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Segeln als Digitale Nomaden

Seebrise

Dez• 16•14

Um 8.10 Uhr gehen wir ankerauf. Die Sonne lacht. Ein leichter Südwest weht mit 3 Windstärken. Der Wetterbericht hat nicht zu viel versprochen. Ich bin voller Vorfreude. Nach der langen Motorfahrt endlich wieder Segeln.
„Glaubst du wir werden Delphine sehen?“ …

Segelboot Néfertiti: fahrtensegeln in der Ostsee

Gute Landmarke in der Kieler Förde


Da ist er,  Imas größter Wunsch.
„Vielleicht.“ Aber vor dem Preis steht noch etwas Fleiß. Ich hatte einen neuen Fluxgatekompass gekauft und nach einem kurzen Displaytest eingebaut. Unterwegs hatte ich das Gefühl, er zeige nicht akkurat an, deshalb wollen wir ihn hier im sanften Wasser der Förde kompensieren. Dazu fährt man auf einer Nordsüdpeilung, dann 45°, dann 90° … und drückt jeweils einen Knopf. Es dauert länger als geplant und erst nach etwa einer Stunde und vielen Kreisen, scheint der Kompass das zu tun, was ein Kompass tun soll, nämlich Nord anzeigen.

Wir setzen Segel und stellen die Maschine aus. Néfertiti gleitet sanft über die glatten Wasser der Förde. Leichtwind Segeln vom Feinsten. Bis zum nächsten Ankerplatz sind es 34 Seemeilen. Néfertiti ist nicht das einzige Segelboot, das aus der Förde strebt. Die anderen biegen allerdings alle nach links oder rechts ab. Der Leuchturm Kiel ist weithin sichtbar und ich habe den Kurs auf ihn abgesetzt. Eigentlich segele ich nach Sicht, aber mein Blick geht zur Kontrolle immer wieder zum neuen Kompass: Alles gut.

Segelboot Néfertiti: fahrtensegeln in der Ostsee

Schmetterling segeln vor leichter Brise

Plötzlich springt die Anzeige um 50°. Dabei liegt der Leuchtturm immer noch vor unserem Bug. Das ist nicht gut. Vorsichtig ausgedrückt. Nach zwei Minuten zeigt das Display wieder den richtigen Kurs, um dann sogar um 80° zu springen. Dabei habe ich den Kurs nicht geändert. Und es gibt auch keine Ablenkung beim Geber im Mast…

Ima hat schon gemerkt, dass etwas nicht stimmt:
„Was ist, Klaus?“ Ich halte stur auf den Kieler Leuchtturm zu:
„Der teure, neue Kompass funktioniert nicht. Guck! Jetzt ist er wieder zurück gesprungen.“ Wenn er nur eine Abweichung hätte, könnte man die berechnen, aber dieses Springen ohne dass sich der Kurs geändert hätte… Ich überdenke unsere Situation: Wir haben noch einen Wanderkompass, einen Peilkompass und einen magnetischen Steuerkompass, der allerdings selbst große Abweichungen hat. Last not Least haben wir klare Sicht und es ist auch nichts widersprüchliches angesagt. Sprich: Wir werden die meiste Zeit den Kieler Leuchtturm in Sicht haben.
„Ich bin trotzdem dafür weiter zu segeln.“
„OK. Du bist der Kapitän.“ Ich starre sowieso nicht permanent auf den Kompass, sondern peile irgendetwas (am besten Feststehendes) am Horizont an. Wenn es nichts anderes geben sollte, tut es auch eine Wolke. Wenn sie zieht, suche ich mir nach ein paar Minuten halt eine neue. Das kriege ich auch mit dem Peilkompass hin…

Leider nimmt der Wind ab und schralt. Gegen 12 Uhr dümpelt Néfertiti mit einem halben Knoten Fahrt in der Nähe des Kieler Leuchtturms. Die hier stationierten Lotsenversetzboote kennen (wie wahrscheinlich alle Lotsenversetzboote auf der Welt) nur eine Fahrtstufe: Vollgas! Unsere Segel schlagen heftig, während Néfertiti wild durch den  Schwell des kleinen Bootes torkelt.

