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Segeln als Digitale Nomaden

Wie wir mit Néfertiti trocken kentern

Nov• 03•20

Kurz nach Neun Uhr morgens ist Hochwasser in Finkenwerder. Und kurz nach Neun dreht Néfertiti ein, läuft langsam zwischen die Dalben, die den Trockenfallplatz markieren. Zehn nach Neun sind wir fest. Die Sonne, die schon jetzt von einem fast wolkenlosen Himmel herab scheint, verspricht einen sommerlich heißen wunderschönen Tag.

Segelboot Néfertiti läuft aus

Wir laufen wieder aus… (Foto Mick M.)



Jetzt heißt es warten, bis das Wasser abgelaufen ist und ich das Unterwasserschiff schrubben kann. Einen heißen Tee hätte ich mir verdient. Hatte gestern am Liegeplatz übernachtet, um heute in aller Herrgottsfrühe gegen den Strom nach Finkenwerder zu laufen. Leider ist das Gas zu Ende und noch kein Ersatz an Bord. Werde ich morgen vor unserem Auslaufen besorgen. Ima hat eine freie Woche, die wir irgendwo auf der Elbe verbringen werden. Also behelfe ich mir mit einem Glas Saft. Ich habe mich gerade ins Cockpit gesetzt, als mein Handy klingelt. Es ist Ima:
„Habibi, ich habe solche Sehnsucht. Und es ist so schönes Wetter. Ich würde dich gerne besuchen.“
„Komm vorbei. Im Moment habe ich eh nix zu tun.“
„Okay. Bis gleich!“

Gleich ist ein dehnbarer Begriff. An der Fährstation Rüschpark warte ich… und warte. Wieder ist eine Fähre angekommen. Ohne Ima. Inzwischen stehe ich etwas unter Spannung, denn das Grünzeug am Unterwasserschiff lässt sich verhältnismäßig leicht abschrubben, solange es noch nass ist. Einmal angetrocknet wird es eine ätzende Arbeit. Die ersten zwei Stunden sind ausschlaggebend. Eine Fähre warte ich noch ab. Dann muss Ima den Weg selbst finden…

Die nächste Fähre kommt und Ima winkt mir schon von weitem. Endlich. Für einen zärtlichen Begrüßungskuss bleibt trotzdem Zeit. Auch für das Pflücken von ein paar Fliederbeerblüten für eine von Imas köstlichen selbstgemachten Limonaden.

