Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Simply perfect oder: Gestrandet

Jun• 30•18

Nach etwas ruppigem aber wunderschönen Segeln von Wendtorf herüber, teils mit Starkwind, (über die Überfahrt werde ich im Winter ausführlicher berichten…) liegen wir vor Anker bei Aerosköbing. 2,50 m Wassertiefe, 16 m Kette. Sandgrund mit Seegras. Ich habe den Anker eingedampft und wir liegen jetzt bei frischem bis starkem Wind schon 24 Stunden hier. Wie Ima sagt: „In Abrahams Schoß.“ Etwas nah an einem Fischernetz, aber soviel Platz ist hier nicht, denn es wird schnell flacher und ein anderes Segelboot lag schon auf dem besten Ankerplatz, als wir ankamen.

Segelboot Néfertiti, Anker, Aerosköbing

Néfertiti vor Anker bei Aerosköbing


Gegen Mittag müssen wir in die Stadt hinüber rudern. Als Digitale Nomaden sind wir abhängig vom WLAN Netz. Tatsächlich haben wir mit der kleinen WLAN Antenne, die nur 6-8 dbi Sendeleistung hat, WLAN Empfang. Das Touristennetz ist offen. Leider hat Ima ihr Tageskontingent schon verbraucht und gleich muss sie ein paar Interviews auf Skype führen.

So mache ich im Nieselregen das Schlauchboot klar und rudere uns an Land. Ich bin noch nicht wieder in Form. Das kurze Stück bringt mich ganz schön aus der Puste.

In Aerosköbing haben wir geheiratet. Ima erinnert sich, dass unser Hochzeitscafé Internet hatte. Aber zuerst begrüßen wir Yuki, Anna und Louise von den Danish Island Weddingern. Großes Hallo. Umarmungen. Herzliches Willkommen. Louise hat gleich eine super Idee.
„Go to the library. Stable internet and open till 22.00 h. I give you the code for the sidedoor.“ In der Bibliothek gebe es stabiles Internet. Ima will es sofort ausprobieren, denn im Café feiert gerade eine sympathische Hochzeitsgesellschaft. Aber Feiern und Schreiben passen nur bedingt zusammen und ein Interview zu führen scheint unmöglich. Kurz darauf sitzt Ima in der Bibliothek und ich kehre zurück. Yuki and Louise sehen mich erwartungsvoll an.
„And…?“
„Simply perfect!“

Gasse in Aerosköbing

Gassen in Aerosköbing

In den nächsten Stunden suche ich erfolglos nach interessanten Aufträgen, beantworte ein paar Mails und Ima arbeitet an ihren Aufträgen. Der Deutschsprachige Freelance-Markt ist einfach kleiner…
Schließlich hat Ima auch ihr letztes Interview beendet und wir schlendern gegen acht zurück durch die malerischen Gassen Aerosköbings. Wir sind wohlig müde. Gerade grinst Ima mich schelmisch an und sagt:
„Jetzt das Doppelbett aufbauen und ein Feierabendbierchen. Das haben wir uns echt verdient!“
„Haben wir. Du besonders!“
„Du kriegst auch noch die richtigen Aufträge!“
So biegen wir um die letzte Ecke. Etwas stimmt nicht. Ima bemerkt meine Unruhe und fragt:
„Was ist?“
„Néfertiti ist weg.“
Einen Moment glaubt sie, ich mache Witze.
„Néfertiti liegt nicht mehr am Ankerplatz!“ Ich mache keine Witze. Der Ankerplatz ist leer.
„Nein, das kann doch nicht…“ Aber inzwischen sind wir an der Hecke vorbei, über die ich hinweg sehen konnte und Ima nicht. Sie stößt die Worte hervor, selbst vollkommen irritiert:
„Néfertiti ist wirklich weg!“

