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Nachts: Der Anker schliert

Dez• 10•13

Nachts werde ich wach. Der Wind heult im Rigg. Néfertiti liegt unruhig. Das Wasser gluckst immer noch an der Bordwand entlang, aber außerdem klatschen jetzt Wellen dagegen. Ich schäle mich widerstrebend aus dem warmen Schlafsack, ziehe die Fleecejacke über und schiebe das Niedergangsluk auf. Die Nacht ist schwarz…

 

Segelboot Nefertiti vor Anker im Riffgatt

Friedliche Abendstimmung

Der Wind hat gedreht, bläst nun mit 5-6 Windstärken den Priel entlang und baut eine ungefährliche aber kabbelige See auf. Das war so nicht vorhergesagt.

Mein Blick wandert zu dem Licht des Ankerliegers hinter uns. Néfertiti schwoijt wild von einer Seite auf die andere. Vielleicht sollte ich Ankerwache gehen bis die Tide gegen 01.00 Uhr kentert? Plötzlich merke ich auf. Hat der Abstand zwischen dem Ankerlieger und dem Licht des Leuchtturm nicht abgenommen? Ich schaue genauer hin. Tatsächlich. Das Ankerlicht wandert aus. Ich schalte das Echolot ein: Wir hatten bei steigendem Wasser auf 7 m geankert. Jetzt zeigt das Echolot 2,40 m.

„Iman!“ Sie wacht nicht sofort auf und ich hämmere auf das Kajütdach: „Iman!“
„Ja.“ Schlaftrunken.
„Der Anker schliert! Wir müssen sofort Ankerauf!“

Während ich die Kette kurzstag hole (gut 30m) startet Iman die Maschine. Das Licht ist noch weiter ausgewandert. „2,30m!“ ruft Iman von hinten. Endlich habe ich den Anker kurzstag und zerre mit aller Kraft an der Ankerkette. Verdammt, der Anker hängt fest! Ich gehe in die Knie, reiße an der Kette, wenn der Bug im Wellental ist, zerre mit aller Kraft aus den Beinen heraus. Schließlich kommt der Anker, schlägt im Seegang immer wieder gegen die Bordwand. Egal.

Leuchtturm Norderney

Der Leuchtturm wird uns diese Nacht eine große Hilfe sein

„Anker ist frei!“
„Wohin soll ich?“ Das Licht des Ankerliegers ist noch weiter nach Westen ausgewandert. Also müssen wir schon bis auf seine Höhe abgetrieben sein und südlich stehen. „Fahr langsam auf den Leuchtturm zu.“ Iman dreht Néfertiti auf den Leuchtturm zu.
„Es wird noch flacher! 1,90m!!“
Sind wir schon über den Priel hinweg?! Der ist 10m tief!
„Geh auf Gegenkurs!“
Ich bändsel den Anker fest. Iman dreht um. Ich lasse die Kette an Deck liegen und eile zurück ins Cockpit. Es ist so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sieht. Schon gar keine unbeleuchteten Tonnen.
„Es wird tiefer: 3m …4m …!“
„Ok, dann sind wir jetzt im Priel. Taste dich auf der 5m Linie nach Osten.“ Ich beuge mich den Niedergang hinunter, bis ich das Schaltpaneel erreiche und schalte unsere Positionslichter ein.

Komisch. Das Ganze passt nicht zusammen! Endlich komme ich dazu, die Informationen in meinem Kopf zu überdenken. Plötzlich schwant mir was passiert ist. Es wurde flacher als wir nordwärts fuhren. Das heißt, dass wir immer noch auf der Nordseite des Priels waren. Da das Plattbodenschiff auch auf der Nordseite geankert hatte … bleibt nur eine logische Schlussfolgerung: Es war nicht unser Anker, der auf Drift gegangen ist! Deshalb habe ich den Anker auch kaum herausbekommen. Wir lagen aber wohl zu dicht am Rand des Priels, bei dem wilden Schwoijen sind wir über die Kante gekommen.

Wie zur Bestätigung, erlischt das weiße Ankerlicht drüben und Sekunden später gehen die Positionslichter an. Rot, dann grün und wandert wieder zurück, kommt in Deckung mit dem Leuchtturm …

Segelboot Néfertiti ankert im Riffgatt

Warten auf den Sonnenuntergang

Wir tasten uns mittels Echolot zum Rand des Fahrwassers und werfen den Anker zum zweitenmal. Néfertiti schwoijt wild im Kampf zwischen Strom und Wind. Dabei kommen wir wieder über den Rand des Priels hinaus. Zu flach, wenn das Wasser später fällt. Inzwischen haben sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt und ich entdecke im Fernlas sogar eine unbeleuchtete Tonne. Das erleichtert die Orientierung.
„Sorry, Iman. Wir müssen noch mal ankerauf.“
„Schon gut. Bin jetzt eh wach.“
Während Iman sich etwas warmes anzieht, mache ich eine (schlechte) Kreuzpeilung, mit deren Hilfe ich die Tonne identifizieren kann und einen ungefähren Schiffsort erhalte. Dann gehe ich wieder nach vorne, hole den Anker herauf. Iman fährt uns etwas weiter ins Tiefe und ich lasse den Anker wieder fallen. Diesmal liegen wir gut. Mittlerweile ist auch die Tide gekentert. Jetzt laufen Strom und Wind in die gleiche Richtung und das wilde Schwoijen hört auf. Während Iman in ihre Koje steigt und binnen Minutenfrist eingeschlafen ist, bereite ich mir einen Tee.

Ich werde noch eine Weile Ankerwache gehen. Bin jetzt hellwach. Der Anker hält, wie er immer gehalten hat. Aber sein Schlagen hat den Lack beschädigt. Ich werde das später ausbessern und den Rest der Fahrt wird Néfertiti rote Sommersprossen um die Nase herum tragen…

Ich sitze auf meiner Koje. Die heiße Muck Tee in der Hand. Warum habe ich nicht kapiert, dass der Anker hält, als ich ihn nicht ausbrechen konnte?! Hadere mit mir. Ich nehme mir mein Buch vor. Höre auf das Pfeifen im Rigg und das Glucksen an der Bordwand. Checke immer wieder den Anker. Alles ok.
Gegen vier Uhr flaut der Wind ab. Ich krabbele nach einem letzten Rundblick in die Koje und schlafe erschöpft ein.

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