Fahrtenseglers-Glück.de

Leben als Digitale Nomaden

Ausatmen

Okt• 04•13

In aller Frühe werfen wir die Leinen los und segeln elbabwärts. Segeln? Naja. Windstärke Null, in Böen 1. Aus NW. Gegenan. Also mehr dieseln als segeln, denn in Wirklichkeit ist es der alte Sabb, der uns aus der Stadt herausbringt. Aber wir wollen heute eh nicht weit. In Wedel Diesel bunkern und hinter Schweinesand ankern. Uns erst langsam wieder an das Leben an Bord Néfertitis gewöhnen. 

Die Ufer der Elbe ziehen vorbei. Fischauktionshalle, Övelgönne … Iman steuert und ich mache mich daran einen Tee zu kochen.
„Bitte Gas an.“ Iman hebt im Cockpit die Verdeckung ab und dreht den Gashahn auf. Ich höre das Klacken des Haupthahns, trotz des lauten Diesels.
„Gas ist an.“ Ich stelle den Wasserkessel auf den Herd. Sehe durch den Niedergang hinaus, während ich auf das Wasser warte. Beobachte Iman, die konzentriert steuert. Kann es wirklich sein, dass wir unterwegs sind?

Hinter dem Mühlenberger Loch lassen wir die Industrieromantik des Hafens hinter uns. An beiden Ufern breitet sich Wald aus. Zur Linken ein lieblicher Strand…

Viel zu schnell erreichen wir Wedel. Bereiten Fender und Leinen vor, um an der Tankstelle anzulegen. Langsam nähern wir der Zapfsäule. Im Kabäuschen ist kein Tankwart zu sehen.
„Wir legen erst einmal an. Der wird schon kommen.“
Wir haben schon eingedreht, Iman steht am Want, um mit der Vorleine überzusteigen. Nur noch wenige Meter bis zum Aufstoppen, da bemerke ich das Schild: Dienstags geschlossen. Wir haben Dienstag.

Wir ankern hinter Schweinesand. Vielleicht bedarf das einer Erklärung. Schließlich fand ich unter euren Suchbegriffen auch den Eintrag: “Wie finde ich Schweinesand?“ … Tja … Denn Schweinesand gibt es tatsächlich nicht mehr. Wenigstens nicht unter dem Namen. Heute steht in den Seekarten Hans-Kalb-Sand bzw. Neßsand. Trotzdem wird die Insel von den alten Elbseglern nur Schweinesand genannt, wie zu Gorch Focks Zeiten. Von mir auch, sorry.  Aber ich nenne auch die Ludwig-Erhard-Straße immer noch Ost-West-Straße.

Auf der Elbe

Wir lassen die Industrieromantik hinter uns…

Néfertiti liegt an unserem bevorzugten Ankerplatz hinter … Schweinesand. Die Sonne knallt herunter und das Sonnendach ist über die Plicht gespannt. Wir lassen es langsam angehen. Werden die nächsten Tage gemütlich elbabwärts segeln. Iman sitzt unter dem Sonnendach mit einem Schmöker in der Hand. Es soll Urlaub sein. Vom ersten Tag an.
„Na wie wäre es mit nem Bikini? Sonnenbaden auf dem Vordeck?“
Iman winkt ab. Zu heiß. Dabei haben die Götter sich redlich Mühe gegeben! Schon am ersten Tag.

Das Barometer fällt stetig. Noch ist der Himmel blau. Nur zwei, drei Wolken. Aber es ist diesig. Ich pumpe Echna auf und wir rudern mit dem Schlauchboot nach Schweinesand. Iman macht Tai Chi und ich wandere über die Insel. Setze mich an den Nordstrand und schaue auf das Wasser.

