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Wie man seine Frau (zum Segeln) verführt

Endspurt

Mrz• 21•14

In aller Herrgottsfrühe stehe ich auf, ziehe mir die Fleecejacke über, schiebe das Schiebeluk auf und steige an Deck. Grauer Himmel empfängt mich und eine Bö wuschelt mir durch die Haare. Das erwartete Tief ist über Nacht heran gezogen. Ich laufe vor zur Promenade und peile die Verhältnisse. 5 bis 7 Bft sind angesagt. Aber im Moment ist es handiger. Außerdem haben wir Südwestwind. Auf der Elbe segeln wir in Landschutz. Da wird die Windstärke kein Problem sein. Auch nicht für Iman. Als ich vom Steg zurück auf Néfertiti klettere, ist die Entscheidung gefallen: Wir segeln…

Iman segelt uns durch den Regen

Gentlemanlike?

Niedrigwasser ist gegen 5.00 Uhr. Aber der Flutstrom setzt erst anderthalb Stunden später ein. Das muss man wissen, sonst legt man bei Niedrigwasser ab. Wie das Segelboot am äußeren Steg. Langsam strebt es der Hafenausfahrt zu.

Etwa anderthalb Stunden später laufe ich noch einmal vor zur Promenade, während Iman den Toiletten zustrebt. Ein Blick auf das Wasser schafft Gewissheit: Die Tide läuft nur noch ganz schwach. Muss jeden Moment kentern. Wir können segeln.
Iman war schneller als ich. Wir treffen uns an Bord. Ölzeug an und dann geht es auch schon los. Wenig später passiert auch Néfertiti die Hafenausfahrt. Das andere Segelboot ist eineinhalb Meilen weiter flussaufwärts. Aber sie beweisen Sportsgeist: Sie segeln!

Kein großer Pott in Sicht. Wir gehen in den Wind und setzen die Segel. Iman fällt ab, der Wind erfasst die Segel. Néfertiti verneigt sich leicht, nimmt Fahrt auf und schon segeln wir unter Vollzeug elbaufwärts.

Der Wind erweist sich als böig. Er legt immer wieder zu, aber nur um nach einigen Minuten wieder abzuflauen. Eine halbe Stunde später drehen wir bei. Ich binde das erste Reff ins Groß und rolle die Genua etwas ein. Wenn die Böen durch sind, ist Néfertiti untertakelt. Dafür sind wir in den Böen gut gerüstet. Iman schätzt Krängung nicht sonderlich. Ihr fehlt der Vergleich, um zu wissen wie steif unsere Néfertiti segelt. Und was soll hier langsam heißen? Unter 4 Knoten laufen wir trotz der Reffs selten. Meist sind es 5 bis 5,5 Knoten.

Klaus segelt uns durch den Regen, naja. gerade regnet es mal nicht ...

So fühlt sich die Welt wieder normal an …

Hinter uns verdunkelt sich der ohnehin graue Himmel. Iman fragt:
„Haben wir noch Tee?“ Ich greife nach der Thermoskanne, aber es ist nur noch ein letzter Rest darin.
„Ich mache Neuen.“ Steige in die Kajüte hinunter und setze Wasser auf. Während ich auf das Pfeifen des Wasserkessels warte, schiebt sich die dunkle Wand schnell heran. Wenig später steige ich zurück ins Cockpit und reiche Iman einen Becher dampfenden Tees. Da fängt es an zu regnen. Erst nur ein paar Tropfen, aber schnell werden es mehr. Das ist mein Stichwort. Die Pflicht ruft:
„Ich löse dich ab.“
„Nein, geh nach unten ins Trockene. Ich mache das schon.“ Das sind ja ganz neue Töne.
„Sicher?!“
„Absolut.“
Widerstrebend steige ich wieder nach unten und schließe das Schiebeluk. Bislang war es immer mein Part bei unfreundlichem Wetter an der Pinne auszuharren. Ich freue mich über diese neue Kameradschaft, aber irgendwie fühlt es sich auch komisch an, Iman da draußen im Nassen zu wissen, während ich selbst trocken und warm in der Kajüte zu sitze und Tee schlürfe.

Auf See fahren wir bei solchem Wetter ein Steckbrett aus Plexiglas, durch das ich Iman an der Pinne beobachten kann. Konzentriert sitzt sie am Ruder, orientiert sich an den Tonnen und dreht sich gelegentlich um, um zu sehen, was hinter ihr passiert. Eine Bö fällt ein. Néfertiti krängt stärker, aber die Zeiten scheinen vorüber zu sein, in denen das Iman panisch gemacht hat. Irgendwann bemerkt sie, dass ich sie beobachte. Sie wirft mir eine Kusshand zu. Nun gut. Ich vertiefe mich in meinen Roman und überlasse Iman die Heldentaten. Der Regen prasselt auf das Deck und ich strecke mich behaglich auf meiner Koje aus. Ganz neue Schlechtwettererfahrung…

