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Segeln als Digitale Nomaden

Der Hafenmeister von Greetsiel

Jan• 10•14

Wir klaren Néfertiti auf. Iman legt sich noch einmal in die Koje, während ich einen ersten Erkundungsgang in den Ort mache. Vorbei an der Gretchen, einem kleinen Ausflugsdampfer, ohne zu wissen, dass die Gretchen uns einen Tag später in Seenot zur Hilfe kommen würde. Am Kai gegenüber hat die Greet 23 festgemacht, aber ich sehe niemanden an Bord …Also spaziere ich weiter. Im Zentrum Greetsiels gibt es immer noch die kleine Tauschbibliothek in der man gegen eine kleine Spende Bücher tauschen kann. Wenn man nur zwei Wochen unterwegs ist, spielt das keine große Rolle, aber jetzt kommt mir das kleine Bücherregal paradiesisch vor. Wir haben nämlich die Hälfte unserer Schmöker durch und ich habe drei Tauschbücher mitgenommen. (Für Iman bleiben auch noch drei, das ist fair). Als ich später mit Iman wieder vorbeikomme, haben zwei schon neue Leser gefunden…

Aber erst einmal setze ich mich vor die Cafeteria am Edekamarkt und komme meiner Lieblingsbeschäftigung nach. Trinke einen Kaffee und schreibe für den Blog. Seit unserem letzten Aufenthalt lieben wir diesen malerischen Fischerhafen und seine Menschen. Welche Freude, als da plötzlich ein bekanntes Gesicht vorbeikommt.
„Hallo Lothar!“

Es ist der Hafenmeister. Er dreht sich um, lächelt und begrüßt mich herzlich wie einen alten Bekannten.
„Wie geht es? Was macht ihr?“
„Sind heute morgen eingelaufen.“
„Dann sehen wir uns ja später.“
„Ja. Bis dann.“

Hat der mich tatsächlich wiedererkannt? Für mich ist es ja leicht, den einen Hafenmeister wiederzuerkennen, aber für ihn bin ich ein Gastlieger von vielen… Damals hatte er uns hilfsbereit und ohne Pfand ein Verlängerungskabel geliehen, weil wir am nächsten Morgen zu früh los mussten, um das Pfand wieder auszulösen. Wir hatten Imans Visitenkarte zurückgelassen mit einem kleinen handschriftlichen Dankesgruß auf der Rückseite.

Als wir später ins Ruderhaus, das Kontor des Hafenmeisters, kommen, um die Liegegebühren zu begleichen, sagt Lothar: „Wartet mal.“ Er wühlt in einem kleinen Kästchen und legt dann die Visitenkarte mit unserem Gruß auf den Tisch. Es rührt mich tief, dass er sie aufgehoben hat, und ich glaube Iman auch.

Segelboot Néfertiti liegt am Steg in Greetsiel

Néfertiti in Greetsiel

Später sitzen wir in der Kajüte.
„Meinst Du, wir treffen Elisabeth wieder?“
„Wäre toll.“ Elisabeth war unsere Gute Seele des letzten Besuchs. Hat uns nach Imans Unfall so selbstlos geholfen und ich weiß, dass es Iman viel bedeuten würde sie wiederzusehen.

Am nächsten Tag checken wir Diesel und Gas. Diesel haben wir noch 43 Liter, aber die Gasflasche ist so gut wie leer. Was für ein Timing. Um ein Haar hätten wir wie letztes Jahr ohne Gas vor dem Sperrwerk gelegen. (Aber diesmal habe ich für alle Fälle noch einen kleinen Campinggaskocher dabei.) Lothar leiht uns einen Karren und so tigern wir zur Tankstelle und tauschen die Gasflasche.

Abends sitze ich mit meinem neuen Schmöker in der Kajüte. Plötzlich schwankt das Boot. Iman kommt zurück an Bord. Sie ist ganz schön lange weg gewesen, für nur mal kurz zum Klo. Sie streckt ihren Kopf durch das Niedergangsluk und sagt: „Wir sind eingeladen.“

