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Segeln als Digitale Nomaden

Urlaub vom Urlaub

Jan• 27•20

Am nächsten Morgen weht es noch immer. Ich wache auf, als die Tide kentert und die Flut einsetzt. Noch sind wir durch die Sände geschützt, aber in zwei drei Stunden wird Néfertiti wieder in einer kurzen steilen Welle arbeiten. Ich stehe auf und checke die Lage mit einem kurzen Rundblick. Néfertiti schwingt gerade mit der neuen Strömung herum. Ich schalte das Ankerlicht aus. Ima ist auch wach geworden:
„Wie schön ruhig es ist… Aber das wird nicht so bleiben, oder?“ Ich schüttele den Kopf und frage sie:
„Urlaub vom Urlaub?“ Sie weiß genau, was ich meine.

Blick durch den Niedergang Néfertitis ins Watt

Damit hat das Kreuzfahrt-Komitee nicht gerechnet …

„Ja, ich würde gerne in einen Hafen. Wo könnten wir denn hin?“
„Zurück nach Wangerooge oder weiter nach Spiekeroog.“ Ich denke mal, auf Neuharlingersiel sind wir beide nicht scharf. (Wen das Warum interessiert: hier klicken!)
„Dann nach Spiekeroog! Zurück finde ich doof.“ Ich bin einverstanden. Das bedeutet, dass wir noch ein paar Stunden Zeit haben, denn zwischen uns und Spiekeroog liegt ein Wattenhoch, das wir nur nahe Hochwasser überqueren können. Ich lächele meine Frau breit an:

„Wie wäre es mit Frühstück? Wahlweise hätte das Kreuzfahrt-Komitee Néfertiti auch noch die exklusive „Romantic Wattwanderung“ im Programm. Die Teilnehmer werden garantiert unter sich sein. Ein weltweit einzigartiges Biotop. Unberührte Strände, nicht einmal Fußspuren soll es da geben.“ Jetzt grinst Ima lausbübisch zurück:
„Beides.“ Aber in zwei Stunden werden die Sandbänke in der Flut versinken. Wir müssten jetzt aufbrechen. Während ich mich kurz darauf anziehe und dann das Dinghy aus der Vorpiek wuchte, um es auf das Vordeck zu schleppen und aufzupumpen, setzt ein leichtes Plopp plopp ein, das sich schnell zu einem Trommeln steigert. Ein Regenschauer zieht über Néfertiti hinweg. Wir gucken uns an.
„Na, dann setze ich doch erst einmal einen Tee auf.“
„Ja.“ Ich wuchte das Dinghy wieder zurück und widme mich der Pantry.

Während der Regen auf das Deck prasselt machen wir es uns in der Kajüte gemütlich. Ima entzündet ein paar Kerzen. Regen hin oder her, wir genießen unser Leben an Bord. Nach dem Frühstück checkt Ima den Wetterbericht:
„Oh, Oooh!“
„Oh, Ooh?“
„Ja. In den nächsten Tagen ist Starkwind angesagt.“ Hmmm! Heute erst einmal nach Spiekeroog, dann werden wir schon weiter sehen. Später hört es auf zu regnen. Für das Ausflugsprogramm des Kreuzfahrt-Komitees zu spät.

Sandbank

Solange die Sände aus dem Wasser schauen liegen wir sehr ruhig

Pünktlich eine Stunde vor Hochwasser gehen wir ankerauf. Die alte Gelassenheit ob der flachen Stellen hat sich noch nicht wieder eingestellt. Vielleicht wirkt auch noch das Auflaufen bei Wangerooge nach. Obwohl es nie flacher wird als einssiebzig, merke ich, wie eine bis dahin unbemerkte Anspannung von mir abfällt, als wir wieder Tiefen jenseits der zwei Meter erreichen. Das Fahrwasser ändert auf dem letzten Stück in der tiefen Balje seine Lage zum Wind und wir können sogar segeln, was wegen der Windrichtung in beprickten Wattfahrwasser nicht möglich war. ich rolle die Genua aus. Stoppe die Maschine. Zwar ist es nicht mehr weit, aber ich freue mich trotzdem. Nur unter Genua segeln wir in die flache Zufahrt zum Hafen. Alle paar Meter stehen rechts und links Pricken. Schnurgerade. Kinderleicht. Am Anfang gibt es einen Haken, oder um es mit den Worten des Kaleuns aus Das Boot zu sagen: ein Häkchen. Aber das nehme ich auf der langen Zufahrt nicht wahr, was später noch eine Rolle spielen wird …

