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Segeln als Digitale Nomaden

Staande Mastroute

Jan• 25•14

Ich schlafe tief und fest. Etwas drückt mir einen Kuss auf die Stirn. Ich öffne die Augen. Hundemüde. Iman lächelt mich hellwach an.
„Komm Klaus. Es ist wunderschön draußen.“ Ich werfe einen Blick auf die Uhr am Schott. Kurz vor fünf. Manche Erfahrungen will man nicht machen. Ich sinke stöhnend zurück und klammere mich an den letzten Zipfel der Traumwelt, kuschel mich wohlig in den Schlafsack, aber Iman gibt mir noch einen Kuss. „Es ist traumhaft draußen. Wir sollten aufbrechen.“ Der zarte Schleier des Schlafs zerreißt.
„Traumhaft? Es ist fünf Uhr.“
„Guck einfach mal…“ Raffiniertes Weib. „…dieses unglaubliche Licht.“ …

Néfertiti auf der Staanden Mastroute in Holland

… Gold im Mund

Inzwischen bin ich mehr neugierig als müde und schwinge meine Füße auf die Bodenbretter. Iman klettert den Niedergang hoch und setzt sich in die Plicht. Ich riskiere einen Blick. Wow! Was für eine atemberaubende Stimmung. Der letzte Rest Müdigkeit verfliegt bei dem Anblick. Iman hat Recht. Wir sollten los. Der Himmel verspricht einen herrlichen Sommertag.

Ich ziehe mich flugs an, steige wieder an Deck und löse die Springs. Iman ist noch in der Kajüte zu Gange. Ich starte den Motor, steige an Land und löse Bug und Heckleine. Ich setze Néfertiti ab, steige im letzten Moment über, gehe langsam zurück zur Plicht und ziehe dabei die Fender binnenbords an Deck. Steige in die Plicht, greife nach der Pinne, beuge mich hinunter, bis ich an den Gashebel komme und gebe Gas. Gemächlich setzt sich Néfertiti in Fahrt. Ich steuere stehend mit den Oberschenkeln und schieße die Achterleine auf. Iman kommt hoch und nimmt sich der Vorleine an, deren loses Ende ich auf Echna, unser Schlauchboot, geworfen hatte.

Nach Groningen (und weiter) kann man über die Staande Mastroute fahren. Sprich (auf gut deutsch): mit stehendem Mast. Es geht leichter Wind. Wirklich schwach, aber mit südlichem Anteil. Vielleicht können wir die Genua setzen? Ich bin etwas unschlüssig, aber was soll’s?Probieren geht über studieren! Während Iman einen Tee zubereitet, ziehe ich die Genua auf. Tatsächlich steht sie so gerade. Schenkt uns einen halben, manchmal auch einen ganzen Knoten zusätzlicher Fahrt. So tuckern wir vorbei an kleinen Wäldchen, Feldern und Wiesen. Mitunter Schilf am Ufer.

Eine halbe Stunde später. Iman liegt vorne auf Echna und schmökert. Ich knabbere an einem Keks, als mein Blick auf die Uhr fällt.
„Iman übernimmst Du mal bitte!“ Iman lässt ihren Schmöker auf Echna liegen, kommt vom Vorschiff ins Cockpit zurück und greift nach der Pinne. Alle Stunde steige ich nämlich den Niedergang hinunter, entferne die Treppe, hebe die Motorabdeckung und schmiere die Welle. Setze die Abdeckung wieder ein und bringe das Treppchen wieder an. Motorfahrtroutine auf Néfertiti. Steige wieder ins Cockpit und übernehme die Pinne, während Iman nach vorne eilt und sich auf dem Vordeck sonnt. Naja, zumindest schmökert. Einen Bikini trägt sie auch nicht …

Néfertiti auf der Staanden Mastroute in Holland

„Iman, übernimmst du mal…“

Gegen zehn liegen wir vor der Schleuse in Groningen. Die Staande Mastroute führt eigentlich geradeaus durch das Stadtgebiet. Aber zu Frits müssen wir rechts abbiegen. Laut Karte sind auf unserer Strecke feste Brücken im Weg. Ich rufe Frits an. Der sagt: „Nee. Die feste Brücke kommt erst nach uns.“ Landleute sehen das manchmal anders als Seeleute. Also frage ich den sympathischen Motorbootfahrer, dessen Boot hinter Néfertiti liegt und auf die Schleusung wartet. „Kein Problem. Vorher gibt es nur eine Drehbrücke. Da kommt ihr durch.“ Allerdings sind auch Seeleute nicht unfehlbar.