Rosenstock in Aerosköbing

Liebliches Aerosköbing

Vielleicht hat der Anker geslipt und jemand hat sie in den Hafen gefahren? Wir hatten alles offen gelassen. Es wäre also möglich. Da bemerke ich einen blauen Flecken weit weg vor der nächsten Insel.
„Ich sehe sie.“ Aber jetzt mit den Rucksäcken und Laptops durch die kabbelige Welle? Ich sage:
„Geh du in den Hafen. Ich rudere hinüber und hole Néfertiti.“ Ich stelle mir das ziemlich einfach vor. Néfertiti ist ja nicht unter vollen Segeln aufgelaufen, sondern langsam vor driftendem Anker. So weit kann sie nicht auf der Untiefe sitzen.
Morgen soll das Wetter biestig werden und am Wochenende noch schlimmer. Wir wollten sowieso am nächsten Tag in den Hafen. Inzwischen sind wir beim Dinghi angekommen. Ima nimmt unsere beiden Rucksäcke und ich drehe das Schlauchboot um und lasse es zu Wasser. (Wegen des Nieselregens hatte ich es an Land gezogen und auf den Rücken gedreht) Ich steige ein und stoße von dem kleinen Landesteg ab.

Kaum bin ich aus dem Landschutz der großen Bäume heraus, spritzen mich die Wellen nass. Egal. Wenigstens habe ich Rückenwind. Ich rudere so schnell ich kann, aber Néfertiti kommt nur quälend langsam näher. Seltsamerweise liegt Néfertiti mit dem Heck zum Wind. Ich hätte erwartet, dass auch ein schlierender Anker den Bug im Wind hält. Waren schließlich nur 5 bis 6 Windstärken. Von weitem sehe ich etwas von der Bugrolle herunter hängen. Anscheinend ist der Leinenstoßdämpfer gebrochen und die Kette ist ausgerauscht… Sonst belege ich immer auch noch zusätzlich die Kette hinter der Leine auf der zweiten Klampe. Zur Sicherheit. Ich hadere mit mir. Da erkenne ich, dass es sich nicht um das vermeintlich gerissene Seil, sondern um ein Seegrasbüschel handelt, das in der Ankerrolle hängt. Jetzt kann ich auch die Kette erkennen. Sie führt vom Bug rückwärts ins Wasser. Aber wie kommt Seegras da oben hin?
Endlich erreiche ich Néfertiti. Der Kiel hat eine Schneise ins Seegras gezogen. Eine wie mit dem Lineal gezogene Furche führt durch das dichte Seegras zum Heck Néfertitis. Etwa 40 cm breit, was der Breite des Kiels entspricht. Schnell belege ich die Leine des Dinghis in Lee auf der Mittelklampe und klettere an Bord. Bin mit wenigen Schritten unter Deck und hebe die Bodenbretter hoch. Kein Wasser!

Erstes Aufatmen. Zurück an Deck berge ich den Anker, der sich erstaunlich leicht aufnehmen lässt. Die Flunken sind voller Seegras. Stinkender Fäulnisgeruch. Dann stelle ich den Schraubenhebel auf Neutral. Vorglühen. Sofort springt die Maschine an. Stand der Schraubenhebel eben auf dreiviertel Fahrt voraus? Ich bin mir nicht mehr sicher.

Der beste Weg von einer Untiefe ist oft rückwärts, wie man gekommen ist. Aber Néfertiti bewegt sich nicht einen Zentimeter. Auf dem Handy prüfe ich unsere Position. Laut Navionics wäre ein nördlicher oder nordöstlicher Kurs der kürzeste Weg hinunter. Wir sind schon fast auf der anderen Seite der Untiefe. Also Vollgas voraus! Néfertiti bewegt sich nicht. Ich schaukele mit dem Ruder, hänge mich bald auf der einen und dann auf der anderen Seite in die Wanten. Vorwärts. Rückwärts. Néfertiti rührt sich nicht. Wenn ich den Bug etwas drehen könnte, um den jetzt achterlichen Wind von der Seite zu bekommen… Keine Chance. Da ruft Ima an. Sie hat auf allen Yachten um Hilfe gebeten, aber niemand traut sich mit Tiefgang zu der Untiefe. Einziger Lichtblick ist Jan, der zur Rettungscrew des SAR Bootes in Marstal gehört. Der ist so nett, im Neuen Hafen nach bekannten Gesichtern zu suchen und tatsächlich ist einer bereit mit ihm zu fahren.
„Die werden in einer halben Stunde bei Dir sein.“ Bis dahin habe ich ja noch etwas Zeit…
Also rolle ich die Genua aus, setze sie back und gebe Vollgas voraus. Ich schaffe es das Boot etwa zehn Grad zu drehen, aber dann ist Schluss. Die Genua springt über und mir fehlt das Drehmoment des Segels.

