Fahrtenseglers-Glück.de

Wie man seine Frau (zum Segeln) verführt

Motorlos

Jun• 06•14

Am nächsten Morgen. Néfertiti liegt ruhig an ihrem Ankerplatz hinter Schweinesand. Ich schiebe das Niedergangsluk auf und stecke den Kopf hinaus. Grauer Himmel. Wir sind immer noch die einzigen Ankerlieger, außer dem Elbfischer der das ganze Jahr etwas weiter stromaufwärts ankert. Die „Iresistable“ ist gestern abend aufgebrochen. Iman schläft noch. Schnell wieder runter und einen heißen Tee aufgesetzt. Ich denke sorgenvoll an unseren Motor. Er überhitzt nach wenigen Minuten Betrieb. Wir können ihn heute nur zum Anlegen verwenden. Glücklicherweise weht es mit 4-5 Windstärken. Leider gegenan. Also werden wir heute alles, was geht, unter Segeln machen. Auch Ankeraufgehen…

Segelboot Néfertiti ankert auf der Elbe hinter Schweinesand

Am Ankerplatz

Inzwischen ist Iman aufgewacht.
„Tee?“
„Auja.“
Noch haben wir Zeit. Die Tide kentert erst kurz nach elf. Iman liest für ihr Studium und ich genieße es einfach auf Néfertiti zu sein.

Schließlich ist es soweit. Wir werden noch kurz nach Wedel rein, um den Schmutzwasserkanister zu entsorgen und Wasser zu bunkern. Und es gibt ja auch noch ein paar Bekannte in Wedel, Dirk von der FengShui, Axel von der Pirola, oder meinen alten Freund Christian von der Pez. Auch wenn ich von keinem erwarte, dass er an einem Dienstag Morgen beim Boot ist.

Ich hole den Anker Hand über Hand kurzstag. Garnicht so einfach bei der starken Strömung. Inzwischen ist Iman auch ins Cockpit gekommen und setzt sich an die Pinne.
„Wenn der Anker frei ist, rollst du die Genua aus und segelst elbabwärts. Halt mehr Abstand als ich gestern, sonst landen wir wieder im Windschatten der Bäume!“
Iman nickt.

Ich zerre wie wild an der Ankerkette. Der Anker hat sich im steten Zug der Tide so tief eingegraben, dass ich es nicht schaffe ihn auszubrechen. Dann eben mit Gewalt:
„Wir müssen den Anker unter Segeln ausbrechen.“
„Wollen wir nicht doch den Motor nehmen?“
„Nein.“

Iman rollt die Genua aus. Da die Tide gekentert ist, kommt der Wind jetzt von achtern. Néfertiti nimmt Fahrt auf, bricht den Anker aus und kurz darauf habe ich ihn an Deck gehievt. Unter Segeln ist das Manöver auch nicht schwieriger als unter Motor. Diesmal halten wir uns gut frei vom Windschatten der Bäume und erreichen bald das Fahrwasser der Elbe. Keine großen Pötte in Sicht. Gut.

Iman im Niedergang des Segelbootes Néfertiti

Gute Stimmung

Wir queren das Fahrwasser und stehen bald vor der Hafeneinfahrt. Der Anlasser orgelt, der Motor springt an, die Genua wird eingerollt. Stromvorhalt nicht vergessen! Da sind wir auch schon durch die Spundwände geschlüpft, die die Hafeneinfahrt bilden. Nicht lange fackeln. Wir legen gleich am ersten freien Kopfschlengel an. Da steht der Zeiger der Motortemperatur schon bei 75°C.

Ich schnappe mir den vollen Schmutzwasserkanister, das Portemonnaie und mache mich auf den langen Marsch.

Der Hafenmeister hat Dienstags frei und die Vertretung finde ich nicht. Aber bestimmt hat niemand etwas dagegegen, wenn wir das Bilgewasser im Schmutzwassertank entsorgen.

