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Segeln als Digitale Nomaden

Segeln auf meine Weise

Nov• 18•14

Um 6.20 Uhr herrscht Stillwasser am Ankerplatz. Ich schiebe das Luk zurück und werfe einen Blick in die Runde. Kein Nebel. Immerhin. Aber es ist diesig und die Sicht beträgt nur knapp zwei Seemeilen. Nord 2Bft. Aber nachdem das Barometer gestern tagsüber stetig gefallen ist, steht es seit gestern Abend wie festgenagelt auf 1013hPa. Aufbrechen oder abwarten?

Segelboot Néfertiti segelt in aller Frühe auf der dunstigen Elbe

Früh Morgens

Erst einmal mache ich uns einen heißen Tee. Gegen 7 Uhr gehen wir ankerauf. Das heißt ich gehe ankerauf. Ima fühlt sich krank. Deshalb darf sie in der Koje bleiben…ähm während ich das ganze Vergnügen für mich alleine habe… Ihr zuliebe … ähm… sogar ohne den lauten Diesel zu starten…
Wenn die Sicht schlechter werden sollte, müssen wir halt außerhalb des Fahrwassers ankern. Aber für heute ist sonniges Leichtwindsegeln vorhergesagt. Sollte nur eine Frage der Zeit sein, bis die Sonne durchkommt und die Sicht aufreißt.

Wenig später nimmt der Wind zu. Wir queren hinter einem großen Containerschiff zügig das Fahrwasser der Elbe. Ich koppele  die Selbststeuerung ein und klettere den Niedergang hinunter, um mir einen heißen Tee einzuschenken. Ima döst.
„Willst du auch einen Tee?“
„Nein, danke.“ Während ich die Thermoskanne wieder verschließe sagt sie:
„Klaus.“ Was kommt jetzt?
„Ich habe mir was überlegt: Dieses Jahr segeln wir auf deine Weise.“
„Auf meine Weise?“
„Ja. Ich weiß ja, dass du auf den letzten Törns Rücksicht auf mich genommen hast. Ich brauchte auch immer mal wieder die Häfen als Sicherheit. Das war gut um mich einzugewöhnen. Aber diesmal können wir so segeln wie du es liebst. Mehr segeln, weniger motoren und von einem Ankerplatz zum anderen ziehen.“ Wow!

Begegnung Segelboot und Flugzeug

Wir segeln auf Backbordbug!

„Allerdings möchte ich ein paar Tage hinter Wangerooge ankern… Es soll doch Urlaub sein. Und ich habe mir überlegt: Ich kann ja mit der Fähre zurück fahren, wenn ich nach Talinn muss. Du hast dann noch zwölf Tage, um alleine zurück zu segeln, und ich habe mehr Zeit auf den Inseln.“
Bislang war das ein ungeschriebenes Gesetz: Wir segeln gemeinsam los und kommen auch gemeinsam zurück. Aber jetzt muss ich nicht lange überlegen: Zwölf Tage länger segeln!
„OK. Finde ich super!“ Damit kuschelt sie sich in den Schlafsack und ich steige mit einem Becher dampfenden Tees zurück an Deck. Irgendwie ist die Welt gerade größer geworden. Schöner. Bunter. Und das obwohl sich die Sonne noch nicht durch die graue Masse gekämpft hat.

Das passiert eine Stunde später und gleichzeitig nimmt der Wind ab. Die Sicht reißt auf. Segeln nach meiner Art? Der Wind ist weiter abgeflaut und wir haben so gerade Steuerwirkung. Ima schläft und wir segeln gemächlich an Brunsbüttel vorbei. Gemächlich? Der Strom schiebt mächtig. Bis zur Oste kommen wir alle Male. Nur für die Barre wird es nicht mehr reichen. Segeln nach meiner Art? Das heißt, wir werfen nicht den Motor an, um noch so gerade über die Barre zu rutschen, sondern ankern vor der Barre, bis das Wasser genug aufgelaufen ist. Bei dem leichten Wind kein Problem. Während Ima in ihrer Koje gesundet, segelt Néfertiti mit einem Knoten Fahrt durch das Wasser dicht an den Stacks entlang. Der Strom bildet Wirbel über den überspülten Steinmolen. Was für eine Kraft! Das nördliche Ufer springt zurück und der Blick wird weit. Schneller als erwartet, erreichen wir die Mündung der Oste.

Westlich der Leuchtbake ist genügend Platz, um jenseits des Fahrwassers zu ankern. Ich rolle die Genua weg, werfe das Eisen ins braune Elbwasser und berge das Groß. Die Sonne knallt derweil so heiß vom Himmel, dass ich unser Sonnendach rigge. Dann setze ich mich in den Schatten und mache Notizen für den Blog. Ima schläft tief und fest. Das tut ihr gut. Ab und zu geht mein Blick in die Runde. Weiße Haufenwolken türmen sich hoch. Ganz oben ziehen ein paar Schleierwolken. Der Wind hat auf Ost gedreht. Stärke 1. Ich fühle mich großartig.

Aber das Barometer fällt wieder.

♦♦♦

Dieser Blog – Eintrag erzählt vom 29.7.2014

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2 Comments

  1. Ingo sagt:

    Hallo Klaus,

    ich habe erst einige Seiten gelesen und sie haben mich total eingefangen. Deine Geschichte erinnert mich an ein Buch über Jungendliche die ein Rettungsboot zum Segelboot umbauen und damit das Segeln erleben. Es hat mich damals sehr fasziniert. Deine Geschichte hat mich sehr berührt und lässt mich das Segeln auf eine besondere Weise erleben.

    Gruß Ingo

    • Klaus sagt:

      Hi Ingo,
      Willkommen auf dieser Seite. Dann bist ja einer von den Mutigen, die gleich am Anfang schon einen Kommentar schreiben. :) Finde ich gut. Ich hoffe die älteren Segelgeschichten sind auch nach Deinem Geschmack…

      Das Segelbuch, von dem Du erzählst, kenne ich leider nicht, aber Deine kurze Inhaltsangabe klingt interessant.
      Liebe Grüße
      Klaus

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