Als es dämmert nähert sich das kleine Motorboot mit einem riesigen Ungetüm von Außenborder am Heck. Dem zum Trotz sagt der Motorbootfahrer:
„I havn’t so much horsepower.“ Sie übernehmen meine Leine und belegen sie etwas zögerlich.
„What should we do?“ fragen mich die beiden und ich übernehme das Kommando. Das wichtigste scheint mir Néfertiti erst einmal zu drehen. Aber die Klampen des zierlichen Motorbootes sind verdammt schmächtig. Langsam drehen sie Néfertiti um weitere 30°. Bei Kompasskurs 76° ist Schluss. Obwohl ich mit Vollgas mitarbeite und sogar noch das Groß setze, das von unserer Überfahrt noch im 2. Reff ist. Später wird Jan zu Ima sagen, sie hätten Vollgas gegeben, aber ich habe nicht den Eindruck. Ich schreibe das ohne jeden Groll. Wenn der Mann sich die Klampen herausgerissen hätte, wäre auch niemandem geholfen gewesen. Schließlich ziehen sie unverrichteter Dinge wieder ab. Ich berge das Groß und lasse mich erschöpft auf meine Koje sinken. Die Wellen sind nicht hoch, aber mit jeder setzt sich Néfertiti knirschend in ihr Sandbett und das geht mir durch Mark und Bein. Was Ima jetzt wohl macht. Sie wird sich ein Zimmer suchen müssen…

Strandung, Dänische Südsee

Jan und der freundliche Helfer ziehen unverrichteter Dinge wieder ab

Da klingelt das Handy. Es ist wieder Ima.
Sie ist auf der Ludmilla untergekommen. Eine Sorge weniger. Leute, Ihr seid wirklich klasse! Obwohl Xenia und Frank letzte Woche geheiratet haben und in den Flitterwochen sind, nehmen sie Ima an Bord auf.
„Ist doch selbstverständlich.“ wird Frank später zu mir sagen. Ist es nicht. Vielen, vielen Dank dafür. Ima wird in der Nacht trotzdem kaum ein Auge zumachen, immer wieder vor zum Pier laufen und nach Néfertiti und mir Ausschau halten.
Sie hat aber noch mehr auf Lager. Nämlich die Nummer von John, dem Skipper des SAR Bootes in Marstal, den ich sofort anrufe. Die Stimme am anderen Ende ist sonor und ruhig. Vertrauenerweckend. Er habe schon mit Jan telefoniert und sei im Bilde. Es bestehe momentan keine Gefahr. Er hätte auch gerade keine Crew, da diese nur aus Freiwilligen bestehe, aber sie könnten morgen früh auslaufen.
„When?“
„At eight.“
„Okay.“ Tatsächlich teile ich seine Einschätzung, das keine unmittelbare Gefahr besteht. Dabei hätte ich eigentlich nach unseren Erfahrungen mit Orkan Sebastian im letzten Jahr wissen müssen, dass der Wasserstand hier je nach Windrichtung abnehmen kann. Und der Skipper des Rettungskutter alle Male. Was das koste, will ich wissen.
„We are volunteers. So you only have to pay the Diesel. 150 to 200 €.“
„And if you don’t succeed?“
„You pay nothing. But we have 800 horsepowers.“ Das sollte reichen.
„That should do it.“
Am Ende sagt er noch:
„Give me a message, if the situation changes dramatically.“
„Okay.“ Damit bin ich wieder mit Néfertiti alleine. Ich rufe Ima an, um ihr den Stand der Dinge zu erläutern.

