Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Seekarten für die Ostsee

Dez• 04•14

Als ich am nächsten Morgen aufwache, liegt Néfertiti unschuldig vor Anker. Als wäre nichts passiert. Der Wind hat etwas abgeflaut. NNW 4-5Bft. Wir gehen ohne Frühstück ankerauf und passieren die Barre ohne Probleme. Setzen Groß und Genua. Laufen hoch am Wind mit gut vier Knoten Fahrt durchs Wasser. Cuxhaven ist nur ein paar Seemeilen von der Oste entfernt.

Segeln auf der Elbe

Nur noch schnell ein paar Seekarten besorgen…

Gegen neun sind wir im Yachthafen von Cuxhaven fest. Marschieren eilig Richtung Zentrum, denn es ist ein recht langer Weg in die Stadt. Ima hat bei einer schnellen Internetrecherche einen Buchladen entdeckt, der Seekarten verkauft. Wir finden ihn auch in der realen Welt ohne Probleme. Natürlich hat er nur die Sportbootkarten eines renommierten Verlagshauses da, die ich unter keinen Umständen kaufen wollte. Der Verkäufer ist sehr sympathisch und lädt uns später sogar auf einen Jazzabend ein, aber er liebt diese Karten (Was mir doch suspekt ist, zumal er sich als ehemaliger Segler outet):
„Alle wollen nur diese Karten… Übersichtlich, schönes Kartenbild…“ Das mit dem ansprechendem Kartenbild stimmt schon, aber ich habe in alten Ausgaben sich kreuzende Tiefenlinien gefunden, was mich an der Sorgfalt der Layouter zweifeln lässt. Also gehen wir ohne Seekarten wieder aus der Buchhandlung. Ima findet das (vorsichtig ausgedrückt) gar nicht witzig.
„Klaus, stell dich doch nicht so an! Karten sind Karten. Und außerdem ist es der letzte Satz dieser Seekarten, den er da hat. Womöglich ist er verkauft, wenn wir zurückkommen.“
„Wenn ich nichts anderes finde, werde ich sie kaufen, aber diese Seekarten sind beschissen, glaub‘ mir.“
„Gib ihnen doch eine Chance!“
Nachdem sich alle anderen möglichen Adressen als Nieten erwiesen haben, spiele ich sogar mit dem Gedanken ohne Seekarten durch den Nord-Ostseekanal zu fahren und die Karten in Kiel zu besorgen. Geht ja immer nur geradeaus. Aber Anrufe bei zwei Ausrüstern in Kiel sind ernüchternd. Die Ostsee – Karten, die ich gerne hätte, sind vergriffen und erst in vier Wochen wieder lieferbar. Wäre ich doch nur in Hamburg noch einmal bei Hanse Nautik vorbeigegangen…

Zwei Stunden später stehen wir wieder in dem Laden. Die Rucksäcke voller Proviant, aber ohne Seekarten. Der Buchladen ist tatsächlich der einzige Laden in ganz Cuxhaven, indem man überhaupt Seekarten bekommt.
„Sind die Karten noch da?“
„Ja.“

(Inzwischen habe ich die Karten gezwungenermaßen noch einmal getestet: Sie werden noch genauso schlampig layoutet wie damals. Je nach Maßstab oder Kartenausschnitt werden unterschiedliche Informationen gegeben. Bei überschneidenden Kartenausschnitten werden manche Informationen in der einen Karte gegeben und manche in der anderen. Z.B. die Lage von Campingplätzen oder Steilküsten. Teilweise werden die Kennungen von Tonnen in den kleineren Maßstäben weggelassen, obwohl die Tonnen selbst eingezeichnet sind. Aber schlimmer noch: Teilweise werden auf unterschiedlichen Karten unterschiedliche Kennungen für identische Tonnen angegeben. Das Papier ist von so schlechter Qualität, dass mir eine Seekarte in der Mitte durchgerissen ist, als ich sie anheben wollte, nachdem ich sie versehentlich auf einen nassen Fleck auf dem Kartentisch gelegt hatte…  Aber zu dem Zeitpunkt wusste ich das noch nicht und so wiegte ich mich noch in der Hoffnung, die Karten könnten besser sein, als in meiner Erinnerung. Und tatsächlich sehen sie ja ganz hübsch aus…)

Zurück im Hafen: Wasser können wir nur mit der hafeninternen Plastikkarte bunkern und der Hafenmeister ist nicht da. Wir haben eh nicht viel verbraucht. Ima möchte sofort los, aber für den Nord – Ostsee Kanal brauchen wir eines: Diesel.

