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Segeln als Digitale Nomaden

Die eigene Endlichkeit

Jun• 14•18

„Das müssen wir unbedingt abklären.“
Die Worte meiner Ärztin hallen durch den Raum. Dabei hat sie nicht einmal laut gesprochen. Plötzlich stand diese Möglichkeit im Raum. Unerbittlich. Ein Gehirntumor? Ich? Ima und ich wollten doch auf das Boot ziehen. Wir wollten gemeinsam reisen. Als Digitale Nomaden leben. Das sollte alles vorbei sein, bevor es überhaupt angefangen hatte?!

Wer glaubt schon an die eigene Endlichkeit? Ich lief durch die Straßen Altonas, fühlte mich irgendwie taub. Tausende Menschen quirlten an mir vorbei, strudelten durch die Fußgängerzone der Ottenser Hauptstraße. Das Leben perlte an mir ab. Seit acht Wochen hatte ich Kopfschmerzen. Dazu diese seltsamen Sehstörungen. Ich stieg in die S-Bahn und fuhr nach Hause. Ima nahm es auf eine wohltuende Weise gelassen:
„Warte erst einmal das MRT ab. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es etwas wirklich Schlimmes ist.“

Wenig später griff ich zum Telefon. Langes Aufschieben bringt ja doch nichts. Ich rief im ersten Kernspin-Zentrum an. Eine freundliche Frauenstimme fragte:
„Privatpatient?“
„Nein.“
„In drei Monaten sind die nächsten freien Termine.“ Ich war einen Moment geschockt.
„In drei Monaten?!“ Meine Ärztin hatte mich auf lange Wartezeiten vorbereitet. Aber so lang?!

„Warten sie mal, da hat vorhin jemand abgesagt. Ich schaue mal eben…“ Pause.

„… Könnten sie übernächste Woche. Dienstags um zehn?“ Klar würde ich da können. Egal was da geplant sein sollte.
„Ja. Danke.“

An besagtem Dienstag war ich früh auf. Ima fragte mich:

„Wann müssen wir denn los?“ Sie wollte mich begleiten, aber das bereitete mir Unbehagen. Keine Ahnung, wie sie reagieren würde, wenn sich das Schlimmste bewahrheiten würde. Vielleicht wäre sie die Ruhe in Person, aber vielleicht auch nicht.„Hör mal Ima. Ich möchte da alleine hingehen.“
„Bist du sicher?“
„Ja.“
„Okay.“

Ich brach noch vor sieben Uhr morgens auf, obwohl das Kernspinn-Zentrum keine zwanzig Minuten Fußweg von uns entfernt lag. Es war ein wundervoller Morgen. Die Luft war frisch, fast kalt, aber die Sonne schien von einem blauen Himmel herab. Man fühlte den kommenden Sommer. Menschenleere Straßen. Ich fand eine Bäckerei in der Kleinen Johannisstraße, die schon geöffnet hatte, und bestellte einen Kaffee samt Croissant. Vielleicht würde ich gleich die Nachricht erhalten, dass ich sterben müsste. Ich beobachtete die Menschen, die hier ihrem Alltag nachgingen. Die Bäckersfrau, die zuvorkommend ihre Kunden bediente. Der Mann im Anzug, der offenbar jeden Morgen herkam und seinen Coffee to go „schwarz, ohne alles“, mitnahm. Die Studentin mit der Querflöte, die heute offenbar auffallend früh hier war… Ich nahm alles so intensiv wahr.
Während ich still im Café saß, passierte etwas Seltsames. Ich schaute durch das Fenster hinaus und erspähte zwischen den Straßenschluchten ein Stückchen von diesem atemberaubend blauen Himmel. Ich beobachtete die Menschen, die ihr Tagewerk begannen: Plötzlich war die Angst weg. Alle Ängste. All diese kleinen und großen Sorgen, die einen im Alltag plagen. Stattdessen hatte sich ein tiefer Frieden meiner bemächtigt. Auch im Schlimmsten Fall: Ich würde kämpfen. Und ich würde gewinnen! Aber vor allem: Ich hatte keine Angst mehr vor dem Tod.

