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Segeln als Digitale Nomaden

In der Kajüte

Mrz• 07•14

Den Rest des Tages verbringe ich auf der Steuerbordkoje und starre gegen die Decke der Kajüte. Ich suche zunächst recht erfolglos die Lage, die am wenigsten schmerzt und versuche ansonsten das Beste aus der Situation zu machen. Zu lesen und nicht zu jammern. Iman kümmert sich rührend um mich und versucht mir die Lage so leicht wie möglich zu machen.
„Habibi, willst du einen Tee?“ …

Néfertiti liegt am Gemeindesteg Wangerooges

Die nächsten Tage komme ich kaum von Bord


„Nein danke.“ Ich drehe mich auf der Koje um. Kurz darauf fragt Iman:
„Habibi, willst Du was zu essen?“
„Keinen Hunger.“ Ich starre auf die Holzmaserung der Seitenborde.
„Habibi, eine frische Wärmflasche?“
Die Wärmflasche wenigstens gefällt mir. Aber während Iman sich als Kranke gern betüteln lässt, will ich eigentlich nur eines: Meine Ruhe.

Arme Iman. Nach einer Weile gibt sie auf und sucht sich außerbords Aktivitäten. Fährt am nächsten Tag alleine ins Inseldorf zum Einkaufen oder pflegt soziale Kontakte, während ich mich dem Deckenstudium widme. Bin bald mit jeder kleinen Unebenheit an Néfertitis Kajütenhimmel per Du. Selbst Gerrit und Gea, deren kleines gelbes Boot kurz nach uns eingelaufen ist, verpasse ich völlig.

Zwei Tage später kommen die beiden jungen Dänen zu Besuch. Sie wollen sich verabschieden und ich bemerke mit Erschrecken, dass sie sich zu hundert Prozent auf ihr GPS verlassen und nur rudimentäre Kenntnisse von Navigation haben. Aber sie müssen noch eine halbe Stude auf die Tide warten. Also noch ein bisschen Zeit ihnen die Grundzüge der Navigation beizubringen: Kreuzpeilung, wie man mit dem ganzen Boot peilt (mangels Peilkompass) usw. Die beiden sind wissbegierig und ich bin sicher, dass sie am Ende ihres Törns mehr gelernt haben werden, als die meisten von uns auf ihrem ersten Törn. Aber zu meiner Anfängerzeit hätte sich kaum jemand (mangels GPS) mit so geringem Wissensstand auf See gewagt. Selbst wer keinen Schein hatte, musste sich mit Navigation beschäftigen, und hat dabei auch noch das eine oder andere Seemännische aufgeschnappt… Vor dem Hintergrund finde ich es furchtbar, dass die Amerikaner planen, ihre Papierseekarten abzuschaffen…

Als die beiden wieder von Bord sind, frozzelt Iman:
„Kaum sprichst Du über Navigation scheint es deinem Hexenschuss wieder besser zu gehen?!“ Tatsächlich: Für eine kurze Weile hatte ich den Schmerz fast vergessen. Aber nur solange ich nicht dran gedacht habe …

Am Gemeindesteg Wangerooges

Freja und Néfertiti am Gemeindesteg Wangerooges

Iman macht mir noch eine Wärmflasche. Trotz der Schmerzen klettere ich kurz darauf auf den Steg. Will es mir nicht nehmen lassen die beiden zu verabschieden. Ich erkläre noch schnell Sinn und Ausführung einer Spring, dann legen die beiden Wikinger ab. Das kleine Boot strebt der Hafenausfahrt zu und ich habe einen Kloß im Hals. Passt bloß gut auf Euch auf ihr beiden! Hätte Euch gerne mehr beigebracht…

(Wenn jemand weiß, was aus Nilaus, Esgar und der Freja geworden ist: Ich würde mich sehr über einen diesbezüglichen Kommentar freuen.)

Während ich auch den nächsten Tag mehr oder weniger in der Kajüte verbringe, schließt Iman im ganzen Hafen Freundschaften.

