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Segeln als Digitale Nomaden

Alles nur für den Segelblog?!

Jan• 17•14

Die Yacht vor uns hat die Segel gesetzt und segelt ohne Schwierigkeiten über die Untiefe bei Tonne 9 hinter dem Sperrwerk hinweg. Aber deren Heimathafen ist Greetsiel und sicher ist sie wattentauglicher als Néfertiti. Langsam tuckern wir auf Tonne 9 zu. Durch das Auflaufen im Kanal haben wir Zeit verloren. So dass wir die Untiefe wieder nahe Niedrigwasser passieren müssen. Hoffentlich kommen wir mit Tiefgang 1,50 drüber. Das Echolot zeigt 1,70m … 1,70m …1,60 …

Messturm im Watt

Nahe Tonne 9

Iman und ich gucken uns an. Aber die Tiefe nimmt weiter ab. 1,50 … Zwei Meter fahren wir noch, dann hängt Néfertiti auf 1,20m fest. Auf dem Hinweg sind wir doch auch bei Niedrigwasser durchgekommen. Vielleicht fünf Meter weiter links oder rechts?!
„Und jetzt?“ Ich zucke mit den Schultern. Gehe zum Mast vor und hänge mich in die Wanten. Nichts. Wir sitzen. Versuche uns mit dem Bootshaken zu bewegen. Keine Chance. Meine sonst gerne mal ungeduldige Ägypterin bleibt ganz gelassen.
„Ist halt Pech.“ Aber Rasmus hat Mitleid mit uns. Eine leichte Bö kräuselt das Wasser. Drei, vier Windstärken.

„So schnell geben wir nicht auf. Eine Idee habe ich noch.“ Ich rolle die Genua aus. Raumer Wind. Plötzlich geht ein Ruck durch Néfertiti. Das Echolot springt auf 1,50m… 1,90m… Wir sind drüber. Als wir das Leyfahrwasser erreichen, hat der Wind schon wieder abgenommen. Das war eine Bö zur rechten Zeit. Danke Rasmus!

Bald kentert die Tide. Dann läuft uns der Strom entgegen. Wir müssten kreuzen. Während die anderen längst die Segel gesetzt haben und richtig segeln, Hut ab, setzen wir den Kegel. Iman tut noch ein bisschen Salz in die Wunde:
„Die segeln trotz des leichten Windes erstaunlich schnell, was?“

Néfertiti ist halt nicht gerade ein Flautensprinter. Erst als wir kurz vor der Osterems anliegen können, stelle ich die Maschine aus. Inzwischen steht uns die Flut entgegen. Also segeln wir im Flachen, wo der Strom schwächer läuft. Néfertiti kurvt um die 2m Linie. Das Ley-Fahrwasser und die Osterems laufen auf dem letzten Stück in spitzem Winkel zueinander, nur durch einen Sandrücken getrennt. Ich versuche abzukürzen, denn in der Osterems wird uns der Strom schieben. Plötzlich wird es schlagartig flacher. Abfallen und wieder anluven, als wir wieder jenseits der 2m Linie segeln. Es wird tiefer. Weiter anluven. Die Fahrwassertrennungstonne liegt ein gutes Stück nördlich von uns. Langsam sinkt die Zahl auf dem Echolot. Wieder ein bisschen abfallen. Schnell wird es tiefer. Anluven. Um nicht zu sagen Höhe kneifen. Es wird tiefer. 3m. 3,40m. Wenden. Wir sind in der Osterems. Ich liebe diese knifflige Navigation. Néfertiti läuft in spitzem Winkel auf den Sandrücken zu, den wir eben auf dem anderen Bug hatten. Es wird flacher. Wir sind jetzt auf Legerwall, lieber etwas früher wenden…

Segelboot Néfertiti segelt bei leichter Brise im Watt

Segeln im Wattenmeer

„Klar zur Wende?“
„Klar.“
„Ree.“

So segeln wir innerhalb der 3m Linien in dem breiten Fahrwasser der Osterems. Vor dem Wattenhoch gibt es einen guten Ankerplatz, wo wir in aller Ruhe auf steigendes Wasser warten können. Denn das Wattenhoch zur Ems ist relativ flach. Nur noch eine letzte Fahrwasserbiegung. Während wir das letzte Stück anliegen konnten, werden wir hier noch einmal kreuzen müssen.
„Wollen wir nicht den Motor anwerfen?“
„Warum so eilig? Wir haben doch noch Stunden Zeit bis wir über das Wattenhoch können.“
„Na gut.“ Iman zügelt ihre Ungeduld und ich freue mich zu segeln.

