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Leben als Digitale Nomaden

Kurzgeschichte: Fahrwasser

Mrz• 22•13

Der Wasserkessel pfiff. Josef stand vom Kartentisch auf und setzte Tee auf. Er würde heute durch das Watt zur Insel segeln. Musste dringend den Kopf frei kriegen. Dieser verdammte Rittinger! Josef wandte sich wieder der Karte zu. Spielte gedankenverloren mit seiner Brille: Sie hatten Springzeit. Und er war zu spät dran.

Das Meer zeichnet seine Signatur in den Sand

Im Watt

Die Tide würde bald kentern. Vom Tief zur Balje gegen den Strom. Das würde knapp werden, aber in der Balje würde die Flut ihn schieben. Er füllte den Tee in eine Thermoskanne und goß sich eine Muck voll ein.Was sollte er nur machen? Wenn Rittinger damit durchkam?! Dieser verbohrte,
kleingeistige … Er mußte dringend auf andere Gedanken kommen!

Josef stand auf, stellte den Batterieschalter auf 1 und enterte den Niedergang auf. Die Sonne schien warm von einem freundlichen Himmel herab. Haufenwolken zogen schnell vorbei. Südwest um drei, rechtdrehend, hatte der Wetterbericht vorausgesagt, später Gewitterböen. Das traf hier unten auch zu, aber da oben zogen die Wolken verdammt schnell.

Der alte Diesel sprang sofort an. Josef warf die Leinen los und zog  Hope langsam rückwärts aus der Box. Das hatte er tausend Mal gemacht. In der breitesten Stelle des Hafens stoppte er auf und versorgte Fender und Leinen in der Backskiste. Auch wenn er allein segelte. Ordnung war für ihn Teil guter Seemannschaft. Und auf die war Josef stolz. Er setzte das Groß, holt die Schot dicht. Hope nahm langsam Fahrt auf und Josef stellte den Diesel aus. Er rollte die Genua aus und die Bugwelle hub an ihr Lied zu singen. Langsam glitt Hope durch das Hafenbecken auf die Hafenausfahrt zu.

Wenn er sich über Rittinger beschwerte?! … Der würde es einfach abstreiten…

Hope segelte zwischen den Hafenmolen hindurch. Für Josef war Segeln ein sinnliches Vergnügen. Er spürte, wie der Wind in Hopes Segeln spielte, fühlte den leichten Druck auf dem Ruder, spürte wie Hope anluven wollte, gab noch einen Schrick in die Großschot, bis Hope ausgeglichen auf dem Ruder lag. Josef koppelte die Selbststeuerung ein, um am Kartentisch schnell die Abfahrtszeit einzutragen und den Stand der Logge. Machte dann einen Schritt den Niedergang hinauf, um den Kopf durch das Luk zu stecken: Hope war auf Kurs. Weit und breit das einzige Segel. Also tauchte er wieder ab und schenkte sich einen zweiten Tee ein. Augenblicke später war er wieder oben. Eine Muck dampfenden Tees in der Hand. Hope lief wie auf Schienen durch das Fahrwasser, dass hier immer breiter wurde. Seine Hope hatte ein bisschen zuviel Tiefgang für das Watt, aber Josef liebte sein Boot. Wie es jetzt durch das Wasser schnitt… Alles könnte so schön sein, wenn nur dieser Rittinger nicht wäre. Verdammt nochmal! Dieser miese …

Sie näherten sich der flachsten Stelle dieses Fahrwassers. Kein Problem. Bei der nächsten Tonne würden sie das Hoch passiert haben. Hope kämpfte mittlerweile gegen den Flutstrom an. In der Balje würde er schieben. Sie passierten die Tonne. Ab hier war alles frei. Er stellte die Selbststeueranlage wieder ein und genehmigte sich noch eine Muck Tee. Etwas warmes auf See. Wie einfach doch die Freuden sein konnten. Josef, der schon eine Weile einen Druck gespürt hatte, stellte den Becher auf die Cockpitbank und stellte sich an die Reling. „Rittinger, ich piss auf dich!“