Als wir ankommen, liegt der Wasserpass schon vierzig Zentimeter oberhalb des fallenden Wasserspiegels. Höchste Zeit für mich! Da sagt Ima:
„Ach jetzt erst einmal schön frühstücken.“
„Sorry, dafür habe ich keine Zeit.“
„Nur ein paar Minuten.“
„Nee!“ Ich schlüpfe in die Badehose, greife den vorbereiteten Schrubber, klettere von Bord auf die Brücke und eile zu der kleinen Treppe, die ins Wasser am Trockenfallplatz führt. Ich war hier schon mehrfach. Ich weiß, wie rutschig die Stufen sind. Eigentlich. Es geht schneller als ich denken kann, geschweige denn begreifen, was mit mir passiert. Ich rutsche, schnappe reflexartig mit der linken Hand zu dem Geländer der Brücke, stürze, sehe wie meine Füße plötzlich waagerecht in der Luft stehen, sehe meine Schlappen in hohem Bogen durch die Luft fliegen, gegen Néfertitis Bordwand knallen und ins Wasser fallen. Ich knalle auf die Steintreppen. Der schrubber entgleitet mir. Alles scheinbar gleichzeitig. Ein heftiger Schmerz schießt durch den Körper. Ich brülle auf. Klammere mich immer noch mit der Linken fest. Die Strömung greift nach meinen Plastikschlappen. Wenn die erst weg sind, kann ich das heute vergessen. Richte mich stöhnend auf, wate zwei Schritte über die schlüpfrigen Steine und fische meine beiden Schlappen. Mir wird schwindelig vor Schmerz. Ich werfe die Schlappen aufs Trockene und kehre um. Lasse mich auf die Brücke sinken und liege auf dem Gitterrost ohne mich rühren zu können. Die Schmerzen sind unerträglich geworden. Ima kommt und oben hat mich auch ein Passant schreien gehört.
„Soll ich einen Notarzt holen?“ Ich sehe mich den Tag im Krankenhaus verbringen und winke ab. Naja. Die Geste gelingt mir vor Schmerzen nicht. Sage matt:
„Nein.“ Ima tastet mich ab:
„Ich glaube nicht, dass etwas gebrochen ist! Auch so, wie du da eben rumgeturnt bist, um deine Schlappen wieder zu kriegen.“ Versuche aufzustehen und sinke wieder zurück auf das Gitterrost, weil mir vor Schmerz so schwindelig wird, dass ich fürchte ohnmächtig zu werden. Insgesamt liege ich eine halbe oder sogar eine ganze Stunde da, bis es mir gelingt aufzustehen und zurück auf Néfertiti zu klettern. Irgendwie schaffe ich es auch den Niedergang hinunter auf meine Koje. Ich liege vielleicht zehn Minuten auf der Koje, als oben Matina, die Jetzt-Nicht-Mehr-Hafenmeisterin ruft. Wir waren lose verabredet. Vielleicht habe ich da also auch zwei Stunden gelegen… Matina hat sogar Gebäck mitgebracht und entpuppt sich als die Vernünftige von uns dreien:
„Du solltest unbedingt ins Krankenhaus!“ Aber dann ist Néfertiti allein… Ich hatte die Leine, die Néfertiti keinen Zentimeter Spielraum gibt, unter einem Querholz durch geführt. Das heißt die Leine kann nicht nachgeben, wenn Néfertiti wieder aufschwimmt. Kein Problem, wenn jemand an Bord ist… Ich erkläre das und Ima sagt:
„Ich verstehe nicht, was du meinst.“
„Aber ich.“ Matina macht sich auch gleich daran die Leine umzulegen, so dass das Aufschwimmen kein Problem mehr sein wird.

Segelboot Néfertiti in Finkenwerder

… unverrichteter Dinge… (Fotos Mick M.)



Schließlich bricht sie auf, um für mich Arnika Globoli zu holen, da unsere Apotheke noch nicht wieder an Bord ist. Ich rufe einen befreundeten Notarzt an, der mich etwas beruhigt. Er sagt mir worauf ich achten solle, z.B. Neuerliche Schwindelgefühle, um dann sofort ins Krankenhaus zu gehen. So bleibe ich auf der Koje liegen. Froh nicht sofort ins Krankenhaus zu müssen…

Irgendwann ist das Wasser unter Néfertiti abgelaufen. Wir stehen hoch und trocken. Ima liegt auf ihrer Koje und sagt:
„Dann werden wir meinen Urlaub wohl hier verbringen?!“
„Es tut mir so Leid. Könnte schon sein. Im Moment kann ich mich vor Schmerzen nicht rühren.“ Geschweige, denn irgendwelche Ankerketten zu bedienen…


Ima steht auf, da geht eine Bewegung durch das Boot. Néfertiti kippt! Es passiert blitzschnell. Néfertiti bleibt in einem Winkel von 30 oder 35° Grad stehen. Da bin ich schon aufgesprungen und den Niedergang hoch, um zu sehen was passiert ist. Ich, der ich mich eben vor Schmerzen kaum aufrichten konnte, um einen Schluck Wasser zu trinken! Matina hatte die Leine, die ich so fest gezurrt hatte, nicht oberhalb des Querbalkens herum geführt sondern ihr Lose gegeben, so dass Néfertiti aufschwimmen könnte. Anscheinend habe ich das doch nicht so genau erklärt wie ich dachte. Vor allem habe ich es nicht geprüft.

