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Segeln als Digitale Nomaden

Wilde Nordsee

Feb• 04•13

Stunden später. „Borkum in Sicht!“ reißt niemanden mehr vom Hocker. Man kann Borkum mit seinen Hochhäusern einfach unheimlich weit sehen…

Der Himmel hat sich zugezogen. Es regnet. Die Sicht ist schlecht. Der Wind hat zugelegt und recht gedreht. Zwei Reffs im Groß. Kreuzen.
Die Nordsee zeigt ihre Zähne.

Fahrtenseglers-Glück.de Segeln auf der Nordsee

Das alte Ölzeug hält auch nicht was es versprach, aber noch scheint die Sonne

Wir stehen irgendwo im Huibertusgatt. Die Sonne tröstet nicht mehr. Borkum verschwindet in einem Regenschauer. Mit meiner voreiligen Bemerkung habe ich Ankunftserwartungen geweckt, die ich nicht erfüllen kann. Wenn die Stadtsilhouette zwischen den Regenfahnen auftaucht, scheint sie fast so weit weg zu sein, wie bei der ersten Sichtung. Wir tasten uns trotz der schlechten Sicht von einer weit entfernten Tonne zur anderen.
„Kann ich mich in die Koje legen?“
„Klar.“ Iman krabbelt in ihren Schlafsack. Müdigkeit ist ein Symptom der Seekrankheit. Auf der anderen Seite sind wir auch schon zwölf Stunden unterwegs.
„Ist dir übel?“
„Nein, nur kalt.“
Jetzt schläft sie. Wenigstens das.
Die Tide läuft schon seit Stunden gegenan.

Ich fühle mich trotz allem großartig. Spüre Nässe und Kälte nicht. Lasse Néfertiti voll und bei segeln. Luve in der Bö an, und wenn Néfertiti Fahrt aufgenommen hat, falle ich wieder ein bisschen ab. Ich fühle mich vollkommen im Einklang mit der See, mit Wind und Wellen, mit Néfertiti, mit der Welt. Berauschendes Segeln, aber Borkum kommt nur langsam näher.

Zwei Stunden später wacht Iman wieder auf. Von hinten kommen zwei Segelboote auf. Bolzen nur unter Motor gegen Wind und Strom an.
„Vielleicht sollten wir auch den Motor an werfen, sonst kommen wir im Dunkeln an.“
Ein Teil von mir denkt: Na und? Auch mit Motor werden wir es nicht vor Anbruch der Dunkelheit schaffen. Ein anderer nimmt wahr, das Iman die Schnauze vom Segeln voll hat. Habe ich irgendetwas heute Mittag gelernt? Ich drücke den Startknopf. Der Diesel springt an. Alles ist gut. Es schmerzt mein Seglerherz nicht … Naja: Nur ein bißchen. Wir bergen die Segel und dampfen den anderen voraus.

Iman bereitet einen Tee. Ich friere und bin seit Stunden vollkommen durchnässt. Meine Regenjacke ist in die Jahre gekommen und hält nicht mehr dicht. Iman reicht mir eine dampfende Tasse heraus: Was für eine Wohltat! Nur ein heißer Schluck Tee. Aber ich habe noch nie etwas so leckeres getrunken. Dann reißt die graue Welt auf und Borkum kommt wieder in Sicht. Weit, weit weg.

Immer wieder starren wir zu der Insel hin, die gegen Strom und Wind nur quälend langsam näher kommt. Wenigstens ist die Sicht jetzt besser. Wenn es zu regnen anfängt, verschwindet Iman lieber nach unten. Es genügt, wenn einer nass wird. Ich friere. Mir klappern die Zähne. Und doch ist es schön. Die Wolken am Himmel. Das Licht. Die Dämmerung. Was für ein großartiges Schauspiel! Auch Iman ist ganz im Bann dieses Naturereignisses. Es wird dunkel.

Wir überqueren die Ems. Iman übernimmt, während ich die Kennungen auszähle, in der Seekarte arbeite und mich dabei in der Kajüte ein bisschen aufwärme. (Der Motor macht nicht nur Lärm sondern verbreitet auch eine wohlige Wärme) Die anderen Boote laufen unter Motor schneller als wir und sind längst weit voraus. Dann fängt es wieder an zu regnen und ich verdränge Iman von ihrem Platz an der Pinne. Sie ist nicht gerade böse deshalb …

Nachts in völliger Dunkelheit machen wir die Leinen fest. Wir waren über 18 Stunden unterwegs. Endlich die nassen Klamotten vom Leib! Wohlig müde falle ich in meine kuschelig warme Koje und bin in Sekunden eingeschlafen.

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