Mein Arm ist lang, als ich endlich beim Kran ankomme. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass der Kanister auf dem Weg zurück leichter sein wird. Eine Leiter führt die fünf Meter zum Steg hinunter, aber das Seil fehlt, das hier immer hing. Mit einer Hand da hinunter klettern?! In der anderen den schweren Kannister?! Kurzerhand leihe ich mir ein Seil vom Kran, knüpfe einen Palstek und lasse den Kanister hinunter. Dann klettere ich hinterher. Erst als ich auf dem Steg stehe, fällt mir auf, das hier etwas wesentliches fehlt: Der Schmutzwassertank.

Na toll! Ich klettere wieder hoch und ziehe den Kanister zu mir herauf. Da kommt jemand zum Kran, dessen Motorboot unten am Steg liegt: „Der Tank leckte und sie haben ihn noch nicht wieder neu aufgestellt!“ Er freut sich über das Seil und verspricht es wieder zurück an den Kran zu hängen und ich schleppe den vollen Kanister durch den ganzen Hafen zurück.

Auf Néfertiti angekommen, bunkern wir noch Wasser. Ja. Ohne zu fragen. Ich hoffe mal, man kann uns die nicht mal 90 Liter verzeihen… Kaum ist der Schlauch wieder verstaut, fallen die ersten Regentropfen. Iman fragt:
„Wollen wir nicht hier essen.“ Auf der Kreuz Kochen und auch später Essen ist kein Spaß. Auf dem Fluss muss man ja alle paar Minuten ein Wendemanöver fahren.
„Ok.“ Iman peppt die Reste von gestern auf. Während wir essen, hört es wieder auf zu regnen. Trotzdem ziehen wir Ölzeug an. Als wir endlich loskommen, ist die halbe Tide durch, obwohl ich es mir verkniffen habe noch einmal nach den Booten der Kameraden zu sehen. Werden wir es in den verbleibenden drei Stunden schaffen? Und wenn die Tide auf dem letzten Stück kentern sollte, kommen wir unter Segeln gegen Wind und Strom an?

Segelboot Néfertiti ankert hinter Schweinesand (Elbe)

Ankerplatz Schweinesand

Aber erst einmal legt Iman gekonnt ab. Ich verstaue die Fender und Leinen und Iman fährt durch die Hafenausfahrt, den stark setzenden Strom gut einberechnend. Ein Containerschiff fährt elbaufwärts. Unser erster Kreuzschlag führte genau vor seinen Bug, also laufen wir langsam unter Maschine am luvseitigen Ufer entlang. 60° … 70° … Kann der nicht schneller machen? Gleich 80°C!
„Stell die Maschine aus!“ Ich rolle die Genua aus. Wir wenden und fallen ab, segeln raumschots in Gegenrichtung, bis der Frachter endlich vorbei ist. Iman halst und luvt an, bis wir wieder hoch am Wind laufen. Ich setze das gereffte Groß. Iman möchte kein Ruder gehen. Das trifft sich gut, denn ich möchte heute keine Höhe verschenken…
Iman sieht mich forschend an:
„Bist du genervt?“ Hä?! Ich?
„Nein. Wieso?“
„Du wirkst so.“
Anscheinend bin ich nicht so gelassen, wie ich glaube gelassen zu sein. Tatsächlich mache ich mir Sorgen. Von früheren Fahrten weiß ich, dass die Uferbebauung und vor allem große Schiffe auch bei dem starken und böigen Wind Flautenlöcher erzeugen, die uns manövrierunfähig machen können. Auf der Kreuz müssen wir durch das Fahrwasser und von den großen Pötten kann uns keiner ausweichen.

Aber ernst wird es erst ab Övelgönne. Noch haben wir Platz genug. Eine Bö fällt ein. Néfertiti neigt sich tiefer. Ich luve an und unser Boot sprintet los. Wenn der Wind so bliebe… Néfertiti gibt ihr Bestes, um mich aufzumuntern. Platschplatschplatsch singt die Bugwelle. Wenn der Wind schralt, wende ich, um immer auf dem günstigsten Bug zu segeln. Fast wie auf der Jolle. Und wenn ich ehrlich bin: Es macht Spaß. Auch als es wieder anfängt zu regnen, Iman den Niedergang hinunterklettert und hinter sich das Luk zuzieht. Kaum Verkehr auf der Elbe. Ich segele mitten im Fahrwasser, wo der Schiebestrom am stärksten setzt.