Während Ima unsere Einkäufe verstaut, laufe ich schnell hinüber zur Tankstelle, um die Öffnungszeiten in Erfahrung zu bringen. Denn heute morgen war weit und breit kein Tankwart zu sehen. Sonst hätten wir sofort Diesel gebunkert. Die Tankstelle entpuppt sich als vollautomatisch. Man steckt seine Kreditkarte hinein, und los geht es. (Wieder ein Arbeitsplatz weniger.)

Plicht Néfertitis mit Bloggers Handwerkzeug

Bloggers Stilleben – Komisch, aus irgendeinem Grund habe ich heute kaum Fotos gemacht …

Als Néfertiti endlich der Hafenausfahrt zustrebt, ist es nicht 12.00 Uhr, wie geplant, sondern schon 14.00 Uhr. Und unsere Stegnachbarn haben uns gewarnt: Die Schleusen seien defekt und Sportboote würden 2-3 Stunden warten. Im schlimmsten Fall übernachten wir in Brunsbüttel, innen. Jedenfalls ist das meine Lesart.

Der Strom setzt wieder gewaltig und ich hisse die Segel. Ich freue mich. Mit dem Wind wird das eine schnelle Fahrt nach Brunsbüttel werden.
„Übernimmst du wieder?“ Ima übergibt mir die Pinne. Klar. Gerne.  Ich übernehme und lächele Ima dabei an. Sie lächelt nicht zurück. Eher guckt sie ziemlich grimmig. Habe ich da irgendetwas verpasst? Die Sonne lacht und Ima sagt:
„Du trödelst!“
„Was?!“
„Du bist 2 Stunden zur Tankstelle gelaufen!“
„Quatsch.“ Ich musste einmal um das Hafenbecken herum, aber das braucht keine zwei Stunden.
„Wir waren um 12 Uhr vom Einkaufen zurück und jetzt ist 14 Uhr durch! Zwei Stunden später! Bloß wegen deiner Trödelei!“
Ich fühle mich ungerecht angegriffen und merke, wie Ärger in mir hochsteigt. Schönster Segelwind und jetzt dieses ägyptische Klageweib. Aber einmal in Fahrt lässt Ima sich nicht so schnell wieder stoppen:
„Diese ewige Geeeeemüüüüütliiiiiiichkeit!“ In mir steigt ein beißendes Gefühl auf.
„Deine Ungeduld kann einen auch nerven.“

„Wenigstens bewege ich mich nicht wie eine Schnecke durch das Leben!“ Ein Wort gibt das andere. Wir schaukeln uns hoch. Mein Ärger heizt sich auf zu Wut, die nach einem Ventil sucht. Ich  muss Ima bremsen, sonst raste ich aus und mache irgendetwas ganz ganz Dummes. Wütend beiße ich mir auf die Lippen, stelle den Gashebel auf Vollgas und drücke den Knopf zum Vorglühen. Der Lärm des Diesels wird weiteres Gezanke unmöglich machen.
„Stunden brauchst du, um ein paar läppische Seekarten zu kaufen!“
Da platzt mir die Hutschnur und schon höre ich mich sagen:
„Kannst Dir dir ja einen Hafen aussuchen, wo ich dich ganz schnell an Land setze! Wie wäre es mit Brunsbüttel?“
„Gerne!“ Haben wir das gerade gesagt? Ich starte den Diesel. Zu spät.

So donnern wir schweigend aber lautstark über die Elbe. Nach nur anderthalb Stunden (!) Fahrt erreicht Néfertiti den Wartebereich der Brunsbütteler Schleuse.

