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Segeln als Digitale Nomaden

Sturm im Watt

Feb• 08•13

Am nächsten Morgen herrscht Sonnenschein. Zumindest außerhalb des Hafens:

“Ist das hässlich hier!“ Iman will weiter, am liebsten sofort. Und so großzügig Olli, mein befreundeter Chef auch ist: Irgendwann muss ich wieder arbeiten. Also nehmen wir die nächste Tide, ohne Borkum eine Chance zu geben. Der Wetterbericht sagt frischen Wind voraus, in Böen mehr, aber davon ist im Moment nichts zu spüren. Die Nordsee zeigt sich sanft. Noch…

Nordsee: Segeln bei Sturm im Watt

Sturmsegeln im Watt

Gegen 12.00 Uhr werfen wir die Leinen los. Der Himmel hat sich zugezogen. Noch in der Hafeneinfahrt gehen die Segel hoch. Aber bevor wir die Ems gegen den Flutstrom erreicht haben, setzt Nieselregen ein. Ölzeug an. Der Wind dreht auf West und legt kräftig zu. Motor an. Aber Watt segeln heißt geschützt segeln, solange man nicht in den breiten Baljen unterwegs ist. Insofern mache ich mir keine Sorgen. In der Hinsicht unterschätze ich das Wattfahrwasser der Osterems allerdings ein bisschen… Die Strecke am Leitdamm zieht sich genauso wie gestern, wieder gegen den starken Strom.

Als wir endlich die Ems zu fassen kriegen, prescht Néfertiti mit zwei Reffs im Groß südostwärts. Motor aus :)
Hoch am Wind, wenig Welle, trotz des Windes, geschoben von der Flut. Ich liebe segeln. (Trotz des Nieselregens.) Iman sucht Schutz in der Kajüte und ich habe wieder die Karte (in eine Plastikhülle gepackt) unter die Gräting geschoben. Das hat sich im holländischen Watt schon bewährt.
Die Navigation erweist sich als einfach. Die Einfahrt in die Osterems ist leicht gefunden, aber bevor wir das zweite Tonnenpaar ausmachen können geht die Sicht zu: Keine Tonnen zu sehen! Von einer Regenfahne verschluckt. Wir segeln auf der Kartenpeilung in Richtung der nächsten Tonnen. Aber es wird immer flacher… Die Tonnen tauchen nicht auf. Bloss das eben passierte Tonnenpaar nicht aus den Augen verlieren!
Wir suchen die Rinne im Watt per Echolot. Kreuzen hin und her. Aber das Watt ist hier überall gleich flach. Das Echolot hilft uns nicht weiter. Also wieder zurück. Der Himmel öffnet seine Schleusen. Regen prasselt auf das graue Meer herab. Wo war das erste Tonnenpaar? Um uns herum ist nur noch nasse, graue Watte. Da hilft alles nichts. Wir rollen die Genua ein und ich wuchte den Anker über Bord.

Es ist ein komisches Gefühl im Nirgendwo zu ankern. In einer undurchsichtigen Welt aus Grau. Unwirklich.
In der warmen Kajüte gibt es erst einmal unser Allerheilmittel gegen gedrückte Stimmung: Heißen Tee. Und Holländische Lakritze. Dann kochen wir. Man sollte immer versuchen, das beste aus so einer Situation zu machen. Heute gelingt uns das wirklich gut. Wir sind satt und zufrieden, als der Regen aufhört. Kurz vor Hochwasser. Die Sicht reißt auf. Wir waren auf Abwegen. Die Tonnen liegen weiter südwärts.

Wir holen den Anker auf und laufen nur unter gereffter Genua unter steter Beobachtung des Echolots auf die Tonnen zu. Dann folgen wir dem Fahrwasser durch das Watt. Die Sicht ist schlecht, aber gerade gut genug um jeweils das nächste Tonnenpaar zu sehen. Schließlich sind wir über das Wattenhoch hinweg. Es regnet, die Sonne scheint, es regnet… Eine Yacht kommt uns unter Motor entgegen. Winken. Es gibt noch andere Menschen. Irgendwie beruhigend. Iman reicht mir immer wieder irgendetwas dampfendes oder leckeres raus. Inzwischen hat sich der Himmel entschieden. Heute trägt er grau! Dunkelgrau. So hangeln wir uns von Tonnenpaar zu Tonnenpaar. Weiter kann man nicht sehen.

