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Segeln als Digitale Nomaden

Tai Chi im Meer oder: Wir Sonntags-Segler

Nov• 29•13

Unser sonntäglicher Kirchgang fällt mangels kirchlicher Gesinnung aus. Wäre von unserem Ankerplatz auch ein bisschen weit. Stattdessen werden wir uns als Sonntags-Segler betätigen und durch das Wattfahrwasser nach Spiekeroog segeln. Dazu müssen wir jedoch noch ein paar Stunden auf Hochwasser warten. Am Liebsten auf unserer Lieblingssandbank, also flugs Echna klar gemacht und ausgerüstet mit einer Thermoskanne Tee und einigen Leckereien hinüber gerudert. Wir merken kaum, wie die Zeit verfliegt. Das Wasser läuft auf und auf …

Sandbank im Watt bei Spiekeroog

Unsere Lieblingssandbank …

 

Und unsere Insel wird klein und kleiner. Iman macht  Tai Chi. Sieht aus wie tanzen, aber ist eine Art Kung Fu. Sie lässt sich auch vom steigenden Wasser nicht stören. Selbst dann nicht, als ihr das Wasser bis zu den Knöcheln steigt. Mache ein paar tolle Fotos für den Blog. Ich beneide sie ein wenig um diese Hingabe. Der Seehund, der uns die ganze Zeit immer wieder beobachtet hat, ruft jetzt seine Kumpels. Am Ende sind es sieben, die sich über die komischen Menschen da wundern. Als uns das Wasser bis zu den Knieen reicht, setzen wir uns ins Schlauchboot und rudern zurück zu Néfertiti. Frühstücken in der Plicht unter den Blicken der immer noch neugierigen Seehunde. Wahrscheinlich sind wir DAS Gesprächsthema heute abend auf der Robbenbank.

Wir setzen die Segel und gehen gegen 9.30 Uhr ankerauf. Abfallen. Halsen. Raumer, fast halber Wind. Nach ein, zwei Kabellängen biegt das Fahrwasser nach Westen ab und wir können Schmetterling segeln. Ich kämpfe kurz mit dem inneren Schweinehund: Genua ausbaumen oder nicht. Gehe dann aufs Vordeck und löse den Spinnakerbaum aus seiner Halterung. Schnell ist die Genua ausgebaumt und da ich schon einmal dabei bin, rigge ich für den Großbaum den Bullenstander, der allzeit bereit an der Großbaumnock angeschlagen ist. Dadurch, dass die Leine nur noch zum Bug und zurück zum Heck geführt und dann belegt werden muss, macht man es dem inneren Schweinehund ziemlich schwer. Die ganze Aktion hat 2-3 Minuten gedauert. Und ganz egal, was einem der innere Schweinehund vorher einflüstert: Es lohnt sich immer!

Tai Chi im Meer

… wird klein …
(Tai Chi im Meer)

Mit dem guten Gefühl, dass Néfertiti meinen Einsatz zu schätzen weiß, lasse ich mich auf der Cockpitbank nieder, während Iman uns durch das Wattfahrwasser steuert. Segeln im Watt ist toll. Gerade bei sowenig Wind. Keine Welle. Die Segel flappen nicht wild hin und her, wenn der Wind zwischendurch nachlässt, wie das auf See wäre. Das einzige was fehlt, ist ein Leichtwindsegel. Aber auch ohne segeln wir mit 2-3 Knoten durch diese erhabene Landschaft. Fahrtenseglers Glück.

Gegen zwölf Uhr steht Néfertiti südlich der Hafeneinfahrt Spiekeroogs. Wir bergen die Segel und motoren durch die lange Zufahrt zum Hafen. Auf dem Steg steht ein Mann und winkt uns heran: „Hier ist frei!“ Minuten später liegen wir am schönsten Platz, ganz außen, mit freiem Blick auf das Wattenmeer.
„Wollen wir ins Dorf? Ich lade dich auf ein Eis ein.“
Das lasse ich mir nicht zweimal sagen.

Das Dorf ist nicht weit. Viele Bäume und Grün. Wir lassen uns von seinem ganz einzigartigen Charme bezaubern.
„Jetzt brauchen wir nur noch eine Eisdiele.“ Gottseidank gibt es einen nicht abreißenden uns entgegenkommenden Strom eiswaffelbewaffneter Kinder. Wenig später sitzen wir Eis schleckend im Schatten der kleinen gedrungenen Kirche. Nach dem weltlichen Genuss wollen wir doch auch noch in die Kirche hinein, aber die ist … abgeschlossen. Und das am Tage des Herrn.

Tai Chi im Meer

… und kleiner
(Tai Chi im Meer)

Auch in den kommenden Tagen werden Ostwinde vorherrschen, deshalb möchte ich (Iman ist einverstanden) morgen nach Langeoog und, so Gott will, übermorgen außen herum nach Norderney. Es ist abends. Ich brüte über den Seekarten und stecke Distanzen ab. Notiere sie und berechne die Zeiten. Iman sitzt mit einem Buch im Cockpit und sagt plötzlich:

„Da kommt das Seenotrettungsboot.“ Ich stecke meinen Kopf durch das Luk. Tatsächlich. Die Seenotretter schleppen eine kleine Segelyacht durch die Hafeneinfahrt. Sie bringen den Segler zum Kai, nicht an den Steg. Laut dröhnend laufen die Pumpen. Anscheinend hat die kleine Yacht starken Wassereinbruch. Nach einer Stunde verstummen die Pumpen, aber das Heck sinkt schnell tiefer, also werden die Pumpen kurz darauf wieder angestellt. Schließlich fährt ein Kranwagen auf den Kai und hebt die kleine Yacht an Land.

Auf dem Steg stecken die Segler ihr Köpfe zusammen:
„Weißt Du, was passiert ist?“
„Nee, du?“ Keiner weiß etwas genaues, aber man hat den Rettungshubschrauber vorhin Richtung Seegatt fliegen sehen… Hoffentlich geht es der gesamten Besatzung gut. Nachdenklich gehen die Segler auf ihre Boote zurück. Das hätte auch jeden von uns treffen können. Ich denke, wie so oft in den letzten Tagen, an die reglose Gestalt im roten Overall, die vor der Weser von den Männern des Lotsenversetzbootes geborgen wurde. Seid bloß vorsichtig da draußen!

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2 Comments

  1. hans sagt:

    hallo ihr 3 !
    die berichte sind wunderbar be/geschrieben.habe beim lesen das empfinden,dabei zu sein.
    wünsche euch eine besinnliche adventszeit!“
    gruss hans

    • Klaus sagt:

      Lieber Hans,
      schön von Dir zu hören. Habe in den letzten Tagen ein paar Mal an Dich und Dein Pech mit der Old Bucaneer gedacht. Freut mich sehr dass Du trotzdem noch Segelblogs liest …
      Pass gut auf Dich auf!
      Liebe Grüße
      Klaus

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