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Segeln als Digitale Nomaden

Die Gewitterfront

Dez• 30•13

Hochwasser Juist ist gegen 5.00 Uhr. Um 5.40 sind wir bereit zum Auslaufen. Haben noch eben das Liegegeld in den Briefkasten des Hafenmeisters geworfen und lösen die Springs und die Steuerbord-Vorleine. Iman bedient die Backbord-Vorleine und ich steige mit der Achterleine auf den Steg, um Néfertiti etwas abzusetzen und aus der Box zu führen, während Néfertitis Schraube mit langsamer Fahrt rückwärts geht.
„Vorleine los!“ Iman holt die Vorleine ein.
„Vorleine ist los.“ Néfertiti lässt sich einen halben Meter rückwärts führen, dann geht nichts mehr, so sehr ich auch an den Wanten zerre…

Juist, Inselhafen, Gewitter

Gewitterfront zieht auf

Ich turne an Bord, gebe Vollgas zurück. Néfertiti bewegt sich nicht: Wir sitzen im Schlick fest. Vierzig Minuten nach Hochwasser! Was für ein Pech! Immerhin gelingt es uns Néfertiti mit einiger Kraftanstrengung zurück an ihren Liegeplatz zu ziehen. Iman hatte sich so auf die frühen Morgenstunden auf dem Wasser gefreut, dass sie die frühen Morgenstunden an Land nicht genießen kann. Ich sehe auch etwas sehnsüchtig zum Watt hin, wir haben zwei, drei Windstärken und (noch) sieht es nach einem sonnendurchfluteten Tag aus. Was für ein wundervolles Segeln wäre das gewesen.

Während Iman sich auf ihr Tai Chi Training besinnt, laufe ich in die Stadt. Vielleicht macht ja irgendein Café schon um 7.00 Uhr auf. Irgendwie steckt mir der Streit von gestern noch in den Knochen. Trotz der Versöhnung bin ich ganz froh, mal alleine unterwegs zu sein. Und habe ich auf unserer Wanderung gestern nicht eine Bäckerei gesehen? Um das zu verstehen, muss man wissen, dass das mein persönlicher Luxus ist. Morgens schreibend in einem Café zu sitzen und zu beobachten wie die Stadt erwacht…

Um es kurz zu machen: Frühmorgens hat in Juist kein Café auf. Die Bäckerei schon, aber die schenken keinen Kaffee aus. So irre ich mit meinem Blog(ck) durch die menschenleeren Straßen. Finde mich irgendwann am Strand wieder, setze mich in einen offenen Strandkorb und mache mir Notizen für meinen Segelblog. Gegen acht breche ich mit neuer Hoffnung auf, aber selbst jetzt treffe ich überall auf verschlossene Türen. Neben der Bäckerei liegt ein Hotel. Im Frühstücksraum haben sich die ersten Frühaufsteher versammelt. Kurzentschlossen betrete ich das Haus.
„Guten Morgen. Ich bin keine Gast des Hotels. Könnte ich hier trotzdem eine Tasse Kaffee bekommen?“
Die junge Frau vom Service grinst mich an und sagt:
„Kein Gast?! Und sie wollen von uns einen Kaffee? Wie stellen sie sich das vor?! Vollkommen unmöglich. Unter gar keinen Umständen!“
Allerdings trieft ihre Stimme von Ironie, so dass ich mich nun auch lächelnd an einen Tisch setze, was sie immer noch lächelnd zur Kenntnis nimmt, bevor sie lächelnd in der Küche verschwindet. Wenig später stellt sie lächelnd eine dampfende Tasse Kaffee vor mich und ich lächele zurück: „Danke.“ Nach soviel Lächeln ist der Tag gerettet, was auch immer er noch bereit halten sollte. Und er hielt einiges bereit.

Segelboot Néfertiti versinkt im Schlamm

Schlammpackung

Während ich glücklich bei meinem Kaffee sitze, begreife ich auch irgendwann, warum die Bäckerei keinen Kaffee ausschenkt. Zu dem Zeitpunkt ist die Schlange auf dem Bürgersteig vor der Bäckerei etwa 20 m lang… und wächst.

Als ich zum Boot zurückkomme bin ich bester Laune und auch Iman hat ihre Enttäuschung während des Trainings überwunden. Wir freunden uns ein wenig mit unseren Nachbarn von der Keerlke an. Als Iman heraufindet, dass die aus Greetsiel stammen, ist sie hin und weg und erzählt von der Hilfsbereitschaft der Greetsieler bei unserem letzten Besuch.