Auf Néfertiti ist die Situation zu dem Zeitpunkt entspannt. Ich habe das Ankerlicht angemacht und mich unter Deck begeben. Néfertiti steht fast aufrecht. Die Wellen schlagen zwar ohne Unterlass gegen das Heck, aber sie sind relativ klein und harmlos. An das Knirschen im Sand habe ich mich fast gewöhnt. Da ich momentan nichts machen kann, lege ich mich auf meine Koje und schnappe mir ein Buch. Eigentlich sollte ich etwas essen. Oder zumindest etwas Warmes trinken, aber ich kann mich nicht dazu überwinden. Ich lösche das Licht, aber einschlafen kann ich auch nicht.

Um Acht wollte John auslaufen. Eine Minute nach Acht rufe ich an. Seine beruhigende Stimme sagt:
„We are already on the way. In 40 Minutes we will be at your position.“ Na, das scheint ja zu fluppen.

gestrandet bei Aerosköbing, Dänische Südsee

Am Morgen hat sich die Situation dramatisch verschlechtert

 

40 Minuten später ist von dem SAR Boot noch nichts zu sehen. Kurz nach neun erreiche ich unter Johns Nummer nur die Mailbox. Hmmmm. Haben die einen anderen Notfall? Eine viertel Stunde später klingelt das Handy. Es ist John.
„We are in front of Aerosköbing.“ Eine halbe Stunde später sind sie immer noch nicht in Sicht. Ich erreiche abermals nur Johns Mailbox. Auch Ima, die auf der Hafenmole steht, kann kein SAR Boot ausmachen. Bin ich da Opfer eines dummen Scherzes? Ist John wirklich vom SAR? Was weiß ich woher Ima die Nummer hat. Ich rufe die Deutsche Seenotrettung an. Schildere die Situation, und möchte wissen, ob sie eventuell unsere Bergung organisieren könnten, wenn es sich tatsächlich nur um einen wichtigtuerischen Scherz handeln sollte. Er antwortet erst einmal nicht, sondern stellt mir eine Reihe von Fragen:
Exakte Position? Schiffslänge? Rumpffarbe? Bin ich allein an Bord? Schließlich fragt er:
„Sie haben die Nummer vom Skipper?“
„Ja. Wenn er es denn ist.“
„Dann versuchen sie es noch einmal. Wenn das nicht klappt, koordinieren wir das von hier aus.“

Das Handy klingelt. Es ist Ima. Sie hat John erreicht: „Sie haben zwei bis drei Meter hohe Wellen. Vielleicht können sie garnicht kommen.“

Irgendwie komisch. Soviel Wind herrscht doch gar nicht. Die Fähre fährt auch ganz normal. Vielleicht hat sie ihn missverstanden? Gegen zehn steht das SAR Boot dann tatsächlich in der Hafenzufahrt.
„Die Wellen waren so hoch, dass wir keine acht Knoten laufen konnten…“ werde ich später hören. (20 Knoten wären scheints normal) Von hier aus kann man sich das nicht vorstellen. Das SAR Boot fährt allerdings nicht zu mir, sondern in den Alten Hafen. Ima hält mich auf dem Laufenden.
„Die müssen noch irgendwelche Filter reinigen, dann kommen sie.“ Nun denn. Ein gutes hat es: Ima darf mit an Bord.

