segeln) verführt

Der Navigator

Jan• 15•18

Heute soll es nach Kiel gehen. David steht über die Seekarten gebeugt. Er bereitet unseren Törn vor. West vier sind angesagt, aber davon ist im Moment nicht viel zu spüren. Ich stelle ihm einen Haufen Fragen. Z.B.:
Wenn sich das Wetter ändert, wo könnten wir Schutz finden? Wie sind die Distanzen? Wann könnten wir ankommen? Gibt es Besonderheiten die man berücksichtigen müsste? Untiefen? Sperrgebiete? Wie dicht ans Ufer könnten wir heran segeln? Was bedeutet Westwind für uns generell? Könnte der Wind drehen? In welche Richtung? Erwartest du die Ausbildung einer Seebrise? Was würde das ändern? …

Genaker segeln

Das Herz geht auf, sobald dieses große bunte Segel steht


Gewissenhaft und präzise beantwortet David Frage um Frage. Als Hannah damals Kontakt zu mir aufgenommen hatte, mit der Bitte ihrem Freund eine Weihnachtskarte von Segler zu Segler zu schicken, schrieb sie, sie würde ihn immer mit Booten in Verbindung bringen. Damals hatte mich das etwas erstaunt, schließlich hatte er ja wenig Erfahrung, aber jetzt geht es mir genauso. Habe das Gefühl ein außergewöhnliches Talent vor mir zu haben.

Schließlich legen wir ab. Es ist noch früh. Die angekündigte Brise will sich nur noch mal eben den Lippenstift nachziehen, oder vielleicht doch die anderen Schuhe? Überhaupt vielleicht lieber Jeans statt Sommerkleid… Sie kann sich nicht recht entscheiden und verpasst unsere Verabredung am Leuchtturm Kalkgrund. Bis dahin sind wir unter Motor gelaufen. Jetzt stoppen wir die Maschine und setzen den Genaker. Statt mit der angekündigten 4er Brise vergnügen wir uns mit einer charmanten 1-2er Brise. Bin so glücklich über die warmen Farben, die wir für den Genaker gewählt haben. Irgendwie kriegt man gute Laune, wann immer das orange-rote Segel steht. Néfertiti plätschert über eine unbewegte See. Von dem gestrigen Unbill ist überhaupt nichts mehr zu spüren. David nimmt seine Navigatorentätigkeit so ernst, dass es eine Freude ist. Also frage ich ihn:
„Wie weit ist es noch? Wenn wir so weiter fahren, wann würden wir ankommen?“
„Dazu müsste ich wissen, wo wir jetzt sind…“
„Genau.“
Er sucht nach Peilobjekten und findet einen Leuchtturm an der Küste. Ich habe ein Blechmodell dieses Leuchtturms hunderte Male im Laden meines Freundes Olli (Elbufer.de) verkauft. Diesen Leuchtturm würde ich überall erkennen. Falshöft. David sagt:
„Das ist der Leuchtturm von Schleimünde… “ Ich hülle mich in Schweigen.

David mit Fernglas

Kalkgrund, die angekündigte Brise verspätet sich

“…Obwohl… Doch … Das muss doch der Leuchtturm von Schleimünde sein… ?!“ Mal sehen, wie sich das entwickelt…
„Hm.“ Er würde so gerne loslegen, aber gleichzeitig ahnt er, dass irgendetwas nicht stimmt. Ich sage:
„Gute Navigatoren zweifeln immer. Was stört dich?“
„Ich sehe das Lotsenhaus nicht.“ Er greift nach dem Fernglas und schaut hinüber zu dem Turm.
„Nur das Lotsenhaus fehlt?“
„Ich sehe auch keine Tonnen.“
„Du bist also im Zweifel, ob das der Leuchtturm Schleimünde ist?“
„Ja.“ Er nimmt das Fernglas herunter und guckt mich fragend an.
„Klar, kann ich dir die Frage beantworten, aber sieh mal selbst. In solchen Situationen ist es immer gut sich von allen Prämissen frei zu machen. Was wissen wir definitiv?“
„Das ist ein Leuchtturm.“
„Sehr gut.“ Er wendet sich wieder der Seekarte zu.
„Hier gibt es noch einen still gelegten Leuchtturm… Falshöft… Es könnte auch Falshöft sein.“
„Aber du bist nicht sicher?“
„Nein.“
„Was machst du jetzt als Navigator? Das Boot, die Sicherheit aller hängt von deinen Überlegungen ab.“ (In der Dramaturgie nennen wir das: Die Stakes erhöhen ;) ) David überlegt. Gestandene Navigatoren mögen schmunzeln, aber wenn man sich neu in eine Materie einarbeitet, muss man mitunter das Rad für sich erst einmal neu erfinden. Bei David dauert es nicht lange, bis der Groschen gefallen ist:
„Ich hab’s!“ Er liest die Logge ab und trägt in der Seekarte die Meilen ab. Dann peilt er den Leuchtturm.
„Das ist Falshöft. Wir können noch gar nicht vor Schleimünde stehen! Peilung und abgelaufene Distanz passen allerdings zu Falshöft.“ Irgendwie bin ich stolz auf den Kerl.