Jetzt hängt Néfertiti an der zum Zerreißen gespannten Leine und das rechte Oberwant stützt sich genau auf einen der äußeren Dalben. Hätten wir zwanzig Zentimeter weiter vorn oder hinten festgemacht … Ich hätte nie gedacht, dass Néfertiti umkippen könnte. Es weht doch kaum Wind und wir sind hier so gut geschützt… Vorsichtig klettere ich wieder zurück auf meine schiefe Koje. Wir könnten das Großfall zum Land hin ausbringen. Aber das Gleichgewicht ist so labil! Und jetzt bin ich wieder unten…
„Am Besten wir bewegen uns nicht.“ Ima starrt mich an:
„Wie lange? Wann ist denn Hochwasser?“ Als Néfertiti trocken kenterte, lief das Wasser schon wieder auf. Der Kiel stand schon wieder im Wasser. Ich überschlage. In etwa zwei Stunden sollten wir wieder schwimmen. Die Minuten dehnen sich zu Ewigkeiten. Wir hocken in Néfertitis Kajüte und trauen uns kaum zu atmen. Was, wenn das Oberwant reißt? Kann die Leine Néfertiti allein halten? Was wenn der Kiel rutscht? Noch haben wir anderthalb Stunden auszuharren. Da ertönt ein metallisches ZINNNG!

Ein Ruck geht durch Néfertiti und ein zweites Mal bin ich allen Schmerzen zum Trotz den Niedergang hinauf bevor ich auch nur einen Gedanken gefasst hätte. Mein Blick springt zum Masttop. Ungläubig. Das Oberwant steht noch. Jetzt sind etwa zehn Zentimeter Platz zum Top des Dalbens. Néfertiti hat sich leicht aufgerichtet und da oben war eine Nagel halb in den Dalben eingeschlagen, hinter dem sich das Oberwant verhakt hatte. Daher das Geräusch.
Ima ruft von unten:
„Was ist?“
Das auflaufende  Wasser hat genug Auftrieb zu erzeugt, dass Néfertiti sich etwas aufgerichtet hat. Mit der Erleichterung kommen sofort die Schmerzen zurück. Irgendwie kämpfe ich mich den Niedergang zurück auf meine Koje.
„Wir haben es geschafft!“
„Wir können uns wieder bewegen?“
„Ja, aaaargh!“ Falsche Bewegung.

Während ich in der Hitze auf der Koje einnicke, kommt Matina noch einmal zurück. Dabei die Globoli. Auch lässt sie es sich nicht nehmen, wir haben ja kein Gas an Bord, in der Vereinsküche einen Tee für uns zu kochen. Und eine gute Nachricht hat sie auch im Gepäck. Jan, ein Clubmitglied, käme bei Hochwasser vorbei, um uns zu helfen Néfertiti an einen der Schlengel zu bringen.  Wenig später, da hat sich Matina wieder verabschiedet, steht besagter Jan an der Brücke und bittet an Bord kommen zu dürfen. Er möchte kurz die Details für später besprechen. Die Stimme kommt mir doch bekannt vor. Als ich mich mühsam aufrichte, um von meiner Koje ins Cockpit zu gucken, sitzt da ein bekanntes Gesicht. Wir hatten uns auf einer der letzten Hanseboots lange auf der Aftershow Party unterhalten. Jan war einmal um den Atlantik gesegelt und hatte dabei immer wieder Gäste mitgenommen. Jetzt besprechen wir das Manöver und ich verstehe, dass sich Jan eher als helfende Hand sieht, denn als Part Time Skipper. Ima will das Ruder übernehmen. Als ich ihr später genauer erkläre, wie das Manöver ablaufen wird, denn es ist hier doch etwas eng, macht sie einen Rückzieher.

Segelboot Néfertiti im Hafen Finkenwerders

Das Unterwasserschiff noch genauso bewachsen wie bei der Ankunft. (Fotos Mick M.)



Zu Hochwasser kämpfe ich mich noch einmal ins Cockpit hoch und übernehme das Ruder selbst. Wenig später liegen wir fest am Steg. Danke Jan und Matina! Das war echt toll von Euch!

Tatsächlich verbringen wir Imas Urlaub in der Einflugschneise des Airbus Flughafens. Allerdings herrscht hier weniger Flugverkehr als befürchtet. Am nächsten Tag fahren René, ein Freund aus Hamburg, Ima und Miguel los und kaufen ein paar nützliche Dinge, unter anderem eine volle Gasflasche.

So verbringen wir den ersten Segelurlaub im Hafen des Finkenwerder Segelvereins, bis ich nach anderthalb Wochen wieder soweit hergestellt bin, dass ich mir zutraue das Boot unter Schmerzen an unseren Liegeplatz zurück zu bringen.