Néfertiti am Strand von Övelgönne

Fast …

Nach einer Weile erhebe ich mich aus meiner gemütlichen Koje, um zu sehen, wie es Iman geht.
„Alles klar?“ Sie nickt nur. Sieht ganz konzentriert auf die nächste Tonne.
„Brauchst Du was? Einen heißen Tee?“
„Nix. Danke.“ Das Segelboot, das hundert Meter hinter uns segelt, verschwindet in einer Regenfahne. Alarmiert schiebe ich das Luk auf, um mich zu orientieren. Aber nach vorne haben wir meilenweite Sicht.
„Welche Nummer hatte die letzte Tonne?“
„42.“ Ich trage unsere Position auf der Seekarte ein. Wir haben Glück. Die Regenfahne, die die Sicht dramatisch verkürzt hätte, zieht hinter uns durch, ohne uns zu treffen. Die Elbe zeigt Schaumkronen.

Nach zweieinhalb Stunden hat Iman Brunsbüttel passiert und eine halbe Stunde später löse ich sie an der Pinne ab. Bin stolz auf Iman. Bei dem Wetter alleine Wache zu gehen …

Néfertiti segelt schnell. Der Ankerplatz an der Stör bleibt links liegen. Und auch der Strom schiebt und schiebt und schiebt. Glückstadt … Pagensand … Wir fliegen nur so an den vertrauten Orten vorbei.

Bei Jühlsand geht die Sicht in einem heftigen Regenschauer zu. Das andere Ufer entzieht sich unserem Blick.
„Iman!“ Durch das Plexiglassteckbrett sehe ich, dass sie auf der Koje sitzend zu mir schaut.
„Schalte doch bitte die Positionslichter an!“

Wir hangeln uns am Nordufer außerhalb des Fahrwassers von Bake zu Bake. Mein Ölzeug hält nicht mehr dicht. Ich bin nass und friere. Iman steht von ihrer Koje auf und fragt durch das Plexiglas hindurch:
„Wollen wir durchfahren?“ Der Strom hat uns jetzt fast 8 Stunden geschoben. Wenn wir Wedel erreichen, wird die Tide kentern. Das ist Einerseits. Andererseits würde ich gerne sehen, ob wir die Strecke bis Hamburg an einem Tag schaffen können.
„Ok. Aber dann brauche ich etwas Warmes zu essen. Wir haben doch noch Suppe.“
Iman wärmt den Eintopf auf und reicht mir eine Schale raus. Mit etwas Warmen im Bauch lässt es sich noch einmal ein Weilchen aushalten.

Eine halbe Stunde später reißt der Himmel auf und die Sonne kommt heraus. Inzwischen ist die Tide gekentert und der Wind hat abgenommen, zumindest im Windschatten des baumbestandenen Ufers. Zwei, drei Knoten gegen den Strom?! Iman braucht garnichts zu sagen. Ich werfe den Motor freiwillig an. Trotzdem brauchen wir vier (!) Stunden bis die Cap San Diego querab peilt. Man sollte einfach nicht gegen den Strom laufen!

Néfertiti am Strand von Övelgönne

… zu Hause

Aber so kann Iman morgen zum Augenarzt und ich kann in aller Ruhe Néfertiti ausräumen und später in den Travehafen verlegen. In Schwell-Lee des Segelschiffs Mare Frisium lacht mich ein geschütztes freies Plätzchen an.
„Iman!“ Sie steht mit der Vorleine am Want und dreht sich zu mir um.
„Wir gehen da vorne längseits.“ Sie nickt nur.
Ein Platz wie geschaffen für uns. Routiniert fahren wir das letzte gemeinsame Anlegemanöver dieser Reise. Ich stoppe auf, Iman steigt über, ich nehme die Achterleine und steige ebenfalls über, da hat Iman die Vorleine schon fest. Noch die Springs legen und dann die Leinen zurück an Bord führen. Schließlich lasse ich mich auf die Cockpitbank sinken. Das war es jetzt? Das war unsere zweite Reise? Es fühlt sich gar nicht so an. Weder spüre ich die Euphorie noch die Wehmut wie bei unserer letzten großen Fahrt. Eigentlich bin ich nur müde. Es ging plötzlich so schnell: Waren wir nicht gestern noch auf Wangerooge? In einer anderen Welt?! Ich höre den Verkehr am Vorsetzen rauschen. Mir wird bewußt, dass wir wochenlang keine Autos mehr gesehen haben…
Da fällt mein Blick auf ein unübersehbares Schild direkt an unserem Liegeplatz:
Nur für Boote von 12 – 18 m“.