Ich halte mich schön jenseits der 3m Linie, überlaufe die Tonne. Das Echolot zeigt 3,40m, aber springt plötzlich auf 2,40. Keine Zeit für ein normales Wendemanöver. Ich reiße die Pinne herum und rufe gleichzeitig: „Achtung Wende!“ 1,90m. Néfertiti dreht langsam in den Wind. Zu langsam. Bevor die Genua back kommt geht der inzwischen altbekannte Ruck durch das Boot.
„Machst Du das absichtlich?“
„Wieso?“
„Für deinen Segelblog.“
„Für meinen Segelblog?!“
„Ja, damit der Blog spannender wird.“
Ich bin zu perplex um darauf zu antworten. Muss dann aber lachen, obwohl ich Iman im Verdacht habe, das ernst gemeint zu haben… (Dabei sind Wiederholungen der Graus eines jeden Dramaturgen, denn sie wirken retardierend. Und dem Segler ist das Auflaufen genau so ein Graus. Ulkiger Weise aus dem gleichen Grund.)
Leider liegt Néfertiti so unglücklich, dass wir die Genua nicht back kriegen, um den Bug Richtung Fahrwasser zu drücken. Zudem drückt uns der starke Strom immer weiter auf die Sandbank. Die tiefste Stelle Néfertitis ist relativ weit achtern, so dass die Strömung den Bug am langen Hebel immer in die verkehrte Richtung drückt, kurz bevor das Heck aufschwimmt. Ich berge erst einmal das Groß und Iman rollt die Genua ein. Anscheinend ist unsere einzige Möglichkeit den Anker auszubringen. Aber vorher versuche ich es noch einmal mit dem Motor. Siehe da. Plötzlich kommt Néfertiti frei und dreht durch den Wind, bevor wir Sekunden später erneut auf Grund sitzen.

Segelboot Néfertiti segelt bei leichter Brise im Watt

Segeln im Watt

Diesmal können wir aber die Genua back setzen. Eine Minute später schwimmen wir wieder auf. Diesmal zeigt der Bug Richtung Fahrwasser und Augenblicke später sind wir in Fahrt. Diesmal unter Motor. Na schön. Ausnahmsweise. Ich rolle die Genua ein. Warum sind wir hier aufgelaufen, obwohl uns das Echolot sonst immer rechtzeitig warnte? Langsam schwant mir, dass es in dem Bogen eine Art Prallhang gibt, hervorgerufen durch die höhere Fließgeschwindigkeit in der Außenkurve. Wer sich die Seekarte genau betrachtet, kann das dort auch ablesen. Wieder etwas gelernt.

Uns kommt ein Katamaran entgegen. Er hat das Wattenhoch gerade passiert. Ich preie ihn an, als wir uns auf wenigen Metern Abstand begegnen.
„Wie tief war es am Wattenhoch?“
„Wie?“ Anscheinend rechnet niemand im Watt mit dieser eigentlich ganz normalen Frage.
„Wie TIEF war es am WATTENHOCH?“
„80 cm.“

Das ist zwar mehr als erwartet, aber entschieden zu flach für uns. Wir werden ankern bis der Wasserstand gestiegen ist. Wir spannen die Persenning als Sonnenschutz über das Cockpit. Iman kocht Spagetti. Nach dem Mahl lege ich mich für eine Stunde auf’s Ohr, lausche dem Glucksen an der Bordwand und bin bald eingeschlafen, während Iman mit einem Buch in der Hand Ankerwache geht …

 ♦ ♦ ♦

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15 Comments

  1. Erhard Böttcher sagt:

    Mal wieder eine schöne Geschichte, wie sie nur das Wattsegeln schreiben kann.