Unser Ziel ist Greetsiel. „Heute abend sind wir in dem wunderschönen alten Fischerhafen.“ Iman hat meine Ankündigung von gestern („Borkum in Sicht!“) noch nicht vergessen und reagiert gelassen. Recht hat sie. Vielleicht sollte ich diese Ermunterungen aus meinem Repertoire streichen… Man plant und plant und dann macht einem die See einen Strich durch die Rechnung. Tatsächlich hatte die Nordsee auch heute eigene Pläne für uns.
Der Wind nimmt ab. Ausreffen. Mit der Rollfock kein Problem. Weit voraus kommt im Regen ein kleines Frachtschiff in Sicht. Der Wind nimmt wieder zu und krimpt: Reffen. Ich erinnere mich an die mühsamen Segelwechsel auf dem Boot meines Vaters und ziehe dankbar an der Reffleine der Genua. In wenigen Sekunden hat Néfertiti die passende Segelfläche… Ich hatte angenommen, hinter dem Wattenhoch wären wir relativ geschützt, aber der Wind hat auf SW bis S gedreht und auf der Osterems bildet sich ein unangenehmer Wind gegen Strom Seegang. Ich binde mir ein Ende um den Bauch. Sicher ist sicher. Ich bin froh, als wir das Leyfahrwasser erreichen. Halber Wind. Schlagartig hört der Seegang auf. Wir drehen bei, um das Groß zu setzen. Vorsorglich mit zwei Reffs. Die Sicht wird besser.

Wenig später weht es mit Sturmstärke. Néfertiti liebt Segeln mit halbem Wind und galoppiert mit 7,5 Knoten durch die graue Welt. Die Gischt fühlt sich warm an. Néfertiti segelt sehr steif. Auch unter diesen Bedingungen. Die Seitendecks sind nie überspült. Was für ein wundervolles Boot. Was für ein erregendes Segeln!
Vor der Einfahrt zum Sperrwerk rollt Iman die Rollfock ein. Ich berge das Groß und wir folgen dem Tonnenstrich. Der Wind greift ins Rigg. Er zerrt uns zurück. Auch die Flut greift nach uns und zieht uns rückwärts. Mit Vollgas rennen wir gegen Tide und Wind an. Über Grund bewegen wir uns mit einem gefühlten halben Knoten. Es regnet wieder. Der Wind ist so stark, dass die Regentropfen im Gesicht weh tun.
Die Schleuse des Sperrwerks ist außer Betrieb. Die Klappbrücke öffnet ab 8 Bft nicht mehr. Wir gehen an den Steg. Das Manöver gelingt gut, trotz des heftigen, ablandigen Seitenwindes: Iman steigt über, belegt eine Leine und mit vereinten Kräften von Motor und Muskelkraft ziehen wir Néfertiti längsseits.

Wir sind klitschnass, müde und hungrig. Und stolz. Heute haben wir uns gut behauptet. Trotz widriger Umstände. Die See hat uns etwas geschenkt. Schnell die nassen Plünnen vom Leib. Jetzt noch einen Becher dampfenden Tees. Den haben wir uns redlich verdient. Iman setzt Wasser auf und ich krame Spagetti aus dem Vorratsschrank. Da sagt Iman: „Oh!“
Dieses kurze, kleinlaute „Oh!“, das Unbill verheißt.
„Was ist?“
Die Flamme unseres Gasherds hat kurz gebrannt und ist erloschen. Wir probieren den anderen Brenner. Kein Zweifel: Die Gasflasche ist alle.

Ausgerechnet jetzt. Man sollte immer das Beste aus so einer Situation machen? Manchmal ist das leichter gesagt als getan. Aber wenigstens liegen wir hier wie in Abrahams Schoß. Iman zaubert einen Salat mit kalten Ravioli, die noch von meiner Überholung im letzten Jahr übrig sind … Wir gehen todmüde in die Kojen. D.h. Ich falle mal wieder binnen Sekunden in einen tiefen Schlaf, während Iman wach liegt und noch stundenlang auf das Heulen des Windes hört.

