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Leben als Digitale Nomaden

Langsam angehen lassen

Okt• 08•13

Die Nacht geht so unruhig zu Ende, wie sie begonnen hat. Morgens gegen 7.00 Uhr weht es mit gut 6 Windstärken aus West. Die Tide ist gekentert und Néfertiti tanzt in den sich aufsteilenden Wellen, schwoijt im Kampf zwischen Wind und Strom hin und her. Wir wollen zum Dwarsloch segeln, wo wir geschützt hinter Drommel ankern können. Das ist nur ein Katzensprung, und anderthalb Stunden nach HW kommen wir da auch gut über die Barre.

Also gehen wir Anker auf. Einzig: Bei aller Kraftanstrengung, gelingt es mir nicht die Kette von Hand einzuholen. Wir haben kein Ankerspill. Ich bitte Iman das Ruder zum Anker hin zu legen und siehe da: Plötzlich lässt die Kette sich leicht einholen… Bis wir zu dicht zum Ufer geschert sind. Dann steuert Iman in die andere Richtung und ich verschnaufe. Nach drei Durchgängen habe ich den Anker aus dem Grund.
„Anker ist frei!“

Iman gibt Gas und steuert mit Motor gegen Wind und Welle. Der Bug hebt sich und saust dann mit Karacho abwärts, während ich versuche die Kette zu verstauen und mich gleichzeitig festzuklammern. Die letzten Meter wollen einfach nicht im Kettenkasten verschwinden. Wir sind noch nicht wieder eingespielt.
„Langsam fahren!“ brülle ich gegen den Wind. Denn so hoch sind die Wellen nun wirklich nicht. Allein die hohe Fahrt macht das hier zum Fahrstuhl.
„Was?!“
„Lang-sam!“ Dabei führe ich ein paar Mal meine flache Hand langsam nach unten. Die Steuerfrau drosselt die Geschwindigkeit.
„Danke.“
„Was!?“ …

Es fängt an zu regnen. Iman war so schlau (erfahren) sich Ölzeug und Stiefel anzuziehen. Ich nicht… Irgendwann ist die Kette durch die Klüse des Kettenkastens gefädelt und ich bewege mich vorsichtig zurück zur Plicht. Inzwischen vollkommen durchnässt. Während wir dem Hauptfahrwasser der Elbe zustreben, hört es auf nur zu regnen. Dafür beginnt es richtig zu schütten.
„Dann ziehe ich mal das Groß hoch.“ Iman guckt mich fragend an:
„Klaus, wollen wir nicht nach Wedel gehen? Wir wollten es doch langsam angehen lassen.“
Stimmt, wir wollten es langsam angehen lassen. Außerdem müssen wir vor dem Sprung von Cuxhaven zu den Inseln noch immer Diesel bunkern.
„Ok.“

Kaum sind wir durch die Hafeneinfahrt, wird das Pfeifen des Windes zu einem Säuseln. Hohe Bäume schirmen den Hafen gut ab. Außerdem hört es auf zu regnen. „Lass uns gleich zur Tankstelle durchfahren.“ Wir bereiten Fender und Leinen vor. Langsam nähern wir uns dem Tankstellenponton. Im Kabäuschen ist kein Tankwart zu sehen.
„Wir legen erst einmal an.“
Ich lege das Ruder. Néfertiti dreht ein. Iman steht wieder am Want, um mit der Vorleine überzusteigen. Nur noch wenige Meter bis zum Aufstoppen. Ich schaue auf das Schild von gestern: Mittwochs 13.30 bis 18.00 Uhr. Und Mittwoch morgens?!

Ein Stückchen den Steg zurück war ein freier Liegeplatz, an dem man auch auf der Backbordseite anlegen kann. So brauchen wir die Leinen und Fender wenigstens nicht umzuhängen…

Iman verbringt den Tag schmökernd in der Koje. Ich wandere in den Ort auf der Suche nach einem passenden Schalter. Es hat aufgehört zu regnen und der Wind treibt weiße Wolkentürme durch den sonst blauen Himmel.

