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Leben als Digitale Nomaden

Unter Segeln auf der Nordsee

Mrz• 17•14

Nèfertiti segelt entlang der niedrigen Küste Wangerooges. Auch von weitem erkennt man noch deutlich den Westturm. Diese Weite! Herrlich. Hier brauchen wir keinen eng gewundenen Prielen zu folgen, sondern können Néfertiti laufen lassen. Ich greife zur Thermoskanne. Der Tee ist alle. Ich stelle das Gas an und steige den Niedergang hinab, um Wasser aufzusetzen. Iman liegt auf ihrer Koje, eingemummelt in ihren Schlafsack und schläft tief und fest. Ein erhabenes Gefühl rührt mich in meinem Innersten. Es lässt sich kaum in Worte fassen. Es kribbelt wie Verliebtheit und ist tief wie Glück. Es sagt: Alles ist gut…

Frachter auf Kollisionskurs? Nein. Vor Anker

Halb so wild (Wer genau hinschaut ….)

Alles ist gut?! Den Fisch, der unter uns in der Nordsee schwimmt, kann ich nicht essen, weil er schwermetallverseucht ist. Das verstrahlte Kühlwasser von Fukushima kontaminiert jetzt in diesem Moment den Pazifik. In dieser Sekunde ist wieder eine Art ausgestorben. Unwiederbringlich. Tot. Weg. Für immer.

Aber das schöne Gefühl ist im Moment stärker als alle von Menschen und ihrer Gier verschuldeten Katastrophen der Welt. Während das Teewasser heiß wird, nehme ich den Peilkompass und peile die Tonne eine Seemeile querab. Ich halte sie für die Jade 8. Trage die Peilung in die Seekarte ein, den Loggestand und die Zeit dazu. 1015 Uhr.

Das Wasser fängt an zu sprudeln. Ich gieße den Tee auf und steige wieder hoch ins Cockpit. Néfertiti liegt auf Kurs. Von weitem sieht man die Schiffe auf Reede liegen. Sie sind viel größer als jede Tonne und natürlich entsprechend weit zu sehen. Das macht die Navigation zum Kinderspiel.

Der Seegang wird unruhig, während wir das Jadefahrwasser kreuzen. Néfertiti rollt im achterlichen Wind. Iman wacht auf.
„Alles klar da unten?“
„Nein. Mir ist ein bisschen übel.“
„Komm hoch und steuere.“
„Nee. Ich versuche lieber noch etwas zu schlafen.“

Das Kielwasser eines Segelboots

Kielwasser

Der Wind legt leicht zu und die Sonne kommt heraus. Gegen 11.45 Uhr passieren wir die Ansteuerungstonne Alte Weser. Immer da, wo die breiten Ebbströme aufeinander treffen, wird der Seegang kabbelig. Ich setze den Kurs auf Westertill-Nord ab. Nehme den Spinnakerbaum weg, schiffte die Genua und gehe auf den neuen Kurs. Halber Wind. Perfekt. Néfertiti liebt halben Wind. Mit 4,5 bis 5,5 Knoten segeln wir den Strom leicht aus. Außerdem hört das Rollen auf.

Nach einer Weile schält sich Iman aus ihrem Schlafsack und klettert den Niedergang hoch. Setzt sich auf ihren Lieblinsplatz mit den Füßen auf den Stufen des Niedergangs. Ich sehe mit einem Blick: Ihr geht es immer noch elendlich und streiche ihr mit der Hand tröstend über den Rücken.
„Das tut gut. Mach weiter!“
Das mache ich. Ihr ist nicht nur übel. Sie hat vor allem Magenkrämpfe.

„Hoffentlich nimmt der Wind ab.“ Höre ich richtig? Wir haben die schönste Segelbrise!
Ich erkläre ihr etwas von stabilisierendem Winddruck auf die Segel, aber das will Iman nicht hören:
„Ich wünschte trotzdem der Wind würde wieder abnehmen.“ Sagt es und verschwindet wieder in ihre Koje.

Die blaue Weite des Horizonts. Schade, dass Iman sie nicht mit mir genießen kann. Néfertiti zieht ihre vergängliche Spur. Ich liebe es ins Kielwasser zu gucken. Dieses nicht abreißende Schaumband aus Blasen die zurückbleiben und vergehen. Kann mich kaum von dem Anblick abwenden. Der Wind soll heute noch auf Starkwindstärke zunehmen. Vielleicht ist es dieses Wissen, das Iman – die sich doch längst als seefest erwiesen hat – heute zusetzt?