Wie konnte ich das übersehen? Bin wohl durch… Etwas weiter vorne ist noch so ein Riesenplatz frei. Wenn noch ein Großer kommt, soll er dahin gehen. Ich beschließe, dass wir zu müde sind, um jetzt noch einmal zu verlegen. Néferiti fühlt sich, glaube ich, auch geschmeichelt. Sind wir doch auf dieser Fahrt alle gewachsen…
Da sagt Iman: „Wir schlafen aber heute noch einmal an Bord, oder?“
Na klar!

♦♦♦

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12 Comments

  1. Klaus sagt:

    Welcome back home, Néfertiti. Schade, dass euer Törn schon vorbei ist. Ich war gerne Gast bei euch an Bord!

    Lieber Gruß
    Klaus

  2. René sagt:

    Ein Törn ist zu Ende. Es werden hoffentlich noch viele folgen. Danke fürs Mitnehmen.

    Liebe Grüsse
    René

  3. Rainer Krummacker sagt:

    Hallo ihr Zwei,

    euch zu begleiten war schön.

    Gruß Rainer

  4. Fredy sagt:

    Danke für die interessanten Momente..seit letzten Donnerstag darf ich auch wieder den Wind in den Haaren geniessen…alles Gute und eine zufriedene Zeit LG

  5. Rob sagt:

    Hallo Klaus,
    mir geht es auch so wie den anderen, dass es mich immer gefreut hat, wie du über eure Reise geschrieben hast. Die Erwähnung von einem heißen Tee war so gut, wie früher Magnum, wenn wir hörten, was er dachte.

    Wie hat Nefretiti überwintert? Den Gedanken mit der Schönheit habe ich wiedergefunden. Thies Matzen spricht auf Youtube über die Wanderer 3, dass sie so perfekt gebaut worden ist, sie segelt mitlerweile, glaube ich, 60 Jahre nonstop in allen Meeren, und fängt von der Konstruktion an in Material überzugehen und kommt dann in den Begriff Schönheit hinein, die aus dem ganzen entsteht…

    Liebe Grüße
    rob

  6. Klaus Klaus sagt:

    Moin, moin Ihr Lieben,

    es ist mir eine Freude Euch mit auf Fahrt zu haben. Und die nächste kommt bestimmt. Hoffen wir auf einen wunderschönen Sommer! ;) Und vielleicht treffen wir uns ja irgendwo …
    Mit soviel Ermutigung im Rücken werde ich ganz bestimmt wieder darüber schreiben!

    Alles Liebe
    Euer
    Klaus

  7. Klaus H. sagt:

    Ihr solltet vielleicht in diesem Jahr erwägen, die Ostsee zu erkunden…
    Geschützte Reviere, Ankerplätze bis zum Abwinken und viele freundliche kleine und große Häfen.

    Eine schöne Segelsaison
    Noch ein Klaus

  8. Klaus Klaus sagt:

    Hi Noch’n Klaus,

    danke für die Anregung. Die Ostsee reizt uns schon lange. Die Schwedischen Schären sind ein Traumziel von mir. So wie andere von der Karibik träumen…

    Ich war vor zwei Wochen auf dem Hamburger Ostseestammtisch und habe auch den einen oder anderen Tipp für Ankerplätze bekommen. Mal sehen wofür Geld und Zeit reichen. Ich liebe halt auch das Watt und das liegt vor der Haustür…

    Liebe Grüße
    Klaus

  9. Axel von der Pirola sagt:

    Kaum sind Klaus uns Iman zurück und zu haus angekommen, denken wir anderen Blogleser schon daran wie es weiter gehen könnte. Ja das Ende einer Reise ist oft der Beginn einer neuen Reise, oder zumindest deren Planung.
    Jetzt ist Frühjahr und die neue Segelsaison 2014 ist gerade am Anfang und hat eigentlich noch gar nicht richtig begonnen. Für Klaus hoffe ich, das es ihm gelingt Iman auch weiterhin fürs segeln zu begeistern.

    Alles Gute in der neuen Segelsaison
    Axel

    • Klaus Klaus sagt:

      Lieber Axel,

      schön Dich getroffen zu haben …
      Ich wünsche Dir … Ach eigentlich wünsche ich allen eine wunderschöne Segelsaison 2014 …

      Liebe Grüße
      Klaus

  10. Karl Dieter Freund sagt:

    Hallo Iman, hallo Klaus, habe endlich mal und das mit großem Vergnügen und Interesse, all Deine Blogs gelesen, da musste ja mal ein Buch draus werden, schade, dass wir uns in Heiligenhafen nicht treffen konnten. Weiterhin gute Fahrt auf Euerm jetzigen Törn, Euer KD von der Kade´.

    • Klaus Klaus sagt:

      Hallo Papi, schön von Dir zu hören… Vielleicht klappt es ja auf dem Rückweg. Wir wünschen Euch auch eine schöne Zeit auf dem Boot…
      Passt gut auf Euch auf! Ima ist gerade nicht greifbar, aber ich bin sicher ich soll Dich grüßen…
      Klaus

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