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Segeln als Digitale Nomaden

Unbetonntes Kalfamergatt

Dez• 16•13

Für die nächsten Tage sind leichte Winde vorausgesagt. Ideal, um im Watt zu ankern. Wir haben uns einen schönen Ankerplatz ausgeguckt: Das Kalfamergatt an der Ostspitze Juists. Allerdings ist es unbetonnt …

Sandformen vom Meer gemalt

Sandbilder vom Meer gemalt

Das Gute am Kalfamergatt: wir können segeln, ohne uns um die Tide zu kümmern. Unser Ankerplatz ist nur 4,5 sm entfernt. Und ich freue mich auf die navigatorische Herausforderung dort ohne GPS hinein zu segeln.
Nach dem Frühstück, das Iman bereitet hat, setze ich Wasser für den Spül auf.
„Nein, das mache ich.“ Sie nimmt mir den Wasserkessel aus der Hand, und spülen darf ich auch nicht. Nach der Waschmaschinenorgie ist Iman den ganzen Tag bemüht mir Gutes zu tun…
Wir bunkern Wasser. Ein gutes Gefühl, die Vorratsschränke und Wassertanks (und als moderner Mensch ganz wichtig: die Handy-Akkus!) gefüllt zu haben. Jetzt sind wir wieder autark. Wir wollen gegen Mittag los. Die Jugendlichen von der Sirius, die im Päckchen auf uns liegt, auch. Das trifft sich gut. Als ich mittags auf das Deck der Sirius klopfe, weil wir los wollen, streckt der Skipper seinen Kopf durch das Luk:
„Wir sind gerade beim Essen.“
„Wie lange dauert das denn?“
„Ungefähr eine halbe Stunde.“ Kurzentschlossen verschieben wir unser Auslaufen. Kurz darauf (früher als angekündigt) treffen die Jugendlichen Anstalten abzulegen. Die Sirius verfügt über ein Bugstrahlruder. Es soll ein schneidiges Ablegemanöver werden. Der junge Skipper will auf engstem Raum wenden, obwohl er erst rückwärts setzen könnte ins weite Hafenbecken. Leider macht ihm eine Bö einen Strich durch die Rechnung. Außerdem hat die Crew das Boot nicht so abgesetzt, wie er erwartet hatte und das Manöver läuft aus dem Ruder. Noch könnte mir der Junge auf dem Vorschiff die Vorleine zuwerfen, aber er reagiert  nicht schnell genug. Ich springe auf den Steg und klettere auf die Badeplattform des Motorbootes, auf das die Yacht fast gedrückt wird, um die Sirius abzuhalten. Man erkennt die Güte eines Skippers (wie die Stärke einer Beziehung) ja erst, wenn etwas schief geht. Der Junge behält einen kühlen Kopf und mit einer helfenden Hand, bekommt er das Boot doch noch gedreht, ohne irgendwen touchiert zu haben.

Danach legen wir ab (das einfache Manöver ohne irgendwelche Spirenzien). Ein letztes Farewell von unseren holländischen Nachbarn und wir sind wieder unterwegs. Vorbei an dem Seenotrettungskreuzer strebt Néfertiti langsam der Hafenausfahrt zu. Draußen herrschen gerade Null Windstärken. Aber fünf Minuten später riffelt ein leichter Windzug die Wasseroberfläche. Wir hissen die Segel und stellen den alten Sabb aus. Wir segeln. Langsam, aber wir segeln.

Segelboot Néfertiti segelt zu Kalfamergatt

Zum Kalfamergatt

Néfertiti läuft mit 1-2 Knoten Richtung Memmert-Fahrwasser. Der Ebbstrom schiebt. Ich kann die Fahrwassertrennungstonne nicht anliegen und schnibbel ein bisschen. Bleibe aber jenseits der 3m Linie. Iman schnibbelt auch: Gemüse für einen Nudelauflauf ohne Ofen. (Werde immer noch verwöhnt…)