Anscheinend hat Iman Rasmus bezirzt. Obwohl überall zunehmender Wind angesagt ist, nimmt der Wind stetig ab. Gegen 14.00 Uhr weht nur noch ein laues Lüftchen und das muntere Quirlen am Heck ist zu einem müden Kriechen geworden. Wir dümpeln nahe der Tonne Westertill – Nord. Die Tide ist längst gekentert und schiebt uns nun. Noch schläft Iman und kann ihren Triumpf nicht kosten. Ich ahne, was sie vorschlagen wird, wenn sie aufwacht. Hoffentlich kehrt der Wind vorher zurück.

Eine viertel Stunde später krabbelt Iman aus der Koje. Sie spürt sofort, dass sich etwas verändert hat:
„Es ist ruhig geworden.“
„Ja. Der Wind ist eingeschlafen. Geht es Dir besser?“ Iman nickt und setzt sich neben mich ins Cockpit. Aber richtig gut sieht sie immer noch nicht aus. Die Segel flappen. Nach einer Weile sagt Iman:
„Wollen wir nicht den Motor anmachen?“ Das hatte ich befürchtet. Hatte ich doch extra für diesen Fall die Reserve eingeplant, über die sich Uwe so lustig gemacht hatte. Aber angesichts ihrer Seekrankheit oder was auch immer das ist, kann ich mich schlecht widersetzen. Ich kuppel die Windfahne aus und drücke den Anlasser. Kein Wind heißt immerhin auch: Kein Starkwind!

Iman übernimmt die Pinne und ich wärme den Gemüseeintopf auf, den ich gestern abend noch vorgekocht hatte und der im Dampfkochtopf schlingersicher auf seinen Einsatz wartet. Iman isst auch eine Schale. Ein gutes Zeichen.

Die Motorfahrt dauert etwa eine Stunde. Dann kommt der Wind zurück und ich nehme das Gas weg, bis der Diesel verstummt. Iman sieht mich etwas mitleidig an. Sie versteht das Bohei nicht, dass ich um das Segeln mache. Ich kuppele die Windfahnensteuerung wieder ein und Néfertiti marschiert unter Segeln gen Cuxhaven.

Wenn man die Elbe einmal zu fassen hat, wird die Navigation zum Kinderspiel. Das Fahrwasser ist exzellent betonnt und die Barken sieht man meilenweit. Eigentlich sollte es nachmittags richtig wehen. Die Stunden ziehen vorbei. 17 Uhr, 18 Uhr, 19 Uhr. Schönste Segelbrise. Und da der Seegang moderat bleibt, genießt auch Iman das Segeln.

Gegen zwanzig Uhr stehen wir vor der Hafeneinfahrt. Wir nehmen die Sergel runter, starten die Maschine und sind kurz danach fest. Was für ein wunderschöner Segeltag. Kein Starkwind. Keine Rückenschmerzen. Iman lädt mich zur Feier unserer glücklichen Überfahrt auf ein Bierchen ein. (Schon wieder!) So sitzen wir oberhalb des Hafens und spielen mit den bunten Knicklichtern, die anstelle von Kerzen auf den Tischen stehen. Toll, dass die Nordsee uns so sanft verabschiedet hat. Morgen wird das anders aussehen.

Wenig später laufen wir Arm in Arm über die Steganlage zur Néfertiti zurück. Kuscheln uns wohlig müde in die Koje.

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5 Comments

  1. Andrea sagt:

    Hallo Klaus, eine tolle Webseite hast du da gebastelt. Ich finde die Bilder sehr schön und die Geschichten dazu, prima :) Da kommt man vom Lesen nicht mehr weg :)

    Liebe Grüße
    Andrea!

  2. Klaus Klaus sagt:

    Hallo Andrea,

    „Da kommt man vom Lesen nicht mehr weg“ Wow! Das freut mich ehrlich gesagt: wahnsinnig! :) Ich hoffe, ich habe Dich von nichts wichtigem abgehalten…

    Ist das Dein Café? Schade, als wir auf Norderney waren, sind wir leider nicht bei Euch eingekehrt… Mal sehen, wann wir wieder auf die Insel kommen. Dann schauen wir bestimmt mal vorbei …

    Liebe Grüße
    Klaus

  3. Peter sagt:

    Einfach nur schön, toll – mehr sage ch nicht!

  4. Andrea sagt:

    Hey Klaus! Ja Café ist auch bald fertig :) Na auf Norderney Urlaub machen lohnt sich ^^ Freue mich auf euren Besuch! Mach weiter so, ich schaue nun öfter rein!

    LG
    Andrea

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