♦♦♦

 

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7 Comments

  1. Sönke sagt:

    Moin Klaus, ich habe heute das erste mal Deine Seite via Segelforum besucht und bin echt begeistert.
    Eine schöne Art zu schreiben hast Du.
    Du beschreibst nicht nur die Segeltechnischen, logbuchmässigen Dinge die viele Blogs recht trocken und nüchtern machen, sondern es schwingen immer auch viel Gefühl und Ängste und Freude mit.
    Ich habe erst 300-400 Meilen als Deckshand hinter mir aber bin dabei schnell angefixt worden.
    Obwohl schon Ende 40 und trotz mahnender Stimmen, „so spät lernt man das Segeln nicht mehr“, renoviere ich gerade mein erstes Boot.
    Ich hoffe meine Hai710(ein Kielschwerter aus GFK) spätestens nächsten Sommer auf die Elbe zu bekommen und meine ersten alleinigen Meilen als Segelanfänger zu wagen.

    Bis dahin werde ich mir die lange Zeit mit dem Lesen Deiner Geschichten vertreiben (und natürlich mein Boot weiter renovieren) und hoffe mich dann in einigen Jahren auch soweit ins Watt raus zu trauen.
    Ich wünsche euch weiterhin viel Spaß und eine glückliche Zeit auf dem Wasser.

    Beste Grüße
    Sönke

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Sönke,

      Herzlichen Glückwunsch zu Deinem ersten Boot! :)

      Lass Dich nicht ins Bockshorn jagen. Man kann mit jedem Alter lernen! Und segeln ist da besonders gut geeignet, weil es viel mit Köpfchen zu tun hat und weniger mit antrainierten Reflexen oder Körperbeherrschung wie z.B. Ballett. ;)

      Ich glaube nicht, das Du Jahre brauchst, um es wagen zu können ins Watt zu segeln. Für die Passage brauchst Du gutes Wetter und besonders für die Durchfahrt der Seegatten. Einmal drinnen ist das Watt ein relativ gut geschütztes „Anfängerrevier“.
      Wenn es soweit ist und Du Fragen hast, kannst Du Dich gerne noch einmal an mich wenden (am Besten per Email oder Handy, beides steht im Impressum…)

      Liebe Grüße
      Klaus

  2. Sönke sagt:

    Klaus,
    vielen Dank für Deine Aufmunternden Worte.
    Manchmal kommen schon Selbstzweifel, wenn man alte Hasen hört wie sie die ganze Wattennavigation mit stromversatz, Gezeitentabellen etc. scheinbar im Rückenmark tief verankert haben. Da denke ich mir das lernst Du nie.
    Und da ich mit 200cm Körpergröße und leichtem Übergewicht keinen guten Eindruck als Ballettänzer hinterlassen würde, bleibts beim Segeln ;-)
    Ich werde erstmal gaaanz suutsche auf der Elbe bei leichten Winden das Boot kennenlernen und dann gehts stück für Stück weiter…

    Vielen Dank auch für Dein Angebot bei Fragen zu helfen.
    Komme vielleicht beizeiten darauf zurück.
    Eine schöne Zeit weiterhin
    Liebe Grüße
    Sönke

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Sönke,
      Die alten Hasen kochen auch nur mit Wasser. Im Watt selbst navigiert man meist nach Sicht. Sprich: Das wichtigste (Naja, eines der wichtigsten) Navigationsmittel ist der Gezeitenkalender. Und dessen Gebrauch wirst Du Dir spielerisch auf der Elbe angewöhnen…

      Was Du vorhast, klingt für mich nach der besten Herangehensweise. Toi,toi,toi. Finde ich auch gut, dass Du Dich da nicht selbst unter Druck setzt. Irgendwann wird Dir Dein Bauchgefühl sagen: Jetzt bin ich reif für die Überfahrt und dann bist Du es auch!

      Liebe Grüße :)
      Klaus

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