Einsamer Strand im Watt

Wattenmeer

Plötzlich ging ein Ruck durch das Boot. Hope nickte nach vorne. „Grundberührung!“ schoss es ihm durch den Kopf, während er fiel. Reflexartig griff er nach dem Relingsdraht, aber seine Finger fassten ins Leere. Braunes undurchsichtiges Wasser schwappte über ihm zusammen. Kälte, war die erste Empfindung, eisige Kälte. Wo war oben? Luft… Luft … Luft… Plötzlich durchstieß sein Kopf die Wasseroberfläche. Er schnappte prustend nach Luft. Grundberührung? Hier?! Da war Hope. Nur ein paar Meter entfernt. Er sah eher einen unscharfen Flecken. Seine Brille war weg. Schwamm auf den Flecken zu. Er kam kaum näher. Die Strömung war unerwartet stark. Josef streifte die Stiefel ab und zog den Pullover aus. Er kraulte auf Hope zu. Er kämpfte. Langsam kam er näher. Wie stark die Strömung war. Plötzlich ging ein Ruck durch das Boot. Das konnte doch nicht wahr sein. Bitte nicht! In heller Verzweiflung kraulte Josef hinter Hope her, unter Aufbietung aller Kräfte, aber der Abstand wurde wieder größer. Sie hatte sich befreit. Sie segelte. Sie segelte weg. Panik befiel ihn. Er würde sterben. Hier! Heute! Beim Pissen gestorben. Das konnte doch nicht wahr sein! Wut überkam ihn und gab ihm neue Kraft. Er kraulte hinter Hope her, zornig und dumm, bis er am Ende seiner Kräfte war. Er würde sie nie einholen. Selbst wenn sie ein paar Hundert Meter weiter wieder auflaufen sollte. Gegen die Strömung kam er nicht an. Aber sie lief nicht mehr auf.

Josef ließ sich treiben. Die Strömung trug ihn schnell weg von Hope. Er würde sterben. Die Sonne schien auf ihn herab. Er schaute in die Wolken. Das hatte er auch als Kind getan. Stundenlang. Er spürte die Kälte nicht mehr. Heute war sein Tag. Eine tiefe Ruhe überkam ihn. So sahen also seine letzten Momente aus. Er dachte an die Frau im Zug, die er nicht angesprochen hatte. Sah ihr Lächeln, das ihm gegolten hatte, obwohl er das nicht glauben konnte. Eine Welle schwabbte über ihm zusammen.

Prustend kam er hoch. Soweit er schauen konnte war Wasser. Überall Wasser. Jetzt ging es auf Hochwasser. Bei Niedrigwasser hätte er eine Chance gehabt. Aber so? Wo lag das Wattenhoch? Er rief sich die Seekarte ins Gedächtnis. Er hatte immer nur auf die tiefsten Stellen geachtet. Wo waren die flachsten? Denk nach! Denk nach! Nördlich von ihm verlief eine Sandbank. Vielleicht konnte er dort Grund bekommen. Wo war Norden?
Er fing wieder an zu schwimmen. Langsam und fast bedächtig jetzt. Kräfte sparend. Quer zur Strömung. Wenn er die Sandbank erwischte? Wenn er doch nur die Sandbank erwischte!

Er konzentrierte sich auf seine Schwimmbewegungen. Beinschlag, Armzug, Beinschlag. Er würde nicht kampflos sterben. Armzug, Beinschlag, Armzug. Hätte er doch nur mehr trainiert. Josef fühlte sich kraftlos und fror. Er dachte wieder an die Frau im Zug. Warum hatte er sie nicht angesprochen? Seit Marlies ihn verlassen hatte, hatte er sich nicht mehr verabredet. Sie hatte das Boot immer gehasst. Armzug, Beinschlag, Armzug.

Josef versuchte, ob er Grund erreichte. Aber mit seinen 1,67 konnte er nicht stehen. Er schwamm weiter. Armzug, Beinschlag. Langsam wurde er müde. Er drehte sich auf den Rücken und ließ sich treiben. Josefs Augen suchten die Sonne, aber der Himmel hatte sich bezogen. Er schwamm weiter. Armzug, Beinschlag. Die Arme wurden ihm schwer. Und er fror. Armzug, Beinschlag, Armzug …

Plötzlich überkam ihn panische Angst. War er über die flachste Stelle hinweggeschwommen?! Das konnte nicht sein. Nein. Aber er konnte den Gedanken nicht mehr abschütteln. Beinschlag, Armzug, Beinschlag.Immer öfter tasteten seine Füße nach Grund. Er müßte doch längst …

