Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Aufgelaufen im Lindelse Nor

Dez• 20•14

Am nächsten Morgen herrscht bleierne Gräue um uns herum. Die See verschmilzt mit dem Himmel. Eine leichte Brise umschmeichelt Néfertiti.
„Hast Du Lust auf Stadt?“

Frauenpower am Ruder

Ima geht Ruder

„Nicht wirklich.“
„Mir ist auch mehr nach Natur. Lass uns segeln. Wohin könnten wir?“ Ich habe mir gestern Abend noch die Seekarten zu Gemüte geführt. Das Lindelse Nor verspricht einen geschützten Ankerplatz und ein paar unbewohnte kleine Inseln. Da könnten wir ein paar Tage ausspannen und Robinson spielen. Allerdings ist es flach und unbetonnt …

Das Ankerauf Manöver ist Routine. Wir motoren zurück ins Fahrwasser und setzen die Segel. Hoch am Wind können wir den anfangs schmalen Tonnenstrich gerade anliegen. Es ist nicht weit zum Lindelse Nor und wir sind früh unterwegs. Die Sonne lugt durch die graue Watte und färbt die See bernsteinfarben. Eine ganz eigene atemberaubende Stimmung.

„Klaus, wenn Du eine Frau zum Segeln verführen willst, hast du alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.“ Ja, das Gefühl hatte ich auch schon mal.
„Du musst in der Ostsee mit ihr segeln!“ Ich grinse.
„Gefällt es dir?“ Großes Nicken. Aber dann wird ihr Blick nachdenklich.
„Aber so schön wie Wangerooge ist es nicht.“ Kann ja noch werden.

Das Riff vor Strynø umsegeln wir mit respektvollem Abstand. Inzwischen sind auch die ersten anderen Segel zu sehen. Genau gesagt: Drei leere Masten ohne Segel, aber einer mit vollen Segeln.

Morgenstimmung in der Dänischen Südsee, Ostsee

Morgenstimmung

Bald steht Néfertiti vor der unbetonnten Einfahrt. Beidrehen, Groß bergen. Die Einfahrt ins Lindelse Nor ist kitzlig ohne GPS. Ich habe mir verschiedene Peilungen und Deckpeilungen ausgearbeitet, denn die unbetonnte Rinne macht einen Knick. Ich vermisse schmerzlich meinen alten (funktionierenden) Fluxgatekompass. Und das Buch der Claußens (Ankerplätze in Dänemark). Das liegt schön zu Hause mit einem genauen Plan des Nors. Auf unserer Sportbootkarte ist die Steilküste nicht eingezeichnet, die eine perfekte Landmarke abgäbe. Stattdessen ein einzelnes Windrad, wo im wahren Leben mehrere stehen. Ich beschließe das mittlere zu peilen. Da sind die Abweichungen am kleinsten, wenn eines der anderen das eingezeichnete sein sollte.

Der erste Anlauf führt uns genau auf die Untiefe. Es wird flacher und flacher. Wir fallen ab und segeln zurück, bis wir wieder im Tiefen stehen. Ein Blick zu den Landzungen. Ungefähr in der Mitte muss die Einfahrt liegen. Checke noch mal meine Peilung, die stimmt aber ungefähr. Für mein Gefühl stehen wir zu weit nördlich. Wir rollen die Genua ein, um unter Motor einzulaufen. Aber auch der zweite Anlauf führt uns in auf flaches Wasser. Beim dritten Versuch – jetzt deutlich südlicher – treffen wir die Einfahrt. Was auf der Karte eine deutlich sichtbare Halbinsel ist, verschwimmt aus unserer Perspektive zu einer einheitlichen Landmasse. Schließlich entdecke ich das eingezeichnete Windrad weitab von den anderen. Es ist viel kleiner. Kein Wunder, dass die Peilung des mittleren großen Windrades uns auf die Untiefe geführt hat.

Segeln in der Dänischen Südsee (Ostsee)

Unter Segeln

Derweil haben wir uns aber schon anderweitig beholfen: Ima steuert Néfertiti auf der vier Meter Linie, dem Knick folgend, bis zur Steilküste, um dort südlich zu drehen. Leider drehen wir etwas zu früh ein. Es wird flacher. Das war nach der Karte zu erwarten, aber plötzlich springt das Echolot auf 1,60m! Ich greife Ima ungentlemanlike in die Pinne und reiße das Ruder herum, um wieder ins Tiefe zurück zu kommen. Da spüre ich den altbekannten sanften Ruck, aber wir bleiben nicht stehen und haben den Bug schon Richtung Rinne gerichtet. Mit Motorkraft rutschen wir zurück ins Tiefe. Glück gehabt.
„Steuer du lieber.“
Ima drückt mir die Pinne in die Hand.
„OK.“

Ganz langsam tasten wir uns weiter ins Nor hinein. Diesmal laufen wir ganz dicht an die Steilküste heran.
„Wirklich so nah?!“ Mir ist es auch unheimlich, aber wenn es wieder so flach werden sollte, wie eben, weiß ich jetzt wenigstens genau in welcher Richtung die Rinne liegen muss. Der Kurs führt uns dicht vorbei an einigen Fischerbojen. Oder hat da jemand privat ein Fahrwasser markiert? Bin ganz froh über den Langkiel. Falls wir uns hier ein Netz einfangen sollten, haben wir gute Chancen, dass es am Kiel entlang rutscht ohne sich in der Schraube oder dem Ruder zu verhaken. Im seichten Wasser sehe ich den Grund. Dieses klare Wasser liebe ich an der Ostsee! Und ein Netz ist nicht zu sehen. Jedenfalls nicht in unserer unmittelbaren Nähe.