Letzten Spätsommer haben wir abends genau an dieser Stelle Feuer gemacht und Kartoffeln und Äpfel gegrillt. Tolle Stimmung. Starren in die Flammen. Irgendwann war das Feuer herunter gebrannt. Wir löschten die Glut und mit einem Mal war es stockdunkel. Am Strand konnte man die Hand vor Augen sehen, aber im Wald, durch den unser Weg zurück führte, nicht.
„Wo ist die Taschenlampe?“
„Welche Taschenlampe?“ Ich hatte keine eingepackt. Iman war entsetzt. Sie ist fast nachtblind, aber ich habe die Augen einer Katze:
„Ich führe dich. Kein Problem. Habe noch nie eine Taschenlampe gebraucht.“ Tatsächlich ahne ich den Weg. Nur: Irgendwo gab es eine Abzweigung… Plötzlich stehen wir in hohen Brennesseln und obwohl das hier ein Weg ist, liegt ein Baum quer darüber. Hier sind wir nicht vorbei gekommen.
„Augen einer Katze, was?!“

Wir tasteten uns wieder zurück. Wo ist nur der Abzweig geblieben? In der Ferne hören wir Musik. Da feiern welche. In der Nähe unseres Landeplatzes.
„Das muss der richtige Weg sein.“
Also zurück. Bald stehen wir wieder vor den Brennesseln und dem abgeknickten Baum. Hier muss irgendwo der Abzweig sein, aber obwohl auf dem Weg noch ein Rest Licht durchkommt, herrscht links und rechts vom Wegesrand nur undurchdringliche Schwärze. Selbst mir dämmert langsam, dass wir durch diesen Wald ohne Taschenlampe nicht durchkommen. Obwohl wir noch drei Mal hin und her laufen, finde ich den Abzweig nicht. Iman findet die Idee mit dem Lagerfeuer schon lange nicht mehr romantisch.
„Dann gehen wir halt außen herum. Immer am Ufer entlang.“
Theoretisch ist der Einfall nicht schlecht, aber praktisch geht man über eine Wiese mit kniehohem Gras. Immer wieder muss man Büschen ausweichen und auch die eine oder andere Dornenranke lauert im Dunkeln. Trotzdem nähern wir uns zügig der Westspitze der Insel. Als wir um die Ecke biegen leuchtet uns Néfertitis Ankerlicht entgegen. Um Iman aufzumuntern sage ich:
„Gleich haben wir es geschafft.“ Gleich?!

Fünfzig Meter weiter hört der „Weg“ auf. Das Ufer ist mit mannshohem dornigem Gestrüpp zugewuchert. Mühsam kämpfen wir uns zu einer Lichtung vor. Hier lagern Steine auf einem hohen Haufen, wie sie auch an den Uferböschungen verbaut wurden. Nirgends ist ein Weg auszumachen. Doch dahinten: Ich stapfe darauf zu und stehe plötzlich knöcheltief im Wasser, das unter dem hohen Gras der Wiese verborgen ist. „Vorsicht: Hier ist es nass!“ Aber da steht Iman auch schon im Nassen.
„ Ich gehe keinen Schritt weiter!“ Den Ton kenne ich. Selbst mit Engelszungen würde ich sie nicht dazu bringen, auch nur noch einen Schritt zu gehen.
„Willst Du hier die Nacht verbringen?!“
„Ja.“ Iman lässt sich auf dem Steinhaufen nieder.
„Ich komme mit Echna zurück.“ Keine Reaktion. Ich zucke wortlos mit den Schultern. Platsch, platsch machen meine Bootsschuhe in der sumpfigen Wiese. Egal. Ich bin längst über den Punkt hinweg. Meine Beine sind blutig von den Dornen, ich bin nass und friere. Iman wird es nicht anders gehen.