Iman hat mit ihrer unbefangenen Art mal wieder Freundschaft geschlossen. So steigen wir eine halbe Stunde später an Bord der Mervijn, eines wunderschönen holländischen Plattbodenschiffes. Ich bin verblüfft, wieviel Platz unter Deck ist. Vivienne zeigt uns begeistert ihren Backofen, der sich zusammenfalten lässt. Wie praktisch das ist, wie er funktioniert, … Iman ist ganz angetan. Ich auch, aber während Vivienne wortreich den Ofen aufbaut und seine Vorzüge preist, beugt sich Pieter verschmitzt lächelnd zu mir herüber und flüstert: „Normalerweise muss ich das Ding aufbauen.“ Da muss ich grinsen. Das wäre bei uns wohl nicht anders. Wir Männer verstehen uns auch ohne viele Worte. Es wird ein wunderschöner Abend. Später kommt das Gespräch auf Rollreffanlagen. Die beiden fänden eine Rollreffanlage zwar nicht schlecht, aber auf einem Traditionssegler?!
„Wisst ihr, dass Rollreffs viel traditioneller sind als man gemeinhin denkt?“ Ich habe es nämlich gerade erst in einem Buch gelesen, dass beim Kauf in der Bordbibliothek Néferttitis stand.
„Das älteste Foto einer nach heutigen Prinzipien funktionierenden Rollreffanlage stammt von 1890!“ Das macht die beiden hellhörig…

Später sitzen Iman und ich noch in der Kajüte Néfertitis. Ich setze Wasser auf, um eine Wärmflasche für Iman zu bereiten. Und beuge mich dann über die Seekarten.

„Den Ofen finde ich toll.“
„Ja. Gefällt mir auch. Aber wenn wir Geld haben, bräuchten wir dringender ein Leichtwindsegel und eine Epirb.“ Typisch Mann? Aber Iman verzichtet auf eine Erwiderung. Eigentlich hat sie etwas anderes auf dem Herzen.
„Klaus segeln wir jetzt zurück?“ So war es geplant. Wir wollten bis Greetsiel kommen. Das haben wir geschafft. Ich stecke gerade den Kurs zum Kalfamergatt ab.
„Ja.“
„Ich möchte noch nicht zurück segeln.“ Der Wasserkessel pfeift und ich fülle die Wärmflasche.
„Ich auch nicht. Aber die Ostwindlage ist vorbei.“ Schweigen.
„Also sind wir jetzt auf dem Rückweg?“
„Ich denke schon.“
„Schade.“ Alle Zeichen stehen auf Rückmarsch. Aber oft kommt es anders als man denkt. Mehr nächstes Mal…

 ♦♦♦

 

(Pieter und Vivienne, falls Ihr beiden das lesen solltet: Eine Woche später traf ich Rob von der Zeta. Wir sprachen auch über das erstaunliche Alter von Rollreffanlagen. Er zeigte mir im 2013er Katalog von „Toplicht“, einem Ausrüster, der sich auf Klassische Yachten spezialisiert hat, den Nachbau der Orginal-Rollreffeinrichtung von 1890. Falls Euch das interessiert, gebt mir eine Nachricht, denn Toplicht ist in Hamburg beheimatet, und ich kann gerne hingehen und mich nach Einzelheiten erkundigen…)

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3 Comments

  1. Barbara sagt:

    Über Facebook bin ich auf die Seite gestossen. Sie ist toll zu lesen, Gratulation!! Erst dachte ich, Ihr habt das Datum falsch geschrieben. Seit Ihr wirklich jetzt noch an Bord und auf dem Wasser????? Gruß Barbara & Maik

  2. Barbara sagt:

    Ich habe noch nicht alle Seiten durch! Barbara

  3. Klaus sagt:

    Liebe Barbara und lieber Maik,

    danke Euch für das Lob. Das Datum unter der Überschrift wird automatisch von WordPress, bzw. dem Theme erstellt. Es markiert den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Wir sind (leider… ähm … Iman würde etwas anderes sagen ;) ) nicht mehr an Bord. Die Reise ist Vergangenheit. Ich weiß, dass das für einen Blog unüblich ist, aber schöne Artikel zu schreiben braucht seine Zeit … und Segeln braucht seine Zeit … und sich unterwegs um die Beziehung zu kümmern auch… Das wisst Ihr ja aus eigener Erfahrung.

    Ich hatte das Gefühl alles drei nicht unter einen Hut zu bekommen und schreibe die Artikel deshalb erst jetzt … Hat für mich den Vorteil, dass ich die Reise beim Schreiben des Blogs noch einmal nacherleben kann. Was mir große Freude macht.

    Wie ist das bei Euch? Plant Ihr eine Weltumseglung mit der Niobe?

    Liebe Grüße
    Klaus

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