Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Sanfte Nordsee

Feb• 01•13

Am nächsten Morgen sind wir um vier Uhr auf den Beinen. Die Sonne scheint. Erstmal einen Tee zubereiten. (Für’s Frühstück ist es uns noch zu früh.) Mal sehen, ob das wirklich kein Problem ist, wenn wir den Holländer wecken werden…

Segeln Nordsee Flaute

Ich kann mich nicht dazu durchringen den Motor zu starten


Ich kontrolliere noch einmal meine Navigation: Wenn wir es nicht bis Borkum schaffen, könnten wir nach Schiemonnikoog, Lauwersoog oder etwas weiter im Lauwers ankern.

Es ist 4.45 Uhr.
„Weckst Du ihn, oder ich?“
„Ich mach das schon. Trinke nur eben noch aus.“
In dem Moment wird drüben das Schiebeluk aufgeschoben. Ich stecke den Kopf aus dem Niedergang: „Goedemorgen .“
„Goedemorgen .“
Einige Minuten später legen die beiden ab. Ich bin beeindruckt. Kein Problem! Wir wünschen uns gegenseitig eine gute Reise. Dann werfen auch wir die Leinen los und tasten uns vorsichtig aus dem Hafenbecken, ohne irgendwo aufzulaufen. Vor der Hafenausfahrt setzen wir Segel und stellen den Motor aus. Diese friedliche Stille. Drei Windstärken, wie vorausgesagt, ziehen uns zügig Richtung Molengat.
Von Tonne zu Tonne segeln wir durch das Fahrwasser. Erstaunlich, wie viel einfacher ein Fahrwasser zu befahren ist, wenn man es kennt.

Auf der Barre des Molengats wird es knapp. Eine Stunde vor Niedrigwasser. Kein Seegang. Ich rechnete mit mindestens 1,80m, aber das Echolot springt auf 1,60m. Néfertiti verneigt sich leicht. Oder habe ich mir das nur eingebildet? Wir rutschen über die Barre und bald zieht uns der Ebbstrom an Amelands Westküste entlang. Schönes Segeln.
Das Wasser gluckst fröhlich an der Bordwand. Néfertiti läuft mit 4-5 Knoten durchs Wasser. Nur die Windfahnensteuerung muss alle paar Minuten nachgestellt werden, da der Wind schralt. Schließlich steuere ich lieber von Hand.

Jetzt kommt der navigatorische Leckerbissen. Durch das unbetonnte Gatt.
Ich nehme zur Sicherheit eine Peilung von dem Leuchtturm und der letzten Tonne. Das Echolot läuft sowieso immer mit auf Néfertiti. Die Peilung bestätigt den gegissten Standort: Wir stehen inmitten des Gatts. Backbord die Sandbank, deren Ausläufer uns unter Wasser noch eine Weile begleiten wird, steuerbords der Strand von Ameland. Wenn wir den Abstand zum Strand halten, sollte alles klar gehen.
Aber was ist das?!

Segeln mit Segelboot Néfertiti in der Nordsee vor Ameland

Néfertiti marschiert unter der niedrigen Küste Amelands entlang

Steuerbord voraus spritzt eine Fontäne senkrecht aus dem Wasser.
„Delfin!“ Iman stürzt den Niedergang hoch. Einen Delfin sehen: Das war ihr erklärter Herzenswunsch für diese Reise. Jetzt springt der Tümmler etwa 200m vor dem Boot aus dem Wasser. Aber Iman sieht ihn nicht. Wir starren und starren, aber er taucht nicht wieder auf.
Schade. Ich hätte Iman so gerne einen Delfin gezeigt.

Obwohl der östliche Teil der Sandbank unter Wasser liegt, kann man ihn gut erkennen. Brandung steht darauf. Trotz des ablandigen Windes. Kann es sein, dass weiter draußen schon die Seebrise weht? Nein, viel zu früh. Zur Sicherheit nehme ich noch eine Kreuzpeilung. Sie bestätigt den geschätzten Standort und bald zeigt das Echolot auch wieder wachsende Tiefen an.
Kein Problem diese Durchfahrt, auch ohne GPS. Hier braucht man wirklich kein betonntes Fahrwasser.

Als die Tide kentert, marschiert Néfertiti unter Vollzeug an Amelands Stränden entlang. Die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel herab. 6-7 Knoten über Grund. Keine Welle. Das verspricht heute herrliches Segeln. Ein Traumtag.
„Segeln wir nach Borkum durch?“
Die Frage kommt von Iman und ich muss nicht lange überlegen. Dieser Tag ist wie geschaffen, um Strecke zu machen.
„Ja.“

Zwei Stunden später haben wir den Leuchtturm von Schiermonnikoog querab. Das fröhliche Glucksen an der Bordwand ist verstummt. Der Wind ist eingeschlafen und Néfertiti schleicht über eine spiegelglatte Meeresoberfläche.
Über Land haben sich große Haufenwolken gebildet. Ein sicheres Zeichen für Thermik. Bald wird sich die Seebrise durchsetzen, denke ich. Wir nutzen die Zeit und brunchen.

