Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Auf Kollisionskurs

Dez• 06•13

Das Wasser läuft auf. Der gigantische Schlickhaufen verwandelt sich wieder in einen Hafen. Die Boote schwimmen nicht mehr in braunem Matsch sondern in braunem Wasser…

Untiefentonne Hohes Riff Nord

Im Riffgatt

Leichter Ostwind und warmer Sonnenschein. Bedingungen, wie gemacht um außen herum nach Norderney zu segeln. Wir müssen mittags los. Viel Zeit. Herzlicher Klönschnack von Bord zu Bord mit der Skipperin von der Modderman, die neben uns liegt. Die ganze Familie segelt abwechselnd das Boot: Mal sie, mal ihr Mann, mal ihr Sohn, mal alle zusammen. Iman ist von dem praktischen Cockpittischchen so angetan, dass ich mich jetzt, da wir wieder zurück sind, langsam mal drum kümmern sollte … ;)
Als ich den Schlüssel für die Sanitäranlagen zurückgeben möchte, ist der Hafenmeister abwesend. Es dauert und dauert. Irgendwann gehe ich los, um ihn zu suchen. Ich finde ihn auf dem äußersten Steg. Er weist nahe Hochwasser die Neuankömmlinge ein…

Wir setzen noch in der Hafenausfahrt die Genua und draußen das Großsegel dazu. Schmetterling (Ausgebaumt und Bullenstander). „Hast Du Hunger?“ Wir sind gerade erst ausgelaufen und ich gucke Iman verwundert an, aber essen kann ich eigentlich immer etwas. „Wenn Du Hunger hast: Ich bin dabei.“
Platsch, platsch singt die Bugwelle.

Iman ist heute morgen um 04.00 Uhr allein aufgestanden, um eine Wanderung zu machen und den Sonnenaufgang zu sehen. Jetzt hat sie Hunger. Sie kocht und so gibt es kurz nach dem Auslaufen noch auf der Wattseite etwas warmes zu essen.

Derweil nähern wir uns der Barre in der Accumer Ee. Der Wind hat zugelegt. Auch der Seegang hat zugenommen und Iman wird schlecht. Sie wünschte, nichts gegessen zu haben, aber das lässt sich schlecht rückgängig machen. Das heißt: Eigentlich schon, aber das wollen wir gerade vermeiden.
„Nimm die Pinne. Das hilft.“
„Nee. Ich glaube, ich lege mich lieber etwas hin.“ Iman klettert den Niedergang hinunter und legt sich in ihre Koje. Minuten später ist sie eingeschlafen.

Segelboot Néfertiti segelt vor Norderney

Segeln vor Norderney

Néfertiti passiert die Barre. Ein Behördenboot überholt uns mit hoher Fahrt. Ich schaue mich um. Wir sind hier allein. Das Behördenboot läuft ab. Je tiefer das Wasser wird, desto angenehmer werden die Wellen. Ich denke, das ist der richtige Moment auf Westkurs zu gehen, und die Genua wieder auszubaumen. Wir müssen ja nicht bis zur Ansteuerungstonne, sondern können ein bisschen abkürzen. Ich falle ab. Lasche das Ruder fest und gehe nach vorne, um den Spinnakerbaum wieder zu setzen. Angeleint. Aber Néfertiti ist zu Scherzen aufgelegt. Die Genuaschot rutscht aus der Klemme. Néfertiti luvt an, der Baum verhakt sich, die Genua geht nach Backbord über und schlägt. Ich kriege die Schot nicht in den Baumbeschlag eingehängt. Die Sicherungsleine schränkt meine Bewegungsfähigkeit ein. Endlich läuft die Schot steuerbords durch den Baumbeschlag, da höre ich ein Schiffshorn. Laut und verdammt nahe! Ich schaue auf und der Schreck fährt mir in die Glieder: Das Behördenboot hat gedreht und läuft mit hoher Fahrt auf uns zu. Keine zwanzig Meter von uns entfernt. Auf Kollisionskurs. Schlimmer noch. Es zeigt Ball, Raute, Ball.

Ich haste ins Cockpit zurück, werfe die Pinne los und falle ab. Wir machen kaum Fahrt, aber haben gerade noch Ruderwirkung. Zerre an der Backbordschot. Die Genua füllt sich und der Bug schwingt herum. Meine Hand geht zum Anlasser, aber die Peilung ist ausgewandert. Kann jetzt seine Steuerbordseite sehen. Das Behördenboot donnert mit einer Bootslänge Abstand an uns vorbei. Iman schläft unten seelenruhig. Voller Vertrauen, dass ich hier oben keinen Mist baue. Ich atme tief durch. Das Warnsignal kam nicht eine Sekunde zu früh!

Immerhin steht der Baum, muss jetzt nur noch die Genua nach Steuerbord ziehen. Ich warte, bis wir vor dem Wind sind und werfe die Backbordschot los. Die Genua hakt, ich ziehe kräftiger, sie hakt. Ich reisse mit Gewalt. Lautes Krachen. Der hölzerne Spinnakerbaum hängt in zwei Stücken an Mast und Schot und pendelt im Takt der Wellen. Ich Depp habe ihn über das Unterwant gebrochen. Eile nach vorne und sichere die beiden Teile.