Reflexionen des Genakers im Wasser

Farbspiele

Néfertiti zieht gemächlich ihre Bahn. Mit zwei Knoten werden wir heute nicht mehr nach Kiel kommen. Wir hängen unseren Gedanken nach, dann sprudelt mal wieder ein Gespräch. Ein wunderschöner Leichtwindtörn. Ganz nach meinem Geschmack. Gelegentlich wird der Navigator aktiv. Jetzt schaut er von den Karten auf:
„Ich glaube, wir kommen heute nur bis Schleimünde.“
„Ja, das glaube ich auch.“
„Dann könnten wir die Giftbude besuchen!“ Ein Muss für jeden Ostseesegler. Auch ich war noch nicht dort.
„Gerne. Heute Abend gehen wir zur die Giftbude!“ Morgen sind noch leichte Winde vorausgesagt. Danach soll es zwei Tage mit Starkwind wehen, aber da werden wir im Nordostseekanal unterwegs sein. So werde ich pünktlich zu Arbeitsbeginn in Hamburg sein… Bei dem Gedanken blutet mein Herz. Ich will nicht zurück!

Ich schaue mir zwar die Karte auch kurz an, aber David lotst uns sicher durch die Einfahrt der Schlei. Vorher haben wir die Segel geborgen… David hat die Segel geborgen… Nicht, dass ich mich drücken würde, aber David ist ganz wild darauf alles auszuprobieren, selber zu machen, zu lernen, bzw. zu üben.

Genaker segeln

Unter Genaker nach Schleimünde

Ich mache David aufmerksam:
„Fällt dir etwas auf?“  Vor der Hafeneinfahrt setzt kräftiger Querstrom.
„Der Strom?“
„Ja.“
Kurz darauf tuckert Néfertiti mit einem gewissen Vorhalt auf die Hafeneinfahrt zu und schlüpft durch die schmale Einfahrt in den Hafen. Die freien Boxen sind riesig. Von Pfahl bis Steg ist einiges an Strecke zu überwinden. Die Pfähle stehen in Schleimünde passend zur Boxenlänge weit auseinander. Zumindest auf unserer Seite. Vielleicht bin ich unbewusst etwas näher an den Steuerbordpfahl heran gefahren. Jedenfalls bekommt David die Leine nicht über den Pfahl an Backbord und wir stoppen zwischen den Pfählen auf. Mit Hilfe des Bootshakens legen wir auch die widerspenstige Leine über ihren Pfahl. Mit langsamer Fahrt voraus und Zug auf den Achterleinen ziehen wir Néfertiti wieder gerade. Aber damit ist unsere Vorstellung auf der Bühne des Hafenkinos noch nicht beendet. Unsere (12m langen) Achterleinen erweisen sich als zu kurz, um doppelt geführt zu werden. Kein wirkliches Problem bei diesen Leichtwindbedingungen. Während Néfertiti mit langsamer Fahrt voraus in die Festmacher dampft und so vollkommen stabil liegt, verlängere ich in aller Ruhe die Festmacher, indem ich ich jeweils einen weiteren Festmacher anstecke. Derweil ist auch eine hilfreiche Seele auf dem Steg erschienen, um unsere Vorleine anzunehmen, sollten wir erst nahe genug an den Steg herankommen. Kurz darauf sind wir fest. Danke. In der Kajüte sage ich:
„Navigator: Das hast du heute super gemacht!“ David grinst über beide Backen.
„Willst du morgen wieder?“
„Gerne.“ So sei es.

Wir machen klar Schiff (Keine wirkliche Arbeit heute) und schlendern kurz darauf vor zur Hafenmeisterin und weiter zu Giftbude. Leider hat letztere zu…

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 26.9.

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8 Comments

  1. Carsten sagt:

    Moin Klaus,
    ist zwar kein Kat Wind aber Deine Berichte genieße ich nach wie vor.

    Gruß Carsten

  2. Klaus sagt:

    Ja, ein schöner Bericht, den ich wie alle gerne gelesen habe.
    Zu Schleimünde wäre noch zu sagen, dass die Heckpfähle nicht aus Schikane soweit auseinander stehen. Dort steht jedem Boot nur ein Pfahl zu. Die zweite Heckleine geht auf die freie Heckklampe des Nachbarbootes. ;-)

    • Klaus Klaus sagt:

      Hallo Klaus,
      Freut mich, dass Du die Geschichten magst und danke für den Hinweis.
      So breit kam mir der Abstand gar nicht vor, dass da zwei reinpassen. Eher passend für ein modernes Boot mit der Länge. Néfertiti ist ja nur 2,50 m breit und eigentlich viel zu kurz für die Box. Weder die Schwester des Hafenmeisters, noch bei einem anderen Einlaufen der Hafenmeister selbst haben sich beschwert, als wir uns vor zwei Pfähle legten. Kann es sein, dass das eher eine Lösung ist, wenn der Hafen überfüllt ist? Das war beide Male als wir da waren nicht der Fall…
      Liebe Grüße
      Klaus

      • Klaus sagt:

        Ist klar, wenn der Hafen nur wenig besucht ist, stört das niemanden. Aber bei Vollbelegung, wie so oft bei gutem Wetter, gehört einem die Box nicht allein. Und dass diese wahnsinnig tief ist, empfinde ich als Neun-Meter-Segler genauso.

  3. Lucky sagt:

    Immer schön von dir zu lesen – klingt so als hättet ihr ne Menge Spaß. Toll, wie du David an die Navigation ran führst.

    Die Giftbude ist eh nicht mehr das was sie mal war. Currywurst & Flens ist zumindest meinem letzten Besuch 2016 so Schicki-Micki gewichen. Insofern habt ihr wirklich nix verpasst – wobei sich wohl der Pächter geändert haben soll.

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Lucky, interessant. Als ich letzten Sommer noch einmal mit Ima und Amany da war, hat es uns auch nicht angezogen… So dass wir trotz eines Hafentages und einer geöffneten Giftbude irgendwie unseren Weg nicht über die Schwelle gefunden haben…
      Liebe Grüße :)
      Klaus

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