  2. Klaus Klaus sagt:

    :) Ja das Watt ist wirklich ein wunderschönes und ganz besonderes Revier …

  3. I-330 sagt:

    Ich wollte einfach nur mal sagen wie gerne ich diesen Blog mag, Klaus du schreibst einfach wunderschön, es macht wirklich Spaß hier zu lesen und ist auch eine tolle Abwechslung von den ewigen Schleif- und Lackierarbeiten am eigenen Boot im Winterlager :)

    • Klaus Klaus sagt:

      Moin, moin,

      wenn ich Kommentare wie Deinen lese, geht mir das Herz auf. Ich schreibe das jetzt hier, aber das gilt für Euch alle:
      Es macht echt Spaß für Leser wie Euch zu schreiben!
      Danke. :) :) :)

      Liebe Grüße
      Klaus

  4. Axel von der Pirola sagt:

    Ja, das Watt und Tidenreviere haben schon was. Aber man braucht ein reviergängiges Boot. Maximal 1.0 Meter Tiefgang, ein Kielschwerter oder Hubkieler wären gut. Das Boot sollte trockenfallen können ohne viel Schräglage. So ein Boot hatten wir früher, alles hat seine Vor- und Nachteile.

    Grüsse aus Wedel,
    Axel

    • Klaus Klaus sagt:

      Lieber Axel,

      Ein Meter wäre natürlich genial. Das gibt einem viel zeitlichen Spielraum zum Befahren des Watts. Und wenn man gut trockenfällt, kann man praktisch jeden Sturm im Watt abwettern, indem man nahe des Wattenhochs trockenfällt.
      Aber (Großes Aber): Mit unseren 1,50 m unveränderlichem Tiefgang hatten wir auch viel Spaß. Man muss sich nur darauf einstellen …

      Liebe Grüße
      Klaus

      P.S. Hab Dich nicht vergessen! ;) Aber bin immer nur kurz und sehr spontan zu Néfertiti rausgefahren.

  5. H. Volkmann sagt:

    gefällt mir, die Seiten sind wirklich gut, dagegegen bin ich blogmäßig echt ein Amateur.

    Gratuliere

    Harald

  6. H. Volkmann sagt:

    das ist meine kleine Seite

  7. Klaus Klaus sagt:

    Lieber Harald,

    Danke für die Blumen.

    Ich war einen Moment irritiert, weil ich auf den ersten Link geklickt habe und da kein Blog erschien, sondern eine kommerzielle Seite … Glücklicherweise habe ich dann auch noch den richtigen Link ausprobiert…

    Toi, toi, toi für Deinen Blog.
    Liebe Grüße
    Klaus

  8. Hallo Klaus, also irgendwie hat Iman schon recht, die Tage an denen bei Euch alles glatt läuft sind für mich als Leser, doch eher langweilig. Irgendwie will ich doch über das „besondere“ Lesen, entweder die von Dir so schön beschriebenen und mir selbst auch nicht ganz unbekannten „Seglerbeziehungsprobleme“ oder eben, wenn’s mal auf dem Wasser oder im Hafen brenzlig wird. Klingt vielleicht nach Sensationsgier, ist aber einfach so.
    Trotzdem liest man das alles was Du schreibst unheimlich gern. Ich hoffe ja das da mal ein Buch draus wird, denn so gut geschriebene Segelgeschichten, gibt es nicht wirklich viele. Vielleicht kann da Bastian Hauk mithalten, aber Die Bücher von Wilfried Erdmann sind zwar inhaltlich ganz spannend aber weitaus nicht so schön zu Lesen wie Deine Art zu schreiben, finde ich.
    Was mich ein bischen stört, ist eine gewisses Herabsehen auf Chartersegler und Anfänger. Ich hab eben erst mit reichlich 40 begonnen zu segeln und kann nicht auf so viel Erfahrungsschatz zurückblicken wie Du.
    Ich wünsche Euch noch viele schöne Tage auf Wasser und mir noch viele Seiten Blog von Dir.
    Viele Grüße
    Michael

    • Klaus Klaus sagt:

      Lieber Michael,
      freut mich, dass Dir meine Schreibe so gut gefällt. :)

      Finde ich gut, dass Du auch schreibst, was Dich stört. Allerdings erschreckt es mich auch, denn ich kann mich darin überhaupt nicht wiedererkennen. Wieso hast Du den Eindruck, ich sähe auf Anfänger oder Chartersegler herab? Kannst Du das an einer bestimmten Stelle festmachen?