3 Windstärken?! Ich bedenke die Wetterfrösche mit ein paar respektlosen Scherzen. Erst eine halbe Stunde später, wir haben den Leuchtturm gerade dicht bei passiert, begreife ich, dass ich der einzige Depp hier bin, begreife ich, was hier gerade passiert! Ich fasse mich an den Kopf und bedaure meine abschätzigen Bemerkungen. Eine Seebrise bildet sich aus. Das ist die typische roundabout 11.00 Uhr Flaute, wenn Seebrise gegen Gradientenwind kämpft. Weiter draußen wird schönster Segelwind sein. Meteorologen beschäftigen sich nicht mit solchen lokalen Ereignissen.

Segelboot Néfertiti: fahrtensegeln in der Ostsee

Im Reich der Klobürsten …

Also starte ich die Maschine und eine halbe Stunde später haben wir die Flautenzone durchquert. Bei drei bis vier Windstärken läuft Néfertiti nordwärts. Wusch. Der Bug senkt sich in eine Welle, Wuuusch …

Der Wind nimmt zu und dreht allmählich auf Ost. Wir segeln unter Vollzeug. Néfertiti spielt mit der See wie ein junges Fohlen. Fünf bis sechs Knoten. Im Dunst kann ich Aerø ausmachen. Nehme noch einmal eine Peilung (mit dem Peilkompass) vom Kieler Leuchtturm und zeichne sie in die Seekarte.Wir sind auf Kurs. Noch ein Blick auf die Logge. Ich hatte den Kurs auf eine Tonne abgesetzt. Eigentlich sollten wir sie längst gesichtet haben. Klettere wieder an Deck. Kann die Tonne aber nirgends ausmachen. Néfertiti gleitet durch die Wellen, die immer höher werden. Wuuuusch. Schaum bleibt in unserem Kielwasser zurück.
„Das sind aber keine 3 Windstärken mehr, Klaus!“ Ima geht es nicht wirklich gut. Am Anfang einer jeden unserer Fahrten haben ihr die Wellen Angst gemacht. Néfertiti tut ihr Bestes, um uns schnell in ruhigere Gewässer zu bringen. Gischt spritzt in Lee des Bootes. Majestätisch taucht Néfertiti ihren Bug in eine Welle und hinterlässt einen weißen Schaumteppich.
„Nee, das sind gut fünf. Aber bald wird es ruhiger.“
„Bald?!“ Vermutlich haben wir die Tonne längst passiert, ohne sie zu sichten. Ich blicke zur Küste von Langeland hinüber, rufe mir die Karte in Erinnerung, schätze eine halbe Stunde. Gerade rechtzeitig erinnere ich mich an meine Vorhersagen vor Borkum. Zur Sicherheit sage ich:
„Eine Stunde ungefähr.“

Diese Vorhersage halten wir ein und Ima freut sich, dass der Seegang sogar schon früher nachlässt.

Néfertiti steht südlich des schmalen Fahrwassers nach Marstal. Ima ist wieder bester Dinge. Lange halte ich Ausschau nach der rot-weißen Ansteuerungstonne, ohne sie auszumachen. Aber ich weiß, dass es dicht bei der Landzunge in das schmale Fahrwasser geht. Und die Landzunge kann ich gut im Fernglas ausmachen. Derweil kommen von hinten andere Boote auf. Wir drehen in den Wind, um das Groß zu bergen, fallen wieder ab und segeln nur unter Genua auf das Nadelöhr zu. Da ist auch die Ansteuerungstonne. Etwas kleiner als erwartet…