Das Vorbereitungssignal leuchtet auf. Schnell sind die Leinen losgeworfen und kurz darauf liegen wir in der Schleuse. Die Tore schließen sich und während der Wasserspiegel steigt, kommt ein Mann über den Kai auf Néfertiti zu. Er entpuppt sich als Schleusenwärter und fragt in gebrochenem deutsch: „Könnt ihr den Mast legen? Die Staande Mastroute geht dahinten lang.“ Er zeigt unbestimmt hinter uns.
„Nein können wir nicht, aber wir wollen nur durch die Drehbrücke. Einen Freund besuchen, der direkt am Kanal wohnt.“
„Die Drehbrücke öffnet nur für die Berufsschifffahrt. Und auch nur, wenn man sich 24 Stunden vorher angemeldet hat.“
„Oh … Können wir denn irgendwo vor der Brücke liegen?“
Er überlegt kurz und sagt dann: „Vielleicht in dem kleinen Kanal.“
„Wir versuchen es einfach. Wenn nicht, kommen wir halt wieder zurück:“
„Ok.“ Er ist schon zwei Schritte gegangen, da fällt mir noch etwas ein:
„Hartelijk bedankt, dass sie extra heruntergekommen sind.“ Er winkt ab.
„Graag gedaan.“

Néfertiti auf der Staanden Mastroute in Holland

Kegel- segeln

Nach der Schleusung laufen wir langsam auf die Drehbrücke zu. Weit und breit kein Kanal zu sehen. Vielleicht meinte er mit seinem gebrochenen Deutsch die Einbuchtung, neben dem Wachtsteiger? Wir drehen um und legen uns mit Erlaubnis des Schleusenwärters in den „Kanal“ vor dem Wachtsteiger. Hätten wir nur einmal auf die Karte geguckt, hätten wir gesehen, dass direkt vor der Brücke, von den Büschen für uns verdeckt, tatsächlich ein kleiner Kanal abgeht. (In dem das Hausboot von André liegt, einem Kumpel von Frits, der uns mit Sicherheit eine Nacht längseits geduldet hätte.) So liegen wir unerlaubt im Wartebereich der Schleuse.

Kurz darauf kommt Frits. Ich erkenne ihn schon von weitem, lange bevor ich das Gesicht erkennen kann, nur an seiner Haltung. Das Schöne an alten Freunden ist dieses vertraute Gefühl, egal wieviele Jahre man sich nicht gesehen hat. Wir kochen gemeinsam, schlendern in die Stadt. Erzählen und erzählen. Trotzdem fühlt sich irgendetwas anders an, ohne, dass ich es benennen könnte.

Wir wollen die holländische Gasflasche zurückgeben. Frits hat in Groningen auch noch nie eine Gasflasche umgetauscht. Aber wir könnten ja den Schleusenwärter fragen. Ich habe das Gefühl, dem Mann schon genügend Mühen gemacht zu haben, aber Iman und Frits sind sich einig. Also klingele ich am Tor. Der Schleusenwärter bittet mich in die Schaltanlage. Zwei, drei Leute sitzen vor den Monitoren für die Brücken der Stadt. Tatsächlich kennt er eine Adresse, wo wir die Gasflasche „vielleicht“ auslösen könnten. Aber zum Abschied sagt er: „Sie liegen am Wachtsteiger. Der ist nur für Boote, die auf die Schleuse warten.“
„Entschuldigung. Ich dachte…“
„Wie lange wollen sie denn bleiben?“
„Bis morgen früh. Wir wollten auf den Markt und die Gasflasche wegbringen.“
„Bleiben sie bis morgen früh. Ausnahmsweise. Aber wirklich nur ausnahmsweise. Normalerweise dürfen sie da nicht liegen.“
So kommen wir noch einmal mit einem blauen Auge davon.

Abends in der Koje, sagt Iman: „Dein Freund ist ein einsamer Mensch.“ Was?! Ausgerechnet Frits?! Wann immer man mit ihm in die Stadt geht, begegnet er zwei, drei Leuten, mit denen er einen Schwatz hält. So auch heute. Ich habe immer seine schöne, offene Art bewundert mit der er auf Menschen zugeht.
„Quatsch!“
„Doch, schau mal genau hin.“
Nachdenklich schlafe ich ein. Er lebt seit Jahren alleine. Ein freies Leben, um das ich ihn zuletzt heute morgen kurz vor fünf beneidet habe.
Kurz nach fünf allerdings nicht mehr…

♦♦♦

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10 Comments

  1. Rainer Krummacker sagt:

    Hallo Ihr Zwei

    Danke für die Geschichten. Schreibt weiter.