Nach einer Weile taucht Imans Kopf am Niedergang auf:
„Willst du einen Tee?“ Noch jemand, der mich aufmuntern will.
„Nein danke.“ Ich gebe mich ganz dem Segeln hin, spüre Wind und Wellen und nutze jede noch so kleine Windrehung. Ich fühle mich eins mit den Elementen.
„Na gut.. Wenn du doch Tee willst, sag Bescheid.“
„Mache ich, danke.“

Bald haben wir das manövrierbehinderte Baggerschiff passiert. Heute sogar auf der richtigen Seite. Anders als gestern, aber da waren wir auch außerhalb des Fahrwassers und in respektvollem Abstand. Wende folgt auf Wende und langsam arbeiten wir uns an Schweinesand entlang und Néfertiti erreicht das Mühlenberger Loch. Von hinten kommt ein Tanker auf. Doppelt so breit wie die anderen dicken Pötte. Der wird uns genau vor Airbus einholen, wo sich einerseits das Fahrwasser verengt und sich andererseits manchmal Stromschnellen bilden. Und das im Windschatten des Tankers? Das muss nicht sein.

Dicht bei der Tonne 133, drehen wir bei und warten außerhalb des Fahrwassers auf das Ungetüm. Die Strömung zieht uns ins Fahrwasser. Abfallen und gegen den Strom manövriere ich Néfertiti wieder hinter die Tonne. Genua verkleinern, um möglichst auf der Stelle zu treten, bis uns das Ungetüm eingeholt hat, dann halsen, Genua ausreffen und weiter segeln. Um die Stelle mit den Stromschnellen machen wir einen großen Bogen. Auch wenn heute nichts auffälliges zu sehen ist.

Segeln mit Segelboot Néfertiti auf der Elbe

Warten auf den Tanker

Da meldet sich Iman von unten:
„Klaus wollen wir nicht den Motor anmachen? Vielleicht geht er ja wieder. Es ist schon 1600 Uhr und ich muss heute noch Postings für die Schule machen und das dauert!“
„Nein. Wir haben nur fünf Minuten bis der Motor überhitzt. Die halten wir in Reserve für Notfälle.“ Schließlich dauert es gut anderthalb Stunden, bis der Motor sich im Stand wieder abkühlt.
„Nur mal ausprobieren. Vielleicht geht er ja wieder normal.“ Ich begreife, dass Iman noch nicht wirklich begriffen hat, dass wir heute ohne Motor auskommen müssen. Ich glaube es ist Zeit für ein Skippermachtwort, was bei uns eher selten vorkommt.
„Nein! Wir segeln. Punkt!“ Iman fügt sich widerwillig. Derweil donnert eine Fähre auf uns zu und fordert Skippers Aufmerksamkeit. Denn wir sind relativ dicht am Ufer und müssten jetzt über Stag gehen, aber ich will denen nicht direkt vor den Bug wenden. Leider gibt uns die Fähre keinen Raum und ich wende doch, bevor die Fähre noch näher heran ist. Das veranlasst die Fähre endlich zu einer deutlichen Kursänderung.

So tanzt Néfertiti zwischen Fähren, Barkassen, kleinen und großen Frachtern. Wir haben gerade den Köhlbrand erreicht als die kabbeligen Wellen sich plötzlich beruhigen. Im ersten Moment mache ich das Kielwasser des Kümos dafür verantwortlich, das wir gerade kreuzen, aber dann wird klar, das die Tide gekentert ist. Das letzte Stück müssen wir gegen Wind und Strom.
„Achtung Wende!“
„Achtung Wende!“
„Achtung Wende!“
Mühsam erkämpfen wir uns das Cruise Center. Nach drei Wenden haben wir gerade mal 30m Luv gewonnen. Aber immerhin. Eine Bö fällt ein. Anluven. Der Wind raumt sogar und dann haben wir den Europakai zu fassen, wo wir Richtung Liegeplatz abbiegen können. Es ist toll durch die Kranenlandschaft zu segeln. Auch Iman ist wieder in die Plicht gekommen.
„Ich denke, im Hafen darf man nicht segeln.“
„Darf man auch nicht.“
„Und du willst jetzt bis zum Steg segeln?!“
„Ja.“
„An der Wasserschutzpolizei vorbei?“
„Genau. Not kennt kein Gebot!“ Resignierend zuckt Iman mit den Schultern.

