Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Ostsee, wir kommen!

Nov• 24•14

Néfertiti ankert eben außerhalb des Fahrwassers in der Elbe. Die Strömung zerrt heftig an der Ankerkette. Die Tide ist vor drei Stunden gekentert und wir sollten jetzt gut über die Barre der Oste kommen. Ich versuche gar nicht erst die Kette alleine mit Muskelkraft kurzstag zu holen. Das schafft vielleicht ein Wolfgang Hauser. Ich brauche das schwache Geschlecht…

Segelboot Néfertiti ankert in der Elbe

Warten


„Ima, hilfst du mal bitte!“
„OK. Ich komme gleich. Ich muss nur noch einmal auf das wunderschöne, tolle, neue Klo.“ :)
„Keine Eile.“ Ich verstaue das Sonnendach und starte den Motor. Ima kommt an Deck und übernimmt die Pinne. Mit Handzeichen dirigiere ich sie so, dass ich nach und nach die Kette einholen kann. Mit vereinten Kräften gelingt es uns schließlich auch den Anker auszubrechen.
„Anker ist frei!“ Während Ima auf die ersten Fahrwassertonnen der Oste zuhält, halte ich was anderes. Nämlich Ausschau. Nach Verkehr. Weit und breit kein Schiff zu sehen! Das ist hier nicht ganz unwichtig:

Vor Jahren bin ich auf der Barre mal mit Matjes, meiner motorlosen Jolle, in arge Probleme gekommen, weil ich nachts nur mit einer Petroliumfunzel auf diesen Ankerplatz wollte. Es muss Mitte Oktober gewesen sein. Die Nächte waren schon kalt. Die Jolle hatte gerade die Barre zu fassen, da packte uns eine unsichtbare Kraft und drückte uns auf die Seite. Matjes krängte um gut 70°. Ich klammerte mich fest, während das Boot aus dem Ruder lief und wild von einer Seite zur anderen rollte. Patenthalse. Das Groß krachte knapp an meinem Kopf vorbei auf die andere Seite. (Nicht wegen des Windes sondern wegen der Schwerkraft)
Uns hatte der (im Stockdusteren unsichtbare) Schwell eines vorbeifahrenden Schiffs erwischt. So schnell wie der Spuk gekommen war, war er auch vorbei. Wären wir gekentert: Ohne Schwimmkörper wäre meine alte Wattenjolle bis zum Deck weggesackt…

Seitdem halte ich hier gut Ausschau nach möglichem Dampferschwell und im Zweifel warte ich lieber. Aber diesmal ist keine Unbill in Sicht. Problemlos gleiten wir über die Barre. Wir ankern hinter der Sandbank gerade außerhalb des Fahrwassers. Während ich den Ankerball wieder setze, fährt mir eine erste Bö durch die Haare. Wenig später heult der Wind im Rigg. Das Wasser steigt und die schützende Sandbank ist längst überspült. Überall sind Schaumköpfe zu sehen.

Als die Tide bei Hochwasser kentert, steht Wind gegen Strom. Néfertiti stampft wild in kurzen, kabbeligen Wellen und der Wind hat noch zugelegt. Die beiden anderen Ankerlieger gehen kurz nacheinander ankerauf.

Auch Néfertiti zerrt an der Kette. Auf und ab. Auf und ab. Ima guckt mich an:
„Es ist schon ganz schön unruhig, oder!?“
„Aber bald wird die Sandbank wieder hervorkommen und dann liegen wir hier gut geschützt.“ Außerdem denke ich: Der Wetterbericht hat nichts dramatisches angekündigt. Tatsächlich werden die Schiffsbewegen bald ruhiger und als der braune Rücken der Sandbank durch das Wasser bricht, liegt Néfertiti wie in einem Ententeich vor Anker.

Segelboot Néfertiti ankert in der Oste Mündung

Als die Sandbank herauskommt …

Um 21.05 Uhr hören wir den neusten Wetterbericht in meinem portablen Weltempfänger. Die Wetterlage hat sich maßgeblich verändert. (Den Weltempfänger hatte ich für zwei Euro im Internet ersteigert. Er hat sich viel besser bewährt als jedes fest eingebaute Radio. Da man das ganze Gerät im Cockpit einfach dreht, bis der Empfang gut ist. Bei Regen kommt er in eine Plastiktüte.) Für zumindest die nächsten drei Tage sind fünf bis sechs Windstärken angesagt. Damit sind die Seegatten unpassierbar. Ima sieht ihre kostbaren Urlaubstage schwinden und ist verzweifelt:
„Drei Tage in Cuxhaven auf besseres Wetter warten?! Ich habe doch nur die paar Tage Urlaub! Ich will zu den Inseln!“ Ich denke laut nach:
„Wir könnten durch den Nord-Ostseekanal in die Ostsee fahren. Weiter z.B. Richtung Rügen. Dann könnten wir auch René und Marlies in der Ostsee treffen!“
Allerdings habe ich seit Tagen keinen Handykontakt mehr zu ihm. Bei unserem letzten Kontakt wollten sie nach Gedser aufbrechen. Wahrscheinlich sind sie noch in Dänemark (und ohne Netz) … Laut sage ich:
„Vermutlich segeln sie jetzt durch die Dänische Südsee.“
Ima guckt mich mit großen Augen an:
„Dänische Südsee?!“ Ihre Augen strahlen plötzlich, „Ist das weit?“ Ich grinse sie an:
„Einen Tag von Kiel aus.“

Sonnenuntergang vor Anker in der Oste

Ostsee, wir kommen!

Minuten später haben wir einen neuen Plan und ein neues Ziel. Morgen früh werden wir mit der Ebbe nach Cuxhaven segeln, um Karten zu besorgen. Mittags segeln wir mit der Flut zurück nach Brunsbüttel und dann mal sehen wie weit wir im Nord-Ostseekanal kommen. Übermorgen Kiel und danach … Ostsee, wir kommen!

In bester Laune legen wir uns in die Kojen.
Glücklicherweise wissen wir noch nicht, was für eine kräftezehrende Nacht uns bevorsteht.

♦♦♦

Dieser Blog – Eintrag erzählt vom 29.7.2014

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

4 Comments

  1. Kerstin sagt:

    Klaus, das entwickelt sich hier ja zum Krimi….schon mal darueber nachgedacht das Genre zu wechseln?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.