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Leben als Digitale Nomaden

Gretchen aus Greetsiel

Jan• 13•14

Morgens. Ich schiebe das Niedergangsluk auf und steige an Deck. Ein Blick zum Himmel. Das sieht nach Leichtwindsegeln aus.

Néfertiti segelt im Kanal Greetsiels

Segeln im Kanal

Greife nach dem Want und steige auf den Steg, warte einen Moment, bis Iman mir folgt. Wir laufen vor zum Vereinsschiff, um zu duschen. Als ich zurückkomme, hat die Mervijn bereits abgelegt. Schade, ich hätte mich gerne verabschiedet. Iman war schneller als ich und hat schon Wasser für Tee aufgesetzt.
„Klaus, ich will noch nicht zurück segeln.“
„Ich weiß.“
„Wollen wir nicht Frits besuchen? Es ist doch gar nicht mehr so weit nach Groningen.“
Ich bin wie elektrisiert. Frits ist einer meiner ältesten Freunde. Noch aus Straßenmusikerzeiten. Und wir haben uns schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Groningen liegt mitten in Friesland, aber es ist durch einen Kanal zu erreichen, ohne dass man den Mast legen müsste. Ich wende mich sofort dem Kartentisch zu und greife die Distanzen ab. Es gibt ein flaches Wattenhoch: Osterems. Wenn wir da erst bei Hochwasser drüber kommen, haben wir in der Ems Strom gegenan. Aber vielleicht schaffen wir es ja schon früher.
„Ok. Ich muss nur sehen, ob Frits zu Hause ist.“ Ich steige an Deck und rufe Frits an. Niemand hebt ab. Auch nach dem Frühstück nicht. „Wir können los segeln. Erst in der Osterems trennen sich die Wege. Ich versuche es von unterwegs noch einmal.“

Wenig später haben wir abgelegt. Noch im Vorhafen gehen die Segel hoch. Schöner Segelwind. Wir folgen dem gewundenen Kanal, überholen ein Kanu. Leider knickt der Kanal irgendwann ab und wir müssen in dem schmalen Fahrwasser kreuzen. Wenigstens gibt es einen langen Holeschlag. Bloß nicht festkommen. Ich segele genau auf die nächste Pricke zu. Noch zehn Meter, noch acht Meter.
„Klar zur Wende?“
„Klar.“ Noch drei Meter.
„Ree!“ Néfertiti gehorcht gerade auf das Ruder und fängt an sich von der Pricke weg zu drehen, als ein vertrauter Ruck durch das Boot geht. Wir sitzen. Im Fahrwasser. Schnell die Schoten los, denn wir sind Legerwall.

Motor an. Iman rollt die Genua ein. Néfertiti bewegt sich auch mit Vollgas keinen Zentimeter. Weder vor noch zurück. Ich versuche Nefertitis Bug mit dem Bootshaken Richtung Fahrwassermitte zu drehen, aber finde im Schlick keinen Halt. Keine Chance.
„Wir kommen hier alleine nicht wieder runter.“ Ich tuche das Groß auf und Iman stellt den Motor aus. Die beiden Kanuten holen uns wieder ein.
„Können wir irgendwie helfen?“ Nette Geste, aber ich wüsste nicht wie.
„Danke, aber wir müssen wohl auf einen Fischer warten.“
Wir schicken uns ins Unvermeidliche. Ich bereite schon einmal eine lange Leine vor, die ich auf der Bugklampe belege.

Eine Stunde später biegt die „Gretchen“ um die letzte Biegung des Kanals. Das kleine Fahrgastschiff aus Greetsiel. Ich hebe seitlich die ausgestreckten Arme langsam auf und nieder. Die Gretchen stoppt neben uns auf.
„Wir sitzen! Könnt ihr uns runter ziehen?“

Die Gretchen ist voller Touristen. Fotoapparate werden gezückt und wir werden zu einem Erlebnis, von dem man zu Hause erzählen wird … Die Matrosin bespricht sich mit dem Steuermann, dann winkt sie mir die Leine zu werfen.

Der erste Schleppversuch vorwärts schlägt fehl. Das Fahrwasser ist eng für die Gretchen. Sie kann nicht frei manövrieren. Der Steuermann bespricht sich noch einmal mit seiner Matrosin. Unsere Leine wird von Hand zu Hand noch vorne gereicht, wo die Matrosin sie erneut belegt. Langsam zieht die Gretchen rückwärts. Ein leichter Ruck geht durch das Boot.

„Wir schwimmen!“ Großes Hallo. Die Matrosin wirft uns die Leine zu. Herzliches Winken, dann tuckern Gretchen und Néfertiti in entgegengesetzte Richtungen weiter. Ich versuche noch einmal Frits anzurufen. Niemand nimmt ab. Unter Motor laufen wir bis zur nächsten Kanalbiegung. Hier können wir wieder anliegen und Iman zieht die Genua auf. Wir segeln. Von hinten kommt eine Yacht unter Motor auf und überholt uns. Bald kommt das Sperrwerk in Sicht…

Die Yacht, die uns eben unter Motor überholt hat, wartet vor der Schleuse. Iman greift zum Fernglas: „Rot-grün! Wir sollten uns beeilen!“ Widerstrebend werfe ich den Motor an und Néfertiti donnert hinter der anderen Yacht her. „Die Tore gehen auf.“ Ich schiebe den Gashebel ganz nach vorne, mit dem unguten Gefühl den alten Diesel zu quälen für eine Sache mit ungewissem Ausgang. Sind wir doch noch recht weit entfernt. „Grün!“ Mehr kann ich nicht tun. Néfertiti läuft mit AK auf die Schleuse zu. Wir kommen näher und näher. Iman hängt die Fender außenbords und bereitet sie Leinen vor. Als wir die Ampel passieren, springt die Ampel auf Rot. Ich nehme die Fahrt raus und langsam gleiten wir ins Schleusenbecken. Der Schleusenwärter hat auf uns gewartet. Danke. Wir legen auf der Backbord- (Schokoladenseite) an. Ich versuche noch einmal Frits zu erreichen.
„Ja. Hier met Frits.“
„Hoi Frits, Hoe gaat et?“
„Mensch Klaus. Wie geht es Dir?“
„Sag mal Frits, erinnerst Du Dich noch, wie wir früher immer gesagt haben: Wenn ich irgendwann einmal ein Segelboot habe, komme ich nach Groningen und lege am Kanal direkt vor Deiner Haustür an?“
„Klar. Seid ihr mit dem Boot in Groningen!?“
„Naja. Fast, aber wir könnten morgen da sein.“
„Toll, Camerado. Kommt. Ich freue mich.“
Na denn. Auf nach Groningen!

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