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Wie man seine Frau (zum Segeln) verführt

Der perfekte Tag zum Segeln

Feb• 17•13

Die Sonne brennt sommerlich von einem blauen Himmel herab. Ruhige See. Drei Windstärken. Gegen Mittag laufen wir aus, um eine Stunde vor Hochwasser bei der flachen Hafeneinfahrt nach Juist zu stehen. Mal sehen ob es für uns tiefgangsmäßig reicht. Ansonsten haben wir auch schon einen Ankerplatz ausbaldowert. Das Wetter verspricht einen perfekten Segeltag, aber es sollte mal wieder anders kommen…

Greetsiel: Segeln in der Nordsee

Wolkenmagie im Hafen Greetsiels

Hinter der Zufahrt zum Sperrwerk setzen wir Segel. Ich löse die Reffleine, denn nach unserer Sturmfahrt sind immer noch die Reffs in unserem Groß eingebunden. Jedenfalls denke ich das. Tatsächlich löse ich die Dirk und der Baum kracht herunter, trifft mich am Oberarm und Iman an ihrer gerade verheilten Schulter (Die Geschichte steht hier). Sie hat furchtbare Schmerzen. Weiter segeln oder zurück? Wir haben keine Wahl. Laufen zurück durch die Schleuse nach Greetsiel. Iman kann ihren Arm nur unter Schmerzen bewegen.

Diesmal ist der Gästesteiger frei und das Anlegen auch einhand ein Leichtes. Trotzdem fendere ich die ganze Seite ab. Sicher ist sicher.
Auf dem Steiger stehen ein paar Vereinsmitglieder und klönen. Während ich noch die Springs ausbringe, geht Iman zu ihnen und fragt nach einem Arzt. Die Frauen reagieren sofort: Elisabeth rennt den Steiger entlang und ruft ihrem Mann zu, er solle mit dem Handy Jürgen(?), den Vorstandsvorsitzenden, zurückholen. Der ist gerade mit dem Auto losgefahren. Genaugenommen wird er von seiner Frau chaufiert. Die beiden fragen nicht lange nach, sondern kehren sofort um und bringen uns zum Arzt. Der möchte Iman röntgen lassen und so fahren uns die beiden Frauen auch noch nach Emden, dem nächsten Krankenhaus. Wir verabschieden uns voller Dankbarkeit und machen uns auf eine lange Wartezeit gefasst.

Ich frage Evelin von der Rezeption nach Busverbindungen zurück. „Erwarte nicht zuviel.“ Sie schaut im Internet nach. Der letzte Bus fährt um 18.46 Uhr. In zehn Minuten. Die Ärzte haben Iman noch nicht einmal angesehen, geschweige denn geröntgt. „Dann müßt ihr ein Taxi nehmen, aber das wird echt teuer:“ Wat mut, dat mut. Ich überschlage noch, was das ungefähr kosten könnte, da grinst sie mich plötzlich an:„Weißt du was, wenn ich Zeit habe, telefoniere ich alle Stationen durch. Vielleicht fährt ja jemand heute noch zurück nach Greetsiel und kann euch mitnehmen.“
„Das wäre toll.“
Ich bin voller Dankbarkeit. Die Menschen sind hier alle so hilfsbereit. Als wir die Diagnose haben (Schwere Prellung, sehr schmerzhaft, aber nichts gebrochen), hat Evelin tatsächlich eine Krankenschwester gefunden, die uns mitnimmt. Sie erinnert sich an ihre Jugend, als sie auch immer das Problem hatten, nach dem Kino nach Hause zu kommen und es keinen Fernseher gab.„Wir haben auch heutzutage keinen Fernseher.“
„Das könnte ich nicht.“

nefertiti am Gästesteiger in Greetsiel. Mein Blog erzählt vom Segeln auf der Nordsee

Als wir aus dem Krankenhaus zurückkommen wartet Néfertiti brav am Gaststeiger

Tatsächlich kenne ich niemanden, der das Fernsehprogramm gut findet. Und trotzdem sitzen alle abend für abend vor der Glotze. (Ich auch, als ich noch einen hatte.) Warum mögen wir Menschen so gerne vorgekaute Kost? Auch wenn sie uns nicht wirklich schmeckt.

Am nächsten Tag hat Iman noch immer Schmerzen und wir hängen einen weiteren Tag in Greetsiel an. Elisabeth nimmt sich die Zeit und schaut vorbei, um nach Iman zu sehen. Danach legt sich Iman in die Koje und ich laufe alleine in den Ort. Ich setze mich in ein Café. Es regnet draußen in Strömen. Ich sitze ganz ruhig da und starre auf die Regentropfen, die das Fenster herunterrinnen, und mache eine Inventur meines Lebens:
Ich habe meine Talente nicht zum Blühen gebracht. Mir war Geld nie wichtig. War das ein Fehler? Ich habe an einer der renomiertesten europäischen Filmhochschulen studiert, aber nur ein einziger ernstzunehmender Film steht in meiner Filmographie: Unser Film „Nomad’s home“ ist immerhin in Yamagata gelaufen, dem ältesten Dokumentarfilmfestival der Welt. Die haben sich auf die Fahnen geschrieben, alljährlich nur die Perlen der weltweiten Dokumentarfilmproduktion zu zeigen(15 Filme) … Und ich verkaufe Souvenirs im Elbufer. Hat Iman recht, wenn sie sagt, dass meine Träume zu klein seien? Können Träume zu klein sein? Oder sind Träume Ausdruck unseres innersten Wesens? Seezeichen im Meer des Lebens? …