Mechanisch berge ich die Segel und bereite Fender und Leinen vor. Ima wirkt ganz zerknirscht und sagt:
„Entschuldige, dass ich vorhin so doof war.“ Mein Zorn ist mittlerweile auch verraucht und wir nehmen uns versöhnlich in die Arme, bevor mir Ima die Pinne übergibt. Sie setzt sich auf das Brückendeck und sagt:
„Weißt du: Ich habe doch nur die paar Urlaubstage und ich habe das Gefühl sie zerrinnen mir zwischen den Fingern. Heute ist der fünfte Tag und wir sind immer noch in der Elbe.“ Wenn sie das so ausdrückt,  kann ich es auch verstehen (Sprich: Von sich selbst redet und ihren Gefühlen, anstatt von mir und meinen vermeintlichen Charakterschwächen.) Ich sage:
„Tut mir Leid. Ich hätte die Seekarten sofort kaufen sollen. Stell dir mal vor sie wären verkauft gewesen…“ Ima lacht auf:
„Bloß nicht.“ Das bringt uns beide zum Schmunzeln. Wir gucken uns an. Plötzlich bricht ein Gelächter aus. Wir haben uns heute beide nicht mit Ruhm bekleckert, aber wenigstens können wir noch über uns lachen …

Plötzlich donnert die erste Yacht los, die zweite folgt ihr dichtauf. Ich habe das weiße Licht noch nicht ausgemacht, aber gebe doch Gas, um hinter den anderen zum Schleusenbecken zu fahren. Aber Ima hat noch etwas auf dem Herzen:
„War das dein Ernst? Wolltest du mich wirklich von Bord schicken?“ Was soll ich darauf antworten?
„Ja.“ Sie schweigt einen Weile. Dann sagt sie:
„Das war aber echte Größe, dass du vorhin extra wegen mir den Motor gestartet hast. Damit wir schnell nach Brunsbüttel kommen. Ich weiß, wie schwer dir das fällt.“ Ich enthalte mich jeden Kommentars und lächele nur vielsagend… Dann biegen wir um die Ecke und das Schleusentor kommt in Sicht.
„Hängst du bitte die Fender außenbords.“
„Ey, Ey, Skipper!“

War das jetzt unser Anfang-der-Fahrt-Streit?  So hässlich die anderthalb Stunden auch waren, sie entpuppen sich als reinster Glücksfall, als hätten wohlmeinende Götter ihre Finger im Spiel gehabt, aber mehr davon im nächsten Blog – Artikel.

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Dieser Blog – Eintrag erzählt vom  30.7.2014

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4 Comments

  1. rob sagt:

    Hallo Klaus,
    nach deiner Schreibpause sehe ich erstmals wieder neue Geschichten von dir. Freue mich darauf. Habe den ganzen Sommer über an meinem Boot gewerkelt. Nächstes Jahr ist es dann hoffentlich soweit. Mann weiss ja nie, musste diesmal auch früher abbrechen, als vorgesehen. Aber es juckt, das Endlich! Wobei ich auch die Arbeit am Boot eine schöne Zeit fand, dem Wasser so nah und es blieb die ganze Zeit eine wahnsinnige Freude: jetzt wirklich ein Boot zu haben, mit dem man tatsächlich irgendwann dann lossegeln kann. Liebe Grüsse

    • Klaus sagt:

      Lieber Rob,
      schön, dass Du wieder mitliest… :)

      Das mit den Arbeiten am Boot kann ich Dir so gut nachfühlen. Ich drücke Dir die Daumen, dass Du bis zum Frühjahr fertig wirst.

      Liebe Grüße
      Klaus

  2. Jens sagt:

    Hallo Klaus,
    es ist schön, dass du offen über euere Gefühle schreibst. es wird viele hier geben, die sich darin wiederfnden, ich auch. Es gibt ihn, den Törnanfangsstreit. Manchmal auch noch den mittendrin. Ich bin froh, dass es mir nicht alleine so geht. Bin gespannt auf den nächsten Teil des Berichtes
    Jens
    SY Snugata

    • Klaus sagt:

      Hi Jens,

      Danke, das beruhigt mich! Irgendwie hält man sich ja immer für den einzigen Betroffenen. Das geht mir nicht anders. Und wenn man sich im Nachhinein den Anlass anschaut, wird es noch peinlicher…

      Und ja. Ich erinnere mich. In der Mitte des Törns gab es da auch noch mal ein Feuerwerk. Dabei denkt man, es wäre so leicht diese unnützen Streits zu vermeiden. Wenn Ima gleich von sich und ihren Gefühlen gesprochen hätte. Die kann doch jeder nachvollziehen! Wir Menschen sind schon eine seltsame Spezies…

      Liebe Grüße :)
      Klaus

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