Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Über’s Wattenhoch

Jan• 20•14

Néfertiti ankert mitten im Meer. Im Schutz einer unsichtbaren Sandbank. Mein Blick wandert rundherum. Wasser. Wasser. Nur Wasser und blauer Himmel. Weit weg sieht man das Festland. Ein seltsamer Ankerplatz …

SegelbootNéfertiti in der Hafeneinfahrt Delfzils

Hafeneinfahrt nach Delfzil

Richtung Delfzil sollte man lieber nicht gucken. Industriehäßlichkeit am Horizont.

Eine halbe Stunde vor dem errechneten Zeitpunkt gehen wir ankerauf. Vielleicht gelingt es uns ja schon jetzt, uns über das Wattenhoch zu schummeln. Auf der anderen Seite der Sandbank werden wir jede Minute brauchen, in der der Flutstrom noch schiebt.

Mit langsamer Fahrt läuft Néfertiti auf das erste Tonnenpaar zu. Dann auf das nächste. Das Echolot zeigt 1,60 m. Das ist die berühmte Handbreit Wasser unter dem Kiel. Wir haben Glück. Ein viertes Auflaufen bleibt uns erst einmal erspart. Als das Echolot wieder 2 m anzeigt, kommt es mir richtig tief vor …

Im Hochgefühl, das Wattenhoch schon so früh passiert zu haben, suche ich das nächste Tonnenpaar. Das Fahrwasser knickt hier ab. Ich sehe die rote Tonne und halte darauf zu. Aber irgendetwas kommt mir komisch vor. Das Wasser wird wieder flacher, obwohl es tiefer werden sollte. Komisch. Ich drossele die Fahrt. Irgendetwas stimmt nicht. Das Echolot ist wieder auf zwei Meter zurück gegangen. Dann begreife ich: Das ist kein Tonnenpaar vor uns, sondern nur eine einzelne Tonne!

Ich stoppe auf und ziehe die Karte zur Hilfe. Tatsächlich .Wir laufen auf eine Fahrwassertonne im Emsfahrwasser zu, anstatt auf die letzten Tonnen unseres Fahrwassers. Ich suche mit dem Fernglas und entdecke schnell die richtigen Tonnen.

Segelboot Néfertiti vor Anker

Ankerglück

Aber da flüstert mir das Teufelchen ein:
„Wir sind doch schon fast in der Ems. Schnibbel ein bisschen. Du weißt doch von unserem Besuch vor einem Jahr, als wir bei sehr schlechter Sicht mit dem Echolot erfolglos die Fahrrinne suchten, dass die Tiefenänderungen hier eher gemächlich vonstatten gehen.“ Und das Engelchen sagt:
„Nein, Klaus, sei vorsichtig.“
„Du sparst sicher zwanzig Minuten.“
„Willst Du ein viertes Mal auflaufen?“
„Kein Problem. Noch läuft das Wasser auf!“ Um es abzukürzen: Heute gewinnt das Teufelchen. Kaum, dass das Echolot wieder 2,30 anzeigt, gehe ich auf einen westlicheren Kurs. So mogeln wir uns am Rand der Sandbank ins Nebenfahrwasser der Ems. Wenige Minuten später wird es auch wieder richtig tief. Wir sind in der Ems.

Der Strom schiebt kräftig. Aber wenn wir nicht die Nacht durchsegeln wollen, muss die Maschine mitlaufen. Ich erinnere mich, als wir letztes Jahr vor Borkum verhungert sind, weil ich die Stunden mitlaufenden Stroms in der Flaute nicht genutzt habe. So donnern wir gen Delfzil. Iman verzieht sich in ihre Koje, während ich an der Pinne ausharre. Die Stimmung ist wundervoll und wenn man darauf eingestellt ist, stört auch der Motor nicht (so doll).

Es dämmert auf der Ems. Nach Tidenkalender müssten wir eigentlich schon Gegenstrom haben, aber noch werden wir geschoben. Es ist auch nicht mehr weit. Wir nähern uns der Hafeneinfahrt Delfzils. Ein kleiner Frachter kommt heraus und zeigt uns genau, wo die Hafeneinfahrt liegt. Iman kommt ins Cockpit zurück. Es wird eine Punktlandung, wir erreichen die drei Seemeilen lange schlauchartige Hafenzufahrt bei Stillwasser. In der langen Hafenzufahrt laufen wir 4 kn Marschfahrt. Von hinten kommt ein Motorboot auf und überholt uns. Und noch eines. Und noch eines.