Segelboot Néfertiti: fahrtensegeln in der Ostsee

… und Tannenbäumchen

Ima segelt Néfertiti durch das enge Fahrwasser. Es macht ihr Spaß. Inzwischen weht es mit gut sechs Windstärken.
„Guck mal: Wie Klobürsten.“ Damit sind die Topzeichen der roten Tonnen gemeint.
„Lass uns mal die Maschine anwerfen.“ Wir werden gleich das Fahrwasser verlassen und es ist hier nicht sonderlich tief.
„Schade. Ich wäre jetzt gerne noch weiter gesegelt.“ Ima liebt es, wenn wir nur mit einem Segel segeln… Trotzdem startet sie die Maschine und ich rolle die Genua weg. Wir tasten uns vorsichtig auf‘ s Flache (Ima tastet), weg vom Tonnenstrich, und ankern dicht unter Land auf 2,60m. Die ersten Anker-Markierungen auf der Kette (Kabelbinder) sind gebrochen. Deshalb stecke ich sehr viel Kette, bis ich plötzlich die 15m Markierung in den Händen halte. Lieber zu viel als zu wenig, denke ich mir und lasse es dabei bewenden. Zumal wir hier als einziger Ankerlieger genügend Platz zum Schwoijen haben. Der Wind pfeift im Rigg, als ich den Niedergang hinunter steige und Ima sagt:
„Erstaunlich, wie ruhig wir hier liegen.“ Dem kann ich nur beipflichten. Nach bester Wattenmanier werden wir zwar durch die Untiefe geschützt. Trotzdem steht eine kabbelige Windsee. Meiner Erfahrung nach müsste Néfertiti unruhiger liegen. Später frage ich mich, ob die lange Kette in Verbindung mit dem starken Winddruck Néfertiti stabilisiert? Aber jetzt schaue ich erst einmal meinem ägyptischen Wildfang tief in die Augen. Sie erwidert meinen Blick mit einem Lächeln:
„Lass uns feiern! Mit einem Festmahl.“
„Was feiern wir denn?!“
„Die gute Überfahrt? Unsere erste Nacht in der Dänischen Südsee? Das Leben?“
„OK. Klingt alles gut.“

Nur die Sichtung von Delphinen können wir leider nicht feiern…

♦♦♦

Segelboot Néfertiti: fahrtensegeln in der Ostsee. Ankern vor Marstal

Kabbelig

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6 Comments

  1. Klaus sagt:

    Willkommen in der dänischen Südsee, unserem Hausrevier! Ich wünsche euch wunderschöne Tage und ruhige Stunden im hyggeligen Dänemark!

    • Klaus sagt:

      Hi Klaus
      Danke Dir für das herzliche Willkommen und auch die schönen Kommentare im Segeln-Forum.:) Euer Hausrevier? Wo habt Ihr die Kokopelli denn liegen?

      Liebe Grüße
      Klaus

      • Klaus sagt:

        Wir liegen in Arnis (Schlei). Von dort sind es nur drei bis vier Stunden und wir sind in DK, egal ob Marstal, Lyø, Mommark oder Høruphav. Der Wind bestimmt halt das Ziel.
        Im übrigen ist die Schlei auch ganz wunderschön und würde euch auch sehr gefallen.
        Schöne, ruhige Weihnachtstage wünsche ich Ima und dir.

        • Klaus sagt:

          Klingt wirklich schön. Auf Facebook gab es eine kleine nicht repräsentative Umfrage, wo wer sein Boot liegen hat.
          Die Schlei führt souverän! :)

          Ein Frohes Weihnachten wünsche ich auch Dir und der besten Ehefrau
          Alles Liebe
          Klaus

  2. Axel von der Pirola sagt:

    Hallo Klaus & Klaus
    schön das es hier weitergeht, so in der Weihnachtszeit ist es doch schön via blog in der dänischen Südsee zu segeln. Draußen ist es feucht-kalt, Nieselregen und ich sitze hier im Warmen und lese über eine schöne Segelreise. Ich denke so kann man die Wintersaison auch überstehen.

    Grüsse aus dem Winterlager
    Axel

    • Klaus sagt:

      Moin Axel,

      schön, dass Du auch wieder mitliest. Ich hoffe das Feucht-Kalte hört auch mal wieder auf…

      Vielen Dank noch einmal für die alten Handbücher, die mir auf dem Törn trotz ihres Alters durchaus von Nutzen waren…
      Liebe Grüße :)
      Klaus

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