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Segeln als Digitale Nomaden

Delfine

Mai• 18•13

Ich habe gerade noch einmal (zum hundertsten Mal?!) das Buch „Der verschenkte Sieg“ von Bernhard Moitessier gelesen. Er beschreibt, wie er von einer Schule Delfine vor einem Felsen gewarnt wird. Die Delfine bogen immer wieder in auffälliger Formation nach rechts ab, bis Bernhard endlich begreift, dass der Wind gedreht hat und seine Joshua auf die Unterwasserfelsen vor der Insel Stewart zu segelt. Er ändert den Kurs und die Delphine …
Hattet ihr schon mal Erlebnisse mit Delfinen? Ich habe folgendes erlebt:

Segeln in Schottland. Lange vor dem Fall der Mauer. Lange vor den
Jeder-hat-einen-Kartenplotter-Zeiten. Ich saß an der Pinne der Kadé, dem Segelboot meines Vaters. Wir drei (Meine Schwester Ute, mein Vater und ich) hatten einen anstrengenden Törn hinter uns. Schlechtes Wetter, miserable Sicht. Kalt und nass. Mühsam hatten wir uns die Einfahrt zum Inverness Firth erkämpft. Draußen hatte heftiger Seegang an unseren Kräften gezerrt, aber hier segelten wir unter Landschutz. Der Regen hatte aufgehört. Es dämmerte und wir freuten uns auf Inverness.

Mein Vater arbeitete in der Karte, um mir den Kompasskurs zur übernächsten Tonne zu geben. Plötzlich drang lautes Fluchen aus der Kajüte:
„Verdammt, verdammt, verdammt!“ Ich beugte mich zum Niedergang hinunter und hörte Ute die Frage stellen, die auch mir auf den Lippen lag:
“Was ist denn?“
„Uns fehlt eine Karte, verdammt nochmal!“
Um der gereizten Stimmung unten zu entfliehen kam Ute hoch in die Plicht, während mein Vater die Karten unten noch ein drittes und ein viertes Mal durchsuchte. Erfolglos.
Hier draußen herrschte eine wunderschöne Abendstimmung. Herrliches Segeln im geschützten Fjord. Keine Welle. Das war eben draußen noch ganz anders gewesen.
„Was sollen wir bloß tun?“ Plötzlich ertönte ein Prusten neben uns.
„ Ein Delfin!“ Nun, meinem Vater stand der Sinn gerade nicht nach Tierbeobachtungen. Uns fehlten einige Seemeilen Kartenmaterial.
“ Wir haben doch das Leuchtfeuerverzeichnis, oder?“
„Ja und?!“
„Zeichne eine provisorische Karte und trage die Positionen der Leuchttonnen ein. Dann haben wir zumindest einen ungefähren Kurs. Wenn wir noch das Echolot mitlaufen lassen …“

Mein Vater machte sich sofort ans Zeichnen. Der Delfin hatte sich mittlerweile vor das Boot gesetzt, ohne zu spielen, wie Delfine das sonst machen.
„Wir haben einen Lotsen!“ Mein Vater schaute heraus in Erwartung einen Fischer zu sehen oder ein anderes Boot.
„Ihr spinnt!“ Dann gab er mir seinen ungefähren Kompasskurs.

Als wir die letzte bekannte Tonne erreichten, machte der Delfin einen kleinen Schwenk auf einen neuen Kurs. Ich ging auf den provisorisch errechneten Kurs meines Vaters. Tatsächlich segelten wir im Kielwasser des Delfins. Mein Vater war ziemlich nervös und heute, da ich selbst Skipperverantwortung geschmeckt habe, kann ich das besser verstehen. Damals „wußte“ ich, dass der Delfin uns führte. Nach einer Weile sah ich die Tonne vor uns blitzen. Meinem Vater war die Erleichterung ins Gesicht geschrieben und er konnte auch wieder scherzen. Zog uns auf mit unserer „Delfingläubigkeit“, aber sowohl Ute als auch ich fühlten uns von dem Delfin geschützt. Wir erreichten die erste Tonne auf kartografiertem Gebiet. Der Delfin war bis hierhin stur voraus geschwommen, ohne eine einzige Delfinclownerie zum Besten zu geben. Jetzt tauchte unser Lotse, schnellte sich neben dem Boot noch einmal hoch in die Luft, als wollte er Abschied nehmen, und verschwand.

