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Segeln als Digitale Nomaden

Néfertitis kleine Seefahrt

Nov• 01•13

Halb sieben. Ich stehe auf dem Steg. Die Achterleine in der Hand. Néfertitis Schraube dreht langsam rückwärts.
„Vorleine los!“ Iman wirf die Leine los und holt sie ein.
„Vorleine ist los.“

Segelboot Néfertiti segelt auf die Nordsee hinaus

Morgenstimmung

Ich halte Néfertiti an den Wanten, setze sie leicht ab und führe sie zum Ende des Schlengels. Steige über. Der Bug kommt gut frei. Das Ruder liegt hart Steuerbord. Néfertiti dreht unmerklich. Der Schraubeneffekt arbeitet gegen uns. Iman schießt die Leinen auf und legt die Fender ins Cockpit. Aufstoppen. Ruder hart Backbord. Ein kurzer Gasstoß. Néfertiti nimmt Fahrt auf und dreht das Heck trotz gegenläufigen Schraubeneffekts in die richtige Richtung. Ich nehme das Gas wieder weg, Néfertiti dreht weiter und langsam streben wir der Hafenausfahrt entgegen. Iman reicht die letzte aufgeschossene Leine ins Cockpit. Ich verstaue sie samt den Fendern in der Backskiste. Wo ist die Aufregung vor dem großen Sprung? Letztes Jahr fühlte sich das anders an.

Der morgendliche Wetterbericht sagte für den ganzen Tag 3-4 NW bis N voraus. Und Sonne. Mangels Wind laufen wir unter Maschine unter einem wolkenverhangenen Himmel. Der Schraubeneffekt zerrt an meinen Armen. Wenn das so bleibt, werden wir heute nicht groß zum Segeln kommen. Nach einer Weile werden meine Arme lang und länger. Ich nehme eine Leine und setze die Pinne mittels Mastwurf fest. Wenn ich den Knoten auf der Pinne etwas drehe, kann ich die Seilspannung fein justieren. So kann ich Néfertiti gut steuern, ohne den ganzen Tag mit Armkraft gegenzuhalten.

Unser Zeitplan ist ausgeklügelt. Um mit dem Strom aus der Elbe herauszukommen und spätestens kurz vor Hochwasser durch das Seegatt zu segeln, müssen wir 4 kn Fahrt halten. Ich habe gestern abend, bei der navigatorischen Vorbereitung, die Zeiten notiert, wann wir bestimmte Tonnen erreicht haben müssen. Schon an der ersten Marke, 5 Seemeilen von Cuxhaven entfernt, sind wir unserem Zeitplan voraus. Das Fahrwasser knickt nach Westen ab und der Wind kommt damit spitz von vorne. Ich setze das Groß. Es bleibt dichtgeholt stehen. Das ist doch schon einmal etwas. Und der Strom schiebt mächtig.
„Hunger?“ Ich nicke. Iman gibt mir einen Kuss und klettert dann den Niedergang hinunter, um uns ein fürstliches Frühstück zu bereiten.

Wir segeln mit Segelboot Néfertiti auf die Nordsee und Iman macht uns Frühstück

Gleich gibt es was Leckeres

Kurz nach zehn steht Nefertiti dicht bei der Tonne Westertill Nord. Ab hier können wir weiter abfallen und zusätzlich die Genua setzen. So diesel-segeln wir über die friedlich gestimmte Nordsee. Die Schiffe auf der Weser-Reede sieht man schon von weitem. Der Wind hat zwar nicht zugenommen, aber wir sind unserem Zeitplan weit voraus: Motor aus. Diese plötzliche Ruhe. Endlich segeln. Sanft wiegt uns die Nordsee. Mein Blick liebkost den Horizont. Die einzelnen Wolken. Die blaue See. Langsam aber sicher setzt sich die Sonne durch. Iman sieht mich an:
„Brauchst du mich?“
„Nö.“ Sie ist müde und nutzt die plötzliche Stille, um sich in die Koje zu legen. Ich habe sie im Verdacht wieder der Krimilust zu fröhnen, aber nach wenigen Minuten ist Iman eingeschlafen.

