Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Der Anfang des Törns, der fast nicht stattgefunden hätte

Okt• 29•14

Ima und ich sind auf dem Weg zu Néfertiti. Wir radeln nebeneinander. Erreichen die Ellerholzschleuse. Ima fährt auf dem schmalen Fußweg vor. Die Sonne scheint. Kaum Wind. Wir wollen auf Néfertiti übernachten. Ich bin etwas schwermütig. Wir haben kein Geld für einen längeren Törn, zumal Néfertiti ein paar kostspielige Ausrüstungswünsche geäußert hat. Geäußert. Naja. Die alte Dame hat mich eher erpresst und den alten Fluxgate einfach außer Betrieb gesetzt. Und das Klo. Und die Batterien. Dazu kommen Diesel und Hafengelder und mein Ölzeug ist schon lange nicht mehr dicht … Aber das soll uns heute nicht stören.

Blesshühner im Travehafen

Alleinerziehende Blesshuhnmutter nebst Anhang auf Sommer – Törn

Arbeiter haben vor der Polizeistation Kabel verlegt und mit einer gelben Schwelle geschützt. Iman fährt darauf zu, ohne zu bremsen. Die Schwelle katapultiert sie hoch. Wie in Zeitlupe sehe ich, wie sich der Rucksack vom Gepäckträgerkorb löst und Iman gegensteuert. Links, rechts, links. In wild schlingernder Fahrt kämpft Ima darum, das Fahrrad wieder unter Kontrolle zu bekommen. Aber der Rucksack ist mit dem Fahrradschloss am Rad befestigt. Sein Gewicht bringt sie endgültig aus dem Gleichgewicht. Das Fahrad kippt. Iman fliegt über den Lenker und bleibt benommen auf dem Boden liegen. Ich bin in Sekunden bei ihr.
„Bist du ok?“
Sie antwortet nicht. Ein Polizist, der zum Dienstantritt zur Wache unterwegs ist, nähert sich uns.
„Bist du ok?!“
„Nein… ja.. Weiß nicht…“
Langsam richtet sie sich auf. Der Polizist schaut uns fragend an.
„Sie ist über die Schwelle gestürzt.“
„Deshalb sind die auch signalgelb gestrichen.“
Aha. Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Der Mann sagt es und verschwindet Richtung Wache. Inzwischen hat sich Ima aufgesetzt:„Geht schon. Lass uns zum Boot gehen.“

Ich richte Imas Fahrrad auf. Das wenigstens scheint nichts abbekommen zu haben. Sie nimmt den Lenker und steigt nach kurzem Überlegen auf. So radeln wir die letzten hundert Meter zum Steg. An Bord untersuche ich sie noch einmal genauer. Ich kann nichts feststellen, aber sie hat heftige Schmerzen. Jetzt, da der Schock abklingt. Scheinbar sind zwei Rippen geprellt.
„Willst du nach Hause, Iman?“
Sie guckt mich lächelnd an: „Néfertiti ist mein zu Hause!“
Wow! Und das trotz des Eimers, den wir anstelle der nicht funktionierenden Toilette benutzen…

♦♦♦

Einige Tage später ist Ima (unter Schmerzen) auf dem Weg nach Durban, wo sie zu einem Filmmarkt eingeladen wurde, um unser aktuelles Filmprojekt vorzustellen. Und ich bin abermals auf dem Weg zur Néfertiti. Will die Hölzer noch einmal ölen. Da klingelt mein Handy. Ein lieber Blogleser, der nicht im Blog genannt werden möchte, ist dran. Er hatte mich per Mail gefragt, wohin wir dieses Jahr segeln wollten, und ich hatte ihm geantwortet, dass wir aus finanziellen Gründen wahrscheinlich gar nicht fahren würden.

Segelboot Néfertiti liegt am Steg

… ich bleibe noch eine Weile oben stehen.

„Hör mal, Klaus. Ich habe mir was überlegt. Jetzt ist Sommer. Das ist die Zeit für einen Törn. Da darfst Du nicht zu Hause sitzen.  Ich würde Dir das Geld gerne leihen. Wieviel brauchst du? Tausend Euro? Zweitausend?“
Ich bin perplex. Wahrscheinlich wundert er sich, dass ich nicht vor Begeisterung durch den Hörer springe. Bin tief gerührt. Das macht mich immer still. Aber Segeln auf Pump? Er reicht mich an seine Frau weiter. Auch sie redet mir gut zu.
„Ich muss darüber nachdenken. Ist das ok?“
„Natürlich.“

Nachdem wir aufgelegt haben, habe ich Tränen in den Augen. Was für eine menschliche Geste! Danke! Aber ich glaube nicht, dass ich es annehmen werde. Ich bleibe noch eine Weile oben auf dem Steg stehen und schaue auf Néfertiti hinab. Auf der anderen Seite könnten wir segeln …