Nordsee, Watt

Einsam

Da! Grund. Er richtete sich auf. Das Wasser ging ihm bis zum Bauchnabel. Eine Welle der Erleichterung überkam ihn. Stärker als irgendetwas, das er sonst in seinem Leben gefühlt hatte. In der Ferne konnte er die Umrisse der Insel ahnen. Hätte er doch nur noch seine Brille. Er watete im Bogen auf die Insel zu. Mußte der Sandbank folgen. Schritt um Schritt. Josef fror jämmerlich. Schnitt seinen Fuss an einer Muschel. Er merkte den Schmerz kaum. Weiter nur weiter. Sein Zeitgefühl hatte ihn vollkommen im Stich gelassen. Seine Uhr lag auf dem Kartentisch der Hope. Aber die hätte den Sturz ins Wasser ohnehin nicht überlebt. Überlebt! Er wollte nicht sterben. Nein! Nur weiter. Plötzlich trat er ins Leere, verlor das Gleichgewicht und machte panisch einige Schwimmzüge. Sein Fuß tastete nach Grund. Er richtete sich wieder auf. Im schlammigen Wasser konnte man die Löcher nicht sehen. Diese Kälte. Diese furchtbare Kälte. Die Strömung zerrte ihn zurück. Hochwasser war längst vorbei. Wann konnte er endlich Richtung Insel einbiegen?

Er war zu Tode erschöpft. Er müßte das Wattenhoch doch längst erreicht haben. Also bog er Richtung Insel ein.Wie gerne hätte er sich hingesetzt. Nur eine Minute. Doch in dieser feindlichen Welt konnte man nirgends ausruhen. Nach einer Weile wurde es tiefer. Er konnte keine Pricken sehen, die das Fahrwasser doch markieren mussten. Plötzlich trat er ins Leere, aber diesmal war es kein Loch. Er musste schwimmen. Josef kehrte um. Das konnte nicht das Wattenhoch sein.
So kämpfte er sich weiter. Dem ungefähren Verlauf der Sandbank folgend. Er durfte nur nicht das Wattenhoch verpassen! Je weiter das Wasser ablief, desto leichter wurde das Gehen, aber Josef war so müde, dass er kaum mehr einen Unterschied spürte.

Dann realisierte er, dass der Strom von hinten schob. Im ersten Moment glaubte er, die Flut habe eingesetzt. Wie lange war er jetzt unterwegs? Aber die Sände waren doch garnicht herausgekommen. Dann begriff er, dass er das Wattenhoch, die Wasserscheide erreicht hatte. Hoffnung durchflutete ihn und gab ihm neue Kraft. Er änderte seine Mrschrichtung und watete auf den schemenhaften Umriss der Insel zu. Das Wasser wurde flacher. Plötzlich sah er die erste Pricke. Das Wattfahrwasser.

Aber kein Boot weit und breit. Er stapfte auf die Pricken zu. Das Wasser ging ihm nur noch bis zu den Knien. Er setzte sich einen Moment nieder. Am Ende seiner Kräfte. Gott, was für eine Kälte! Hier konnte er nicht bleiben. Er kämpfte sich wieder hoch und stapfte weiter. Immer auf die Umrisse der Insel zu.

Der Untergrund bestand hier aus Sand und nicht mehr aus Schlick. Das erleichterte seinen Marsch. Er würde es schaffen. Er würde nicht sterben. Nicht heute. Mit jedem Schritt kam er der rettenden Insel näher. Am Strand konnte er Menschen erkennen. Er hielt darauf zu. Eine Strandspaziergängerin blieb stehen. Sah zu ihm herüber. Er würde leben. Leben! Plötzlich war seine Erschöpfung wie weggeblasen. Er würde leben. Er erreichte den Strand und stolperte auf die Strandspaziergängerin zu. Als er nur noch einen Meter entfernt war, sagte sie missbilligend: “Sie wissen schon, dass das Watt hier Schutzgebiet ist. Betreten verboten!“

Einen Moment war Josef perplex. Dann drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn.
Er lebte.

 ♦♦♦

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2 Comments

  1. Dieter Dahlmann SY SECOND CHANCE sagt:

    Hat mir gut gefallen! Hat was!

    Auf ein tolles Segeljahr!

    Herzlichen Gruß
    Dieter

  2. Klaus Klaus sagt:

    Lieber Dieter,

    herzlichen Dank.

    Ich wünsche Dir auch ein wunderschönes Segeljahr (von dem man noch Jahrzehnte erzählen möchte… :) )

    Liebe Grüße
    Klaus

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