Epilog:
Etwa eine Woche später befanden mein Vater und ich uns auf dem Rückweg. Ute hatte uns verlassen, da sie in Deutschland eine Hochzeit mitfeiern wollte. Wir waren bis Loch Ness gekommen, ohne des Seeungeheuers gesichtig zu werden. Inzwischen hatte mein Vater die fehlende Karte besorgt und wir erreichten wieder das Gebiet, durch das uns der Delfin geführt hatte.

Plötzlich platschte etwas neben dem Boot. Sekunden später schnellte sich ein Delfin in die Luft: Zwei, drei Meter hoch. Er klatschte zurück auf das Wasser. Keine fünf Meter vom Boot entfernt.Was für eine Kraft. Mein Vater sprang den Niedergang hinunter, um seine Filmkamera zu greifen und den Delfin abzulichten. Natürlich weiß ich es nicht, aber damals war ich mir sicher, dass es der gleiche Delphin war. Anscheinend wollte er den Zweifler an der Nase herumführen… Sobald mein Vater mit der Kamera nach Steuerbord zielte, sprang der Delfin an Backbord aus dem Wasser und wenn mein Vater nach Backbord zielte, schnellte er sich an Steuerbord in die Höhe. Zehn Minuten lang gelang meinem Vater keine einzige Aufnahme. Wie auch immer. Ich hatte das Gefühl, der Delfin hatte uns in seinem Reich willkommen geheißen, geführt und jetzt verabschiedete er uns. Schließlich schwamm er einen Moment neben dem Boot her – Mein Vater hatte inzwischen die Kamera entnervt weggepackt – und verschwand nach einem letzten Sprung…

Habt ihr ähnliches erlebt? Glaubt ihr, dass wilde Tiere die Nöte von Menschen wahrnehmen können? Und das Bedürfnis haben zu helfen?

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7 Comments

  1. Bertram sagt:

    Lieber Klaus, die Familie der Delfine zeigt uns bis heute ihre Offenheit, wenn sie vorbeifahrende Schiffe mit ihrem Ritt auf den Bugwellen begleitet und mit lustigen Sprüngen und Pfiffen auf sich aufmerksam macht. Ich habe mal eine Schule im rotem Meer (Ägypten) beim Tauchen erleben dürfen.
    Dieses Jahr erst, auf 10m Ufernähe der Elbe, bei Hamburg-Blankenese, direkt Höhe Jollenhafen Mühlenberg, zog ein alleinstehender Schweinswal, auf 10 m Entfernung, ruhig und stetig, elbabwärts. Die Tiere zeigen uns den Weg in die neue Ära…
    liebe Grüße Bertram

  2. Klaus sagt:

    Lieber Bertram,

    muss toll sein gleich eine ganze Schule zu sehen. Ich habe immer nur einzelne gesichtet. Bist Du mit den Delfinen geschwommen? Oder waren sie zu weit weg?
    Liebe Grüße
    Klaus

  3. Ich glaube, dass die Ungeduld, mit der man seinem Ziele zueilt, die Klippe ist, an der oft gerade die besten Menschen scheitern.

    Friedrich Hölderlin

    • Klaus sagt:

      Wohl wahr, wohl wahr …
      Sorry, dass Dein Kommentar erst jetzt erschien, aber er ist aus irgendeinem Grunde im Spamordner gelandet und ich habe ihn gerade erst durch Zufall entdeckt…
      Liebe Grüße
      Klaus

  4. Mo sagt:

    Hi,
    diesen Sommer habe ich in Kroatien häufig Delfinschulen zwischen den Inseln sehen können. Sie sind definitiv „ihrem“ Weg gefolgt, von Verspieltheit konnte hier keine Rede sein. Ist aber auch kein Wunden, schließlich geht es dort an manchen Stellen fast so autobahnmäßig zu wie in der Kieler Förde (z.B. zwischen Brac und Solta).
    Einmal kam ein einsamer Delfin neugierig längsseits, beäugte mich in leichter Schräglage und drehte dann wieder ab. Das war echt spannend, so Auge in Auge mit einem wilden Tier. Habe das etwas ausführlicher in diesem Artikel beschrieben:
    http://www.travelling-dippegucker.de/?p=3040
    Ciao,
    Mo

  5. Klaus sagt:

    Hi Mo,

    Ein bisschen Reklame? ;) Sei Dir gegönnt.

    Sorry, dass Dein Kommentar erst frei geschaltet werden musste, aber ab zwei Links sind Kommentare meistens Spam und werden automatisch in die Warteschleife geschoben. Weißt Du ja selbst …

    Schön, dass Du Deine Zelda doch noch nicht verkauft hast …
    Pass auf Dich auf
    Klaus

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