Kurz vor zehn machte ich mich auf den Weg, um rechtzeitig im Kernspinn-Zentrum zu sein. Ich grüßte die Frauen hinter dem Thresen im Schwung dieses neuen Gefühls. Sie antworteten zurückhaltend, irgendwie gedämpft.
„Bitte warten sie im Wartezimmer… Den Gang entlang.“

Der Gang auf den sie wies, führte an einem Abgrund entlang. Das Zentrum lag im vierten Stock. Die Fensterfront reichte bis zum Fußboden. Ich leide eigentlich unter Höhenangst. Zwar habe ich als Jugendlicher eine Zeitlang in Selbsttherapie geklettert, aber kaum, dass ich damit aufgehört hatte, kehrte die Angst vor der Höhe zurück. Jetzt ging ich keinen halben Meter an dem Abgrund vorbei. Etwas, dass ich mir ein paar Stunden vorher nicht einmal hätte vorstellen können. Vielleicht hätte ich das Wartezimmer gar nicht erreicht, zumindest hätte ich mich an der Wand entlang gedrückt. Die betretene Stimmung bei der Anmeldung wurde im Wartezimmer fast schneidend. Mit einem Male wurde mir bewußt, dass alle die hierher kamen, mit dem Schlimmsten zu kämpfen hatten. Es gab einen Sessel, der zwanzig Zentimeter vom Abgrund entfernt stand. Auf den setzte ich mich und genoß den atemberaubend schönen Blick über die Binnenalster. Und die Freiheit, die das Fehlen von Ängsten gewährt. Ich wusste, wie gerne Ima mich auf diesem Gang begleiten wollte. Und ich war mir plötzlich sicher, dass sich etwas in mir verändert hatte, dass ich, wie auch immer sie im schlimmsten Fall reagieren würde, dass ich jetzt damit umgehen könnte. Ich rief sie an:
„Wenn Du noch immer willst, komm gerne her.“
„Ja. Klar. Ich komme.“

Wenig später kam Ima außer Atem an. Als sie sah, wo ich mich hingesetzt hatte, fiel sie aus allen Wolken:
„Wo sitzt du denn? Ich kann das kaum glauben!“ Als ich ein paar Wochen vorher mit Ima die Plaza der Elbphilharmonie besucht hatten, bekam ich bei dem Tiefblick heftige Panikattacken. Nur mit äußerster Willenskraft war ich mit ihr einmal auf dem Balkon um das Gebäude herum gegangen.
„Geht es dir gut?“
„Ja. Ist das nicht irre?! Ich habe keine Angst mehr.“ Ima guckte mich zweifelnd an. Wenig später wurde ich aufgerufen. Auch die klausthrophobischen Gefühle stellten sich nicht ein, die mich vor zwanzig Jahren gemartert hatten, als ich schon einmal ein MRT über mich ergehen lassen musste. Ima hielt die ganze Zeit in der Röhre meinen Fuß, was sich irgendwie angenehm anfühlte.

Ich hatte erwartet, sofort den Befund zu bekommen, aber uns wurden nur ein paar Aufnahmen in einem großen Kuvert überreicht. Den Arzt selbst bekam ich nicht zu Gesicht. Er würde sich in den nächsten Tagen mit meiner Hausärztin in Verbindung setzen, teilte uns der Assistent mit, der die Aufnahmen gemacht hatte. Ima hielt die Aufnahmen für gut:
„Da ist nichts!“ Aber ich sah überall weiße Flecken. Sagte aber nichts.

Eine Woche später saß ich wieder bei meiner Ärztin. Sie kam lächelnd auf mich zu und kaum hatten wir die Tür hinter uns geschlossen sagte sie:
„Kein Befund! Du bist kerngesund.“ Anscheinend hatten sich meine Augen verschlechtert und mir fehlte nur eine Brille, wenn ich am Computer arbeitete…

Zwei Wochen später bin ich noch einmal auf die Elbphilharmonie zurück gekehrt, und einmal auf dem Balkon rund herum gelaufen. Habe mich ans Geländer gelehnt und hinunter geschaut. Es kommt mir so unwirklich vor, aber ich konnte keine innere Aufwallung spüren…

Warum erzähle ich die ganze Geschichte? Weil wir eine Schlussfolgerung daraus gezogen haben, die auch für Euch interessant sein kann: Wir wollen von nun an leben, als wären wir sterblich. Ima und ich werden diesen Sommer auf dem Boot verbringen. Noch ein letztes Mal Richtung Norden segeln, bevor es endgültig gen Süden geht. Vielleicht zu den Ostschwedischen Schären. Oder nach Finnland. Mal sehen wie weit wir kommen. Es wird unsere Generalprobe für nächstes Jahr: Unseren Lebensunterhalt unterwegs als Digitale Nomaden verdienen. Ob wir das schaffen? Im Winter werden wir noch einmal richtig ranklotzen, um nächstes Jahr endgültig gen Süden zu segeln.