      Ich bin mir nämlich keiner Stelle bewusst, die diesen Eindruck nähren könnte… Manchmal ist die Selbstwahrnehmung ja beschränkt, aber ich glaube von mir, als ein Mensch durch das Leben zu gehen, der auf andere Menschen gerade nicht herabblickt.

      Anfänger haben bei mir einen Stein im Brett, was der eine oder andere, der mich hinter den Kulissen um Rat gefragt hat, sicher bestätigen würde…

      Und was Chartersegler angeht: Ich habe eben mal „Charter“ in der Suchfunktion eingegeben. Es gibt einen einzigen (!) Artikel, der dieses Wort überhaupt benutzt und darin rate ich Skippern, die ihre Partner ans Segeln heranführen wollen, erst einmal ein Boot in einem sonnigen Revier (Mittelmeer) zu chartern …

      Kann es sein, dass Du mir da etwas überstülpst, was mehr mit Dir zu tun hat, als mit mir? ;)

      Liebe Grüße :)
      Klaus

      • Michael Hermann sagt:

        Hallo Klaus, wie peinlich ist das denn! Tut mir echt leid, meine Kritik ist vollkommen unangebracht. Ich weiss auch nicht, wie ich drauf kam, aber Du wirst schon recht haben, da hab ich vielleicht meine Probleme zu Deinen machen wollen. Echt blöd.
        Ich hab jetzt nämlich alles bis hierher noch mal gelesen (um das rauszukriegen) und es hat auch beim 2. mal lesen noch Spaß gemacht.
        Also in Zukunft denke ich mal eine Halbe Minute länger über das nach was ich so in Blogs schreibe . . .

        • Klaus Klaus sagt:

          Lieber Michael,
          das finde ich toll, dass Du Dich hier noch einmal zu Wort meldest. Respekt. In meinen Augen zeugt es von charakterlicher Größe, wenn man einen Fehler zugeben kann. Danke dafür! Und wir waren alle schon einmal so in uns selbst befangen, dass wir einen anderen mal nicht richtig wahr genommen haben … Also mach Dir nichts draus. Pass gut auf Dich auf! :D
          Liebe Grüße
          Klaus

  9. Hallo Klaus,

    wir sind vor Vordingborg/DK letzten Sommer über einen bei einheimischen Seglern berüchtigten Fels im Sund gerumpelt. Bei 4,5 Knoten unter Motor.

    Das Boot erhielt einen heftigen Schlag, wurde hochgedrückt, schlug noch einmal auf, dann wären wir darüber weg. Wir dachten zuerst, wir hätten einen Totalschaden gefahren. Doch – keine Risse, kein Wasser in der Bilge. Beim Tauchen fand sich nur eine Schramme am Stahlkiel. Erstaunlich!

    Halbwegs beruhigt fuhren wir weiter. In Kopenhagen kranten wir dann. Der Bootsbauer der unser Schiff krante meinte bei der Untersuchung des Unterwasserschiffs dann: „No damage! You have a solid boat.“ Wir waren wirklich erstaunt und beruhigt was unsere alte Dehler Optima da so einfach wegsteckte.

    Seitdem haben wir viel Respekt vor flachen Wasser und prüfen eher einmal zu viel. Deswegen ist es schön zu lesen, wie entspannt Du damit umgehst.

    Vielen Dank für Deine schönen Artikel, ich schau immer wieder gerne vorbei,
    Handbreit,

    • Klaus Klaus sagt:

      Lieber Christoph,

      schön von Dir zu hören. Ich kenne Deinen Blog auch. Habe vor gefühlten Ewigkeiten das Video über Deinen Einhandtörn entdeckt. Immer wieder schön zu sehen, dass auch noch andere mit kleinen Booten unterwegs sind.

      Im Watt ist das mit dem Auflaufen einfach entspannter als in der Ostsee. Wenn man nicht gerade zur Springzeit bei Hochwasser aufläuft… ;)
      Alles Sand oder Schlick. Hier gehören Auflaufen und Trockenfallen irgendwie dazu. Besonders, wenn man wie wir etwas viel Tiefgang für diese flachen Gewässer hat.
      Liebe Grüße an Marion und Sleipnir.
      Klaus

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