Wir erreichen die Tonne M26 des Memmert-Fahrwassers. Hier geht es in das unbetonnte Kalfamergatt. Gegen den Ebbstrom segeln wir nur ziemlich langsam über Grund. Mir ist das Recht. Wir laufen dicht an dem Haken vorbei, den die Sände an der Südostspitze Juists bilden. Die Möwen lassen sich durch uns nicht stören und auch nicht die zwei Robben. Obwohl kaum Wind herrscht verrät das Wellenbild den Verlauf des Priels. Wir lassen trotzdem (immer) das Echolot mitlaufen und tasten uns vorsichtig auf der 5m Linie in das Kalfamergatt. Ich liebe diese navigatorischen Leckerbissen, aber heute ist es ganz einfach. Wir segeln auf der nördlichen Seite des Priels: Wenn das Echolot flacher misst, halten wir südlicher und wenn es tiefer misst, segeln wir einen nördlicheren Kurs. Zur Not käme man hier auf diese Weise auch bei Nebel raus. Die Tiefenänderungen sind im Kalfamergatt so gleichmäßig, dass das kein Problem ist. In der Osterems werden wir einige Tage später auflaufen, weil ich mich zu sicher fühle und nicht bedenke, dass sich die Tiefen am „Prallhang“ viel abrupter ändern…

In meiner Seekarte ist noch eine Messtonne eingezeichnet, aber die wurde im Laufe des letzten Jahres eingezogen.Wir behelfen uns mit Peilungen der Ostbake. Drehen kurz bei und nehmen das Groß runter. Als die Bake 345° peilt, fühlen wir uns weit genug drinnen und suchen uns einen Ankerplatz auf 4m Wassertiefe. Welcome in Paradise. Nun, wir feiern unsere Ankunft und schmausen. Es gibt sogar ein Gläschen Rotwein. (Habe ich das schon erwähnt? Ich werde immer noch verwöhnt ;) ) Mjam, mjam. (Und wer sich über das wiederholte Gläschen Rotwein wundert: Es ist immer noch die gleiche Flasche. Auch wenn wir guten Wein zu schätzen wissen: Eine Flasche hält bei uns immer ziemlich lange.)

Segelboot Néfertiti ankert im Kalfamergatt

Vor Anker im Kalfamergatt

„Noch ein Abendspaziergang?“
Iman nickt. Schnell ist Echna klar und wir rudern zum Flutsaum. Wandern mit schmatzenden Füßen  durch das Watt auf die Insel zu, bis wir den schmalen trockenen Sandstreifen vor dem Gras des Vorlandes erreichen. Wir setzen uns in den Sand. Die Sonne scheint. Und irgendwo, ganz dahinten, wartet Néfertiti auf uns. Nach einer Weile schwoijt sie herum, zeigt uns den Bug und dann die Backbordseite. Die Tide ist gekentert. Das ist unser Aufbruchsignal. Wir haben noch zehn Minuten Zeit, dann laufen wir Hand in Hand zu Echna zurück. Wenn wir ankommen, wird genauso viel Zeit vergangen sein, wie auf unserem Herweg. Sprich: Der Flutsaum wird ungefähr an gleicher Stelle sein und wir brauchen Echna nicht weit über das Watt zu tragen, um das Wasser zu erreichen.

♦♦♦

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6 Comments

  1. wmeyer sagt:

    Moin!

    Mal aus Interesse: Wie verhält es sich mit den Nationalparks in Ostfriesland? Meines Wissens nach ist ja recht viel Zone 1, d.h. „Betreten verboten“. Wird das kontrolliert oder kann man ohne Probleme auf den Sänden herumlaufen und an den Ost-Enden der Inseln anlanden?

    Gruß!

    • Klaus sagt:

      Moin wmeyer,
      deine Frage macht mich ein bisschen ratlos. Fragst Du mich ernsthaft, ob Du ungestraft Gesetze übertreten kannst?

      Du hast in einem Punkt Recht. Es gibt viele Zonen 1. Man sollte sie tunlichst nicht betreten. Sie sind aus gutem Grund eingerichtet.

      Aber man muss ja nicht unbedingt durch das Naturschutzgebiet auf die Insel. Im Kalfamergatt macht man einen kleinen Umweg und hält sich etwas westlicher… In der Muschelbalje sind wir anstatt zur Insel zur ungeschützten Sandbank gerudert…

      Die Freiheit von früher gibt es im Watt halt leider nicht mehr. Ich bin sicher, dass das kontrolliert wird. Auch von einheimischen Seglern, die verhindern wollen, dass wegen den Übertretungen einiger irgendwann ein Fahrverbot für alle erlassen wird.