Segelboot Néfertiti liegt direkt neben der Seeschleuse in Delfzil

Zentimeterarbeit

Iman sagt:
„Kannst du nicht mal etwas schneller fahren?“
„Ungern, der …“
„Ich weiß, der alte Sabb!“
Néfertitis Motor ist uralt und ich will ihn nicht über Gebühr beanspruchen. Für nichts und wieder nichts. Von hinten kommt ein Segelboot auf. Iman zuckt verständnislos aber resignierend mit den Schultern. Auch das Segelboot überholt uns auf der Hatz nach dem letzten freien Liegeplatz im Seehafen. Wir sind die einzigen, die zur Schleuse abbiegen.

Einmal rot. Die Schleuse wird also noch bedient. Gut. Fender raus und Leinen vorbereiten. Mit langsamer Fahrt laufen wir auf den Wachtsteiger zu, aber bevor wir ihn erreichen, schaltet das Lichtsignal auf Rot-Grün. Vorbereitung. Im Leerlauf gleitet Néfertiti langsam an dem Wachtsteiger vorbei. Lautes Klingeln. Die Schranken vor der Brücke senken sich, das Schleusentor öffnet sich. Kein Boot im Schleusenbecken. Die Brücke öffnet sich und wir erreichen die Ampel, genau in dem Moment, als sie auf Grün umspringt. Néfertiti gleitet langsam weiter in das Schleusenbecken, bis ganz vorne. Hinter uns schließt sich das Tor. Immer wieder erhebend, wenn sich der riesige Apparat in Gang setzt, um so ein kleines Segelboot wie unseres durchzulassen.

Hinter der Seeschleuse befindet sich ein großer Warteplatz für die Berufsschifffahrt. Und direkt davor ein kleiner für Sportboote. Wir sind schon fast daran vorbei. Man darf maximal 24 Stunden hier liegen.
„Was denkst du? Hier bleiben?“
Iman ist einverstanden. Also dreht Néfertiti eine elegante Runde und kurz darauf liegen wir fest. Glücklich darüber, schon jetzt angekommen zu sein, und nicht erst mitten in der Nacht. Gut, dass wir so früh über das Wattenhoch in der Osterems gekommen sind.

♦♦♦

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

2 Comments

  1. Dirk sagt:

    Hallo Klaus,

    vielen Dank für das schöne Geburtstagsgeschenk! Auch wenn Du mir den Schlaf einer halben Nacht raubst, es lohnt sich immer wieder.
    Dein Schreiben ist sehr fesselnd, ich kann dann einfach nicht aufhören, zu lesen. Bin jedesmal mit an Bord, und kann das Geschriebene mit erleben. Man entdeckt sich selbst in vielem wieder, die gleichen Gedanken, die gleichen Empfindungen. Ja, hin und wieder werden sogar die Augen feucht und es ist bewundernswert, wie offen Du Deine Gefühle darlegst. Dafür meinen allergrößten Respekt. Und den ein oder anderen Tip für die Beziehung nehme ich auch mit.
    Bitte mach weiter so und schenke uns mehr von Deinem Talent. Und wenn Ihr mal wieder in Wedel seid, würde ich mich sehr freuen, Euch drei einmal persönlich kennenzulernen. Ich hoffe, es klappt diese Jahr wieder mit meinem Liegeplatz D173 (Ostanlage)

    Liebe Grüße

    Dirk von der FengShui

  2. Klaus sagt:

    Lieber Dirk,

    Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Dein Kommentar ist auch ein tolles Geschenk für mich. Du hast mir eine echte Freude damit gemacht. :)

    Ich hatte früher mal eine Jolle in Wedel liegen. Wenn ich mich richtig erinnere, lag sie am E-Schlengel. Wenn wir in Wedel sein sollten, schauen wir gerne mal vorbei. Ich schätze mal, dass Du bei dem Bootsnamen eh bei Iman einen Stein im Brett hast…

    Liebe Grüße
    Klaus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.