Ich werde von Pontius zu Pilatus geschickt. Bleibe aber unverrichteter Dinge. Der Elektrohandel am Bahnhof hat wegen Sommerferien nur eingeschränkt auf und ich bin zehn Minuten zu spät … Irgendwann fängt es wieder an zu regnen und ich finde Schutz in einer Konditorei. Ich sitze gemütlich bei einer Tasse Kaffee und denke nach. Ich fühle mich noch nicht richtig unterwegs. Diese Reise hat schwierig angefangen und mir steckt unser Streit noch immer in den Knochen. Unser Streit vor dem Auslaufen:

Während ich das Einräumen und Néfertiti seeklar machen, einkaufen… kurz die Vorbereitungen genieße, sie für mich Vorfreude auf den Törn bedeuten, und untrennbar mit dem Segeln verbunden sind, und es mir vollkommen egal ist, ob ein Einkauf eine Stunde länger dauert oder nicht (Ich fühle mich im Urlaub), ist das für Iman ein organisatorisches Problem, das generalstabsmäßig geplant und durchgezogen werden muss. Eine „vertrödelte“ (genossene) Stunde macht sie wütend. Unsere verschiedenen Naturells prallen aufeinander und plötzlich stehen die Worte im Raum: „Dann segel ich halt alleine.“ „Dann sind wir geschiedene Leute.“ „Gut.“ Ich stürmte aus der Wohnung. Wütend, traurig, entsetzt. Unten auf der Straße saß Ralf im Café. „Segelbereit?“ Dann merkte er, dass etwas mit mir nicht stimmte: „Alles klar mit dir?!“
„Ich habe mich gerade von Iman getrennt.“

Wenn er nicht die richtigen Worte gefunden hätte, wäre es auch so gekommen. Stattdessen haben Iman und ich uns versöhnt, abends die letzten Sachen auf Néfertiti gebracht und sind jetzt hier. Ich sitze im Café und frage mich, warum wir so aneinandergeraten können. Aus nichtigem Anlass … Ich finde keine Antwort. Wir lieben uns. Und trotzdem …

Als ich zurück bin, sagt Iman: „Ich habe dich vermisst. Wo warst Du denn so lange?“ Dann fahren wir zum dritten Mal Tanken. Im Kabäuschen ist wieder niemand zu sehen.

„Bist du dir sicher? 13.30 – 18.00 Uhr?“ Ja , ich bin mir sicher. Langsam nähern wir uns der Anlegestelle. Ein paar Meter weiter klettert eine Frau von ihrem Boot, eilt zur Tankstelle und nimmt unsere Leinen an. Die Urlaubsvertretung des Tankwarts.

Während ich tanke, plaudert Iman mit der Tankwartin. 50 Liter sind schnell in unseren Tank geflossen, ich reiche der Tankwartin die Zapfpistole zurück, verschließe den Tankverschluss und tauche in die Kajüte, um mein Portemonnaie zu holen. Da höre ich Imans Stimme sagen:
„Mein Mann segelt seit seiner Kindheit.“ Mein Mann?! Habe ich da meine eigene Hochzeit verpasst? Anscheinend steckt Iman unser Streit auch noch in den Knochen und sie sucht Nähe… Ich klettere mit Portemonnaie wieder an Deck und bezahle. Während die Tankwartin eine Quittung ausstellt, streiche ich Iman zärtlich über das Haar und sie nimmt mich in den Arm. Die Tankwartin denkt wahrscheinlich irgendetwas wie: Junges Glück. Und in gewisser Weise ist es das ja auch.

Langsam tuckern wir zurück zu unserem Liegeplatz.Ich glaube, jetzt sind wir bereit, und Néfertiti nickt unmerklich im Schwell eines vorbeifahrenden Segelbootes. Morgen segeln wir elbabwärts. Drei Windstärken sind angesagt. Aus West. (Gegenan) Aber wir haben ja alle Zeit der Welt…

♦♦♦

Hafen Wedel:

Wedel ist ein gut geschützter Hafen. Hohe Bäume brechen die Kraft westlicher Winde. Aber Vorsicht bei der Einfahrt: Starker Seitenstrom. Mit 7,50€ (8,70m) ist Wedel der günstigste Hafen unserer ganzen Reise. Inkl heißer Duschen unter denen man solange stehen kann, wie man will.

Allerdings ist der Ort mit seiner Einkaufsstraße eine gute halbe Stunde Fußweg vom Hafen entfernt. Auf dem Weg, der nur zum Hafen führt, kann man super trampen. (Jedes zweite Auto hält…Sobald man allerdings die Hauptstraße errreicht, wirkt die Seglerkameradschaft nicht mehr)
Von Wedel aus fährt eine S-Bahn in einer guten halben Stunde nach Hamburg Altona.
Die Öffnungszeiten der Tankstelle sind (1. April bis 31. Oktober)
Mo – So 9.00 – 12.00 und 13.30 – 18.00.
AUßER: Di geschlossen und Mi nur nachmittags von 13.30 – 18.00

Alle Angaben nach bestem Wissen, aber ohne Gewähr.

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