Fahrtenseglers-Glück.de

Wie man seine Frau (zum Segeln) verführt

Erste Fahrt dieses Jahr

Jun• 02•14

Die letzten Tage waren stressig. Iman hat ein Stipendium für die Fletcher School Boston bekommen und lernt Tag und Nacht. Montag letzter Woche hatte sie ihre erste Online Klausur. (5 Uhr morgens, mit Ehrenkodex). Hinterher stand ihr die Erleichterung ins Gesicht geschrieben:
„Klaus, ich brauche eine Belohnung.“ Einkaufen, Kochen, Abwaschen, sauber machen … Alles blieb in den letzten Tagen an mir hängen, also sage ich:
„Ja. Die brauche ich auch!“
„Wollen wir nicht mit Néfertiti rausfahren? Das Wetter ist so schön.“ …

Segelboot Néfertiti unter Segeln auf der Elbe

Endlich unter Segeln

Eigentlich ist Néfertiti seeklar. Am Wochenende hatte ich die Bordwand vom Beiboot aus gestrichen und in den Tagen davor das Unterwasserschiff geschrubbt, soweit ich vom Beiboot aus herunterreichen konnte. Das einzige, was fehlt, ist eine zweite Batterie. (Eine hat den Winter nicht überlebt. Nach zehn Jahren treuer Dienste sei ihr aber der Ruhestand gegönnt.) Mancher fährt überhaupt nur mit einer Batterie… Ihr wisst wie gerne ich segeln gehe, doch heute habe ich ein unbehagliches Gefühl. Aber die Sonne lacht. NE. Vier Windstärken. Ideal für die erste Fahrt…

„Ich checke mal, wann die Tide läuft.“

Gegen 15.30 Uhr ist Hochwasser. Eigentlich perfekt. Wenn nur nicht dieses leichte Unbehagen wäre. Ich tue es als eine Art Lampenfieber vor der ersten Fahrt ab:
„Ok. Lass uns segeln.“

Wenig später sind unsere Rucksäcke gepackt und wir radeln im Sonnenschein gen Travehafen. Néfertiti blitzt und blankt. „Sieht die neu gestrichene Bordwand nicht toll aus?“ Iman guckt mich an.
„Ehrlich gesagt sehe ich kaum einen Unterschied.“
Was für eine Banausin!

Während Iman unsere Sachen verstaut und darüber stöhnt, dass der Skipper während des langen Winters die strenge Ordnung an Bord aufgeweicht hat, räume ich die letzten Farbtöpfe weg und schlage die Genua an. Noch ein kurzer Plausch mit Jürgen und Boris („Schöne frisch gestrichene Bordwand“), dann ist Hochwasser durch und wir sind bereit abzulegen. Ich will das Seeventil aufdrehen und bemerke mit Schrecken, dass ich es beim letzten Probelauf vergessen habe zuzumachen. Das darf nicht passieren!

Iman fährt das Ablegemanöver. Während ich Néfertiti vom Steg aus absetze und im letzten Moment an Bord klettere, steuert sie Néfertiti rückwärts an Boris Gefion vorbei, bis wir gut frei sind, geht auf Vorwärts und dreht Néfertitis Bug gen Ellerholzschleuse. Ich schieße die Leinen auf und räume die Fender in die Backskiste. Den Kegel hatten wir schon am Steg gesetzt. Nun ziehe ich die Genua auf und wir diesel – segeln Richtung Elbe. (Im Hafen ist das Segeln verboten). Ein kurzer Blick auf Öldruck und Temperatur. Knapp über 40°C. Alles gut. Kühlwasser sprotzt aus dem Auspuff. Wir sind unterwegs. Ende Mai das erste Mal wieder in Fahrt. Unglaublich.

Segelboot Néfertiti unter Segeln auf der Elbe

Drei Königinnen Treffen: Iman, Néfertiti und …

Zügig zieht Néfertiti an den Kränen des Europakais vorbei und bald erreichen wir die Elbe. Iman übergibt das Ruder an mich. Ich stelle den Motor ab. Mein Blick bleibt an den Anzeigen hängen.
„Was ist das?!“
Die Temperaturanzeige des Motors steht tatsächlich bei 75°C (Der Hersteller gibt Werte zwischen 40° und 60° als normal vor, aber selbst bei stundenlangem Betrieb hatten wir nie mehr als 50°C.) „Die Maschine überhitzt!“
„Willst du umkehren?“
Ich denke nur kurz darüber nach. Dann schüttele ich den Kopf. Ersteinmal segeln wir nach Schweinesand. Schließlich ist Néfertiti ein Segelboot. Und zur Not können wir den Motor immerhin 5 Minuten laufen lassen, bis er zu heiß wird.

