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Segeln als Digitale Nomaden

Dankbarkeit

Okt• 25•13

„Tai Chi?“ Auf Néfertiti ist es zugegebenermaßen etwas eng für Tai Chi. Ich lasse Echna zu Wasser, den wir in den nächsten Wochen ständig aufgepumpt auf dem Vordeck fahren. Dann rudern wir zu dem kleinen Hafen. Inzwischen ist die Idee über Tai Chi hinaus gewachsen: Wir wollen nach Glückstadt wandern. Immer an der Elbe entlang. Ich freue mich darauf. Die Sonne scheint und an Land stört uns der Starkwind nicht. Die Strömung ist stärker als gedacht, obwohl ich soweit auf das Flache ausweiche, wie es geht. Bei dem Steinwall kommen wir nur Zentimeterweise voran. Mir läuft der Schweiß in die Augen und Iman sagt:
„Romantisch, oder?“…

Schließlich haben wir das schwerste Stück hinter uns und die letzten Meter schiebt uns der auflaufende Strom in den Seitenarm auf die Steganlage zu. Wir heben Echna hoch auf den Steg. So nehmen wir keinen der begrenzten Liegeplätze weg. Der Hafenmeister kommt erst um 17.00 Uhr. Also wandern wir los, ohne eine Erlaubnis eingeholt zu haben. Aber schon nach wenigen Schritten fühle ich mich schlapp. Wir finden den Fußweg zum Sperrwerk und erreichen den Deich, der uns nach Glückstadt bringen soll. Meine Beine fühlen sich an wie Gummi. Ich bin müde und k.o. Und nach Glückstadt sind es 6km hin und 6 km zurück…
„Iman?“
„Ja.“
„Ich glaube ich bin zu groggy, um heute nach Glückstadt zu laufen…“ Sie guckt mich mit großen Augen an.
„Dann mache ich hier mein Training und hinterher kehren wir zurück. Ok?“
„Ok.“ Während ich mich ins Gras zu legen versuche, was sich romantischer anhört, als es ist, denn der ganze Deich ist eingezäunt und dient als Schafsweide, macht Iman ihr Training. Schließlich finde auch ich ein Plätzchen, das noch nicht gedüngt wurde…

Zurück auf dem Steg treffen wir den Hafenmeister.
„Ich hoffe, es war ok, dass wir den Steg als Landestelle benutzt haben…“ Er ist in bester Laune:
„Klar. Habe ich schon gesehen. Das wird allerdings teuer!“ Er reibt sich die Hände, weidet sich an meinem Gesicht und fängt einen Augenblick später an zu grinsen:
„Zumindest, wenn euer Schlauchboot mehr als 10m misst.“ Da haben wir ja Schwein gehabt. Ich glaube, bei Yachten nimmt er auch Liegegeld unter 10m … ;)

Später flaut es ab. Nach unserem Abendmahl bereite ich wie jeden Abend die Navigation vor. Ich schreibe die Distanzen raus und eines wird schnell klar. Morgen segeln wir in aller Herrgottsfrühe los! Wir müssen Cuxhaven mit dem letzten Ebbstrom erreichen. Denn der Strom setzt stark vor Cuxhaven. Gegenan kommen wir da kaum. Wir müssen früh durch das Sperrwerk. Aber öffnen die so früh? Natürlich! Sicher, Klaus? Leider habe ich das Elbehandbuch diesmal nicht ausgeliehen und kann mir keine Sicherheit verschaffen. Dabei erinnere ich mich nachts mit der Jolle durch das Sperrwerk gesegelt zu sein. Nur mit einer Petroliumfunzel, aber das ist sooooo lange her… Ein Restzweifel bleibt und ich sage mehr zu mir selbst:
„Was ist,wenn die Brücke nicht öffnet…?“ Iman hört das und sagt ungehalten:
„Wie?!“ Ich gebe meine Zweifel zu und Iman is not amused:
„Wieso merkst du das erst jetzt. Das hättest du längst recherchieren müssen!“ Ich finde es furchtbar anstrengend, dass sie meiner Unsicherheit nicht mit Humor begegnen kann. Das ist wohl das Los des Skippers. Nur keine Unsicherheiten zeigen! Dabei widerspricht es meiner Auffassung von Partnerschaft, wenn ich nicht auch mal eine Schwäche zugeben darf. Auch als Skipper. Ich wünschte, Iman würde ein bisschen großzüger damit umgehen. Ich mache das mit ihren Schwächen doch auch… Ich sage ihr das, aber ihr ägyptisches Temperament ist in Fahrt und lässt sich nicht bremsen… Ich merke, wie in mir der Ärger wächst, und steige den Niedergang hoch, bevor ich auch ausbreche. Und plötzlich ist dieser ketzerische Gedanke wieder da: Würde ich doch alleine segeln…

Ein Segelboot segelt in der Dämmerung die Stör herauf. Sie kreuzen im engen Fahrwasser auf. Sieht aus wie ein Drachen. Als sie auf unserer Höhe sind, preie ich sie an:
„Wisst ihr, ob das Sperrwerk die ganze Nacht aufmacht?“
„Ja! 24 Stunden. Kann nur mal ne viertel Stunde dauern!“
„Danke!“

Iman steigt ins Cockpit, setzt sich neben mich und schmiegt sich an. Aber ich kann diese Wechsel von Aggression und Anlehnungsbedürfnis gerade nicht verkraften. Sie ist ganz sanft:
„Entschuldigung.“
„Iman ich finde das so anstrengend!“
„Ja. Es tut mir leid. Aber Du hast nicht…“ Ich unterbreche sie:
„Iman. Du fängst schon wieder an.“
„Ja, entschuldige, aber …“ Sie verstummt von selbst.

In dem Moment habe ich eine Idee. Eine super Idee. Wir gucken uns eine Weile schweigend an. Dann sage ich:
“Wir sehen nur, was der andere nicht tut. Wir sollten unseren Blickwinkel ändern. Auf das, was der andere für uns tut. Du für mich. Ich für dich.“ Sie guckt mich mit großen Augen an und ich fange an:
„Danke, dass du den leckeren Salat für uns gemacht hast.“ Sie lächelt und sagt:
„Danke für den Abwasch.“
„Danke, dass du einverstanden warst heute zu segeln.“
„Danke, dass du uns an Land gerudert hast, obwohl du müde warst.“ … Es geht noch eine ganze Weile so weiter. Ich bin überrascht, wieviele Dinge wir allein heute jeder für den anderen getan haben. Wir umarmen uns. Bauen die Doppelkoje auf und schlafen eng umschlungen ein. Morgen müssen wir früh raus…

♦♦♦

 

Ankerplatz Stör:
Geschützter Ankerplatz bei allen Windrichtungen. Der Ankerplatz liegt hinter der ersten Flußbiegung der Stör, auf der Ostseite des Flusses. Im Grünen zwischen dem Hafen von Borsfleth und der Werft von Wewelsfleth. Untergrund Schlick.
Angaben nach bestem Wissen aber ohne Gewähr.

 

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