Segelboot Néfertiti ankert im Lindelse Nor

Néfertiti vor Anker …

Dann haben wir die flache nur mit Gras bewachsene Insel passiert und die eigentliche Ankerbucht mit Tiefen von 2-3m eröffnet sich uns. Dicht unter Land liegen drei Segelboote vor Anker. Dahin wollte ich ursprünglich auch. Aber ich will nicht so nah liegen… In dem Moment gehen sie alle gleichzeitig ankerauf. Wir haben noch zwei Meter Wassertiefe. Die drei sind Holländer, wattengängige Boote. Sie fahren uns entgegen. Als sie uns dicht bei passieren, preie ich das erste Boot an:
„Wie tief war euer Ankerplatz?“ Anstelle einer Antwort ruft er zurück:
„Ankert lieber hier!“
Eben hatten wir Glück. In tidenfreiem Revier aufzulaufen … Ich will unser Glück nicht weiter herausfordern. Also beherzigen wir den Rat. Da ich den Grund sehen kann, werfe ich den Anker auf einen Sandflecken, an dem kein Seegras wächst. Kurz darauf liegt Néfertiti sicher vor Anker. War ein kurzer aber spannender Törn heute.

Die schönste Robinson Insel ist allerdings besetzt. Mehrere Zelte deuten an, dass sich da schon jemand anderes zum Inselkönig ernannt hat. Sieht auch nicht so aus, als plane man in näherer Zukunft die Regentschaft abzugeben…
„Vielleicht können wir die Eingeborenen mit Schokolade gnädig stimmen?“ Aber Ima möchte gerne zu der anderen unbewohnten Insel, die auch romantisch aussieht, aber viel weiter entfernt ist.

Segelboot Néfertiti ankert im Lindelse Nor

… im Lindelse Nor

Wir machen Echna klar und rudern zur zweiten Insel. (Ratet mal wer rudert.)Vorbei an einem Felsen dicht unter der Wasseroberfläche, der mit einer kleinen runden Boje markiert ist. So eine Boje habe ich auch dicht bei der Steilküste gesehen … Wir landen an der Insel an. Auf der luvseitigen Seite liegt ein hübscher Strand. Leider ist der ganze Flutsaum mit Schaum bedeckt. Anscheinend hat man den schönsten Blick von Néfertitis Ankerplatz aus, denn von dort aus sieht man den Schaum nicht… Nach einer gemütlichen Inselumrundung rudern wir zurück. Inzwischen hat der Wind zugenommen und eine kurze Windsee ausgebildet.
„Ey! Du spritzt mich nass.“
„Sorry, keine Absicht.“ Wir haben mal etwas neues ausprobiert. Ima sitzt im Bug. So kann ich frei rudern und Imas Rücken wird nicht von der Motorhalterung malträtiert. Funktioniert super, denn ich sitze schön warm und weich … und Ima fängt alle Spritzer ab.

Das Wetter ist nicht wirklich gemütlich. Grau und windig. Kein Wetter für Insel-Robinsons. Dagegen lockt Néfertitis Kajüte warm und trocken. Während Ima sofort unter Deck geht, um sich trockene Sachen anzuziehen, hebe ich Echna auf das Vorschiff. Dabei fängt es an zu regnen.
„Oh, Mann. Ausgerechnet jetzt.“
Wahrscheinlich habe ich mich verhört, aber ich höre etwas aus der Kajüte rufen, das verdächtig klingt wie: „Ausgleichende Gerechtigkeit!“

Jedenfalls muss ich mir auch trockene Sachen anziehen, als ich endlich unter Deck komme. Ima hat ein paar Kerzen angezündet und Wasser für Tee aufgesetzt. Ein leckeres Mahl haben wir uns jetzt auch verdient. Es gibt noch frisches Gemüse zu verarbeiten. Wäre doch schade, wenn es verdürbe…

♦♦♦

Dieser Blog – Eintrag spielt am 2.8.14

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2 Comments

  1. Julian Buß sagt:

    Klaus, Du schreibst wirklich gut. Jeder Beitrag ist eine Freude zu lesen und hilft über die aktuell äußerst nassen und unangenehmen Wintertage :-)

    • Klaus sagt:

      Hi Julian :)
      Danke Dir. Und das von einem Blogger-Kollegen …
      Stolz geschwellte Brust… :)

      Sag mal, wenn Du die Xenia verkaufst: Heißt das, dass Du Deinen letzten Törn gemacht hast, oder kommt da ein neues Boot?

      Liebe Grüße
      Klaus

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