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Leben als Digitale Nomaden

Neue Pläne

Mai• 09•13

Das Rad quietscht und klappert bei jeder Pedalumdrehung. Mein altes Fahrrad wurde geklaut und dieses fand ich im Net unter: Zu Verschenken. (Danke Steffi, Dein Fahrrad fährt besser als mein altes. Der Dieb ärgert sich bestimmt jedes Mal, wenn er auf das alte Fahrrad steigt. Das hat er auch verdient!) Schnell bin ich am Alten Elbtunnel. Die Sonne scheint. Nach dem langen Winter perfektes Wetter, um die Spieren zu streichen. Der Fahrstuhl kommt und bringt mich hinunter in die Kühle der gekachelten Röhre. Kurz vor 13 Uhr. Noch kann ich stadtauswärts fahren.

Segelboot Néfertiti liegt etwas abseits des Steges

Néfertiti liegt … na ja: fast am Steg

 

Iman ist seit ein paar Tagen zum Drehen in Ägypten. Ich vermisse sie schon jetzt. Gut, dass meine Schwester Ute dabei ist. (Ute ist Kamerafrau und hat auch unseren Film Nomad’s home fotografiert). Ich weiß, dass sie vorsichtig sind. Aber einer Freundin Imans wurden die Haare angezündet. Von einer Gruppe tief verschleierter Frauen. Sie trug ihre wilde Haarmähne offen. Eine Grundrecht oder eine Provokation? Was würden die erst zu Imans Rastalocken sagen? Wahrscheinlich ist Iman die einzige Ägypterin in Kairo mit Rastalocken…

Eine Gruppe von fünf Leuten läuft vor mir auf der Fahrspur. Sie hören mein Quietschen und Klappern nicht. Ich bremse und klingele. Zögerlich machen sie Platz.
Kaum bin ich vorbei, ruft einer hinter mir her: „Licht an!“
Ich halte an, drehe mich um und frage: „Wissen sie, was sie eben gemacht haben?“
„Was?!“ Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
„Sie haben sich soeben als Touri geoutet.“
Er guckt mich verständnislos an und ich fahre quietschend weiter, ohne auf sein Kopfschütteln zu warten. Der Alte Elbtunnel ist wahrscheinlich der einzige Tunnel, in dem man nicht aufgefordert wird das Licht einzuschalten, sondern auszuschalten. Sogar per Schild.

Eine andere Freundin Imans protestierte auf dem Tahrirplatz. Plötzlich wurde sie von einer Gruppe von etwa 70 Männern umringt. Mit militärischer Präzision wurde sie von den anderen Protestanten abgedrängt. Eine Mauer von Männern.Sie will zu den andern Demonstranten, aber die Männer lassen sie nicht durch. Sie ist isoliert. Hinter dem Schild der Männerhorde wird sie vielfach vergewaltigt. Zwei Stunden dauert ihr Märtyrium. Mitten auf dem Tahrirplatz. Am hellichten Tag. Mit tausenden von Menschen um sie herum. Einzelne, die von außen zu helfen versuchen, sind chancenlos gegen die organisierte Übermacht. Und hier ärgert man sich, weil man Platz für einen Fahradfahrer machen soll… Hoffentlich kommen Iman und Ute heil zurück.

Néfertiti liegt am Steg. Ich bleibe einen Moment oben stehen und schaue auf sie hinab. Kann mich kaum satt sehen. Schließlich steige ich die Treppe hinunter. Löse die stegabgewandte Vorleine, um Nefertiti von ihrem frei schwimmenden Platz an den Steg zu ziehen. Steige über, gehe zu den Vorschiffsklampen und ziehe Néfertiti wieder vom Steg weg. Lege meinen Rucksack ins Cockpit.

Ich schiebe das Niedergangsluk auf und bin in einer anderen Welt. Das warme Holz der Kajüte schenkt Geborgenheit. Dieses magische Schiff hat in Minutenfrist alle düsteren Gedanken vertrieben.

Ein Schlepper donnert mit Äußerster Kraft vorbei. Er schiebt eine gewaltige Bugwelle vor sich her und Néfertiti tanzt wild im Schwell.

Ich ziehe mein Arbeitsklamotten an und mache mich ans Werk Baum, Spinakerbaum und Bootshaken anzuschleifen und zu streichen. Warum tun solche Arbeiten (die ich in der Wohnung gar nicht schätze) bei Néfertiti so gut?Als ich alle Holzflächen angeschliffen habe, genehmige ich mir eine Pause. Ich sitze in der Plicht und lasse meinen Blick über das Wasser schweifen. Eine Tasse Ingwertee aus der Thermoskanne erinnert mich an Iman: Sie hatte auf unserer letzten Fahrt die Idee Ingwertee zu machen. Einfach Ingwerstücke mit siedendem Wasser übergießen und ziehen lassen. Ich habe den Tee jetzt noch ein bisschen verfeinert: Mit Traubensaft, Zitrone und Honig. Scharf und lecker… und nebenbei bemerkt: Gut gegen Seekrankheit.

Iman hat sich gewünscht diesen Sommer wieder im Watt zu segeln. Wir wollen die Inseln kennenlernen, die wir letzten Sommer ausgelassen haben.

Schließlich strecke ich mich und mache mich wieder an die Arbeit.

Hast du gehört Néfertiti? Wir segeln diesen Sommer ins Wattenmeer!“
Wie zur Antwort nickt sie ein bisschen im Schwell. Ganz cool. Kaum merkbar. Aber ich bin sicher: Hinter der zur Schau gestellten Coolness freut sie sich diebisch …

 

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2 Comments

  1. hans sagt:

    habe bei deinem bericht zweierlei emotionen gefühlt:

    …wut,ärger,traurigkeit wegen der von dir geschilderten
    ereignisse in kairo ( man hört nichts davon).
    „unfassbar!!“
    hoffe mit dir,das beide gesund zurück kommen.

    …viel gefühl und liebe deinerseits, zur iman und nefertiti.
    gruss hans

  2. Klaus Klaus sagt:

    Lieber Hans,

    danke für Dein Mitgefühl. Ja. Hoffen wir gemeinsam, dass die beiden gesund und munter zurückkommen. Irgendwie ist es schwerer in Deutschland untätig zurückzubleiben, als ich vorher gedacht hatte…

    Liebe Grüße
    Klaus

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