Wir laufen relativ dicht an den Lotsenkatamaranen der Weser vorbei. Sie haben ein kleines Versetzboot ausgebracht, das mit hoher Fahrt ein wenig ziellos durch das Fahrwasser rast, schließlich aufstoppt. Fast in unserer Kurslinie. Wir segeln dicht vorbei. Mehrere Männer sind an der Bordwand mit irgendetwas beschäftigt. Sie haben keinen Blick für uns. Endlich guckt einer rüber. Ich hebe die Hand zum Gruß und verharre mitten in der Bewegung. Was ziehen die da aus dem Wasser? Das sieht fast aus wie … Ohne zu winken sinkt meine Hand wieder zurück. Es sieht aus wie ein regloser Körper in rotem Overall oder Ölzeug. Hoffentlich ist das nur eine Übung. Wangerooge und der markante Westturm liegen in der Sonne. Die leichte Brise schmeichelt der Haut. Néfertiti liegt auf Kurs. Die Ansteuerungstonne kann ich noch nicht ausmachen. Ein roter Overall. Keine Schwimmweste. In meinem Inneren weiß ich, dass das keine Übung war. Für uns ist es wunderschönes Segeln. Und wenige Meter weiter kämpft jemand um sein Leben. Oder hat er diesen Kampf schon verloren … ?

Unsere Karten sind aus dem letzten Jahr. Das mahnt zur Vorsicht. Immerhin habe ich die aktuellen Wassertiefen (Wattenschipper.de). Immer wieder greife ich zum Fernglas. Da vorne müsste die Ansteuerungstonne sein. Wenn sie noch da liegt, wo sie letztes Jahr lag. Ein Blick auf das Echolot, das bei uns immer mitläuft: Wir sind noch jenseits der 10m-Linie. -Und wir werden auch schön brav im Tiefen bleiben, bis wir die Ansteuerungstonne ausgemacht und sicher identifiziert haben- Ein zweiter Blick gilt der Logge. Schnell turne ich den Niedergang hinunter. Zeichne den Koppelort ein. Er bestätigt, was ich ohnehin ahnte: Wir sind noch weit weg. Könnten die Ansteuerungstonne kaum sehen. Néfertiti zieht brav ihren Kurs durch das Wasser. Für alle Fälle nehme ich noch schnell eine Peilung vom Westturm. Eine Bö fällt ein. Nefertiti luvt an und plötzlich schlagen die Segel, währnd ich noch die Peilung in die Karte zeichne. Iman wacht auf.
„Alles ok. Musste nur kurz navigieren.“ Dann eile ich nach oben. Iman schält sich aus ihrem Schlafsack.

Segeln auf der Nordsee

Unterwegs

Wenig später meine ich etwas weiß im Sonnenlicht aufblitzen zu sehen. Ich nehme das Fernglas zur Hand. Tatsächlich: Eine weiß-rote Tonne. Wir segeln genau darauf zu. Es ist die Ansteuerungtonne der Harle. Gegen 15.00 Uhr stehen wir über der Barre. Gut in der Zeit. Bei dem leichten Wind liegt das Seegatt wie geschmolzenes Wachs vor uns. Die Durchfahrt kein Problem. Wir segeln im Watt! Aber richtig freuen kann ich mich nicht. Immer wieder denke ich an die Gestalt im roten Overall. Wenig später laufen wir mit langsamer Fahrt in den Hafen von Wangerooge ein. Der Hafen ist voll. Wir müssen im Päckchen liegen.
„Vielleicht da vorne?“ Iman zeigt auf eine moderne 13m Yacht.
„Nee.“ Ich habe schon ein Boot ausgeguckt. Auch nicht das Motorboot, das Iman als nächstes in den Sinn kommt. Wir müssen nur noch im Hafenbecken drehen und legen uns dann auf den kleinen schwarzen Stahlsegler, der scheinbar genau wie Néfertiti mit kleinem Geld unterhalten wird. Die Borea. Später wird auf dem modernen Fahrtencruiser ein anderer moderner Fahrtencruiser liegen und auf dem Motorboot ein anderes Motorboot… Gleich und gleich gesellt sich halt gern.

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