Bald haben wir unter Segeln Övelgönne erreicht. Der Strom zieht mächtig. Das Gefühl wieder an der Pinne zu sitzen … den Wind zu spüren… Bald sind Néfertiti und ich in stummer Zwiesprache verbunden und jetzt, da ich weiß, wo es herkam, ist auch das Unbehagen gewichen. Wir segeln!

Da dringt Imans Stimme an mein Ohr:
„Bist du glücklich? Du siehst so aus.“
„Ja. Und du?“ Sie nickt.

Wir erreichen Schweinesand. Ich liebe diese Insel. Der Wald, der bis an den Strand reicht. Hinter uns ertönt warnend ein Schiffshorn. Einmal lang.

Ein riesiger Passagierdampfer kommt auf und lässt immer wieder sein Horn ertönen. Wir segeln außerhalb des Fahrwassers. Uns kann er nicht meinen. Außerdem ist er noch weit weg. Als er näher kommt sehe ich: Er scheucht kleine Motorboote aus dem Weg. Schließlich erkenne ich die Queen Mary 2.
„Übernimmst du mal, ich möchte gerne ein Foto von dir und der Queen Mary machen.“
„Hamburger und ihre Schiffe! Jetzt fängst du auch noch an…“
Sie übernimmt schmunzelnd und ich tauche in die Kajüte, um den Fotoapparat zu holen. Wenig spätert erreichen wir Wedel.

Segelboot Néfertiti unter Segeln auf der Elbe

… Queen Mary 2

Wir umfahren die Westspitze Schweinesands sehr dicht. Zu dicht, denn bald liegt Néfertiti bekalmt im Windschatten der Bäume. Wir rollen die Genua ein, werfen den Motor an und tuckern Richtung Ankerplatz. Iman übernimmt das Ruder, während ich auf’s Vordeck gehe und den Anker klar mache. Sie steuert dicht an dem einzigen Segelboot vorbei, das hier ankert. Plötzlich fängt Iman laut an zu lachen und ruft etwas zu dem Skipper hinüber, das ich nicht verstehen kann. Er grinst und winkt.

Ich dirigiere Iman zu unserem Ankerplatz.
„Echolot?“
„4m!“ Noch zwei Stunden ablaufend Wasser. Das passt.
„Aufstoppen.“ Iman reagiert nicht.
„Aufstoppen!“ Sie beugt sich zum Gashebel und stoppt die Maschine. Das meinte ich nicht … Wir müssen uns wohl erst einmal wieder einspielen.
Néfertiti gleitet noch ein Stückchen weiter, dann wird sie vom Strom mitgenommen.
„Tiefe?“
„4,50m.“
Ich lasse den Anker fallen und stecke 25m Kette. Das reicht auch bei Hochwasser. Steige über das Seitendeck zurück ins Cockpit. Die Motortemperatur steht nach den paar Minuten schon wieder über 60°C. Das sieht nicht gut aus.
„Was war denn eben so witzig bei dem Segelboot?“
„Das Boot heisst „Irresistible“, Unwiderstehlich.“
Jaja. Wir Segler sind alle gleich…

Segelboot Néfertiti ankert hinter Schweinesand

Vor Anker hinter Schweinesand

Während ich noch eine Leine als Stoßdämpfer an die Kette stecke und einige Ankerpeilungen vornehme, fängt Iman an zu kochen. Ich bin schneller fertig und setze mich behaglich in die Plicht. Genieße die Natur um uns herum. Iman gesellt sich zu mir ins Cockpit und gibt mir einen Kuss. Wir sitzen eine Weile umarmt, dann ist die Anwesenheit der Köchin in der Pantry gefordert und Iman klettert wieder den Niedergang hinunter. Was für ein schöner Abend!