Eine halbe Stunde später ist es soweit. Das SAR Boot steht endlich bei Néfertiti. Da es hier auch für das kleine SAR Boot zu flach ist, werfen sie eine Schwimmleine an einem Kanister über Bord, in der Hoffnung, dass diese zu mir treibt. Dabei manövrieren sie so unruhig, dass ich die Leine schon fast in der Schraube sehe. Also mache ich das Dinghi klar, um hinüber zu rudern. Als ich drüben ankomme, herrscht an Bord helle Aufregung. Tatsächlich haben sie die Leine in die Schraube bekommen. Sie brechen die Bergung ab. Das kann doch nicht wahr sein!
„We need a diver.“ Wie lange das dauere, können sie mir nicht sagen.
„Do you come with us, or stay at the boat?“ Ich denke nicht lange nach:
„I stay.“ Ima wirft mir einen Luftkuss zu und ich rudere zurück. In der steifen Brise spritzte immer wieder Wasser ins Beiboot und mein Hosenboden ist jetzt nass. Zurück an Bord entledige ich mich der Klamotten und ziehe eine Ölzeughose an. Wenn die zurück kommen, will ich parat sein. Denn tatsächlich sind sie auf halbem Weg umgedreht und kurven jetzt auf halber Strecke hin und her. Später erzählt Ima mir, dass sie versucht haben die Schraube zu klarieren. Einer hat wohl eine Klappe geöffnet und dabei ist Wasser ins Boot gedrungen, was zwei infernalisch laute Sirenen startet. Bis auf Ole fluchen alle. Aus irgendeinem Grund sind sie sauer auf mich. Schließlich kommen sie zurück und wagen trotz des Tohuwabohus an Bord einen zweiten Versuch. Ob ich eine Trosse mitbringen könne, fragt Ima per Handy. Klar, warum nicht. Ich kann die Trosse allerdings nicht gegen den Wind schleppen, deshalb nehme ich sie in aufgeschossenen Zustand mit. Drüben angekommen, will aber niemand mehr etwas von meiner Trosse wissen. Stattdessen geben sie mir wieder die Schwimmleine, an die zwei kräftigere, aber auch nicht so vertrauenerweckend aussehende Leinen geknotet sind. Ich rudere zurück. Anstatt das SAR Boot auf der Stelle zu halten, torkelt es wild hin und her, so dass immer wieder Zug auf die Leine kommt. Das macht es mir unnötig schwer die Leine herüber zu rudern. Schließlich klettere ich an Deck Néfertitis und ziehe die dickere Trosse herüber, belege sie auf einer der schweren Bugklampen Néfertitis. Ich hebe den Daumen zum Zeichen, dass die Trosse befestigt ist und ziehe mich ins Cockpit zurück, für den Fall, dass die Trosse reißen und zurückschnellen sollte. Das SAR Boot zieht an und wirft Néfertiti erst einmal auf den anderen Bug. Immerhin ziehen sie Néfertitis Bug gut dreißig Grad weiter herum, bevor sich meine alte Lady nicht mehr weiter bewegt. Zu dem Zeitpunkt weiß ich noch nichts von den nervtötenden Sirenen bei denen drüben. Auch nicht, dass die zweite Schraube immer noch durch die Leine lahm gelegt ist. Das muss man zur Ehrenrettung der Retter unbedingt berücksichtigen. Drüben hören sie wieder auf zu ziehen. Nicht dass die Leine wieder in die Schraube kommt! Denke ich,  denn das Boot treibt rückwärts, aber das scheint drüben niemanden zu sorgen.  Plötzlich haben sie die Gefahr bemerkt und geben wieder Gas. Die Leine kommt steif und es gibt einen Ruck. Néfertiti rutscht 50 Zentimeter weiter, dann bleibt sie liegen. Das ist ein Anfang. Sie ziehen und ziehen, ich schmeiße zusätzlich unsere Maschine an, um zu helfen. Aber ohne Schwung tut sich nichts mehr. Später sagt mir Ima, dass ihnen das den Rest gegeben habe, weil die Schraube teilweise über der Wasseroberfläche drehte.

