Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Wir segeln nach Greetsiel …

Dez• 23•13

… aber kommen nicht an

Über Nacht hat es abgeflaut. Néfertitis Bewegungen wurden immer sanfter und jetzt am frühen Morgen liegen wir wie in einem Ententeich. Ich schiebe das Niedergangsluk auf und stecke meinen Kopf raus. Nebel. Die Dünen Juists sind zu erahnen, aber Norderney und auch das Festland sind in graue Watte eingepackt…

Segelboot Néfertiti sucht seinen Weg durch das Wattfahrwasser bei schlechter Sicht

Gute Sicht ist …

Noch ist Zeit. Wir werden erst mittags nach halber Flut aufbrechen. Ich setze Wasser auf und wir trinken Tee. Für Frühstück ist es uns beiden noch zu früh. Solange Nebel herrscht, können wir auch nicht zur Sandbank übersetzen.
Ich finde, das ist ein guter Moment für Wellness.
„Wie wäre es mit einer kleinen Ankerplatzmassage?“
Iman guckt mich mit großen Augen an. Dann sagt sie zögerlich:
„Hmm … ja … ok.“
Begeisterung sieht anders aus. Glaubt sie, dass ich einen Witz mache?
„Willkommen in der Wellnessoase Néfertiti. Machen sie mal den Oberkörper frei, junge Frau.“
„Ach duuu willst mich massieren?!“ Plötzlich ist sie Feuer und Flamme, legt sich auf den Bauch und bekommt eine extralange Supadupa-Wohlfühlmassage.

Der Nebel löst sich irgendwann auf, aber der Himmel bleibt grau und ungemütlich. Ich hatte die Navigation schon in Norderney vorbereitet. „Wenn wir unterwegs keine Lust mehr haben, können wir auch nach Juist rein. Von der Tide her wird das gut passen.“
„Wo auch immer du hin willst: Ich freue mich auf Land.“
Das nenne ich eine klare Ansage.

Wir gehen bei leichtem Ostwind ankerauf. Segeln langsam durch das Memmert-Wattfahrwasser. Die Sicht ist immer noch bescheiden. Von hinten kommt ein Boot auf. Sieht aus wie die Sirius, die wir auf Norderney getroffen haben. Aber die Jugendlichen sind nicht an Bord. Als die Yacht auf unserer Höhe ist, rufe ich rüber: „Ist das die Sirius? Kann es sein, dass ihr Sohn vorgestern in Norderney neben uns gelegen hat?“ Der Skipper nickt: „Wie haben sich die jungen Leute denn benommen?“
Ich hebe den Daumen. „Super.“ Und Iman ruft: „Sie können stolz auf ihren Sohn sein!“ Das freut den Vater. Dann sind sie vorbei.

Klaus an der Pinne des Segelbootes Néfertiti

… etwas anderes

Der Wind nimmt zu und die Wolken werden dunkel. Die Entscheidung fällt ohne viele Worte:
„Juist?“
Nicken. „Reichst Du mir mal das Ölzeug?“

Inzwischen faucht der Wind im Rigg. Die Wolken sind grau, das Meer ist grau, das Land ist grau. Am Abzweig des Juister Wattfahrwassers rolle ich die gereffte Genua ein, während Iman den Motor startet. Dann berge ich das Groß. Wir folgen den Pricken des gewundenen Fahrwassers. Erstmal gegen den Wind. Das Fahrwasser knickt ab und ich rolle die Genua wieder aus und stelle den Motor ab.
„Segeln, segeln, segeln! Du und deine romantische Vorstellung vom Segeln!“

Leider fehlt Iman heute jeglicher Sportsgeist. Ich segel erst einmal weiter. (Wenn dein Gegenüber nicht klar sagt, was es eigentlich sagen will, bleibt ein gewisser Interpretationsspielraum…) Trotzdem deute ich ihren Kommentar als leise Kritik im Sinne von „Lass uns endlich ankommen“ und beschließe ihr die Hafenzufahrt unter Segeln zu ersparen, obwohl wir dort halben Wind hätten. Bis dahin sind es vielleicht noch 15 Minuten… Fünf Minuten später nimmt der Wind merklich ab, und eigentlich bräuchten wir das Groß. Andererseits stehen wir gar nicht mehr soweit vor der Hafeneinfahrt und im Westen hat sich der Himmel jetzt richtig schwarz zugezogen. Man kann die Regenfahnen unter der Wolkenwand erkennen. Da es in Imans Rücken passiert, hat sie das noch gar nicht mitbekommen … Wortlos starte ich den Motor und ernte ein breites Lächeln.

In der Hafenzufahrt kommen uns zwei Jugendliche, Junge und Mädchen, in einem kleinen Schlauchboot mit Außenborder entgegen. Beide rauchen. Ölzeug tragen sie keines. Ich winke ihnen zu: „Habt ihr die …?!“

Sie erwidern den Gruß nicht und wenden sich demonstrativ ab. … Wolke gesehen? Mir bleibt die wohlmeinende Frage unvollendet im Halse stecken. Die beiden fahren an uns vorbei, und sehen angestrengt in die entgegengesetzte Richtung, immer wieder hastig an ihren Zigaretten ziehend. Iman sieht mich mitfühlend an. Ich zucke mit den Schultern.

Wir sind noch nicht fest, da ist die schwarze Wand über uns. Im strömenden Regen setze ich die Springs, während Iman sich mit Skippers Einverständnis in die warme Kajüte flüchtet. Ich freue mich über mein Ölzeug. Nachdem Néfertiti versorgt ist, laufe ich über den Steg nach vorne, um nach den Jugendlichen im Schlauchboot zu sehen. Nur für alle Fälle. Nicht, dass denen etwas passiert.

Das kleine Schlauchboot strebt aber gerade unbeschadet der Hafeneinfahrt zu. Zwei klitschnasse Gestalten an Bord. Manche Erfahrungen muss man wohl am eigenen Leib machen …

♦♦♦

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2 Comments

  1. Alexander sagt:

    Lieber Klaus,

    vielen Dank für Deinen Blog. Das ist wieder die schönste Winterlektüre um die kalte Jahreszeit zu überbrücken. Ich freue mich auf jeden Freitag und jeden Montag.

    Frohe Weihnachten wünscht
    Alexander

  2. Klaus sagt:

    Lieber Alexander,

    vielen Dank für die wärmenden Worte. Ich weiß, Du bist einer der Leser, die unseren Blog am längsten begleiten. Da freut mich Dein Kommentar besonders. Und falls Du mal wieder in Hamburg bist und mich durch die Scheibe siehst: Ich würde mich freuen Dich persönlich kennenzulernen.

    Frohe Weihachten und ein musikalisches, glückliches Neues Jahr wünsche ich Dir und allen die Dir nahe stehen
    Klaus

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