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Leben als Digitale Nomaden

Außer Landsicht

Mrz• 08•13

Am nächsten Morgen weckt mich nicht das atemberaubernde Licht, sondern ein atemberaubender Harndrang. Ich laufe über die stillen Stege zum Restaurant, in dem auch die Sanitäranlagen des Hafens untergebracht sind. Sonnenaufgang. Wolkenloser Himmel. Auf dem Rückweg bleibe ich eine Weile stehen und bewundere das Spiel der Farben. Spüre die Erhabenheit der Natur.

Segeln nim Watt

Wattsegeln

Wir legen in aller Stille ab, rollen die Genua aus und segeln durch die Hafenausfahrt. Die Sonne scheint und Néfertiti hat es eilig hinaus zu kommen. Sie pflügt durch das Wasser, auf dem sich keine Welle hebt. Lauf, Néfertiti, lauf! Eine halbe Stunde vor Hochwasser stehen wir auf dem Wattenhoch, im Reich der Pricken. Für alle Fälle reffen wir die Genua , aber Néfertiti will hinaus und wir haben uns an wenig Wasser unter dem Kiel gewöhnt. Der erste Ebbstrom schiebt uns Richtung Barre. Vor uns laufen zwei größere Boote. Der Wind kommt von Nordwest und wir müssen den Motor zur Hilfe nehmen, laufen gegen den Wind und boxen uns durch eine sich aufsteilende Welle. Strom gegen Wind…

Gegen 10.00 Uhr stehen wir an der Ansteuerungstonne Otzumer Balje. In der Ferne liegt ein Boot der Küstenwache. Wir setzen Segel. Néfertiti macht sich gut. Die Segel stützen und machen die Bewegungen angenehm. Je weiter wir rauskommen, desto länger werden auch die Wellen.

Néfertiti läuft mit halbem Wind. Wolkenspiele am Himmel. Die Wellen kommen schräg von achtern, heben Néfertiti an, mal sanft, mal ungestüm. Die Küste Spiekeroogs zieht vorbei. Irgendwann kommt der Westturm Wangerooges in Sicht. Es ist diesig.

Néfertiti gibt sich der Umarmung der See hin. Und wir mit ihr. Iman reicht eine Tasse dampfenden Tees den Niedergang hoch und stellt sie auf das Brückendeck.
„Danke dir.“ In den kleinen Dingen lebt das große Glück. Hinterher gibt es sogar noch eines der letzten holländischen Lakritze. Iman klettert ins Cockpit und gibt mir einen Kuss.

Segeln auf der Nordsee, Neuwerk

„Land in Sicht!“

Weit voraus kommt eine Tonne in Sicht. Iman übernimmt, während ich nach dem Fernglas greife. Die erste grüne Tonne des Jadefahrwassers. Wir halten darauf zu. Die dahinter auf Reede liegenden Schiffe haben wir im Dunst schon lange ausgemacht. Die Sicht ist mäßig.

Dann kentert endlich die Tide. Das ist gut. Der Wind dreht immer weiter nach Westen. Das ist nicht so gut. Außerdem nimmt er ab. Das ist schlecht. Die Segel stehen im Seegang nicht, wenn der Winddruck fehlt. Wir setzen für alle Fälle einen Bullenstander. Der verhindert das Schlagen des Baumes, aber die Segel stabilisiert er kaum.

„Angst?“ Iman schüttelt den Kopf. Wir segeln jetzt ohne Landsicht. Wir sind beide hier draußen angeleint. Sicher ist sicher. Als ich Iman in einem Berliner Café zum ersten Mal von Sicherheitsleinen beim Seesegeln erzählte, war sie empört:
„Du kannst mich doch nicht wie ein Hündchen anleinen!“
Sie sprach nicht gerade leise und die Leute drehten sich nach uns um.
„Doch! Das muss sein.“  …

Heute ist Iman froh über die Leine. Weit voraus kommt wieder eine Tonne in Sicht. Wir folgen dem Tonnensstrich Richtung Elbe. Die Stunden vergehen.
„Hast Du Hunger?“
Ich nicke.
„Soll ich was zaubern?“
„Wäre toll. Aber nur, wenn du dich gut fühlst. Sonst kann ich auch …“
„Ich fühl mich gut.“

Nefertiti segelt wacker und mit einer warmen Mahlzeit im Bauch sieht die Welt  immer etwas gemütlicher aus. Schließlich erreichen wir die Elbmündung. Eben wähnten wir uns noch allein. Jetzt kommt hier irgendwo im Nirgendwo ein Segelboot nach dem anderen von achtern auf. Sind vermutlich durch die Weser gelaufen. Entweder segeln sie unter Spinnaker oder mit Dieselwind. Scharhörn kommt in Sicht. Ich verkneife mir nach den Erfahrungen vor Borkum jeden Kommentar… Zumindest eine Minute. Dann rufe ich doch:  „Land in Sicht!“ Diesmal sind wir näher dran…

Der Himmel zieht sich schwarz zusammen. Kein Wind mehr, die Sicht geht zu und eine Regenfahne zieht über uns hinweg. Ich nehme die Segel runter und wir starten den Jockel. Laufen mit Marschfahrt hinter den anderen her. Ihre Geschwindigkeit können wir nicht halten. Bald kommen sie im Regen außer Sicht. Iman klettert den Niedergang hinunter und zieht das Schiebeluk zu.

Segeln auf der Nordsee, Elbmündung

Kleine Freuden

Die Elbmündung ist hervorragend betonnt. Wir halten uns eben außerhalb des Fahrwassers. Als wir in den Schutz des Leitdamms kommen, hört der Seegang auf. Eine leichte Brise kehrt zurück und ich rolle die Genua aus. Diesel segeln.

Die Einfahrt nach Cuxhaven ist einfach, trotz des starken Stromes. Man muss ihn nur einrechnen. Dazu muss man relativ dicht an der Spundwand entlang fahren. Und falls jemand von innen käme, würde er es genauso machen. Iman nimmt das Nebelhorn und bläst einmal lang hinein. Achtung. Aber in der Einfahrt kommt uns niemand entgegen. Im Hafenbecken legen wir Leinen zurecht und bringen die Fender aus.
„Grün?“
„Ja.“
Wir nehmen gleich einen der ersten Liegeplätze. Néfertiti wird seitlich versetzt. Ich bemerke es zu spät und bringe unser Boot nicht so nah an den Steg, dass Iman übersteigen könnte. Also zurück auf Anfang. Beim zweiten Mal klappt es besser. Außerdem ist ein Segler von seinem Boot heruntergekommen , um uns zu helfen. Weiter innen würden wir wohl etwas ruhiger liegen, und da wären auch noch Plätze frei, aber wir sind beide nicht in der Stimmung noch einmal zu verlegen.

Nach dreizehn Stunden liegen wir glücklich fest in Cuxhaven. Wir haben es geschafft! An Land schwankt für uns der Boden. Ich bin stolz auf uns.Wir haben das schwerste Stück dieser Überführung hinter uns. Jetzt kommt nur noch die Elbe. Mein altes Jollenrevier. Hier kenne ich mich aus … Naja: hier kannte ich mich aus, vor zwanzig Jahren …

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