Segelyacht Ludmilla in Aerosköbing, Dänische Südsee

Abschied von den großherzigen Flitterwöchnern

Ich sehe nur, dass sie das Manöver abbrechen und immer weiter nach Steuerbord driften. Plötzlich bricht drüben wieder Hektik aus. Haben sie sich zum zweiten Mal die Leine in die Schraube gefahren? Später werde ich erfahren, dass sich einer an Bord verletzt hat und sie tatsächlich beinahe wieder die Trosse in der Schraube hatten.

Jetzt werde ich aufgefordert die Trosse freizugeben, was ich auch mache. Schicke Ima eine SMS, dass sie uns mit dem Ruck 2 m gezogen hätten. Was eine motivierende Notlüge sein sollte verfängt nicht. Die Marstaler Retter fahren weg, ohne mich mit einem Wort über ihre Pläne zu informieren. Ich versuche Ima zu erreichen, aber die geht nicht ans Handy. Vermutlich macht sie denen gerade die Hölle heiß… Genau genommen haben sie meine Situation verschlechtert. Denn jetzt liegt das Deck zu den anbrandenden Wellen.
Nach einer Weile ruft mich Ima an. Die Retter würden in zwei Tagen wieder kommen, wenn mehr Wasser stehe.

Aber auch Ima ist nicht gut auf mich zu sprechen. Immer würde ich alles alleine versuchen. Ich sollte auch einmal rechtzeitig um Hilfe bitten. Wenn ich zu John gestern gesagt hätte, es handelt sich um ein „emergency“, wären sie auf alle Fälle noch gestern gekommen. Sie hoffe, dass ich die Lektion endlich mal gelernt hätte, sie werde sich jetzt eine Unterkunft besorgen. Außerdem nagt an ihr, dass ich mich für ein Stück Stahl entschieden hätte, anstatt mit ihr zu kommen. Sie würde mich brauchen…. Als wir auflegen bin ich erst einmal bedient. Schon am Nachmittag wird es übel wehen und morgen wird es richtig scheiße. Aber schon jetzt geht mir jede Welle durch Mark und Bein. Gestern war dagegen ein Witz.

Ich rufe noch einmal bei den deutschen Seenotrettern an. Obwohl ich diesmal jemand anderen am Telefon habe, weiß er sofort, wer ich bin. Ich frage ihn, ob es im Raum Aerö noch einanderes SAR Boot gebe, dass mir zur Hilfe kommen könne.
„Sprechen sie englisch?“
„Ja.“
„Dann gebe ich ihnen mal die Nummer vom JRCC. Das ist das Gegenstück zu uns. Die sind die einzigen, die das wissen.“
Der Mann vom JRCC ist freundlich. Man werde nur tätig bei Lebensgefahr. Er würde aber mal in den Häfen herumtelefonieren, ob mir nicht jemand kostenlos zur Hilfe kommen könne. Eine halbe Stunde später klingelt das Telefon. Es ist ein anderer Herr vom JRCC. In Svendborg gabe es einen Schlepper, der mich herunterziehen könne. Sie nähmen 2500 Dkr pro Stunde und veranschlagten vier Stunden, um mich herunter zu ziehen. Das sind 1200€. Unmöglich.
Weiter gibt er mir zu verstehen, dass man meine Lage besprochen hätte und zu dem Schluss gekommen sei, dass kein wirklicher Notfall vorliege. Das Marstaler SAR Boot käme mich holen, sobald mehr Wasser stehe. Dann versichert er sich noch einmal:
„Do you understood?“
„Yes, I understood. You won’t help.“
„Exactly.“
Ich bedanke mich für seinen Rückruf und füge mich ins Unvermeintliche. Eigentlich sollte ich dringend etwas essen. Es gibt sogar noch Linsensuppe, aber mir ist der Appetit gründlich vergangen. Ima hat Recht. Ich hätte gestern auf der Bergung bestehen sollen. Anscheinend hätte John dann doch seine Crew zusammen bekommen. Das Ima nicht sieht, dass ich für unser Zuhause kämpfe tut mir auch weh. Naja. Wirklich kämpfen tue ich nicht. Ich liege auf der Koje und harre der Dinge die da kommen. Greife mir schließlich ein Buch und lese. Esse wenigstens ein paar Chips.