    Gruß Rainer

    • Klaus sagt:

      Lieber Rainer,

      ganz bestimmt schreiben wir die Geschichten ;) weiter …

      Danke Dir nicht nur für Deinen Kommentar hier, sondern auch für Deine Unterstützung in der unsäglichen und ätzenden Diskussion letztes Jahr im Yacht-Forum.

      Pass gut auf Dich auf!
      Liebe Grüße
      Klaus

  2. I-330 sagt:

    Ich warte schon die ganze Zeit darauf das du die Fragen von Timo von bruderleichtfuss.com beantwortest! Hoffe, du hast das nicht vergessen :)

    LG

    • Klaus sagt:

      Lieber I-330,

      wie könnte ich das vergessen?!
      Der Artikel ist fertig geschrieben, aber muss noch layoutet werden. Sollte eigentlich heute erscheinen, aber es kann sein, dass ich es erst morgen schaffe. Es gab da ein Delay wegen eines Fotos, dass ich gerne benutzt hätte, wofür ich aber letztendlich doch keine Rechte bekommen habe und das ich jetzt selbst fotographieren muss … (Bloggeralltag hinter den Kulissen) Sorry.

      Aber: Ich habe mir viel Mühe mit den Antworten gegeben … ;)

      Liebe Grüße
      Klaus

  3. Dirk sagt:

    Ach Klaus, wieder so herrlich! Wie kann man denn aus so einer widerlichen Sache-das aus dem Schlaf gerissen werden ist gemeint- so ein literarisches Sahnestückchen machen. Erlebt haben doch bestimmt schon etliche Segler diese Situation , aber es so auf den Punkt genau auf’s Papier zu bringen, das zu reflektieren, was da in einem vorgeht, vom ersten Fall bis zur finalen Auflösung ..das machst du ganz toll und bereitest mir große Freude damit…Danke Dirk

    • Klaus sagt:

      Ach Dirk,
      danke Dir. Ich freue mich darauf, Dich persönlich kennenzulernen. Und die FengShui. Wenn wir nach Wedel kommen werde ich auf alle Fälle mal vorbeischauen. Aber meistens ankern wir hinter Schweinesand …

      Liebe Grüße
      Klaus

  4. Klaus sagt:

    So, nun bin ich á jour. Einmal angefangen, habe ich chronologisch jeden Artikel in deinem Block gelesen, und zwar mit wachsendem Vergnügen. Der Feed ist abonniert und ich freue mich auf die Fortsetzung!

    Gruß aus HH
    Klaus

    • Klaus sagt:

      Lieber Klaus,

      Eure beiden Kommentare im Segeln-Forum haben mir viel Freude bereitet. Die Story mit dem Fischessen …
      Liebe, liebe Grüße auch an die beste Frau der Welt!

      Passt gut auf Euch auf!
      Klaus

  5. Pitter sagt:

    Hallo Klaus,
    auch ich bin jetzt mit deiner 2. Reise durch. Einfach super geschrieben – toll. Ich fühle mich nicht nur, als würde ich mitsegeln. Ich versuche auch die Strecke nachzuvollziehen anhand deiner Angaben über Tonnen oder Schleusen. Ich würde ja auch gerne mal ins Watt, habe auch nur 1,35 Tg – aber ich trau mich nicht. Was ich vermisse ist das tatsächliche Datum deiner Reise oder wo finde ich das?
    Segelst du auch wieder zurück??? Wann geht’s weiter?

    Gruß
    Peter

  6. Klaus sagt:

    Lieber Pitter,

    Mit 1,35m Tiefgang bist Du zwar noch kein König im Watt, aber Néfertiti hat 1,50m. Man muss genauer rechnen, klar. Aber das macht doch auch Spaß… Ideal wären 1m oder weniger. Wenn Dich das Revier reizt: Es ist auf diesem Erdball etwas besonderes …

    Ich weiß nicht wie das mit Kunststoffschiffen und auflaufen ist. Denn im Watt läuft irgendwann jeder (!) auf. Wenn das Deine Sorge ist, müsstest Du Dich mal in einem der Foren erkundigen. Aber ich habe viele Kunststoffschiffe im Watt segeln gesehen.

    Bei anderen Fragen zum Segeln im Wattenmeer kannst Du mich auch gerne mal anrufen. Wenn ich gerade keine Zeit haben sollte, würde ich das ehrlich sagen, aber dann könnten wir einen anderen Termin verabreden…

    Die Reisen und die Berichterstattung liegen „nur“ ein paar Monate auseinander. Sommers segele ich und winters schreibe ich.

    Klar sind wir auch noch zurück gesegelt. Der nächste Artikel kommt morgen oder übermorgen.

    Liebe Grüße
    Klaus

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