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12 Comments

  1. Carsten sagt:

    Wow Klaus, ich habe gerade Gänsehaut.

    Alles Gute für die weiteren Reisen!

    Lieben Gruß Carsten

  2. Volker sagt:

    Hallo Klaus,
    deine bislang spannendste Erzählung, glücklicherweise mit gutem Ausgang!
    Alles Gute weiterhin und nun bin ich gespannt, wie es weiter geht.
    Viele Grüße
    Volker

  3. Alex sagt:

    Puuh!
    Schön, dass es dir gut geht!
    Und wünsche euch beiden viel Erfolg für dieses spannende Vorhaben!
    Liebe Grüße, Alex

  4. Klaus sagt:

    Herzlichen Glückwunsch, Klaus!!

    Es geht also weiter und ich wünsche euch alles Gute auf eurer weiteren Reise.

  5. Julian Buss sagt:

    Verdammt gut geschrieben, hat mich nachdenklich gestimmt. Schön, dass es Dir gut geht!

    Viel Erfolg, Freude, schöne Erlebnisse und Harmonie für Eure Generalprobe!

  6. Dirk sagt:

    Grad haben wir noch zusammengesessen hinterm Hanskalbsand, uns endlich mal persönlich kennen gelernt, Nefertiti bewundert und dann so ein Schreck! Ich bin so unendlich erleichtert, dass das nur falscher Alarm war. Klaus, wir freuen uns mit dir und wünschen dir ein langes und vor allem erfülltes Leben. Und so wie du das wieder schreibst, kriegen wir Lust gleich mitzusegeln auf euerm Trip in den Süden.LG Dirk

  7. Matthias sagt:

    Schön, dass alles in Ordnung ist und dass man nun definitiv alle bedrohliche Ursachen für die Kopfschmerzen hat ausschließen können. Schlimm für Patienten, wenn sie mit solchen Ängsten 3 Monate auf eine klärende Untersuchung warten müssen.
    LG
    Matthias

  8. Klaus Klaus sagt:

    Ihr Lieben,
    vielen, vielen, vielen Dank für Eure Anteilname. Das tut wirklich gut. Sorry, dass ich solange gebraucht habe zu antworten. Wir sind endlich los, aber Internet auf den Ankerplätzen…
    Liebe Grüße
    Klaus

  9. Carsten sagt:

    Moin Klaus,
    habe mir auf Grund der fehlenden Blog Berichte schon sorgen gemacht. Ist ja sonst nicht Deine Art den Blog schleifen zu lassen. Es freut mich für Euch, dass alles gut ist und Ihr Euer Vorhaben nächstes Jahr angeht. Natpürlich freue ich mich auf Deine Blogberichte endlich geht es weiter. Da Du weißt was ich beruflich mache sei nicht böse, dass ich etwas kühler klinge. Aber eins ist sehr wichtig genieße jeden Tag und lebe nicht für andere. Das Leben kann zu schnell sich arg verändern. Schneller als den meisten lieb ist!!!!

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Carsten,
      ja, uns geht es gut! Natürlich geht es auf einem kleinen Boot eng zu (wem sag ich das? ;) )und so hatten wir auch die eine oder andere Auseinandersetzung zu bestehen. Glücklicherweise ist keiner von uns nachtragend und so gondeln wir von einem schönen zum anderen schönen Platz. Auch wenn die Stockholmer Schären für unseren Geschmack etwas arg domestiziert sind …
      Liebe Grüße
      Klaus

  10. Hi Klaus,

    ich gebe zu, ich habe dich diesen Sommer etwas vernachlässigt. Ich war selbst sehr viel unter Segeln unterwegs und habe den Sommer mit vollen Zügen genossen. Der neue Einstieg hier in deinem Blog ging mir nun auch richtig unter die Haut. Aber ich hoffe auch ihr konntet den Sommer richtig genießen. Ich werde in den nächsten Tagen eure Abenteuer hier weiterverfolgen zumal ich auch in 2015 in den Ostschären und Göta-Kanal war. Ich bin riesig gespannt.

    • Klaus Klaus sagt:

      Hallo Heinz-Peter,
      toll, dass Du den Sommer unter Segeln genießen konntest!
      ja es war auch für uns ein toller Sommer und aufgrund gewisser Umstände auch durchaus Urlaub und Unterwegssein und Abenteuer… Gefühlt mehr als Arbeit. Wie ich zugeben muss, hat Ima allerdings mehr gearbeitet als ich… ;)
      Ich freue mich schon auf das Schreiben der Artikel.
      Liebe Grüße
      Klaus

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