Zwei Stunden später heult der Wind eine Oktave höher. Rüttelt an Néfertiti. Ich klettere aus der Koje, um einen Blick auf die immer noch niedrigen, aber schäumenden Wellen zu werfen. Die erste richtige Sturmbö ist da. Der Wind greift nach dem nackten Mast und wirft Néfertiti zurück auf den Steuerbordbug. Ich klammere mich an der Reling fest. Bloss nicht über Bord gehen und eingeklemmt werden. Aber gleichzeitig ahne ich auch, dass das unsere Chance ist, denn der Wind kommt jetzt etwas vorlicher als halb ein!

Ich starte die Maschine und setze das Groß, in das immer noch das zweite Reff eingebunden ist. Wedele mit dem Ruder. Da Néfertiti so schräg liegt, fungiert das Ruder gleichzeitig wie ein Tiefenruder beim U-Boot. Durch das Hin und her bewegen des Ruders kann ich Néfertiti in leichte Schwingung versetzen. Ich spüre, dass Néfertiti hier weg will. Ich rolle noch die Genua halb aus und wedele mit dem Ruder bei aller Fahrt voraus.
„Néfertiti… Bitte!“ Wir liegen unverrückt. Also die ganze Genua! Ich wedele im Gleichtakt mit den Wellen und da… tatsächlich… Néfertiti hat sich ein kleines Stück bewegt. Es sind doch nur zehn Meter. Wir schaffen das! Wir müssen das schaffen! Der Motor dampft vor Anstrengung weiß. Ich reiße das Ruder hin und her. Eine etwas höhere Welle. Wieder sind wir einen Meter weiter. Ich bin ganz aufgeregt.
„Wir schaffen es, Néfertiti! Los! Wir schaffen es!“ Mann, ist das anstrengend! Hin und her wedelt das Ruder. Wieder legt die Bö etwas zu. Schon sind wir einen Meter weiter. Ich kann es kaum glauben. Das Wasser ist doch nur einen Meter tief. Da kommt mir ein übler Gedanke: Bloß keinen Stein. Lasse bitte keinen Stein auf unserem Weg liegen!
„Los, Néfertiti, los!“ Wir hängen wieder fest. Ich lasse den Motor langsamer laufen und warte auf die nächste Bö. Turne zum Bug vor. Soweit ich sehen kann, liegt da kein Stein. Die nächste Bö lässt nicht lange auf sich warten. Diesmal bekommt Néfertiti Schwung und schiebt sich gut fünf Meter weiter über die Sandbank. Die Logge steigt kurz sogar auf einen Knoten. Wir müssen kurz vorm Tiefen sein. Ich reiße an der Pinne, der Wind reißt am Rigg und plötzlich bewegt sich Néfertiti wieder, hat mit einem Male vier Knoten drauf. Wir sind runter! Wir sind runter! Ein Wunder.
Ich nehme Gas raus und rolle die Genua ein. Mir ist jetzt nicht wirklich danach zum Hafen zu segeln. Ich bin nur unglaublich erleichtert. Laufe etwas weiter weg von der Sandbank und berge auch das Groß. Langsam tuckert Néfertiti gegen den Wind auf die Mole des Alten Hafens zu. Ich rufe Ima an:
„Wir haben es geschafft! Aus eigener Kraft.“
„Was?!“
„Wir sind runter. Ich bin gleich im Hafen.“ Der Besitzer der Villa Bloomberg ist so nett Ima wieder auschecken zu lassen. Da sie sich hingelegt hatte, muss sie nur die Reinigung der Bettwäsche bezahlen. Das finde ich echt fair.

Néfertiti längseits im Hafen von Aerosköbing

Zurück im sicheren Hafen

Der Alte Hafen ist recht leer. Ich lasse die Maschine rückwärts laufen, damit Néfertiti bei dem achterlichen Wind fast auf der Stelle steht und bringe Leinen und Fender an, bevor ich auf der Innenseite der Außenmole längsseits gehe. Kaum ist das Boot fest kommt mir Ole von der Rettungscrew entgegen.