 

♦♦♦

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

9 Comments

  1. Hammer Tag, super wetter! Und vor allem ein echt schönes Boot! Jeder Bootsbesitzer liebt es, sein frisch gestrichenes Boot anzuschauen und sich selbst auf die Schulter zu klopfen . Nur zu schade, dass Iman deine Künste nicht bewundern kann ! :D Ich hoffe ihr hattet viel Spaß auf eurem Törn :))

  2. I-330 sagt:

    Endlich wieder ein neuer Artikel :) Ihr seid ja spät dran wenn ihr die Saison jetzt erst beginnt, wir sind seit Anfang April im Wasser, mussten dann zwischenzeitlich wieder raus weil morsche Stellen im Holz die wir im Winterlager übersehen hatten… Aber jetzt wird jede freie Minute segelnd verbracht :)

  3. Julian Buss sagt:

    Wieder ein schöner Artikel. Bzgl. der Motortemperatur: kann ja eigentlich nur an ungenügendem Kühlwasserfluss liegen. Also Impeller, Filter etc. prüfen.

    Ich hatte am Anfang des Jahres bei einer Maschine auch eine zu hohe Temperatur, und das lag an einem zugesetzten Sieb vor einem Ölkühler, durch den das See-Kühlwasser läuft.

    Wenn es eine Einkreiskühlung ist, können natürlich auch die Kühlkanäle in der Maschine selbst zugesetzt sein. Das wäre der ungünstigste Fall :)

  4. Klaus Klaus sagt:

    Danke für Eure schönen Kommentare :)

    I-330, dann viel Spaß jetzt in jeder freien Minute…

    Und Julian: Néfertiti hat tatsächlich eine Einkreiskühlung. Will jetzt nichts vorwegnehmen, denn die Tage erzähle ich wie es weiterging, aber Deine Diagnose ist nicht schlecht ;)

    Liebe Grüße
    Klaus

  5. Dirk sagt:

    Ach, mach dir nix draus. Bin auch erst seit zwei Wochen im Wasser und erst einmal gesegelt. Schuld ist die „Neue“, wie wollen uns erstmal gemütlich kennenlernen

  6. Dirk sagt:

    Ach, mach dir nix draus. Bin auch erst seit zwei Wochen im Wasser und erst einmal gesegelt. Schuld ist die „Neue“, wie wollen uns erstmal gemütlich kennenlernen

  7. Klaus Klaus sagt:

    Hi Dirk,
    eine neue Liebe? Eine neue Freundin? Ein neues Boot? :) Klär mich doch mal auf…

    Habe die FengShui diesmal leider nicht gesehen.
    Liebe Grüße
    Klaus

    • Dirk sagt:

      Hi Klaus, die FengShui ist verkauft, liegt aber noch in Wedel. Durfte sie nochmal segeln letzte Woche, war nochmal als Supervisor engagiert, da Carsten, der neue Besitzer, überhaupt keine Ahnung vom Segeln hat. Aber er lernt schnell und es macht ihm Spaß. So muss ich mir keine Sorgen um das schöne Boot machen.
      Ich habe seit diesem Frühjahr eine Sunbeam25. Gefällt mir wirklich gut. Immer noch Topqualität (nach 27Jahren) und segelt richtig gut. Und das mit den lapprigen Segeln. Das Schiff ist gut in Schuss, aber natürlich gibt es immer was dran zu tun. Aber längst nicht so viel, wie an der FengShui. Die „Suria“ liegt am Dekadenzsteg in Wedel, den genauen Platz möchte ich hier nicht nennen ( hab ich vom Hafenmeister zugeteilt bekommen, was anderes war nicht frei). Aber leben und Leben lassen…
      Liegen gerade hinter Lühesand vor Anker…wirklich schön hier. Hanskalbsand, da wo ihr öfter liegt, war heute zu voll. Hier sind wir ganz alleine…und glücklich!
      Liebe Grüße
      Iris und Dirk

  8. Klaus Klaus sagt:

    Hi Dirk,
    dann wünsche ich Euch viel Glück mit dem neuen Boot. Ich werde die Suria schon finden, wenn ich nächstes Mal mehr Zeit in Wedel habe. Weißt Du zufällig, ob der Schmutzwassertank inzwischen wieder an Ort und Stelle ist?

    Alles Liebe
    Klaus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.