Im Vorhafen starte ich die Maschine wieder und rolle das Vorsegel ein. Der Wind dreht den Bug, bis Néfertiti mit dem Heck genau im Wind liegt. Ich gebe langsame Fahrt rückwärts, um die Abdrift auszugleichen und justiere noch einmal nach. Dann bringe ich in aller Ruhe Leinen und Fender an. Néfertiti tut mir den Gefallen und bleibt auf der Stelle stehen. Ima kommt an Deck und sucht nach freien Boxen. (Ich bin da mit meiner Rot-Grün Schwäche etwas gehandicapt)
„Da ist eine … frei.“ Ich will aber nach innen. Dort werden wir die halbe Tide fest im Schlick stecken, was auch immer an Wetter kommen mag. Außerdem möchte ich gerne mit dem Bug zur Windrichtung liegen, dann können wir auch bei Regen das Niedergangsschott offen lassen. Ima zeigt mir eine weitere freie Box und steigt mit der Vorleine auf den Schlengel, während ich die Achterleine bediene.

Der Hafen ist gesellig. Ich komme mit einem sympathischen Segler ins Gespräch. Woher, wohin. Ich frage ihn nach seinem Boot und er zeigt auf einen Katamaran, denn er mit seinem Bruder selbst gebaut hat.
„Der bleibt aber nicht so schön im Wind stehen wie dein Oldtimer. Ich habe euch reinkommen sehen.“
„Naja. Ehrlich gesagt…“ Da klingelt sein Handy und ich komme nicht mehr dazu ihm den Trick mit der Rückwärtsfahrt zu erklären. Mit Zeichen verabschieden wir uns.

Ankern Ostseite Spiekeroog

Unser Ankerplatz in der Muschelbalje

Urlaub vom Urlaub heißt für Ima: Entspannung im Hafen, Spaziergänge, Eisessen und Kaffeetrinken gehen. Sie liest viel, macht Yoga und meditiert.
Für mich heißt Urlaub vom Urlaub im Leseraum des Touristoffice sitzen und an dem Buch zu schreiben. Zwischendurch laufe ich auch mal zur Bäckerei gegenüber und setze mich auf die Terrasse. Sofern es das Wetter zulässt. Oder lasse mich doch von Ima zu einem Eis überreden … (Nicht, dass es großer Überredungskünste bedürfte!)
Es sind schöne Tage. Eigentlich hatten wir uns das für die Woche vor unserem Hochzeitstag vorgenommen, aber wir reden schon jetzt über unsere Ziele im Leben. Ima ist da viel klarer als ich. Sie möchte einen Fußabdruck hinterlassen. Menschen bewegen. Eine bessere Welt bauen. Und was will ich? Nur Segeln?

Trotz der schönen Zeit sind wir froh, als nach drei Tagen der Wind nachlässt. Wir beschließen abends bei halber Tide auszulaufen, um bei den angesagten lauen Winden vor der Ostspitze Langeoogs zu ankern. Allerdings werden wir dort an diesem Tag nicht mehr ankommen…

♦♦♦

Dieser Artikel unseres Segelblogs spielt vom 14. bis zum 17.8.

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6 Comments

  1. Ralle sagt:

    Hallo Klaus,
    ich verfolge Deinen Blog seit einiger Zeit. Schön, jetzt wieder regelmäßig was von Euch lesen zu können. Ich lese Deinen Blog immer bei der Arbeit. So zwischendurch… um wieder gute Laune zu kriegen… ;-)

    btw: oben bei der „Neuharlingersiel-Geschichte“ fehlt noch der Link.

    Freue mich auf weitere schöne Episoden!

    VG, Ralf

  2. Klaus Klaus sagt:

    Mensch Ralle, danke für den Hinweis. Sorry, den Link habe ich vergessen.
    Als ich den Artikel online setzte hat Ima aus Ägypten angerufen …
    Das muss mich irgendwie abgelenkt haben… ;)

    „… um wieder gute Laune zu kriegen…“ Was für ein schönes Kompliment! Danke Dir!
    Liebe Grüße :)
    Klaus

  3. Lucky sagt:

    Was für ein Cliffhanger!

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Lucky,

      ;) ähm… sorry… Du weißt doch wie sehr ich Cliffhanger liebe… :D
      Habe den Artikel fast fertig. Morgen oder übermorgen geht es weiter ;)

      Liebe Grüße
      Klaus

  4. Lucky sagt:

    Übrigens: Digger Hamburg Veröffentlicht ja jetzt regelmäßig im Selbstverlag. Er hat drei Bücher bei DK und möchte jetzt vermutlich etwas mehr Anteil davon haben.

    • Klaus Klaus sagt:

      Hallo Lucky
      Danke für den Hinweis. Ich möchte da jetzt nicht näher drauf eingehen, denn noch ist die Zukunft des Buches nicht entschieden. ;)
      Liebe Grüße
      Klaus

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