Das letzte Stück vor der Wasserschutzpolizei zwingt uns noch einmal ein paar Kreuzschläge auf. Es fängt an zu regnen, aber diesmal sind es nicht nur ein paar Tropfen. Iman ist entsetzt:
„Bei dem Regen mit dem Fahrrad nach Hause?!“
„Vielleicht hört es ja gleich wieder auf.“ Iman guckt mich zweifelnd an und ehrlich gesagt sieht das nicht nach einem kurzen Schauer aus.

Eine Barkasse kommt aus der Ellerholzschleuse. Die Barkassenführerin sieht unser Wendemanöver voraus und wartet bis wir dicht unter das Ufer gelaufen sind und unsere letzte Wende gefahren sind. Als sie auf unserer Höhe ist, winkt sie zum Gruß und die Touristen fotografieren Néfertiti unter Segeln vor Industrielandschaft. Iman schmunzelt:
„Du willst ja nur angeben!“ Ehrlich gesagt fände ich es schon toll, wenn die Seebären vom Steg uns jetzt sehen könnten, aber bei dem Wetter wird keiner da sein.

Vor der Wasserschutzpolizei werfen wir die Maschine an und nehmen schnell die Segel herunter. Iman sagt triumphierend:
„Siehst du: 40°C! Wir hätten den Motor längst anmachen können.“ Ich sage garnichts dazu und bringe die Fender aus.
„Immer noch 40 Graa…ad!“ Frohlockend. Iman steuert am Steg vorbei, denn hinter uns ist ein kleiner Schleppverband um die Ecke geboten und braucht Platz und das Becken weitet sich hinter dem Steg.
Noch schnell die Leinen vorbereiten. Da sagt Iman:
„Oh!“ Kein Frohlocken mehr in ihrer Stimme: „60 Grad!“ Ich übernehme das Ruder und drehe sehr eng über Steuerbord (Néfertitits Schokoladenseite), was den Schlepper zu einem Hornsignal veranlasst, weil er fürchtet, wir würden ihm vor den Bug laufen. Dabei ist genügend Platz. Ich steuere Néfertiti an ihren Liegeplatz, während sich Iman bereit macht zum Übersteigen auf den Steg.

Boris klettert von Bord seiner Gefion und nimmt unsere Leinen an. Motor aus. 80° C.
„So’n Schietwedder!“ sagt Boris, „Ihr könnt gleich mit im Auto in die Stadt fahren. Ich muss zu Olli.“ Olli ist unser Nachbar im 4. Stock. Iman kann ihr Glück kaum fassen. Manche Probleme lösen sich von allein. Ob das auch für den Motor gilt? Während die beiden in die Stadt fahren, bleibe ich noch an Bord, um Klarschiff zu machen und später wenigstens ein Fahrrad mit nach Hause zu nehmen.

Als die beiden weg sind, koche ich mir aber erst einmal einen Tee und zünde ein paar Kerzen an. Der Regen trommelt auf das Kajütdach. Ich habe einen Putzjob angenommen. Eigentlich müsste ich jetzt los, um zu arbeiten, aber ich verschiebe es lieber.  Muss ich halt morgen sehr früh aufstehen, damit die Arbeit vor zehn getan ist… Und danach werde ich mir den Motor vornehmen.

♦♦♦

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

2 Comments

  1. Klaus sagt:

    Hallo ihr beiden!
    Good luck für den Motor, hoffentlich ist es nur eine Kleinigkeit!

    Grüße, Klaus

    • Klaus Klaus sagt:

      Lieber Klaus,

      schön, dass Du immer noch hier vorbeischaust. :) Danke für die guten Wünsche. Der Motor ist wieder heile :) :) Was macht die Kokopelli und wie geht es der besten Ehefrau der Welt?

      Alles Liebe
      Klaus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.