Nach vier Tagen bin ich endlich auf dem Weg der Besserung. Es ist abends. Iman macht ihr Training. Plötzlich höre ich ihre Stimme vom Steg:
„Klaus!?“ Néfertiti schwankt ein bisschen, dann schaut Iman grinsend den Niedergang herunter:
„Ich lade dich zu einem Bierchen samt Krabbenbrot ein!“

Obwohl (oder weil?) ich den ganzen Tag auf der Koje gelegen habe, habe nicht wirklich Lust, also sage ich:
„Danke, aber geh mal lieber alleine. Ich war gerade erst vorne.“ Dass das zwei Stunden her ist, dass ich mich vorsichtig zu den Toiletten gequält habe, verschweige ich lieber.
„Nee, dann gehe ich auch nicht.“ Iman behauptet zwar immer ich hätte den dickeren Dickschädel von uns beiden, aber ich halte das für ein Gerücht… Wenig später jedenfalls schleiche ich von Iman gestützt über den Steg Richtung Clubhaus.

Anscheinend hat Iman hier inzwischen jeden kennengelernt, denn von allen Seiten wünschen mir Unbekannte gute Besserung und sind scheinbar bestens über den Stand meiner Genesung informiert.

Sehnsüchtige Hafenblicke ins Watt

Sehnsucht

 

Auf dem Balkon des Clubhauses wird es lustig. Peter, der Einhandsegler, hat einen köstlichen Humor und auch Roman (der sogar unseren Blog kennt) und seine Familie lassen mich meinen Rücken für eine fröhliche Stunde vergessen… Danke Euch! Die letzten Tage war das Wetter eher bescheiden. Von daher habe ich mir den richtigen Zeitpunkt für den Hexenschuss ausgesucht. Aber morgen sind ideale Bedingungen für den großen Schlag nach Cuxhaven vorausgesagt. Wenn ich doch nur bis morgen wieder schmerzfrei wäre …

♦♦♦

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6 Comments

  1. Wingeier sagt:

    Hallo Klaus
    tönt ja nicht sehr positiv. Umso schöner, dass du den Schmerz für kurze Zeit vergessen konntest. Wünsche dir gute Genesung und euch Beiden eine tolle Ueberfahrt nach Cuxhaven.
    lg Fredy

  2. Klaus sagt:

    An sowas hatte ich bei meinen Törns noch überhaupt nicht gedacht… Dann wünsche ich dir ebenfalls gute Besserung (gehabt zu haben), denn diese Berichte schreibst du ja von zu Hause.

    Grüße von Klaus

    PS: den Tee hätte ich angenommen… :-)

    • Klaus Klaus sagt:

      Lieber Klaus,

      Erstmal allen Danke für die Wünsche zur (gehabten) guten Besserung. :)
      Du hast ganz recht, übriges auch mit dem Tee … Das habe ich aber erst später gemerkt, als Iman schon unterwegs war … :)

      Liebe Grüße
      Klaus

  3. Frank sagt:

    Moin Klaus,
    kann Deine Schilderungen bzgl. „Rücken“ genau nachfühlen….nach ähnlichen Problemen (2 Bandscheibenvorfälle) bei mir, haben wir unsere eigene Yacht seinerzeit verkauft und ich segel ein- bis zweimal im Jahr mit einer erfahrenen „Männercrew“ und zur Sicherheit mit einer kl. Apotheke dabei.
    LG !
    Frank

  4. Klaus Klaus sagt:

    Lieber Frank,
    das tut mir Leid. Wenn ich mir vorstelle Néfertiti verkaufen zu müssen …

    Bei mir ist es gottseidank nicht so schlimm. (Gleich mal wieder gerade hinsetzen! ;) ) Kein Bandscheibenvorfall, aber der Rücken ist schon meine Achillesferse. Ich passe immer gut auf. Wenn ich ihn fühle, mache ich krankengymnastische Übungen …

    Liebe Grüße
    Klaus

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