Mittags sagt Iman:
„Wollen wir nicht einen kurzen Blick auf die Nordsee werfen?“
„Ok.“ Wir kommen nicht weit. Im Westen zieht eine dunkle Front auf. Ein erster Blitz zuckt über den Himmel. Nach einer Weile donnert es. „Jetzt aber schnell.“ Wir schaffen es zum Nordstrand und es reicht immerhin für einen Blick auf die sanft vor uns liegende Nordsee. Für einen zweiten reicht es nicht. Noch scheint zwar die Sonne, aber der gesamte westliche Himmel ist mittlerweile schwarz. Dagegen war die Wolke beim Einlaufen vorgestern ein Schönwetterwölkchen. Grollend nähert sich das Unwetter. Imans Bewegungsdrang in Ehren, aber:
„Ich denke, wir sollten umkehren zum Boot. Oder uns ein Café suchen.“ Iman nickt:
„Lieber zum Boot zurück.“

Nordstrand Juist, Gewitter zieht auf

„Zurück zum Boot oder in ein Cafe?“

Kaum haben wir das Niedergangsluk aufgeschlossen, prasselt der Regen herab. Eine erste Bö orgelt durch das Rigg. Néfertiti krängt am Steg. Wir sind froh, diesen Sturm im Hafen abwettern zu können. Vielleicht war es Glück, was wir heute morgen noch für Pech gehalten haben…
„Tee?“
„Gerne.“ Es ist gemütlich hier. Wir haben Kerzen angezündet, die die Kajüte in warmes Licht tauchen. Da platscht ein Tropfen kalt in meinen Nacken. Das Bullauge über meiner Koje hält nicht dicht. Ich bin stolz darauf, dass Néfertiti knochentrocken ist und jetzt das…

Spanne ein Handtuch auf, um das Tropfen für den Moment zu unterbinden. Das funktioniert leidlich.
So schnell das Unwetter gekommen ist, so schnell ist es auch vorbei. Nach einer Stunde kommt die Sonne heraus, als wäre nichts geschehen. Kaum ist das Deck getrocknet, dichte ich das Fenster ab. Wäre doch gelacht, wenn wir Néfertiti nicht wieder trocken bekämen.

Gegen 16.00 Uhr schwimmt Néfertiti schon eine ganze Weile. Noch eine Stunde bis Hochwasser. Das Echolot zeigt 1,40 an. (Tiefgang 1,50). Wenn wir nicht ins Dunkle kommen wollen zählt jetzt jede Stunde. Sollen wir es probieren, schon jetzt auszulaufen? …

♦♦♦

(Ob wir Juist verlassen konnten? Mehr im nächsten Artikel)

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6 Comments

  1. Jürgen sagt:

    Spannend !!
    Ich wünsche Euch einen guten Rutsch (hoffentlich nicht durch den Schlick) und freu mich schon auf die Artikel im nächsten Jahr.

  2. TB sagt:

    Ein Tipp: Der ganze Reiseblog wäre deutlich schöner zu verfolgen, wenn jeweils das tatsächliche Datum genannt werden würde.

    Normalerweise leben Blogs ja davon, das sie quasi tagesaktuell geschrieben werden und die aktuelle Sicht des Schreibers wiedergeben. Bei Dir ist es ja nun so, dass die Texte schon vor einiger Zeit entstanden sind bzw. auf Notizen von vor ca. einem halben Jahr beruhen. Also weniger ein Blog als vielmehr eine 2-mal pro Woche aktualisierte Fortsetzungsgeschichte.

    Für mich als geneigten Leser wäre es im Hinblick auf die Authentizität hilfreich die Artikel zeitlich mit Bezug auf das tatsächliche Datum der Erlebnisse einordnen zu können.

    Besten Gruß,
    TB

    • Klaus Klaus sagt:

      Moin TB,
      danke für den Tipp. Ich habe das früher gemacht, aber einige Emails bekommen, die zwei Daten verwirrend fanden. Ich werde noch einmal darüber nachdenken.
      Liebe Grüße
      Klaus

  3. Axel von der Pirola sagt:

    Hallo Klaus,
    Deine Berichte und Erfahrungen mit dem segeln im Watt kann ich nur bestätigen. Vor gut zwanzig Jahren sind wir mit einem Kielschwerter ebenfalls im Watt gesegelt. Zu der Zeit gab es noch keine Einschränkungen und Befahrensregelungen und man hatte alle Freiheiten zum Ankern und Wattlaufen.
    Heute haben wir ebenfalls 1,50 Meter Tiefgang und fahren nur noch selten ins Watt sondern mehr auf die Ostsee. Wenn von der Elbe auf die Nordsee dann nach Nordfriesland. Hier sind die Häfen nicht so überfüllt und die Einheimischen sind entspannter. Büsum, die Eider, Hallig Hooge, Amrum, Föhr und Sylt sind eher unser Fall, insbesondere in der Vorsaison. Doch längere Segelreisen gehen fast immer auf die Ostsee.

    Wir wünschen Euch eine schöne erfolgreiche neue Segelsaison 2014, alles Gute
    Axel

    • Klaus Klaus sagt:

      Lieber Axel,

      Wenn wir wieder ins Watt segeln sollten, dann werden wir das nächste Mal gen Norden segeln. Aber vielleicht zieht es uns ja auch das nächste Mal in die Ostsee …

      Ich wünsche Euch auch eine schöne Segelsaison 2014. Liebe Grüße
      Klaus

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