„There is the happy man.“ frohlockt er und wir stehen eine Weile und schnacken. Tatsächlich hat er sich eine Fleischwunde an der Hand zugezogen. Wenig später kommt auch Ima dazu. Es sieht so aus als hätten wir das Abenteuer ohne Blessuren überstanden.
Nefertiti ist so ein geiles Boot!

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielte am 21. und 22.6.
Wir sind noch eine Woche in Aerosköbing geblieben und haben erst einmal unsere Wunden geleckt (und gearbeitet). Nach zwei Tagen haben wir an der gleichen Stelle abermals geankert (Sofort wieder aufs Pferd steigen). Sind allerdings stündlich gucken gegangen. Jetzt ankern wir im Thurö Bund und wollen in der nächsten Woche gen Kopenhagen…

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14 Comments

  1. Klaus sagt:

    Wow! Was für eine dramatische Geschichte und wirklich spannend erzählt.

  2. Jens sagt:

    Toll geschrieben. Es bestärkt mich aber in meinem Grundsatz: kein ankern ohne Ankerwache

  3. Xenia sagt:

    Irre spannend geschrieben!

    Liebe Grüße von Frank und Xenia

    • Klaus Klaus sagt:

      Liebe Xenia,

      Ihr beiden wart so toll!
      Noch einmal vielen lieben Dank!

      Wir wünschen Euch alles Liebe und eine wundervolle Ehe
      Klaus und Ima

  4. Julian Buss sagt:

    Jungejunge, was für eine Geschichte, und wie immer toll erzählt.

    In der Bucht haben wir auch schon x-mal geankert, und tatsächlich hatte ich vor Jahren mit einem simplen Plattenanker dort auch Probleme, guten Halt zu finden. Danach bin ich auf den Jambo Anker umgestiegen und der hat bisher immer gehalten – aber trotzdem erinnert mich Euer Erlebnis daran, dass immer mal wieder was passieren kann.

    Ich hab für die Ankerwache an Bord ein altes Mobilgerät mit einer App, die Ankerwache hält und mir eine E-Mail schickt wenn sich das Boot zu sehr bewegt. Wenn Ihr an Bord permanent Internet und eigenes WLAN hättet (dazu schreibe ich dir gleich noch mal per Mail) könntet ihr das auch machen.

    Wie schön, dass die Geschichte ein gutes Ende genommen hat!

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Julian,
      vielen Dank noch einmal für Deine vielen guten Tipps.
      Ja. Irgendwie ist es ein kleines Wunder gewesen…
      Liebe Grüße
      Klaus

  5. Lucky sagt:

    Irre spannend. Erst das MRT und jetzt auch noch gestrandet. Das geht ja mal gut los ;). Super geschrieben, wie immer.

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Lucky,
      schön mal wieder von Dir zu hören… Es ging lustig weiter. Erst habe ich Wasser in den Dieseltank gefüllt, meine beste Hose beim nur mal eben nach dem Motor schauen ruiniert und da war noch irgendetwas, was ich glücklicherweise gerade verdrängt habe… Und trotzdem verleben wir gerade eine wunderschöne Zeit!
      Liebe grüße
      Klaus

  6. Matthias sagt:

    Au Mann, das war mehr als knapp. Ohne Dein Gespür für das Boot und das Meer wäre das nichts geworden. Tüchtig!
    LG Matthias

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Matthias,
      danke für die Anerkennung. Ich habe es bei Julian schon einmal geschrieben. Es kommt mir wie ein kleines Wunder vor. Kann es auch heute kaum glauben, da wieder runter gerutscht zu sein…
      Liebe Grüße
      Klaus

  7. Carsten sagt:

    Hallo Klaus,
    spannender Krimi, super geschrieben.
    Gruß Carsten

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