Epilog:

Auch wenn ich mich kurzfristig zusammenreißen konnte (Ist schon irre, was unser Körper kann, wenn er sich in Not wähnt!) war mein Märtyrium nicht vorbei. Néfertiti kam gut urück zu ihrem angestammten Liegeplatz im Travehafen. Während Ima sofort nach Hause fuhr, um zu arbeiten, machte ich langsam Klarschiff, beschloß auf dem Boot zu bleiben und dann am Montag mit der Fähre in die Stadt zu fahren (Am Wochenende findet hier öffentlicher Nahverkehr praktisch nicht statt und das in einer Metropole wie Hamburg). Ich hatte immer noch Schmerzen, aber fühlte mich auch anderweitig nicht so richtig auf dem Damm. Jedenfalls nicht so, dass ich den Fußmarsch nach Hause antreten wollte.

Plötzlich stand Julian auf dem Steg. Er kannte den Blog und blieb glücklicherweise auf dem Steg stehen, während wir uns unterhielten. (Habe mich unheimlich darüber gefreut und wir können jederzeit mal einen Kaffee zusammen trinken gehen…) Denn abends kriegte ich heftige Magenkrämpfe und Fieber. Verbrachte eine schreckliche Nacht an Bord. Da wir nicht wussten, was das war, blieb ich an Bord. Ima versorgte mich in der nächsten Woche mit dem Nötigsten, indem sie es auf den Steg stellte. Ich glaubte zwar, dass das eine Magendarmgrippe war (meine Ärztin per Ferndiagnose auch), aber damit wollte ich Ima natürlich auch nicht anstecken. Am Ende kamen aber auch Erstickungsgefühle dazu, wie ich sie als Kind bei meinen Asthmaanfällen erlebt hatte. Meine Ärztin hatte gesagt, dass die Prellungsschmerzen bis zu sechs Wochen andauern könnten.

Das Fieber hatte ein Gutes, die Schmerzen klangen ab. Außer im Ellenbogen, den ich nachträglich noch zwei Mal an Bord gestoßen hatte. Nach sieben Wochen wurden die Schmerzen im Ellbogen schlimmer und nach acht Wochen suchte ich abermals meine Ärztin auf. Sie untersuchte den Arm und sagte:
„Da du keine Schmerztabletten nimmst, kann ich dir nichts anderes raten, als den Arm nicht so zu verwenden, dass du Schmerzen fühlst…“ Na toll!

Eine Woche später hatte Ima ihren Healy bekommen, ein kleines portables Frequenzheilungsgerät, und forderte mich auf es zu probieren. Genau genommen schreibe ich deshalb diesen Epilog. Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte.
„Probiere es einfach aus! Du kannst nichts verlieren!“ Etwas zögerlich ließ ich mich auf das Experiment ein und wählte ein Programm der Schmerzfamilie, das Gelenke hieß. 30 Minuten später waren die Schmerzen weg, die mich wochenlang gequält hatten. Nach dreißig Minuten! Ich bin immer noch total aufgeregt deswegen. Was das für die Welt bedeuten könnte!  Für alle Menschen, denen, wie mir, nach Lektüre des Beipackzettels wegen der möglichen Nebenwirkungen die Lust vergeht, eine Pille XY zu nehmen, auch wenn sie vorher noch so notwendig schien. Selbst wenn sie schon gekauft ist. Oft nehme ich sie dann doch lieber nicht…


Wer von Euch sich für den Healy (Kurz für: Heal yourself) interessieren sollte, den lade ich ein einen Blick in diese Facebookgruppe zu werfen: 
Healy Experience Group

Da sind schätzungsweise 40.000 Erfahrungsberichte zu allen möglichen Beschwerden. Der Healy hat eine Zulassung zur Schmerztherapie und Behandlung von mentalen Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen, aber er kann soviel mehr. Wenn Du unter etwas Spezifischen leidest, einfach mal die Suchfunktion benutzen, um zu sehen, ob der Healy auch Dir helfen könnte…  Wenn Du irgendwelche Fragen dazu hast, bin ich superglücklich, sie Dir zu beantworten! Einfach eine Email an mich schicken oder die Telefonnummer aus dem Impressum benutzen …
Liebe Grüße :)
Klaus

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