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Segeln als Digitale Nomaden

Der Zeitdieb von Wangerooge

Jan• 20•20

Die nächsten Tage weht es kräftig. Graue Wolken ziehen über die Nordseeinsel hinweg und mit ihnen ein Regenschauer nach dem anderen. Uns beeindruckt das wenig. Wir machen lange Strandspaziergänge. Die Reparatur der Membrane im Motorblock dauert nur ein paar Minuten. René und ich hatten mit dem Kleber gespart, um die Elastizität der Membran möglichst zu erhalten. Jetzt kleistere ich sie mit dem Zweikomponenten-Kleber zu.

Hafenmole Wangerooges fast überspült

Die Hafenmole Wangerooges im Sturm


Zum Einkaufen fahren wir mit der Inselbahn in den Ort. Da Ima weiß, wie gerne ich im Café sitze, um zu schreiben, liefert sie mich in einer Bäckerei ab und geht alleine einkaufen. Kurz darauf fängt es an zu regnen. Ich hatte den Tisch bewusst gewählt, denn er schien mir der einzige, der bei der Windrichtung einigermaßen vor Regen geschützt ist. (Manchmal sind Segler einfach im Vorteil! ;) ) So kommt es auch. Kurz darauf eilt ein Mann durch den Regen auf die Terrasse und bleibt noch vor seiner Bestellung am Tresen an meinem Tisch stehen:
„Ist hier noch frei?“
„Ja. Bitte!“ Ich mache eine einladende Geste und schreibe weiter. Der Mensch holt sich etwas Warmes zu trinken und setzt sich zu mir. Allerdings hat er ein überbordendes Mitteilungsbedürfnis. Ich gehe nicht kurz in mich, um herauszufinden, ob ich ihm von meiner wertvollen Lebenszeit opfern möchte. Ich bin unbewusst und lasse meiner natürlichen Neugier auf andere Menschen freien Lauf. Wir kommen ins Gespräch. Wohin, woher. Allerdings hört er kaum zu, so dass ich ihm schnell den Großteil der Gesprächsanteile überlasse. 

Der Hafen wird für ein paar Tage zu unserem zu Hause

Nahe Hochwasser ist der Hafen …

 

Fähre im Hafen Wangerooges

… ziemlich unruhig.

Er ist Koch auf der Insel. Eine junge Mutter eilt mit Kind, Kegel und vielen Sandförmchen durch den Regen blicklos an uns vorbei.
„Diese Touristen!“ Er sagt nicht, was er eigentlich sagen will, aber es klingt abschätzig. „Ich könnte ihnen Geschichten erzählen.“ Mich zählt er scheinbar nicht dazu. „Die sind so bescheuert!“ Ich weiß nicht, ob ich dieses Fahrwasser befahren möchte, aber er ist nicht zu bremsen:
„Allein der Zug.“ Ich gucke ihn verständnislos an.
„Die springen immer wieder auf den fahrenden Zug. Letztes Jahr ist diese junge Mutter abgerutscht und unter die Räder gekommen. So was Bescheuertes!“ Ich bin erschüttert über die Kälte mit der er spricht und sehe ihn wohl etwas entgeistert an, so dass er erklärend hinzufügt:
„Die Beine mussten amputiert werden.“ Ist das Selbstschutz oder Gefühlskälte?
„Das heißt, sie hat überlebt?“
„Klar.“ So klar finde ich das nicht.
„Na Gottseidank!“ Er guckt mich nur verständnislos an.
„Berührt sie das nicht?“
„Nee, wenn man sich so blöd verhält! Ich könnte ihnen Geschichten über die erzählen … Da kann ich nur sagen: Selbst schuld!“ Er setzt zu einem langen Lamento an, aber mein Interesse an Lamentos ist beschränkt. Er merkt das irgendwie. Ich weiß nicht, wen ich vor mir habe und eigentlich sitze ich ja hier, um über den gestrigen Tag zu schreiben. Habe ihm genug meiner geheiligten Alleinzeit gewidmet. Also wende ich mich wieder meinem Tagebuch zu und das Gespräch versandet. Wenig später eilt Ima mit dem großen Rucksack durch den strömenden Regen auf uns zu.
„Ich muss mal ganz dringend auf Toilette.“ Die Bäckerei hat keine, aber der Koch ist hilfsbereit und hilft uns unaufgefordert:
„Da drüben im Park.“ Während Ima noch weg ist lässt der Regen nach.
Er steht er auf:
„Tschüss. Ich wünsche euch einen schönen Tag.“
„Danke, Ihnen auch.“

Touristen werden auf Wangerooge mit der Bahn vom Ort zur Fähre gebracht

Wir Touristen!

Urlaub hin oder her, ich arbeite täglich ein paar Stunden am Buch für Delius & Klasing. Am Abend des dritten Tages hat es sich ausgeweht. Zumindest hat das Heulen im Rigg aufgehört, obwohl immer noch graue Wolken über uns hinweg ziehen und die Wetterberichte sich nicht einig sind, ob die Wetterunbill vorbei ist.
„Du Klaus, wollen wir nicht irgendwo ankern?“ Ima hat genug vom Hafen.
„Wir könnten zur Muschelbalje segeln.“ Das ist ein Priel an der Südostseite Spiekeroogs, in dem wir schon häufiger geankert haben.
„Auch jetzt noch?! Wann ist denn Hochwasser?“
„Jederzeit. Ist tief genug für uns.“ Das zaubert Imas breitestes Lächeln hervor.

Wir laufen aus. Segeln die anderthalb Meilen von Wangerooge hinüber in die Muschelbalje. Néfertiti geht vor Anker. Noch einige Stunden steht der Wind gegen die Tide. Bald fängt der Wind auch wieder an im Rigg zu heulen und bittet Néfertiti zum Tanz. Die ziert sich nicht lange und legt einen flotten Rock’n Roll aufs Parkett. Und wir in ihrem Bauch … Allerdings auf den Kojen, was trotz aller Schaukelei fast gemütlich ist. Irgendwann stellt der Skipper trotzdem die Gretchenfrage. Vorsichtshalber nicht in Frageform gekleidet:
„Wenn dir das Geschaukel zu unbequem ist, fahren wir zurück.“ Ima grinst mich frech an:
„Danke, aber eigentlich finde ich das sogar ganz schön. Ist doch alles sicher, oder?“ Das ist es.

Abends steht Ima im Niedergang und beobachtet das Himmelsspektakel der untergehenden Sonne zwischen den schnell ziehenden Wolken. Bald haben wir Hochwasser. Ich steige hoch, quetsche mich hinter sie und umarme sie von hinten. So stehen wir eine Weile im Angesicht der ehrfurchtgebietenden Natur.
„Was für ein wunderschönes Licht!“ Ima ist ganz im Bann dieses Anblicks, während Néfertiti unter uns bockt. Sie wendet mir schließlich ihren Kopf zu und sagt:
„Nach DEM Urlaub brauche ich Urlaub.“ Dabei lächelt sie aber. Ich löse meine Umarmung und setze Wasser auf für einen Gute-Nacht-Tee. Bald wird die Ebbe einsetzen, dann wehen Wind und Tide in eine Richtung und es wird ruhiger werden. Und wenn erst die Sände herauskommen, werden wir in Abrahams Schoß liegen, egal wie stark es dann wehen wird. Für etwa sechs Stunden, aber vielleicht hat der Wind bis dahin auch abgenommen …

♦♦♦

Watt, Sonnenuntergang

Abendstimmung in der Muschelbalje

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2 Comments

  1. Karl sagt:

    Schön dass du wieder schreibst. Das lässt mich im Winter vom Segeln träumen.

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