Segelboot Néfertiti wird von Windfahnensteuerung auf Kurs gehalten

Segeln mit Windfahnensteuerung

Die Genua steht in der Welle schlecht und fängt trotz der sanften See immer wieder an zu schlagen. Was kann ich tun?
Erstmal mache ich, was ich als erstes hätte tun sollen: Ich rigge die Windfahnensteuerung. Inzwischen ist der Wind wieder abgeflaut. Trotz des schwachen achterlichen Windes steuert sdie Windfahnensteuerung heute auf 5° genau. Ich bin begeistert. (Sie ist nicht immer so genau…) Dann improvisiere ich mit dem Bootshaken einen Spinnakerbaum. Er ist zu kurz, also reffe ich die Genua etwas ein.

Als Steuerbord voraus die Tonne Norderney-Nord in Sicht kommt, ist meine Welt wieder in Ordnung. Heute abend werde ich den Spinnakerbaum kleben und laschen. Für den Moment funktioniert der improvisierte Bootshakenbaum gut genug. Ich klettere den Niedergang hinunter, komme meinen Navigationspflichten nach und setze einen Tee auf. Iman schläft tief und fest. Wenig später ist die Ansteuerungstonne Dovetief ausgemacht. Néfertiti segelt mal wieder schneller als erwartet. Ich sitze im Cockpit und bin glücklich. Eine Muck dampfenden Tees in der Hand. Iman wacht auf und kommt in die Sonne heraus.
„Geht es dir besser?“
„Ja.“
„Hab gerade einen Tee gemacht. Willst Du einen?“
„Ja gerne.“ Das Dovetief ist gut betonnt und zur Zeit tiefer als das Schluchter … Die Durchfahrt kein Problem. Als das Fahrwasser nach Süden abknickt, läuft uns der Ebbstrom hart entgegen, aber wir haben jetzt halben Wind und segeln ihn unerwartet leicht aus. Zügig zieht das Ufer vorbei. Der Strand. Die Promenade. Die Buhnen.

Iman steuert Segelboot Néfertiti durch das Riffgatt

Steuerfrau

Iman möchte tatsächlich lieber ankern, als auf den „Campingplatz“. Damit macht mir meine Wüstenblume eine große Freude. Wir laufen an der Hafeneinfahrt vorbei, etwa zwei Seemeilen weiter ins Riffgatt und ankern dicht am Ufer des Priels. Vier, fünf Kabellängen weiter liegt ein holländisches Plattbodenschiff vor Anker.

Iman möchte nach dem Sonnenaufgang heute auch noch unbedingt den Sonnenuntergang sehen und harrt im Cockpit aus, obwohl sie hundemüde ist. Was sie sich vornimmt, zieht sie auch durch. Währenddessen operiere ich unseren Spinnakerbaum. Die Bruchstelle ist gut 40 cm lang. Wasserbeständiger Holzkleber und die Laschung mit einer 25m langen Reepschnur sollten das Malheur wieder richten.

Als ich fertig bin, schmiegt sich Iman an mich. So stehen wir in enger Umarmung und betrachten den Sonnenuntergang. Kaum ist die Sonne weg, steigt Iman den Niedergang hinunter, um sich fertig für die Koje zu machen. Ich bereite ihr noch eine Wärmflasche und mache Notizen für den Segelblog. Es ist schön bei Kerzenlicht in der Kajüte Néfertitis zu sitzen. Ein geschützter Ankerplatz. Der Wind hat abgeflaut und kommt jetzt ohnehin über Land. Für die Nacht ist nichts besorgniseregendes angesagt. Leichte nordöstliche Winde. Wir sollten hier gut geschützt sein.

Schließlich krabbele ich auch in meinen Schlafsack und blase die Kerzen aus. Liege auf der Koje und lausche auf Imans gleichmäßige Atemzüge und die unregelmäßigeren Geräusche Néfertitis. Das leise Glucksen an der Bordwand. Ich denke noch: Das war ein guter Tag … Trotz allem, was da schief ging. Dann bin ich eingeschlafen.

Aber es sollte keine gute Nacht werden. Wenn ich nur gewusst hätte, was in der Nacht passieren würde …

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6 Comments

  1. Bertram sagt:

    Guten Tag Klaus, Ball Raute Ball bedeutet doch Maneuverierbehindert. Wollten die euch aufbringen? Was könnten Gründe für so eine Zeichensetzung sein? Lg Bertram

    • Klaus sagt:

      Lieber Bertram,
      Genau. Manövrierbehindert heißt allerdings nicht, dass das Schiff beschädigt ist, sondern, dass es sich im Arbeitseinsatz befindet und deshalb nicht ausweichen kann. Ich vermute, dass es ein Tiefenschreiber war, der das Fahrwasser vermessen hat. Ich war halt sicher, dass der weiter ablaufen würde. Aber auf See kann man sich keiner Sache sicher sein. Lieber immer mit ALLEM rechnen …
      Liebe Grüße
      Klaus

  2. Jörg sagt:

    Spannend! Seitdem ich Deinen Blog im Booteforum entdeckt hab schaue ich regelmäßig rein. Gehört inzwischen zu meinen Lieblingsseiten!

  3. Klaus sagt:

    Hi Jörg,
    das freut mich! Wie ist denn Dein Nick im Booteforum?
    Liebe Grüße
    Klaus
    (Wenn Du es hier nicht ausplaudern willst, kannst Du mir ja eine PN im Booteforum schicken…)

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