Grimmig entschlossen stapfe ich weiter durch die sumpfige Wiese. Platsch, platsch. Der „Weg“ endet in undurchdringlichem Gebüsch, aber rechts kann ich über die steinerne Uferböschung klettern. Die Steine sind höllisch glatt und ich krabbele auf allen Vieren wie eine Krabbe auf unseren Landeplatz zu. Das allerletzte Stück ist leicht. Der Strand ist schlickig, aber ich kann aufrecht gehen. Ein paar Meter weiter feiern welche mit lauter Musik. Ich gehe an ihnen vorbei ohne mich bemerkbar zu machen, erreiche Echna und schleppe das Schlauchboot zum Wasser. Dann rudere ich zurück zum Schuttplatz. Auf halbem Weg höre ich Imans Stimme. Sie klingt ziemlich kleinlaut:
„Klaus! Klaus?!“
„Ich komme!“ Ich sehe einen Schemen auf der Uferböschung und rudere darauf zu. Es ist Iman:
„Ich hatte plötzlich Angst. Ich sehe doch nichts im Dunkeln.“
Sie stieg ins Beiboot und wir ruderten auf das Ankerlicht Néfertitis zu…

Jetzt ist es hell und die Sonne lächelt durch das Blätterdach.. Ich gucke auf die Feuerstelle von damals und mache mich auf den Weg zurück. Will unbedingt herausfinden, wo wir herumgeirrt sind. Erreiche den sonnendurchfluteten Waldweg, auf dem lieblich Licht und Schatten spielen. Finde den Abzweig. Die Furt, die damals ausgetrocknet war, steht nun voll Wasser und ich folge dem Weg, wo früher die Brennesseln gestanden haben müssen. Nach wenigen Schritten stehe ich vor dem abgeknickten Baum.

Als ich die südliche Landestelle erreiche, ist Iman noch immer in ihr Training vertieft. Ich setze mich in den Sand. Kurz darauf setzt sich Iman neben mich:
„Weißt du noch wie wir uns hier verlaufen haben?“
Ich gucke sie unschuldig an:
„Verlaufen?! Ich verlauf mich nie.“

Sie gibt mir einen spielerischen Knuff. Also erzähle ich von meinen Nachforschungen:
„Ich habe mir das eben noch einmal angeguckt: Wir sind unmittelbar an der Abzweigung vorbei gegangen, ohne sie zu sehen. Keinen Meter entfernt. Unglaublich.“

Schließlich rudern wir zurück zu Néfertiti. Kochen gemütlich zum Abendessen. Als es dämmert, verholen wir uns in die Kojen. Das heißt: Iman krabbelt in ihren Schlafsack, während ich ihr noch eine Wärmflasche mache und das Ankerlicht einschalte. Leider bleibt der Masttop dunkel. Bei dem Test letzte Woche ging das Ankerlicht doch noch!

Während Iman bald eingeschlafen ist, mache ich mich auf die Fehlersuche. Nach einer sehr langen Weile finde ich den Defekt im Schalter. Ich tausche ihn gegen den baugleichen nicht gebrauchten Schalter des Deckslichtes und gefühlte zwei Stunden später leuchtet das Ankerlicht im Masttop, als wäre nichts geschehen. Inzwischen ist Wind aufgekommen und Néfertiti liegt unruhig, schwoit wild herum, bis die Tide gegen ein Uhr kentert und Wind und Strom in die gleiche Richtung stehen. Willkommen unterwegs!

 

♦♦♦  

Ankerplatz südlich Schweinesands, gegenüber Neuenschleuse:

Ankergrund Sand mit Schlick und vereinzelte Steine. Schöne eigentlich unbewohnte Insel, auf der aber jeden Sommer wild gecampt wird. Abends mitunter laute Musik…

Im Hafen Neuenschleuse am Südufer der Elbe gibt es ein Café mit leckerem Kuchen. Und Duschen (!). Im Hafen ein Müllcontainer der ausdrücklich auch für Inselbesucher und Ankerlieger bereit steht. Schöne Geste. Danke! Alle Angaben nach bestem Wissen aber Keine Gewähr.

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can skip to the end and leave a response. Pinging is currently not allowed.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.