      Liebe Grüße
      Klaus

      • wmeyer sagt:

        Naja, Aufhänger für meine Frage war Deine Schilderung: „… .Wandern mit schmatzenden Füßen durch das Watt auf die Insel zu, bis wir den schmalen trockenen Sandstreifen vor dem Gras des Vorlandes erreichen. …“.

        Völlig klar, das man sich an die Naturschutzgesetze halten sollte. Meine Frage sollte auch eher allgemein in die Richtung abzielen, ob es offensichtlich ist, dass viel kontrolliert wird.

        • Klaus sagt:

          Ich verstehe jetzt Deinen Gedankengang. Nichts für ungut.
          Ich wünsche Dir ein Frohes Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr.

          Liebe Grüße
          Klaus

  2. Baum sagt:

    Hi,
    das ist jetzt vielleicht ne doofe Frage, aber wie macht ihr das denn mit dem Trockenfallen? Legt sich das Boot da nicht auf die seite?
    Ich bin bis jetzt nur Binnengewässer gesegelt also entschuldigt mein Unwissen :)

    Liebe Grüße!

  3. Klaus sagt:

    Hi Baum,
    finde ich schön, dass Du Deine Frage stellst! Wenn noch etwas unklar sein sollte: Habe bitte keine Scheu noch einmal nachzufragen!

    Und ja. Das Boot neigt sich zur Seite. Hängt aber von der Rumpfform und auch vom Untergrund ab. Auf Schlick sinkt das Boot ein, und wenn unter dem Schlick eine feste Sandschicht sein sollte, sinkt es erst einmal soweit ein, dass es sich, wenn der Kiel die feste Sandschicht erreicht, meist nicht mehr vollkommen auf das Ohr legt. Sollte es doch aus seiner Verankerung brechen, ist dieser Vorgang meist sanfter und langsamer, als man sich das im Allgemeinen vorstellt. In dem Artikel „Trockengefallen“ sind ein paar Fotos, wie das aussieht, wenn man erst etwas einsinkt und dann auf dem harten Sand stehen bleibt. Das war zwar im Hafen, aber tatsächlich war der Druck auf die Fender so schwach, dass man sie hätte herausziehen können. Sprich das Boot hing eigentlich in der (dünnen) Schlickschicht fest. Wahrscheinlich wäre es auch ohne Steg nicht gekippt.

    Später auf dem Törn haben wir zwei Dänen in Seenot geholfen. Da wird es auch ein Foto geben, auf dem man sieht, wie es aussieht, wenn ein Kurzkieler auf hartem Sand trockenfällt und sich auf die Seite legt. Der lag richtig auf dem Ohr.

    Tatsächlich sind wir letztes Jahr einmal unfreiwillig trockengefallen und haben es fast verschlafen. (Der Artikel heißt: „Krängung„. Leider ohne Foto.)

    Wichtig ist es vielleicht noch zu wissen, dass ein vernünftig gebautes Boot ohne Weiteres wieder aufschwimmt, egal wie schräg es lag. Im Watt selbst fehlt auch der Seegang, der dem Boot bei steigendem Wasser zusetzen könnte. In den Seegatten und vor den Inseln ist das anders, aber da spricht man auch nicht von Trockenfallen sondern von Strandung.

    Wenn man in einem Priel festkommt, trägt man tunlichst dafür Sorge, dass das Boot sich gegen den Hang legt und nicht bergab kippt.

    Allerdings muss ich sagen, dass sich meine selbstgemachten Erfahrungen mit dem Trockenfallen auf Jolle und Langkieler beschränken…

    Wo gibt es Schlick und wo Sand? Stark verallgemeinernd kann man sagen, dass zum Festland hin oft Schlick vorherrscht und Sand zu den Inseln hin.

    Liebe Grüße
    Klaus

    P.S. In unserer modernen Welt muss man es ja leider immer dazu schreiben: Alle Hinweise und Angaben in diesem Blog nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Gewähr. ;)

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