Ich stehe auf und schlendere durch den Regen zurück zum Boot. Ich werde mich nach einer Arbeit umsehen, die mit Schreiben zu tun hat. Und ich werde diesen Blog übers Segeln machen. Über das Fahrtensegeln. Ganz sicher.

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5 Comments

  1. Reinhard Lauber sagt:

    Hallo Klaus,

    ja, so geht es: Erst bei Guido und jetzt bei Dir.

    Deine Schreiberei lies mich hier festkleben und dazu motivieren diesen Kommentar zu schreiben.

    Das mach man weiter, das mit der Schreiberei. Das kannst Du!

    Bis zum nächsten Kommentar
    LG, Reinhard

  2. Alexander sagt:

    Hallo Klaus,

    ich bin ein eifriger Leser Deines Blogs geworden. Als ich Dich heute im Cafe vor der regennassen Glasscheibe sitzen sah, dachte ich, es ist an der Zeit Dir auch mal zu antworten.
    Es ist keine leichte Sache mit den Träumen. Ich empfinde manchmal meine Träume klein. Aus einem anderen Blickwinkel heraus wirken die gleichen Träume dann plötzlich riesig und völlig unerfüllbar. Jeder Abschnitt unserer Lebenszeit hat seine ganz eigenen Erfordernisse und unsere Ziele ändern sich. In meinem Leben ist mir immer wieder bewußt geworden daß viele Puzzleteile aus späterer Sicht ganz gut zusammen paßten und auch Sinn machten, was ohne zeitlichen Abstand so nicht vorauszusehen war.
    Wenn ich Deinen Block lese, habe ich jedenfalls nicht das Gefühl, daß Du mit Iman und dem Boot eine schlechte Zeit hattest.

    Vielen Dank für diesen Block und Beste Grüße
    Alexander

  3. Klaus Klaus sagt:

    Moin ihr beiden,

    danke für Eure einfühlsamen und mutmachenden Kommentare. Es ist schön solche Leser zu haben …

    Und lieber Alexander, liebe Brigitte oder wer mich sonst zufällig mal in freier Wildbahn treffen sollte: Bitte habt keine Scheu mich anzusprechen. Wenn ich keine Zeit haben sollte, werde ich das ehrlich sagen (dann bitte nicht beleidigt sein), aber normalerweise bin ich einem Pläuschchen unter Seglern – oder solchen, die es mal werden wollen – nie abgeneigt. ;)

    Alles Liebe
    Klaus

  4. Ingo sagt:

    Moin Klaus,

    selbstverständlich bin ich deinem Kommando die älteren Geschichten zu lesen gefolgt. :-)

    Ich bin immer noch von deinen Geschichten fasziniert und erlebe eueren Törn hautnah mit. Deine Geschichten strahlen für mich Ruhe, Frieden, Gelassenheit und gute Seemannschaft aus. Deine Art vom täglichen Leben an Bord zu erzählen erzeugt intensive Bilder in mir. Diese Bilder gefallen mir sehr. Vielleicht weil ich selber schon lange auf der Ostsee segel. Mit mit meiner Familie segel ich eine Ohlson 8:8. Ein Boot aus den Siebzigern.

    „Warum mögen wir Menschen so gerne vorgekaute Kost? Auch wenn sie uns nicht wirklich schmeckt.“ – Weil wir, ich nehme mich da nicht aus, sie ohne zu kauen, faul und bequem runterschlucken können. Dabei ist frisch gekocht oder selbst erlebt doch viel besser und schöner. Dann müssen wir aber auch uns und unsere eigenen Leistungen, große und kleine, anerkennen und das fällt vielen Menschen schwer.

    Es ist spät geworden. Danke für die schönen Geschichten und bis bald

    Ingo

  5. Klaus Klaus sagt:

    Moin Ingo,

    danke für Deinen schönen Kommentar. Der freut nicht nur Klaus, den Autoren, sondern auch Klaus, den Segler ;)
    Gelassenheit und gute Seemannschaft! Wow! So wollte ich immer sein. Gelingt aber leider nicht immer…

    „Unsere eigenen Leistungen anerkennen“. Interessanter Punkt. Habe ich noch nie in den Zusammenhang gebracht. Greifen wir also gerne zu Fernsehen etc., um zu vermeiden uns selbst ins Gesicht zu schauen? Interessanter Gedanke.

    Liebe Grüße
    Klaus

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