Segeln mit Segelboot Néfertiti in der Nordsee

Fahrtenseglers Stolz

Drei Stunden später ist Schiermonnikoog immer noch in Sicht. Die Haufenwolken verspotten mich und wir dümpeln ohne Fahrt.
Der Wetterbericht hatte von Schauerböen gesprochen. Ich fürchte die damit einhergehende Sichtverschlechterung, falls es uns im Huibertusgat erwischen sollte, wo die Tonnen weit auseinander liegen.
Totenflaute. Tiefblaues Wasser. Dunst am Horizont.
Ich würde gerne schreiben, wie gelassen ich war, aber in Wirklichkeit hadere ich mit dem Schicksal. Diese unangekündigte Flaute zermürbt mich. Iman hätte schon längst den Diesel angeworfen. Als ich jetzt endlich den Startknopf drücke, empfinde ich es als Niederlage.

Wumm,wumm,wumm.. dröhnt der Diesel in die Stille … Warum? Warum? Warum? Dröhnen die Gedanken in meinem Kopf …Wumm,wumm,wumm … Es könnte so schön sein … Wumm,wumm,wumm… Wir könnten so schön segeln … Wumm,wumm,wumm… Es war doch ganz anders vorausgesagt … Wumm, wumm, wumm …Es dauert… Wumm, wumm, wumm …  bis ich begreife, dass ich der Einzige bin, der die Schönheit dieses Tages stört…Wumm, wumm , wumm … Dass es nicht schön sein könnte, sondern schön ist … wumm, wumm, wumm … Worüber rege ich mich eigentlich auf? … Wumm, wumm … Ich bin an Bord eines wundervollen Bootes. Auf der Nordsee! … wumm, wumm, … Herrlichers Wetter. wu … Eine wundervolle Gefährtin an meiner Seite …. … Einen zuverlässigen Motor an Bord!

Endlich habe ich Frieden gefunden. Aber inzwischen läuft der Strom gegenan. Eine Stunde später kommt der Wind zurück. Aus Nordost. Na das freut mein Seglerherz: Motor aus.
Hoch am Wind läuft Néfertiti auf Borkum zu. In der Ferne taucht die markante Stadtsilhouette von Borkum auf. Wir können anliegen.
„Iman: Borkum ist in Sicht!“ Sie freut sich, dass diese Fahrt nun langsam einem Ende entgegen sieht. Aber davon sollte man sich nicht narren lassen…

♦♦♦

So schön wie der Tag angefangen hatte, sollte er nicht zuende gehen.
(Fortsetzung folgt in „Wilde Nordsee“)

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7 Comments

  1. MAGELLAN sagt:

    Moin Klaus,

    lese seit einiger Zeit Deine Berichte „mit“ und kann nur sagen „prima Blog“ !
    Kann Deine „Liebe“ zur NEFERTITI sehr gut nach vollziehen, denn ich segel eine 6,5 KR Yacht aus dem Jahre 1957 von A&R. Ältere Ladys haben eben den Charme, den man auf den modernen GFK-Yachten leider vergeblich sucht !

    Euch Beiden stets fair winds aand following seas !

    Gruß – Frank

  2. Klaus sagt:

    Lieber Frank,

    danke für Deinen wohlwollenden Kommentar. Jaaaaa, die alten Ladys … Ich liebe diese alten Risse. Die 6,5 KR ist ja auch ein schnittiges Schiff. Stimmt es, dass sie nur einen Meter Tiefgang hat?

    Columbus 488 schrieb im Segeln-forum: „Wenn wir hier auch ein bunter Haufen von Idealisten, Fanatikern, Besserwissern oder auch einfach nur Menschen und Seglern sind, so eint uns alle doch eins: Die Liebe zu UNSEREM Boot !!“

    So ist es am Ende, glaube ich, egal, welche Risse man selbst liebt. Ob Langkiel oder Kurzkiel, ob GFK oder Holz, Ob Einrumpfboot oder … Am Ende ist für die meisten von uns das eigene Boot das Schönste! Ist das nicht schön? Man liebt das, was man hat:
    Kein Neid, keine Gier …
    Wenn es in anderen Lebensbereichen doch genauso wäre: Vielleicht wäre diese Welt dann ein friedlicherer Ort …

    Liebe Grüße
    Klaus

    • MAGELLAN sagt:

      Hallo Klaus,

      wir gehen ca. 1,50 Mtr. tief, mit all dem Zeugs, was man über die Jahre so an Bord verbracht hat.

      Denn trotz aller Nostalgie die Technik muss stimmen und funktionieren, um sicher am Seeverkehr teilnehmen zu können – LG Frank

  3. Susanne sagt:

    Wir segeln auch eine alte Lady aus dem Jahre 1963. Verzinkter Stahlrumpf mit Mahagoni – Aufbauten und Teakdeck. So ein altes Schiff hat sein eigenen Geruch und hat Charakter. Auch ich kann die Liebe zum eigenen Boot nachvollziehen.

    Tolle Berichte…ich kann nicht aufhören zu lesen.

    • Klaus sagt:

      Hi Susanne,
      sag mal: Ist „Anthony“ Euer Schiff? Nur für den Fall, dass Du die Susanne bist, die ich jetzt vor meinem inneren Auge habe …
      Wenn ja: Es ist auch ein wunderschönes Boot!

      Dein letzter Satz freut mich am Allermeisten. Ich freue mich besonders (und Iman erst recht) über jede Seglerin, die unseren Blog entdeckt und mag… ;)

      Liebe Grüße (auch an Deinen Mann)
      Klaus

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