♦♦♦

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6 Comments

  1. Jörg sagt:

    Na endlich, super, es geht weiter….
    Weißt Du, Du solltest einen Spendenbutton auf Deiner Seite einrichten.
    Du lebst den Traum, den wir alle haben. Aber wir dackeln jeden Tag schön brav ins Büro, weil wir nicht den Mut haben, abzulegen. Wir schieben 1000 Gründe vor, es zu verschieben, irgendwann zu machen. Aber Du machst es, und berichtest so toll darüber. Deshalb kommen wir jeden Tag auf Deine Seite um zu sehen, ob es weitergeht. Wir, die treuen Seelen. Ich denke, der oder die eine oder andere wird bestimmt ein Paar Euros überhaben für dieses tolle Projekt. Wie wär’s?

    • Klaus sagt:

      Lieber Jörg,
      Danke Dir für Deinen tollen Kommentar. Hat mir große Freude gemacht. Ich werde darüber nahdenken. Versprochen. Aber auch wenn ich es nicht machen sollte: Kommentare wie Deiner geben mir den schönsten Grund weiterzuschreiben …

      Vielleicht kommt ja irgendwann auch für Dich der eine Grund, der die tausend anderen überstimmt… Das wünsche ich Dir von Herzen! (Bei mir hat das ja auch verdammt lange gedauert ;) )
      Liebe Grüße
      Klaus

  2. Smutje Rosa sagt:

    Hallo Klaus und Ima,
    ich finde Eure Seite auch wunderbar, und so emotional geschrieben. Und ich muß meinem Vorkommentator recht gebe: Warum nicht eine Spendenmöglichkeit auf der Seite einrichten. Für ein Buch oder ein Magazin geb ich auch Geld aus, warum nicht dafür, daß Deine Segel-Geschichte weitergeht. Solche Blogs, wie Deiner helfen beim träumen …

    Mir hat er geholfen durchzuhalten, bei unserer Schiffsrestauration und bei dem gefühlten Jahrzehnt mit sparen und jeden Pfennig umdrehen, damit der Traum endlich umgesetzt werden kann ….

    … alles Gute bei Deinen Fahrten.

    Herzliche Grüße
    Ulli

    • Klaus sagt:

      Liebe Ulli,

      habe mich noch nicht entschieden, obwohl Jörgs Vorschlag noch ein paar Emails inspiriert hat, die mich erreichten, und das genauso sehen wie Ihr.

      Habe mal auf Eure Seite geguckt. Schönes Schiff, die Safari! Und dass mein kleiner Blog beim Durchhalten geholfen hat … wow :) … freut mich ungemein!

      Liebe Grüße
      Klaus

  3. Martin sagt:

    Lieber Klaus,
    ich kann mich nur den vorherigen Kommentatoren anschließen: Spendenbutton einrichten!
    Wer so spannend, unterhaltsam und regelmäßig einem Blog schreibt der einen stundenlang nachts an den Computer fesselt darf ruhig als Anerkennung auch Geld annehmen.
    Schließlich machen das auch andere Langfahrtsegler wie z.B. M. Wnuk von der Marlin (www.ironlady.de) und die haben inzwischen ein 60″ Schiff!!!
    Ich finde es toll was ihr bisher mit euren Mitteln erreicht habt! Bleibt dran es kann nur besser werden! Die Berichte vom Wattenmeer und der stehenden Mastroute fand ich sehr spannend da wir (meine Freundin u. meine Wenigkeit) selber erst letztes Jahr uns ein Boot an der Nordsee gekauft haben und inzwischen über stehende Mastroute, Englischen Kanal, Biskaya, Atlantikküste bis ins Mittelmeer gesegelt u. motort sind.
    Auf der nächsten Reise werde ich es auch mal mit einem blog versuchen, deine Tipps sind da sehr hilfreich.
    Vielen Dank für Deine Mühen uns an euren Abenteuern teilhaben zu lassen.
    Immer eine handbreit
    Gruß Martin

  4. Klaus sagt:

    Hi Martin,
    sorry dass meine Antwort auf sich warten ließ…
    Ich habe im Moment irre viel um die Ohren. Werde auch heute Abend endlich den nächsten Blog Artikel schreiben…

    Danke für die Ermutigung ;) Auch zu dem Spendenbutton.
    Ich habe versucht auf Deine Seite zu schauen, aber habe sie nicht wirklich gefunden… Oder war sie das? Schien mehr so eine Hausbauseite zu sein. Wenn Du Deinen Blog online stellst, gib mir doch Bescheid. Ich würde gerne mal reinschauen…

    Liebe Grüße
    Klaus

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